Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Auch auf kleinstem Raum kannst du glücklich sein

| 2 Lesermeinungen

Seit mehr als zehn Jahren fotografiert Henny Boogert Studentenwohnungen in aller Welt. Was verbindet junge Menschen bei allen, zum Teil gravierenden materiellen Unterschieden?

***

© Henny BoogertAglaya Kurnosenko, 27 Jahre alt, studiert in Moskau nach einem Filmstudium Theologie.

F.A.Z.: Henny, seit Jahren fotografierst Du Studenten in ihren Unterkünften. Dabei bist Du neben den Niederlanden nach Kenia, Indien, Kuba und etliche andere Länder gereist. Wie bist du dazu gekommen?

Henny Boogert: 2005 habe ich begonnen, monatlich einen Student oder eine Studentin in deren Unterkunft für das niederländische Magazin “TKMST” zu porträtieren. Daraufhin zeigte die Galerie “Melkweg” in Amsterdam meine Fotografien. Anschließend habe ich in Moskau zu dem Thema “Jugend in den Niederlanden” ausgestellt. Dort kam ich auf die Idee, auch russische Studierende in ihren Unterkünften zu fotografieren. Mit dem Material, das ich auf meinen Reisen gesammelt habe, bewarb ich mich für eine Förderung der niederländischen Regierung, die ich im Endeffekt auch bekam. Journalistisches Material war gefragt, das Jugend in den Niederlanden zeigen sollte, warum Entwicklungshilfe immerwährend wichtig ist. Was eignet sich dazu besser als Fotos von Studentenunterkünften aus aller Welt? Die Idee für “Images Connect” war geboren: Ich setzte meine Arbeit in Kenia und Nairobi fort, später kamen weitere Länder hinzu: Indien, Kuba, Philippinen, Moldawien, Bolivien, Hong Kong, Italien, Deutschland und Thailand. Das Geld aus der Förderung erlaubte es mir, all diese Länder zu bereisen. Zu Hause in Amsterdam veranstaltete ich ein paar Ausstellungen, leider gingen mir irgendwann die finanziellen Mittel aus. Ich hoffe derzeit immer noch auf “Mäzene”, die mein Projekt finanzieren oder für Ausstellungen um ein Update meiner Arbeiten bitten. Aber leider ist es so: Ich habe einen Tracker für die Website des Projekts, mit dem ich sehe, welche Organisationen oder Länder sich durch meine Arbeiten klicken. Es sind viele, aber das war’s dann auch schon – bisher ist ein Kontakt nicht über die Seitenaufrufe hinaus gegangen.

Was denkst du, ist der Grund dafür?

Das Internet! Die Menschen scheinen keinen Sinn mehr in Ausstellungen zu sehen, wenn sie viele Fotografien auch einfach online und umsonst aufrufen können. Dabei steckt so viel mehr hinter einer Ausstellung. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, wenn du selbst vor einem Foto stehst, es dir ansiehst und die kleinen Geschichten liest, die zu allen meinen Porträts gehören. Ich denke, Besucher einer Galerie bekommen viel mehr Gefühl für meine Arbeit, als wenn sie diese nur auf ihrem Bildschirm vor sich sehen.

© Henny BoogertHenny Boogert

Was willst du mit deinem Projekt zeigen?

Mein Projekt ist eine Art Dokumentation. Auf den ersten Blick will man meinen, studentische Unterkünfte ähneln sich. Aber das stimmt nicht. Ich habe gesehen, dass alle Räume individuell für sich stehen. Ich denke, meine Fotos zeigen, welch eine Person das ist, die den jeweiligen Raum bewohnt. Es geht um kleinste Details. In dreißig Jahren werden wir beim Anblick meiner Fotos entweder denken, „nichts hat sich verändert“, oder „Wow, alles hat sich verändert“. Natürlich können wir nicht wissen, was später einmal passieren wird, aber wir haben diese Form der Dokumentation. Darum geht es mir letzten Endes.

Hast du ein Vorbild für deine Arbeiten?

Kennst du August Sander, den deutschen Fotografen? Ich denke es war in den Zwanzigern, als die deutsche Regierung ihn damit beauftragt hat, Porträts vom „durchschnittlichen Deutschen“ zu machen. Also ist er durch Deutschland gereist, hat Arbeiter, Bettler, Reiche fotografiert. Heute kann man diese Fotos betrachten und ein Gefühl dafür bekommen, wie es war, in den Zwanzigern in Deutschland zu leben. Das fasziniert mich.

Rusland HD from Henny Boogert on Vimeo.

Wie viele Studenten hast du denn schon fotografiert?

Viele. Ich denke es sind mittlerweile an die 150 bis 200.

Du sagst, es gibt etwas, dass Studierende aus aller Welt miteinander verbindet – egal, aus welchem Land sie stammen.

Ja, denn es ist ja so: Nahezu jeder nutzt heutzutage alle möglichen elektronischen Geräte, um mit der Außenwelt verbunden zu sein. Vor allem junge Leute teilen gerne Eindrücke aus ihrem Leben online via Social Media. Aber wo machen sie das? Natürlich abends, in ihren eigenen vier Wänden. Und diese eigenen vier Wände sind ihre Privatsphäre, das haben sie gemeinsam. Um sich aber abzugrenzen, verleihen alle Studierenden ihren eigenen vier Wänden eine persönliche Note, sei das durch die Einrichtung oder etwas anderes. In jedem Fall habe ich gesehen, dass jedes Zimmer, jeder Raum sich von denen anderer abheben möchte.

Bringen Studierende bestimmte Andenken von zu Hause mit in ihre neue Bleibe?

Das habe ich vor allem in den östlichen Ländern mitbekommen, wie zum Beispiel in Moldawien. Oft bringen junge Menschen, die von dort stammen, alte Teppiche oder altmodische Vorhänge von den Familien mit. Weil sie sich meist keine neuen Dekoartikel leisten können. Hier wird auch einfach mehr Wert auf Tradition gelegt, was die Einrichtung betrifft.

Moldavie HD from Henny Boogert on Vimeo.

Du möchtest westlichen Studenten ein Gespür für “world students” geben. Wie gelingt dir das bisher?

Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob es mir überhaupt gelungen ist. Ich habe eigens eine Facebook-Page für das Projekt erstellt, die allerdings nicht viele Abonnenten hat. Durch meine Arbeiten habe ich den Eindruck gewonnen, dass Studierende aus westlichen Ländern kein sonderlich großes Interesse an fremden Ländern zeigen. Mir geht es darum, diese jungen Menschen weiterhin dafür zu sensibilisieren, dass nicht alle so unbekümmert ihre Studienzeit erleben können wie sie.

Sieht man sich die Fotos der westlichen Länder an, die du besucht hast, drängt sich die Frage auf: Besitzen Studierende heutzutage mehr als die Generation ihrer Eltern?

Ja, auf eine materielle Art und Weise. Vor zwanzig oder dreißig Jahren warst du ein Held, wenn du eine Stereoanlage besessen hast. Heute sehe ich junge Menschen in einer „Canada Goose“-Daunenjacke, die locker 700 Euro kostet, auf einer Vespa zur Uni fahren, in der Hand halten sie ein iPhone. Ich frage mich, woher sie das Geld dazu nehmen?

Scheint, als ob sich junge Menschen heute stark über materielle Dinge definieren.

Ich denke, das trifft leider oft auf westliche Studenten zu. Diese Angeberei mit materiellen Dingen ist wie eine Krankheit. Ich halte das für ziemlich gefährlich, denn wenn man diesen jungen Menschen ihre teuren Spielereien wegnimmt, was bleibt dann von ihnen übrig? Sie haben höchstwahrscheinlich mit Entzugserscheinungen zu kämpfen (lacht). Ich kenne das von mir selbst. Habe ich mal nicht mein Smartphone dabei, werde ich nervös. Dann fällt mir ein, dass ich aus einer anderen Generation stamme und es früher auch ohne Handy ausgehalten habe (lacht). Meine Fotos zeigen Studierende aus ärmlichen Regionen, die nahezu nichts besitzen und trotzdem glücklich sind. Ich würde mir wünschen, damit einen Denkanstoß zu geben.

Kenia HD from Henny Boogert on Vimeo.

Aus diesem Grund hast du auch Flüchtlinge porträtiert.

Genau. Flüchtlinge sind oft auch Studierende, das darf man nicht vergessen. Nur kommt bei ihnen die Schwierigkeit hinzu, dass sie in den meisten Fällen keine richtige Bleibe haben. Oft leben sie in temporär eingerichteten Hilfezentren.

Welcher der Orte, die du fotografiert hast, haben dich am meisten beeindruckt?

Alle waren beeindruckend, da muss ich nachdenken … Vermutlich hat mich Kenia am meisten bewegt. Und die Philippinen: Dort herrschte eine unglaubliche Atmosphäre. Mit wenigen Dingen kommen die Studierenden auf kleinem Raum aus. Und sind meistens trotzdem glücklich.

Was macht das Leben für Studierende in den Niederlanden aus?

Du brauchst eine Menge Geld (lacht). Das Wohnen in den Niederlanden ist tatsächlich sehr teuer. Immer mehr Studierende bleiben zu Hause bei ihren Eltern und ziehen nicht aus, weil ihr Geld einfach nicht reicht. Außerdem gibt es in den Niederlanden viele „student housings“ von den Studenten-Organisationen.

Wie wird es mit dem Projekt weitergehen?

Ich möchte weiter an „Images Connect“ arbeiten. Dafür brauche ich wie gesagt finanzielle Hilfe. Es enttäuscht mich, dass Leute zwar offenbar an den Fotos interessiert sind – das zeigen mir die Aufrufe auf meiner Homepage – es aber über diesen kostenlosen Konsum nicht hinausgeht.

 

Die Fragen stellte Allegra Mercedes Pirker.

 

Alle Fotos des Projekts Image Connect

Weitere Videos von Henny Boogert auf Vimeo

2

2 Lesermeinungen

  1. Unterschwellig
    Unterschwellig fließt ein, studieren verbindet, aber Student ist nicht gleich Student. Die einen Protzen aus dem Portemonaie der Eltern, anderen verdienen sich ihr Diplom redlich. Zweiklassengesellschaft.

  2. Al Bundy:
    „A man’s home is his coffin.“

Kommentare sind deaktiviert.