Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Das richtige Festival im falschen Leben

Während sich Popfestivals immer mehr angleichen, versucht der Fuchsbau in Lehrte ein stimulierendes Gegenprogramm aufzuziehen. Neben Musik gibt es Diskussionen und Performances. Gelingt das Experiment?

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© Isabel Machado RiosPerformance: Wie werde ich Beyoncé?

Das Popfestival ist tot. So lesen sich zumindest die Line-Ups der Etablierten wie Hurricane, Highfield oder Southside, die alle im Hause FKP Scorpio aus Hamburg zusammengestellt werden: Linkin Park, Kraftklub, AnnenMayKantereit und immer wieder Casper. Es sind überall die gleichen durch das Radio genudelten Headliner, die den Festivalsommer in Deutschland dominieren, übrigens auch bei der Konkurrenz wie etwa Rock am Ring. Das Publikum tut mit lustigen Tierkostümen, goldenen Glitzergesichtern und Biertrichtern sein Übriges, um Musikfestivals zu vereinheitlichen. Nicht erst seit das Modell der mehrköpfigen Band mit Gitarren in den Händen von der Bühne verschwindet und gegen den DJ hinter einem silbern glänzenden Laptop ausgetauscht wird, tendieren Festivals dazu, immer größenwahnsinniger und teurer zu werden, vor allem aber langweiliger.

Ein Gradmesser hierfür ist die mecklenburgische Fusion, die einstmals als nichtkommerzielle und vielseitigste Wundertüte in der Festivallandschaft gefeiert wurde, mittlerweile jedoch von tausenden trinktüchtigen Technotouristen überlaufen wird. Nach dem zwanzigsten Jubiläum setzten die Veranstalter in diesem Jahr erstmals aus. Doch während die konventionellen Anbieter der Wochenendevents es immer schwieriger haben, sich voneinander abzugrenzen und das eigene Angebot in Zeiten von Streaming- und Videoplattformen als einzigartiges Erlebnis zu vermarkten, nutzen kleine, oftmals kollektiv und ehrenamtlich gestemmte Festivals die Krise als Chance.

Das Ideal der lebenslangen romantischen Liebe

Die Verantwortlichen des Fuchsbau-Festivals zum Beispiel haben kurzerhand die Digitalisierung zum roten Faden ihrer sechsten Ausgabe gemacht, die vor wenigen Tagen in Lehrte bei Hannover über die verregneten Bühnen ging. Etwa dreitausend Gäste konnten dabei – ohne Datenempfang und WiFi – eine außergewöhnliche Vielfalt erleben. Mit seinem breiten Angebot an Filmen, Performances, Ausstellungen und Vorträgen ist das Fuchsbau längst mehr als ein Popmusikfestival.

Ob es so etwas wie „Fake Music“ gebe, wird zum Beispiel bei einer Diskussion zur Dehumanisierung künstlerischen Schaffens gefragt. „Kann Musik nicht wahrhaftig sein?“ lautet die Gegenfrage der DJ-Kunstfigur Born in Flamez, der anschließend von Emily Howell, einer Künstlichen Intelligenz erzählt, die „wirklich berührende klassische Musik“ herstelle, nachdem sie mit menschengemachten Komposition gefüttert wurde. Schnell wird deutlich, dass sich im niedersächsischen Fuchsbau eine Kultur-Avantgarde versammelt; die stets englischsprachigen Formate wirken trotz ihres Fokus auf Vielfalt – etwa bei Herkunft oder Geschlecht – geradezu elitär.

© Isabel Machado RiosEva Illouz auf der Bühne

Wer sich am Wochenende über das matschige Festivalgelände treiben lässt, das erstmals minimalistisch weiß gestaltet ist, stößt bald auf eine Traube junger Menschen, die sich zur überdachten Bühne „Surface“, „Oberfläche“, drückt. Der Star des Festivals wird dort gleich auftreten. Er hat aber kein Instrument dabei und auch rappen wird dieser Headliner nicht. Er wird stattdessen über Liebe sprechen. Es ist Eva Illouz, auf deren Vortrag die durchfeierte Masse wartet, die Soziologin aus Marokko und Israel, die spätestens seit ihrem Bestseller „Warum Liebe weh tut“ (Suhrkamp, 2012) eine der gefragtesten Wissenschaftlerinnen ist, wenn es ums Lieben geht.

Sie spricht darüber, wie das Digitale unsere Bilder und Praktiken der Liebe beeinflusst. Nicht erst die Dating-App Tinder habe uns zu „sexuellen Flaneuren“ gemacht, so Illouz mit Walter Benjamin, die durch ihren analogen und digitalen Alltag streifen, um in Schaufenster zu sehen und sich selbst darin auszustellen. „Der wesentliche Antrieb zu konsumieren,“ so die Soziologin, „liegt in dem Wunsch, sexy auf Andere zu wirken.“ Das Gros des Publikums will zwar, so zeigt eine spontane Umfrage, noch nie ein Dating-Tool wie Tinder oder Parship genutzt haben. Dennoch ist schlüssig, dass das dominierende Ideal der lebenslangen romantischen Liebe der täglichen Dating-Praktik entgegensteht, die zumeist auf kurzfristigen Genuss abzielt.

Bekommt man eine Aufmerksamkeitsstörung?

Im Verlauf des Gesprächs wird deutlich, dass Eva Illouz die „Ausbeutung der romantischen Liebe durch die Freizeitindustrie“ schon vor den Zeiten des Internets problematisch sah. Ein immer schnellerer Wechsel von Dates in der analogen Welt sei von den meisten Akteuren unserer kapitalistischen Gesellschaft durchaus erwünscht. Schließlich versprächen jene Treffen in Kinos oder Restaurants steigende Einnahmen für die Mode-, Gastro- und Unterhaltungsbranche, die gleichzeitig mit dem alten Bild der ewigen Liebe um das immer größer werdende Segment des einsamen Singles buhlt.

„I am your girl, I am your whore“, singt derweil die herausragende Nadia Tehran nebenan auf der Hauptbühne. Mit ihren dröhnenden Beats lenkt die selbstbewusste Rapperin mit iranischen Wurzeln nicht nur Eva Illouz ab, die nach eigener Aussage eine Aufmerksamkeitsstörung hat und sich fortan schwertut, sich auf Fragen des Publikums zu konzentrieren. Wenn dann noch tontechnische Probleme hinzukommen und die Schwalben unter dem Dach der „Surface“-Bühne lauter zu hören sind als die Sprecherin, kommt irgendwann die pragmatische Frage auf, ob der Tiefgang im Diskurs und die Oberflächen der Popmusik auf diesem Open-Air-Gelände gleichberechtigt nebeneinander bestehen können.

© Helge MundtNadia Tehran

Auch der erste Durchgang der Performance „Don’t Worry, Be Yoncé“ fällt technischen Problemen wahrscheinlich in Folge des Dauerregens zum Opfer. Umso größer der Andrang bei der zweiten Vorstellung des inszenierten Tutorials, bei dem das Publikum („Einsteiger*innen und Fortgeschrittene“) anhand weniger Rituale zum Superstar Beyoncé ausgebildet wird, um ganz nebenbei und ironisch die Vermarktungsstrategien von Popstars zu entlarven: Wildheit, Weiblichkeit, Feminismus und ausgiebiges Kopieren erfolgreicher Sounds und Gesten. Doch Vorsicht: „Twerking is a loser’s move!“

An diesem Wochenende kommen aber auch diejenigen auf ihre Kosten, die hauptsächlich für die Musik gekommen sind. Die Kuration ist insofern außergewöhnlich, als männliche Musiker nicht, wie bei den meisten Festival-Line-Ups, in der großen Mehrheit sind. Zudem sind einige eher unbekannte, aber umso interessantere Künstler dabei, wie etwa Umlilo & STASH Crew, eine queere Hiphop- und Tanzgruppe aus Südafrika, ähnlich faszinierend das slowenische R’n’B-Duo FFX mit seinen hypnotischen Lo-Fi-Tracks oder Laurel Halos Synthesizer-Sounds, die „humpelnd“ klingen, „als hätte sie sich ein Bein gebrochen“, so der Begleittext in der ausführlichen Programmzeitung. Bands wie Der Ringer aus Hamburg haben es hier schwerer als anderswo, denn Halo und viele andere Solokünstler beweisen, dass die Auftritte Einzelner hinter ihren digitalen Devices mindestens ebenso spannend und vielfältig sein können wie Gitarre, Schlagzeug und Bass.

Enttäuschend im sorgfältig kuratierten Fuchsbau-Programm ist hingegen die R’n’B-Rapperin Ace Tee, die Anfang dieses Jahres mit „Bist Du Down“ aus dem Nichts einen viralen Hit in Deutschland und den Vereinigten Staaten landete. Ende August erscheint ihre Debüt-EP „Sip Slow“, die Hoffnung jedoch, dass die aus Ghana stammende Sängerin sich nach Rammstein und Tokio Hotel zum neuen globalen Popexport Deutschlands mausern könnte, hat sie mit ihrem nicht einmal einstündigen Auftritt fast schon zunichte gemacht: Die meisten Songs klingen erstaunlich gleichförmig und ihre Stimme wirkt, sofern sie nicht von der Konserve aufgemotzt wird, kraftlos und eindimensional. Doch viel tragischer ist, dass sie sich von ihrem Sidekick Kwam.e die Schau stehlen lässt. Während er die meisten Parts rappt und überschäumend gut gelaunte Ansagen macht, reiht sich Ace Tee immer wieder choreografisch bei ihren Backgroundtänzerinnen ein oder verschwindet gleich ganz von der Bühne. Als die Reggae-Sirene tönt, um ein drittes Mal „Bist Du Down“ anzukündigen, kann man getrost weiterziehen.

Noch ist unklar, ob die siebte Ausgabe des Fuchsbau-Festivals wieder auf dem Alten Ziegeleigelände in Lehrte stattfinden wird. Doch auch, wenn es keines Umzugs bedarf, wird der Fuchsbau innerlich weiterziehen und sich wohl auch 2018 wieder neu erfinden. Ist das konventionelle Popfestival tatsächlich tot, so lebt im Fuchsbau die Idee des richtigen Festivals im falschen Leben.

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