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Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Was bringt eine Hochschulgewerkschaft?

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Im vergangenen Jahr hat sich an der Frankfurter Goethe-Universität die Hochschulgewerkschaft „Unterbau“ gegründet. War das nur Revolutionsattitüde – oder formiert sich da eine zukunftstaugliche Bewegung studentischen Protests?

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© UnterbauDer Kern der Transformation: Einige der „Unterbau“-Mitglieder nach der Gründung der Gewerkschaft im vergangenen November – Conny sitzt in der Mitte vorne, Matthias ist der Dritte von rechts, hinten

„Folge dem Licht in den Keller“, so die prophetische Wegweisung der im Glaskasten in einem Magazin lesenden Wärterin. Danke, das klingt schön, das mache ich. Eine Etage tiefer findet sich tatsächlich ein von Neonröhren hell erleuchteter, aber ansonsten kellerkalter Raum. An den Wänden die üblichen Graffitis, ein paar alte Sitzmöbel, viel Ramsch in den Ecken der Gänge, nichts wirklich Überraschendes für einen Raum, von dem es heißt, hier wachse etwas Neues.

Gemeinsam mit einem Hund, der schwanzwedelnd den Betonboden beschnüffelt, warte ich im „Protestkeller“ unterhalb des Bockenheimer Campus der Frankfurter Goethe-Universität auf die „Unterbau”-Mitglieder. Die Ortswahl ihres Treffens hat Symbolcharakter, denn der Keller gehört zum Studierendenhaus, welches der frühere Leiter des Instituts für Sozialforschung und Nestor der Kritischen Theorie, Max Horkheimer, 1953 als Rektor der Universität aufbaute. Vierundsechzig Jahre später trudeln jetzt die neuen Systemkritiker ein, viele von ihnen mit ziemlich abgeschlafften Zügen, darunter auch Matthias und Conny, Pressesprecher und Pressesprecherin der Gruppe. Viele seien heute bei den Streiks der Busfahrer gewesen, sagt mir Matthias während wir uns aus den mittlerweile herbeigebrachten Töpfen heiße Kartoffelsuppe in Schüsseln löffeln. Auch wenn es im Moment ziemlich arbeitsintensiv sei, erzählt er mir, so hätte die Solidaritätsbekundung mit den streikenden Busfahrern dennoch viel Auftrieb gegeben, aber jetzt solle ich erst einmal essen, denn die Sitzung könne dauern. Es tagt die zweite Vollversammlung des „Unterbaus” im Jahr 2017.

© F.A.Z., Lukas KreibigWandmalereien im Keller des Studierendenhauses

An einem Mittwochabend sitzen einundzwanzig Studierende in einem unterkühlten Keller und stimmen in einer mehrstündigen Sitzung per Fingerhub über Anträge ab. Die Vorstellung, dass hier der Aufstand geprobt wird, wie es mittlerweile nicht nur Frankfurter Medien berichten, scheint auf den ersten Blick weit hergeholt. Anstelle eines irgendwie weltgeistigen Aufbegehrens, ist ein Verhalten zu beobachten, das an Jura-Proseminare denken lässt. Jeder hat ein kleines Heftchen vor sich liegen, in dem die heutige Tagesordnung fein säuberlich aufgelistet ist – versehen mit einer für die jeweiligen Punkte vorgesehenen Zeitangabe: „10 Minuten: Bericht der Plattform für administrative und technische Mitarbeiter_innen (ATMs)”. Auch die Sprache klingt alles andere als revolutionär – lässt sich von Begriffen wie „Betriebsanalyse” oder „Transparenz” doch kaum auf eine alternative Denk- oder Handelsweise schließen. Wer den „Unterbau” besucht, der wird denken müssen, dass studentischer Protest im Jahr 2017 nur noch wenig mit seinen historischen Vorgängern gemein hat. Anstatt eines wild gestikulierenden Haufens militanter Studenten sitzen sich hier harmlos aussehende junge Menschen gegenüber, die über Strukturanpassungsmaßnahmen debattieren. Wer gegen die Ökonomisierung der Universität protestiert, der muss sich selbst rationalisieren – ist das die neue Dialektik der Weltverbesserung?

Was sie dazu bewegt, ist in dem Beiheft mit dem Titel „Gewerkschaft anderen Typs” nachzulesen. Da heißt es gleich eingangs programmatisch – und schon eher an die Rhetorik einstiger Studentenproteste erinnernd -, die Gewerkschaft wolle „zu einer Stärkung der Selbstbestimmung an der Hochschule und ihrer radikalen Transformation beitragen“.

© Amadeus WaldnerMöge das Licht uns leiten: Das Studierendenhaus auf dem Bockenheimer Campus. Im „Protestkeller“ des Hauses trifft sich der „Unterbau“.

In Rekordzeit wird die erste Hälfte der Tagesordnung abgearbeitet und eine minutengenaue Pause anberaumt. Während manche die Unterbrechung nutzen, um die noch anstehenden Anträge zu studieren, glüht hier und da eine Zigarette – Konzentration wie vor einer wichtigen Prüfung. Die Zeit sei kostbar, jeder hätte viel zu tun, gerade jetzt gegen Ende des Semesters, erzählt mir Daniel, von allen nur „Katze” genannt, mit schiefem Lächeln. Während die Anderen die Anträge sichten, ist mir, als müsse auch ich mich jetzt einbringen, streichle dann aber doch nur den noch immer vergnügt schwänzelnden Hund.

Conny macht Druck, die zweite Halbzeit möge doch bitte beginnen. Es wird über den Antrag zum Beschluss des Anmeldeformulars abgestimmt, Detailfragen, die wichtig scheinen. Denn das ist strittig: Wer darf mit an der Transformationsmaschine kurbeln? So will die Gruppe zwar die offene Struktur einer statusübergreifenden Hochschulgewerkschaft aufbauen – und richtet sich an Reinigungskräfte wie Promovierende, an studentische Hilfskräfte wie Angestellte der Verwaltung, an Techniker und Sicherheitsleute genauso wie an wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Lehrbeauftragte, Beschäftigte der Mensa und Studierende. Zugleich werden aber klare Grenzen gezogen –  Professorinnen und Professoren müssen draußen bleiben. Sie würden aufgrund ihrer „Personalverfügungsgewalt” dem Grundgedanken einer solidarischen Basisgewerkschaft grundsätzlich widersprechen. Ein Beispiel dafür, dass der „Unterbau” nicht davor zurückschreckt, seine Ziele auch durch Ausschluss der eigentlichen Aktivposten einer Universität zu verfolgen – die „Uni von morgen”, vielleicht funktioniert sie ja auch ohne die Etablierten? Der Antrag zur Mitgliederbestimmung immerhin, wird heute mit berauschender Mehrheit bei nur zwei Enthaltungen durchgewunken, ein euphorisches Klopfen auf Holz besiegelt die Sache.

© dpaWie verbindet man sich mit bestehenden Gewerkschaften? Streikende Busfahrer in Fulda

Eine Woche später treffe ich Pressesprecher Matthias im Büro der Gewerkschaft, um nachzuhaken: Von verschiedenen Seiten kommt Kritik am „Unterbau”, nicht zuletzt von den etablierten Gewerkschaften wie ver.di oder der GEW. Was hat der „Unterbau” zu den Vorwürfen zu sagen, die Gruppe würde die Arbeitnehmerschaft spalten (F.A.Z. vom 16.08.2016) )? Man plädiere lediglich für einen „Gewerkschaftspluralismus”, so Matthias, und sehe keine Gefahr eines Interessenkonflikts mit den bereits bestehenden Gewerkschaften. Ganz im Gegenteil würde erst der „Unterbau” durch seine örtliche Gebundenheit dafür sorgen, dass die spezifischen Probleme der Universitätsangehörigen der Frankfurter Universität auch in den Fokus der großen Gewerkschaften geraten. Zu behaupten, man unterwandere die Konzepte von ver.di oder der GEW, sei deshalb grundlos.

Doch auch in den Fachschaftsräten der Universität rumort es angesichts der Einmischung des „Unterbaus”. Wie im Gespräch mit Fachschaftsmitgliedern der Physik zu vernehmen ist, stört man sich daran, dass der „Unterbau” die Probleme der Studierenden „verallgemeinere”. Die Beschäftigungsverhältnisse in den Naturwissenschaften würden aber ganz anders als in den Geisteswissenschaften aussehen. Während der „Unterbau” zum Beispiel fordert, dass Studierende nicht mehr nur drei, sondern sechs Monate als Tutoren angestellt werden, sprechen sich die Physiker für die bestehende Regel aus: es wäre abzusehen, dass eine längere Anstellung nur dazu führen würde, dass keine neuen Studierenden angestellt, sondern Promovierende die so entstehende Lücke füllen müssten.

© Astis KrauseCafé KOZ und das Studierendenhaus auf dem Bockenheimer Campus in Frankfurt.

Unruhe zu stiften und im Mittelbau „zu wühlen”, wie es Matthias vom „Unterbau“ ausdrückt, das scheinen die Mitglieder in jedem Fall schon jetzt erreicht zu haben. Ob sie aber auch zu einer nachhaltigen Verbesserung der Verhältnisse an der Universität beitragen können, wird sich erst noch zeigen müssen. Die ins Stocken geratenen Tarifverhandlungen für wissenschaftlich Mitarbeitende und studentische Hilfskräfte, die Ende März in die nächste Runde gehen werden, sind der erste richtige Prüfstein für den „Unterbau”. Hier wird sich zeigen, ob der „Unterbau” auch den „Überbau” kann, denn die von ver.di und GEW geführten Verhandlungen will die Gruppe abseits des Verhandlungstisches durch Mobilisierung und Vernetzung der Streikenden unterstützen.

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2 Lesermeinungen

  1. Ich stimme meinem Vorredner zu
    Meiner Erfahrung nach dominieren die Geistes- und Sozialwissenschaftler in der Hochschulpolitik, weil sich die anderen Fächer vergleichsweise wenig für diese Dinge interessieren. Das lässt sich auch bei den Hochschul- und Mittelbau-Initiativen beobachten und ist wirklich sehr schade – aber nichts, was man den Organisationen wie unter_bau vorwerfen kann. Ich bin selbst in einem hochschulpolitischen Zusammenhang aktiv und wir sind sehr darum bemüht, Leute aus allen Bereichen einzubinden. Aber wenn kein Interesse da ist, ist das eben schwierig.

    Allerdings muss man sagen, dass die Politisierung der Akademiker und Wissenschaftler im Allgemeinen sehr zu wünschen übrig lässt (selbst wenn es nur um sowas wie Gewerkschaftsmitgliedschaft geht) – deshalb lassen wir uns ja auch so gut ausbeuten. Wir nehmen eben alles hin und jammern, aber tun nichts. Gut, dass es Leute wie die vom unter_bau gibt.

  2. Eine gute Sache
    Ich denke es ist eine gute Sache und allerhöchste Zeit, dass es so eine Gewerkschaft gibt. Wie sie in Zukunft aufgestellt sein wird muss sich zeigen. Die teilweise geäußerte Kritik kann ich nicht komplett nachvollziehen. Wenn die Physiker eine Verallgemeinerung wittern, dann steht es ihnen doch bestimmt frei sich ebenso in der Gewerkschaft zu organisieren und ihre Standpunkte einfließen zu lassen. Oder ist das Konkurrenzdenken an der „ökonomisierten Universität“ schon so verinnerlicht? Zusammen erreicht man immer noch mehr. Vor allem da sie Basisdemokratisch organisiert zu sein scheint macht sie daher meiner Meinung nach von Anfang an etwas richtig. Kein Wunder auch, dass die etablierten Gewerkschaften sich auf den Schlips getreten fühlen aber dass sie schon längst kaum noch Attraktivität besitzen liegt sicherlich auch an ihrer Struktur. Zu unflexibel und bürokratisch, Protest nur wenn es politisch einigermaßen genehm ist und so weiter. Eine BasisGewerkschaft lebt hingegen von der Aktivität ihrer Mitglieder, dem Willen gemeinsam von unten etwas zu verändern. Ein Potenzial sehe ich daher auf alle Fälle und von Vorverurteilungen à la „alles nur Traumtänzer“ halte ich mich fern. Wünsche dem „Unterbau“ jedenfalls viel Erfolg.

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