Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Bewerbungsreportagen: Ist ein Feedback zu viel verlangt?

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Seit einem Jahr durchlaufe ich mehrstufige Bewerbungsverfahren für Volontariate und Journalistenschulen. In meinen Texten steckt viel Arbeit, aber keiner sagt etwas dazu, keiner liest sie. Ein Vorschlag und ein Beispiel.

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Dies ist mein erster Ich-Text. In einem Seminar habe ich gelernt, dass man diese Form nur nutzt, wenn folgende drei Punkte zutreffen. Erstens: Ich habe mich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Zweitens: Meine Erfahrungen sind nicht inszeniert, sondern mir per Schicksal oder biographisch zugewachsen. Und drittens: Ich stehe exemplarisch für einige oder sogar viele Menschen.

Bis jetzt habe ich noch kein Thema gehabt, auf das diese Punkte voll und ganz zutrafen. Aber nun ist es soweit. Ich, Nora Zacharias, Studentin der Kommunikationswissenschaft, habe mich im letzten Jahr mit dem Thema Bewerbungsreportage äußerst eindringlich beschäftigt; das Thema ist nun Teil meiner Vergangenheit und Gegenwart und durch Gespräche mit anderen Nachwuchsjournalisten weiß ich, dass auch sie um ihre Bewerbungstexte trauern.

Ein Nachruf beginnt mit einem Rückblick auf das Erlebte. Aus dem Sammelsurium an abgeschlossenen Bewerbungsreportagen habe ich mir meinen ersten Versuch herausgepickt. Er soll bewusst machen, welchen Prozessen ich mich seit einem Jahr hingebe und warum ich um die Ergebnisse trauere.

Innovativ, investigativ, mit Überraschungseffekt

Februar 2017: Ich war gerade auf Safari in Kenia, hatte nach drei Tagen wieder Internet und kauerte vor dem WLAN-Router eines Camper-Vans. Unter den vielen Werbe-Mails und Grüßen meiner Familie traf auch eine Nachricht in meinem Account ein, die meinen Urlaub wesentlich beeinflussen sollte. Eine öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt lud mich in ihre zweite Bewerbungsrunde ein. Nach dem Einsenden eines dreiseitigen Motivationsschreibens und mehrerer Arbeitsproben wurde ich offiziell in die zweite von vier Runde eingeladen. Um die nächste Stufe zu erklimmen, müsse ich nur noch eine Bewerbungsreportage über 5.500 Zeichen (ca. 4 Seiten) schreiben und einen Lebenslauf in Audio- oder Film-Form kreieren. Ich könne aus den folgenden drei Themen auswählen: „Schnee, des einen Freud, des anderen Leid“, „500 Jahre Reformation“ oder „Kleider machen Leute“. Drei Wochen habe ich Zeit.

Als ich zurück zu unseren Zelten ging, überkam mich ein Gefühl des Aufbruchs, die Hoffnung, durch diese Reportage an ein Volontariat zu kommen und endlich meine Zukunft im Journalismus zu besiegeln. Mir war klar, dass der Text hier in Afrika geschrieben werden musste. Das erleichterte auch die Themenauswahl, denn Schnee würde es hier nicht geben und Reformation ist äußerst heikel in einem Land, in dem fast nur Katholiken leben und der andere Teil an Hexerei glaubt. Nur über das Thema „Kleider machen Leute“ konnte ich schreiben.

Am Abend saß ich am Lagerfeuer. Die Flammen loderten nicht nur auf der Feuerstelle, sondern auch in meinem Kopf. Mit jeder Flasche Bier züngelten sie höher und meine Reisegefährten mussten sich in Gruppendiskussionen oder Einzelgesprächen an meiner Ideenfindung beteiligen. Ich wollte einen neuen Zugang. Mein Text sollte noch nie irgendwo gelesen worden sein. Innovativ, investigativ, mit Überraschungseffekt. Mein ganzes Können, mein Charakter, ja mein Sein sollte in dieser Reportage widergespiegelt werden. Es sollte zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk passen, einen Informationswert haben. Aber trotzdem jung und originell sein.

Warum ich so ins Detail gehe? Um bewusst zu machen, wie diese Bewerbungsreportage dein Hirn malträtiert. Wie viel Hoffnung du in dieses Stück legst, noch bevor du überhaupt beginnst zu recherchieren, zu interviewen, geschweige denn zu schreiben.

Nein, dafür habe ich kein Verständnis

Zwei Tage später, irgendwo an der Küste in Kenia nahe Mombasa, schwang ich meine Hüften zu afrikanischem Hiphop. In einer kurzen Tanzpause stand ich an der Bar und beobachtete. Eine Frau fiel mir ins Auge. Sie hatte ein Schlauchkleid in Leopardenoptik an und eine fast schon königliche Ausstrahlung. Ein Freund half mir, sie anzusprechen. Und als ich gegen vier Uhr nachts den Club verließ, hatte ich einen Interviewtermin. Den darauffolgenden Abend traf ich Monicah, eine Prostituierte – in dem Club von letzter Nacht, im selben Kleid.

Hier breche ich jetzt ab. Die Reportage kann im Anschluss an diesen Text gelesen werden. Sie ist sicher nicht perfekt, vielleicht merkt man ihr, bei Bewerbungstexten wohl nicht unüblich, die Ambition etwas zu stark an, aber klar ist: Ich habe interviewt, fotografiert, eine Woche an dem Stück geschrieben und den Text von einer befreundeten Deutschlehrerin gegenlesen gelassen. Nach dieser aufwendigen Arbeit habe ich das Bewerbungsportal des Unternehmens geöffnet und mit einem Klick die Reportage hochgeladen. Fertig.

In diesem Verfahren habe ich es in die dritte Runde geschafft,in anderen Fällen bin ich früher aussortiert worden. Ich habe weitere Texte über ein Männerballett, ein Mädchen, dass ihre Höschen in Berlin verkauft und einen Baumschneider in Salzburg geschrieben. Jedes einzelne Stück reißt mich aus meinem Alltag, macht Hoffnung auf mehr. Dann wird  es von einem Bewerbungsportal geschluckt, verwertet, und es wird entschieden, ob du gut bist oder nicht.

Nein, es geht nicht darum, dass alles großartig ist, was ich schreibe und dass es ungerecht ist, wenn ich rausgeworfen werde. Ich finde es sogar äußerst wichtig, dass in diesen Prozessen Aufgaben gestellt und bewertet werden. Meine Texte müssen nicht mit Erfolg gekrönt werden, aber folgende Antwort reicht mir nicht: „Leider sind Sie nicht in die engere Wahl gekommen. Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir aufgrund der hohen Anzahl der Bewerber/innen diese Entscheidung nicht im Einzelnen schriftlich begründen.“

Ein kleiner Funke Würdigung

Nein, dafür habe ich kein Verständnis. Denn darum geht es doch für einen jungen Redakteur: Feedback zu bekommen, die Möglichkeit erhalten, sich zu verbessern, etwas von diesem Prozess mitzunehmen. Wenn die Institutionen schon fordern, dass man sich durch vierstufige Bewerbungsverfahren kämpft, dann fordere ich wenigstens diesen kleinen Funken Würdigung, die Begründung muss ja nicht lang sein.

Dieser Nachruf soll meinen Bewerbungsreportagen ihren Wert zurückgeben. Und nicht nur meinen, sondern auch denen aller anderen Bewerber. Hier wurden Ideen kreiert und aufs Papier gebracht, es sind Geschichten entstanden, die in irgendeiner Form verbreitet werden sollten, stattdessen aber in Ordnern von Unternehmen abgelegt wurden oder auf Desktop-Gräbern ruhen.

In memoriam Bewerbungsreportage!

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Sexarbeit in Leoparden-Optik

Monicah M. arbeitet als Prostituierte an der Ostküste Kenias. Tagsüber hüllt sie sich in lange traditionelle Gewänder, um sich sicher zu fühlen. Nachts trägt sie ein Kleid in Leoparden-Optik, das sie verändert.

Autorin: Nora Zacharias/ Fotos: Alexander Schmidjell

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© Alexander Schmidjell Ihr Kleid in Leoparden-Optik trägt Monicah nur nachts.

Monicah gibt der Security-Frau am Eingang hastig einen Kuss auf die Wange und betritt das Shakataka, einen der größten Nachtclubs in Ukunda an der Ostküste Kenias. Sie ist spät dran. Es tönt „Buffalo Soldier“ von Bob Marley aus den Boxen und ein Geruch von Schweiß und Alkohol hängt in der Luft. An der Bar steht ein glatzköpfiger Mittfünfziger, spült den letzten Schluck Bier hinunter und bestellt sich ein neues „Tusker“. Die Tanzfläche ist bis auf eine übergewichtige, blonde Frau, die sich gegen den Takt an einem bulligen Kenianer reibt, noch leer. Monicah ist erleichtert. Denn sie braucht noch Zeit. Zeit um sich auf die Nacht vorzubereiten. Sie huscht auf die Damentoilette.

Monicah M. steht vor dem Spiegel der Toilette und betrachtet sich. Sie ist eine auffallend attraktive Frau, 39 Jahre alt, hat dunkle glänzende Haut, volle Lippen, lange rot-schwarz gefärbte Haare und ist schlank. Sie trägt ein traditionelles Bazin-Kleid, das bodenlang und hochgeschlossen ist. Den Stoff dafür hat die Kenianerin selbst ausgesucht. Die leuchtend gelbe Farbe und das orange-grüne Muster sind ihr auf dem Markt in Ukunda aufgefallen. Danach hat sie eine Woche an dem Kleid genäht. Ihr Traum: Ein eigenes kleines Geschäft, in dem sie Kundinnen berät, gemeinsam mit ihnen Stoffe aussucht und Maßanfertigungen schneidert.

Sie streicht mit den Händen liebevoll über den Stoff. Tagsüber gibt ihr das Bazin-Kleid ein Gefühl von Sicherheit, denn hier im Osten von Kenia sollen die Beine, die Schultern und das Dekolleté der Frauen verdeckt sein. Am Tag zuvor haben Unbekannte einem Mädchen auf der Fähre nach Mombasa ihre kurze Hose und das bauchfreie Top vom Leib gerissen. Die Sachen seien zu kurz, schrien die Männer, da könne sie ja gleich nackt herumlaufen.

© Alexander Schmidjell Monicah (links) in ihrem Bazin-Kleid. Ihre Freundin Caroline trägt einen traditionellen Rock.

Noch in Gedanken an die junge Frau greift Monicah nach ihrem Plastikbeutel und verschwindet in eine Toilettenkabine. Sie schließt ab. Die Tasche in ihrer Hand ist klein, aber mehr Platz braucht sie auch nicht für das bisschen Stoff und die Schuhe, die sich darin befinden. Sie zieht ihr Gewand aus, stopft dieses in den Beutel und presst sich in ein enges, kurzes Kleid in Leoparden-Optik. Die grell-grünen flachen Sandalen ersetzt sie durch schwarze Pumps mit denen sie aus der Kabine schreitet und erneut vor den Spiegel tritt.

Da steht sie nun. Die Prostituierte Monicah. Die äußerlich nichts mehr mit der kenianischen Frau zu tun hat, die sie tagsüber ist. Geduscht hat sie daheim, denn für sie ist es wichtig, in der Arbeit gepflegt zu sein. Das erwartet sie auch von ihren Kunden. Den Rest der Vorbereitungen muss sie jedoch hier im Club abwickeln. In ihrem Viertel darf niemand wissen, dass sie ihren Körper verkauft, denn Sexarbeiterinnen stehen am Rand der kenianischen Gesellschaft. Ihr Tun wird geächtet und die meisten werden von Freunden und Familie verlassen, sobald bekannt wird, womit sie ihr Geld verdienen. Kritisch wandern ihre Blicke über den anliegenden Stoff und die sich darunter abzeichnende schlanke Silhouette. Ihre Hände fahren über das billige Polyester und zupfen es zurecht. Wie eine zweite Haut legt sich das Leopardenmuster über die der Prostituierten. Das Kleid ist eng. Sehr eng. Sie fühle sich stark, sagt Monicah. In ihrem Bazin- Kleid tue sie das nicht.

© Alexander Schmidjell Monicah schminkt sich, um den Männern zu gefallen.

In Kenia werden hunderte von Babys heimlich – unter grausamen Umständen – abgetrieben. Viele Frauen sterben, wenn Verwandte, Freunde oder sie selbst die Abtreibung vornehmen. Denn Schwangerschaftsabbrüche sind in dem ostafrikanischen Land illegal und nur erlaubt, wenn das Wohl der Mutter gefährdet ist. Mit 18 Jahren wurde Monicah schwanger von ihrem damaligen Freund. Er wollte, dass sie abtreibt. Sie hatte Angst vor den gesundheitlichen und politischen Konsequenzen und bekam das Kind. Der Vater wollte von der gemeinsamen Tochter nichts wissen. Unterhalt leisten musste er auch keinen, da sie nicht verheiratet waren. Also brach Monicah, die aus Amboseli – einem Nationalpark in der Nähe Nairobis – stammt, die Schule ab und zog die Kleine mit Hilfe ihrer Familie und ohne Mann auf. Als das Geld immer knapper wurde, packte sie ihren Koffer, ließ die sechsjährige Tochter bei ihrer Mutter und ging an die Küste, nach Ukunda, um anzuschaffen. Das war vor 15 Jahren. Ihre Tochter sieht sie seitdem ein- bis zweimal im Jahr. „Etwa 10.000 Mädchen und Frauen leben an der Ostküste vom Sex-Business“, schätzt Monicah. Offizielle Zahlen gibt es nicht, denn Prostitution ist in Kenia verboten.

„Hey sexy Lady!”, raunt Monicah ihrem Spiegelbild zu. Für eine Frau hat sie eine außergewöhnlich rauhe, tiefe Stimme. Sie trägt Lippenstift auf und tuscht sich die Wimpern. Noch sind es nur ihre eigenen Augen, die ihren Körper begutachten. Gleich wird sie auf die Tanzfläche hinausgehen und die Blicke der Männer spüren. Die jungen Freier werden bei kurzen Outfits ganz verrückt, plaudert sie. Die ältere Generation schätze längere Kleidung, bei der sie mehr auspacken und ihre Phantasie spielen lassen kann. Unterschiede zwischen westlichen und afrikanischen Männern gebe es keine, erklärt sie abgebrüht: „Alle Männer sind gleich. Alle kommen sie und wollen Sex.“ Als Monicah begonnen hat, als Prostituierte zu arbeiten, nahmen sich die Kunden ein Mädchen für einen längeren Zeitraum. Ihren Lieblings-Freier lernte sie in einem Strandclub kennen und traf sich mit ihm drei Jahre. Er ist mit ihr Essen gegangen, hat sie ins Hotel mitgenommen und ihr Geld aus Holland geschickt. „Das ist jetzt anders. Jahr für Jahr haben die Männer weniger Respekt vor uns. Die möchten jetzt anonymen Sex. Besonders oft und mit möglichst verschiedenen Frauen!“

© Alexander Schmidjell Monicah möchte mit ihrem Tattoo Amor austricksen.

Die Prostituierte greift in ihre Handtasche und holt ihren Lieblingsduft heraus – ein Männer-Parfum. Zu ihr passe keine süße, liebliche Note. Sondern sie möchte schwer, würzig und stark riechen. „Wie ein Mann“, so Monicah.

Es gab auch Zeiten, da verließ sie ihre Stärke. Sie entwickelte Gefühle für Freier, aber sie flogen nach Hause und vergaßen Monicah in ihrem Alltag. Deshalb hat sie sich ein Tattoo stechen lassen. Es ist ein Herz auf der rechten Brust, das von einem Engel getragen wird. Auf ihrem linken Arm fliegt Amor, der Gott und die Personifikation der Liebe. Er versucht mit Pfeil und Bogen ihr Herz zu treffen. Aber er zielt auf das gestochene Symbol der Liebe und verfehlt ihre wahren Gefühle. Monicah möchte Amor austricksen. „In diesem Geschäft hat Liebe keinen Platz“, macht sie sich bewusst. Blickt das letzte Mal in den Spiegel. Zwinkert sich zu und betritt den Club, der sich mittlerweile gefüllt hat. Man hört Stimmengewirr und lauten afrikanischen Hiphop. Jetzt gibt es nur noch sie, ihr Leoparden-Kleid und potentielle Freier.


11 Lesermeinungen

  1. Rezension
    Ich bin kein Journalist und meine Schreibfähigkeiten sind grauenvoll, trotzdem will ich eine Rezension (beide Artikel) versuchen.
    Das Thema „Kleider machen Leute“ spielt in dem Text nur eine äußerst untergeordnete Rolle. Stattdessen ist der Artikel ein Portrait einer Prostituierten und ihre Probleme mit Männern/Freiern. Natürlich kann man beide Themen verbinden, doch das gelingt im Artikel nicht. Der Hauptgrund ist, dass der kritische Blick fehlt. Stimmt es was Monicah sagt? Fühlt sie sich tatsächlich stärker im Leopardenkleid? Wie wird Monicah im Leopardenkleid und wie im Barzin Kleid wahrgenommen? Warum hat sich Monicah für die Prostitution entschieden, statt auf anderem Wege Geld zu verdienen? Gab es Alternativen? Was sagen andere Menschen über Monicah? Der Artikel ließt sich zu sehr wie eine Kurzgeschichte und es fehlt die sprachliche Gewandtheit um einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen.
    Im Gegensatz dazu ist der Erfahrungsbericht über Bewerbungsrunden ausgezeichnet. Er ist kurzweilig, ansprechend und exemplarisch für den Umgang mit Bewerbern. Ihre Erfahrungen haben Sie bewegt und das merkt man dem Artikel an.
    Lassen Sie sich nicht unterkriegen, vielleicht wird jemand mit diesem Text auf sie aufmerksam. Viel Glück!

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