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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Austria, wir kommen!

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Bei deutschen Studenten ist Österreich so beliebt wie kein zweites Land. Dort aber spricht man abfällig von „NC-Flüchtlingen“. Ist da was dran? Eine Spurensuche.

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Studieren im Ausland ist heute angesagter als je zuvor. Ganz vorne auf der Beliebtheitsskala für ein Auslandsstudium liegen dabei unsere alpenländischen Nachbarn. Nein, nicht die Schweiz, dort sorgen schon der Franken und die hohen Lebenshaltungskosten dafür, dass nicht allzu viele Deutsche an eine der guten Schweizer Universitäten wechseln. Gemeint ist Österreich, Heimat von Germknödel und Wiener Schnitzel, Schiwasser und Fluchtachterl, Niki Lauda und Richard „Mörtl“ Lugner (um gleich mal alle Klischees auf den Tisch zu packen).

Hypotopia, Protestaktion zum Parlament am 30. Oktober 2014. TU-Wien Studentenprojekt Milliardenstadt. - 20141030_PD9259 |© dpaStudentenprojekt „Milliardenstadt“ in Wien.

Auf dem Boden der Alpenrepublik tummeln sich insgesamt 22 staatliche und 12 private Universitäten sowie 21 Fachhochschulen. Vom Vorarlberg bis ins Burgenland gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten für potenzielle Studienanfänger, und das Fächerangebot ist weitgehend identisch mit dem in Deutschland.  Besonders die großen Namen wie Wien, Innsbruck und Salzburg ziehen deutsche Studenten an wie der Honig die Fliegen. So studierten im Wintersemester 2014/15 zuletzt rund 26.500 von ihnen an österreichischen Hochschulen, Tendenz steigend. Fragt sich bloß, was das Land so beliebt macht.

„Eh ois nur Bildungsflichtlinga, die Piefkes!“

Die Gründe sind wohl vielfältig, der bekannteste ist seit Jahren immer wieder Thema in österreichischen und deutschen Medien und lautet: Vor allem Deutsche, die Fächer wie Medizin, BWL, Kommunikationswissenschaft oder Psychologie studieren wollen, hierzulande aber am berüchtigten Numerus clausus scheitern und keine Lust haben, mit langen Wartezeiten oder aufwendigen Tricks (vorherige Ausbildung in der Fachrichtung, oder dem berüchtigten „TMS“) einen Platz zu ergattern, ziehe es seit Jahren gen Süden.

Denn in Österreich gibt es noch keine Zulassungsbegrenzung im Stile des „NC“. Zwar existieren für Fächer wie Medizin und Psychologie Aufnahmetests (zum Beispiel der sogenannte MedAT), die nur nach einer bestimmten Quote EU-Ausländer für ein Studium in Österreich zulassen. Die Abiturnote spielt jedoch nach wie vor keine Rolle, für viele Deutsche ein erfreulicher Umstand. Da obendrein an den staatlichen Universitäten – trotz beständiger Diskussion in der Politik – bisher keine Studiengebühren anfallen, schlagen deutsche Studenten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe.

Bewerber warten im Austria Center Vienna auf den Prüfungsbeginn des Eignungstests für das Medizinstudium an der Universität Wien. © dpaBewerber warten im Austria Center Vienna auf den Eignungstest für das Medizinstudium an der Universität Wien.

Ein weiterer Grund, in das Land zu ziehen, in dem die Kasse „Kassa“ und Aldi „Hofer“ heißt, ist ohne Zweifel die Sprache. Auf Deutsch zu studieren, ist eben immer noch Trumpf und erleichtert ein Studium erheblich. Obwohl dem Österreicher gemeinhin nachgesagt wird, dass sein Dialekt, je nach Region, ähnlich unverständlich sei wie der der Schweizer, herrscht an den Universitäten zumindest eine auch dem Hanseaten verständliche Form des „österreichischen Standarddeutsch“.

Erbarmen, die Deutschen kommen?

Wie sehen die Österreicher selbst die sogenannte „Deutschenschwemme“? Immer wieder kursieren Horrorgeschichten: Dass die Deutschen ihre Taschen wie Handtücher auswürfen, um Sitzplätze zu ergattern (ein Phänomen, das sich tatsächlich an deutschen Universitäten findet), dass sie arrogant und hochnäsig seien. Und überhaupt kämen sowieso nur die Dummen. Die Anderen hätten ja keinen Grund.

Lara Weiskopf, eine Deutsche, die vor Kurzem ihren Bachelorabschluss in Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien gemacht hat, sagt dazu: „Meiner Meinung nach ist die Grundeinstellung tatsächlich leicht negativ deutschen Studenten gegenüber.” Was damit zu tun haben mag, dass gerade ihre Fach, eines mit sehr hohem NC, in Österreich besonders viele Deutsche studieren. Lara hat es sogar schon erlebt, dass in Seminaren mehr deutsche als österreichische Studenten gesessen hätten, ein Umstand den nicht jeder gut findet.

Karin Faber (Name geändert) kennt die Vorurteile gegenüber deutschen Studenten ebenfalls. „Manchmal hat man schon die Worte ‚Bildungsflüchtling‘ oder ‚NC-Flüchtling‘ gehört“, erzählt die 23-jährige, die ein Semester als Austauschstudentin an der Wirtschaftsuniversität Wien verbracht hat. „Aber inwiefern das wirklich ernst oder böse gemeint war, kann ich natürlich nicht beurteilen – vielleicht waren es auch nur Scherze, basierend auf den klassischen Vorurteilen.“

Nicht nur Schnitzel und Heuriger: der Campus der WU Wien© dpaNicht nur Schnitzel und Heuriger: der Campus der WU Wien.

Was sagt eine gebürtige Österreicherin dazu? Wir fragen Anna-Lena Schabiner nach ihren deutschen Kommilitonen. Sie studiert Kommunikationswissenschaft an der Universität Salzburg und hat Verständnis für etwaige „Notenflüchtlinge“ aus dem Nachbarland: „Ich war selbst keine Einser-Schülerin und hätte in Deutschland eine sehr eingeschränkte Studienwahl gehabt, da würde ich auch in die Nachbarländer ausweichen“, sagt sie. Für das Problem müsse jedoch eine Lösung her, diese aber ihrer Meinung nach nur in einer Zusammenarbeit der beiden Staaten gefunden werden könne.

Deutsche Schmarotzer?

Ein weiterer Vorwurf, der in Österreich häufig mit deutschen Studenten in Verbindung gebracht wird, ist der des Schmarotzertums, eine Sichtweise die auch Lara in Wien begegnet ist: „Vor allem in Richtungen wie Medizin ist der Gedanke da, dass deutsche Studenten in Österreich das Studium machen und vom österreichischen Staat bezahlt bekommen, dann aber nicht hier arbeiten, sondern wieder zurück nach Deutschland gehen. Auch das Gefühl, dass sie den Österreichern Plätze wegnehmen, ist ein Faktor.“

Anna-Lena Schabiner kann diese Vorwürfe nachvollziehen, findet aber die Behauptung, dass Deutsche den Österreichern Plätze wegnehmen, überzogen. „Bei allen Studienrichtungen, in denen mehr Bewerber als Plätze sind, findet ein Aufnahmetest statt. Falls sich Deutsche dann für das Studium qualifizieren, ist es ihr gutes Recht, das Studium in Österreich anzutreten“, findet sie.

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Ein Indiz für die Bildungsflüchtlings-These immerhin gibt es. Betrachtet man die Zahl der Deutschen, die in Österreich auch tatsächlich ihren Abschluss machen, liegt das Land nur auf Platz Drei, hinter den Niederlanden und Großbritannien, obwohl das Studium in beiden Ländern als schwieriger gilt. Das erhärte aus Sicht von Experten die These, dass Österreich für viele Deutsche tatsächlich eine Art „NC-Notlösung“ darstellt – wenn es zu Hause nicht klappt, hüpft man über die Grenze, studiert einige Semester und wechselt zurück, sobald sich die Gelegenheit bietet.

Sind wir wirklich so unbeliebt?

Und was ist mit der vermeintlichen Hochnäsigkeit? Anna-Lena wiegelt ab. „Arrogante gibt es auf beiden Seiten der Grenze. Das hat nichts mit der Staatsbürgerschaft zu tun. Ich habe bis jetzt nur gute Erfahrungen gemacht.“ Die Deutschen seien bemüht, sich einzugliedern und zeigten wenig Berührungsängste.

Auch Maximilian Wagner, deutscher Lehramts- und Politikwissenschaftsstudent in Salzburg, weist eine angebliche Überheblichkeit der Deutschen zurück. „Arrogantes Verhalten ist mir nie aufgefallen – die meisten sind wahrscheinlich auch einfach glücklich, hier einen Studienplatz bekommen zu haben.“ Zumindest in Salzburg mache es de facto keinen Unterschied, woher man stamme. Der ultimative Beweis, wie anerkannt auch deutsche Studierende in Österreich sind, sei für ihn jedoch ein anderer – der bisherige Vorsitzende der österreichischen Studierendenvertretung war ein, Sie erraten es: Deutscher.

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15 Lesermeinungen

  1. Nachbarschaft
    Es wird immer welche geben, welche etwas zu beklagen haben.
    Das wichtigste ist, dass wir in guter Nachbarschaft zusammenleben.
    Und das es in Österreich so viele deutsche Studenten gibt ist ein Zeichen dafür.

    Schöne Grüße aus Österreich an unser Nachbarland Deutschland.

    Reinhard

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