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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Arbeitslose Hochschulabsolventen: Letzte Ausfahrt Lehramt?

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Jahrelang hat man studiert, gar promoviert – eine feste Anstellung aber ist nicht in Sicht. In dieser Situation liebäugeln viele Hochschulabsolventen mit dem Job als Lehrer. Wie stehen die Chancen für Quereinsteiger?

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© dpaGroße Klassen oder Unterrichtsausfall: An vielen deutschen Schulen werden Lehrer händeringend gesucht.

Frank Hombergs Lebenslauf kann sich sehen lassen. Nach einem „übrigens richtig schlechten“ Hauptschulabschluss absolviert der heute 47-Jährige eine Ausbildung zum Koch und arbeitet einige Jahre in diesem Beruf – „und zwar gerne“, wie er betont. Auf dem zweiten Bildungsweg holt er das Abitur nach und studiert danach an der Bergischen Universität Wuppertal Geschichte, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften. An der Heinrich-Heine-Universität promoviert er 2008 zum Thema „Retterwiderstand in Wuppertal während des Nationalsozialismus“ – aus Interesse, aber auch, um seine Chancen auf eine Anstellung in einem Museum zu erhöhen.

Doch nach dem Studium arbeitet Homberg meist auf Basis von Zeit- oder Werkverträgen, wird oft nicht gerade üppig bezahlt. Etwa 120 Bewerbungen auf eine feste Stelle schickt er ab, wird allerdings nur zwei Mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Darunter leidet nicht nur seine Motivation, auch die existentiellen Sorgen wachsen, hat er doch eine Familie zu versorgen. Seine Frau arbeitet zwar ebenfalls, doch als Erzieherin verdient sie nicht gerade viel. Homberg arbeitet daher an seinem Wohnort Wülfrath auch wieder als Koch und gibt Kurse für junge Erwachsene an der Volkshochschule in verschiedenen Fächern. 2013 übernimmt er an einer Hauptschule eine Vertretungsstelle. „Dabei habe ich gemerkt, dass es mir total Spaß macht, Menschen etwas beizubringen“, sagt er heute.

Der angehende Mittelschullehrer Frank Homberg im Familienurlaub – in Nordrhein-Westfalen dauern die Sommerferien in diesem Jahr noch bis zum 29. August.

Frank Homberg beginnt, sich über die Möglichkeiten des Quereinstiegs ins Lehramt zu informieren. Als politisch interessierter Mensch, nicht zuletzt aber auch als Vater dreier schulpflichtiger Kinder, weiß er: An vielen deutschen Schulen herrscht bereits seit Jahren ein fast schon chronischer Lehrermangel, vor allem an Hauptschulen. Eine Mitte Juli vorgestellte Studie der Bertelsmann-Stiftung unterstreicht das – und verspricht Lehramtswilligen, ob frisch gebackenen Abiturienten  oder Quereinsteigern, glänzende Zukunftsaussichten. Denn laut Berechnung der Stiftung wird die Schülerzahl allein in den Regelschulen bis zum Jahr 2025 auf 8,26 Millionen ansteigen.

Echte Chance oder Schweinezyklus?

Die letzte Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK), die auf Modellrechnungen der Länder zur Schülerentwicklung beruht, hatte ein Absinken der Schülerzahl auf gut 7,2 Millionen vorausgesagt. Diese Prognoselücke wird nach Einschätzung der Stiftung natürlich als erstes an den Grundschulen zu spüren sein. Sollen die Klassengrößen gleich bleiben, würden bis 2025 etwa 2400 zusätzliche Grundschulen gebraucht. Insgesamt würden bis 2030 etwa 28.100 zusätzliche Klassen und 42.800 zusätzliche Vollzeitlehrkräfte benötigt, Länder und Kommunen müssten dann pro Jahr 4,7 Milliarden Euro mehr in die Bildung investieren als bisher berechnet.

Dirk Zorn, Soziologe und Schulexperte bei der Bertelsmann-Stiftung, hat die Studie mit dem Bildungsforscher Klaus Klemm erstellt. Er erklärt die Differenz zwischen beiden Prognosen dadurch, dass die Studie der KMK im Frühjahr 2013 veröffentlicht wurde und auf Zahlen aus dem Jahr 2012 fußt. Seitdem sei aber die Geburtenrate fünf Jahre in Folge unerwartet stark gestiegen. Zudem sei die Zuwanderung durch die Flüchtlingskrise und die Binnenwanderung in der EU als Folge der Finanzkrise gestiegen.

© dpaFaktoren wie der gesteigerte Zuzug von Flüchtlingen ab dem Jahr 2015 und die wieder gestiegene Geburtenrate sind in der Prognose der Kultusministerkonferenz bisher nicht berücksichtigt.

Das sei nicht absehbar gewesen, auch die Bertelsmann-Stiftung sei 2009 für das Jahr 2025 noch von sinkenden Schülerzahlen ausgegangen. Zorn legt der KMK nahe, regelmäßiger Szenarien für Schülerzahlen zu entwerfen, um flexibler auf Schwankungen reagieren zu können. Bei einem Überangebot an Lehrkräften könnten, je nach Lage der Dinge, zum Beispiel auch Projekte gefördert werden, die über die Regelversorgung hinausgehen, etwa individuelle Förderung oder spezielle Inklusionsprogramme.

Doch was bedeutet das alles für Abiturienten oder Quereinsteiger, die Lehrer werden wollen – bietet sich ihnen eine echte Chance oder ist die Prognose nur der Beginn eines Schweinezyklus‘? Laut Zorn zeigen seine Zahlen, dass Lehramt ein Beruf mit Zukunft ist. Zumal für seine Studie nur der Bedarf  an Halbtagsschulen berechnet worden wäre. Neue Bildungskonzepte tendierten aber stark in Richtung Ganztagsschule, wodurch weitere Lehrer gebraucht würden.

In Berlin ist fast alles anders

Gute Zeiten also für Quereinsteiger, da durch ihren Einsatz aktuelle Engpässe in der Unterrichtsversorgung schneller ausgeglichen werden können? Die KMK reagiert auf den von der Bertelsmann-Stiftung ausgewiesenen Lehrermangel auf Nachfrage gelassen. Ihr Sprecher Torsten Heil weist darauf hin, dass die einzelnen Bundesländer ihre Prognosen jährlich individuell aktualisieren, um den Lehrerbedarf akut aber auch langfristig zu decken. So veröffentlicht zum Beispiel das bayerische Kultusministerium jährlich seine „Prognose zum Lehrerbedarf in Bayern“, die derzeit bis ins Jahr 2030 reicht. Sie gibt allen am Lehrerberuf interessierten Abiturienten und Studenten die Möglichkeit, ihre Chancen, beim Freistaat in Lohn und Brot zu kommen, einigermaßen abschätzen zu können. Im vergangenen Schuljahr 2016/2017 wurden gut 4000 neue Lehrkräfte eingestellt, um den aktuellen Bedarf abzudecken. Für das kommende Schuljahr sehe es ähnlich aus, so das Kultusministerium auf Nachfrage. Wie viele Quereinsteiger unter den neu beschäftigten Lehrern seien, würde jedoch statistisch nicht erfasst.

Die Kollegen am anderen Ende Deutschlands schauen in Sachen Quereinstieg etwas genauer hin. Der Stadtstaat Hamburg könne seinen aktuellen Lehrerbedarf bis auf wenige Ausnahmefälle voll und ganz mit Fachlehrkräften decken, so die Behörde für Schule und Berufsbildung. In Hamburg gab es 2015 an den allgemeinbildende Schulen nur 15 Quereinsteiger, was einem Anteil von 1,7 Prozent entspricht, 2016 waren es mit 22 Quereinsteigern zwei Prozent. Ganz anders sieht es im größten deutschen Stadtstaat aus. Im vergangenen Schuljahr 2016/2017 waren mit 667 in Berlin mehr als ein Drittel der neu eingestellten 1900 Lehrer Quereinsteiger. Und auch im Westen der Republik sieht es gut für Quereinsteiger aus. In Nordrhein-Westfalen, dem Bundesland, in dem sich Historiker Homberg derzeit für das Lehramt nachqualifiziert, wurden 2016 584 Quereinsteiger eingestellt, im Jahr zuvor waren es erst 290.

© dpaDie Kultusministerkonferenz ging in ihrer Schätzung von 2013 noch davon aus, dass die Schülerzahl auf 7,2 Millionen sinkt.

Wer sich für einen Quereinstieg ins Lehramt interessiert, muss also genau hinschauen, in welchem Bundesland er später unterrichten möchte. Der Föderalismus schafft derart unterschiedliche Bedingungen, dass manche Schulen offene Lehrerposten sogar selbst besetzen.  Auch Abschlüsse werden, obwohl viele Bildungsforscher und Lehrergewerkschaften das seit Jahren fordern, nach wie vor nicht ohne weiteres gegenseitig anerkannt.

Auch die Anstellungsbedingungen sind überall anders. Bayern zum Beispiel verbeamtet derzeit – auch Quereinsteiger – in der Regel bis zu einem Alter von 45 Jahren, in Nordrhein-Westfalen wird die Altersgrenze mit 42 erreicht, in Brandenburg und Thüringen liegt sie bei 47 Jahren, in Hessen werden Lehrer sogar bis zum Alter von 50 Jahren verbeamtet. Das Saarland und Mecklenburg-Vorpommern wiederum legt die Grenze bei 40 Jahren fest; in Sachsen und Berlin werden Lehrer nur noch im Angestelltenverhältnis beschäftigt, egal ob sie regulär oder durch Nachqualifizierung ausgebildet wurden. Ein weiterer Sonderfall aus Berlin: Dort war der Lehrermangel im Schuljahr 2016/2017 so groß, dass sogar auf Seiteneinsteiger zurückgegriffen wurde.

Geisteswissenschaftlern fällt der Quereinstieg leichter

Diese kommen meist direkt aus dem Berufsleben und haben, anders als Quereinsteiger, ihre berufliche Praxis nicht in einem zweijährigen Referendariat absolviert. Sie erwerben ihr pädagogisches Wissen direkt „on the job“ oder in einem mehrwöchigen Crashkurs und haben auch nicht notwendigerweise das Fach, das sie unterrichten, studiert. Lediglich ein universitärer Abschluss muss vorliegen – wobei auch hier die Details je nach Bundesland variieren können. Viele Bundesländer, aber auch die KMK, definieren den Seiteneinstieg nur als allerletztes Mittel, um ganz akuten Lehrermangel temporär auszugleichen – was wiederum dazu führt, dass die Seiteneinsteiger meist nicht dauerhaft beschäftigt werden und sich teilweise als Kräfte zweiter Klasse fühlen.

Der erklärte Königsweg, an dem sich alle Länder in ihrer Lehrerausbildung in der Regel orientieren müssen, ist für die KMK nach wie vor das reguläre Lehramtsstudium mit anschließendem Referendariat und Staatsprüfung. Ende 2013 hat sie allerdings auch einen Beschluss zur „Gestaltung von Sondermaßnahmen zur Gewinnung von Lehrkräften zur Unterrichtsversorgung“ gefasst. Darin ist der Quereinstieg ins Lehramt klar umrissen. Zunächst muss sichergestellt sein, dass offene Stellen auf längere Sicht nicht mit regulär qualifizierten Kräften besetzt werden können. Interessenten müssen dann einen universitären Masterabschluss oder einen diesem gleichgestellten Hochschulabschluss vorweisen, aus dem sich mindestens zwei lehramtsbezogene Fächer ableiten lassen. Eines dieser Fächer ist durch fachwissenschaftliche Studienanteile, die mit denen im Lehramtsstudium vergleichbar sind, nachzuweisen, das zweite muss anteilig vergleichbar sein.

Und Deutschlands Schulen werden noch voller: Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung geht bis 2025 von 8,3 Millionen Schülern aus.

Ohne diesen Abschluss ist für mindestens ein lehramtsbezogenes Fach eine Qualifizierungsmaßnahme möglich. Die pädagogischen Fähigkeiten muss der Bewerber bei beiden Wegen über einen Vorbereitungsdienst, sprich ein Referendariat, absolvieren, nach dessen Abschluss er eine Staatsprüfung ablegt. Allerdings kann jedes Bundesland eine gleichwertige staatlich zertifizierte Qualifikation beurkunden. Klingt sehr bürokratisch, deshalb ein Beispiel: Ein Diplomphysiker, der im Nebenfach Mathematik studiert hat, kann sich in der Regel für das Lehramt Gymnasium für die Fächer Mathematik und Physik durch den Vorbereitungsdienst nachqualifizieren lassen, nach bestandener Staatsprüfung darf er in den Schuldienst eintreten.

Frank Homberg qualifiziert sich derzeit an der Martin-Luther-King-Gesamtschule in Velbert für die Fächer Geschichte, Arbeitslehre und Wirtschaft. Er unterrichtet bereits, leitet außerdem eine AG in Hauswirtschaft. Parallel absolviert er an einem Tag in der Woche mit anderen Quereinsteigern das Lehrerseminar. Bei regelmäßigen Unterrichtsbesuchen muss er beweisen, wie gut er in der Praxis zurechtkommt. Im Juli hatte Homberg Bergfest, nun stehen ihm noch ein Jahr Seminar und die abschließende Staatsprüfung bevor. In seinem ersten Seminarjahr hat er beobachtet, dass sich Geisteswissenschaftler mit dem Quereinstieg etwas leichter tun als die Kollegen aus der Naturwissenschaft. „Wir müssen unsere Arbeit ständig dokumentieren, viele Unterrichtskonzepte schreiben. Wer Erfahrung mit geisteswissenschaftlichen Hausarbeiten hat, dem fällt das etwas leichter.“

Die Entscheidung, Lehrer zu werden, war für ihn rückblickend kein reiner Verzweiflungsakt wegen der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt, mit der er als Historiker konfrontiert war, stellt Homberg noch einmal klar. Der Kontakt mit Kindern und Jugendlichen bereite ihm vor allem viel Freude. Wer nur auf die sichere Stelle schiele, sei als Lehrer falsch, sagt er. Der Beruf, vor allem das Referendariat, in dem man sich ständig beweisen müsse, sei herausfordernd, oft stressig. „Das hält man nur durch, wenn man wirklich gerne unterrichtet.“ Diese Maxime gelte natürlich für jeden Lehrer – egal ob „Regelfall“ oder Quereinsteiger.

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17 Lesermeinungen

  1. Eigentlich ist es ganz einfach
    Den 16-jährigen Jugendlichen sollte klar sein oder muss klar gemacht werden, dass sie einen Brotberuf brauchen.
    Dann können die sich fragen, woran sie Interesse haben und sie können sich erkundigen (Zeitung, Internet) welche Berufe es in diese Richtung gibt.
    Die Entscheidung liegt in der Schnittmenge.
    Wenn es die nicht gibt, dann müsse die Jugendlicheh auch eine Entscheidung treffen. Entweder ihre Interessen werden zum Hobby und sie entscheiden sich für einen Beruf, für den man sich dann ab sofort aktiv interessiert. Oder sie bestehen darauf, ihre Interessen zu verfolgen und finden sich damit ab, dass sie das Gelübte der ewigen Armut ablegen.
    Es gibt kein Recht darauf, dafür bezahlt zu werden, dass man seine Interessen verfolgt.

  2. Diversity...
    ist ein Trend in vielen Unternehmen, und meines Erachtens kein schlechter. Statt darüber zu diskutieren, ob der eine Weg besser als der andere sei, wäre eine Koexistenz und unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten für Schüler und Lehrerkollegen gleichermassen befruchtend. Und um das abzurunden sollte man ebenfalls mal diskutieren, welche Ausstiegsmöglichkeiten man schaffen und fördern kann. Lehrer, die nämlich noch 20 Jahre im falschen Beruf arbeiten, halte ich nämlich für eine Katastrophe!

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