Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Verzerrtes Israel-Bild in deutschen Schulbüchern

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Antisemitische Anfeindungen an deutschen Schulen nehmen zu. Problematisch, dass auch manches Schulbuch ein verzerrtes Israel-Bild zeigt, findet das Mideast Freedom Forum Berlin.

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Eigentlich soll die Schule ein geschützter Raum sein. Schüler sollen sich geborgen fühlen, vor Mobbing und Diskriminierung bewahrt bleiben. Doch der Ist-Zustand geht oftmals an der Realität vorbei. Vor allem Schüler jüdischen Glaubens haben an öffentlichen Schulen, wo die gängige und oftmals unsanktionierte Beleidigung „Du Jude“ über den Schulhof hallt, zu leiden. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus hat allein in Berlin im vergangenen Jahr 30 antisemitische Vorfälle in Bildungseinrichtungen registriert – die Dunkelziffer dürfte wahrscheinlich höher liegen. Schulen geben nicht gerne zu, dass sie ein Antisemitismus-Problem haben. Vor allem der Nahostkonflikt gilt vielen Schülern als hervorgebrachte Legitimation, antisemitisch zu agieren – und jüdische Schüler, die womöglich keinerlei Kontaktpunkte mit Israel haben, für eine kritisierte Politik des Staates verantwortlich zu machen. Dass eine Meldepflicht für antisemitische Vorfälle eingeführt wird – wie sie der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, fordert – ist ein erster Schritt.

© privatJörg Rensmann

Den Kampf gegen Antisemitismus aber bei der Symptombekämpfung zu belassen, greift zu kurz. Vielmehr bedarf es einer umfassenden Aufklärung über den Nahostkonflikt, aber auch über die israelische Demokratie, fordert Jörg Rensmann. Als Programmdirektor des Mideast Freedom Forum Berlin setzt er sich unter anderem mit Antisemitismus und Israelfeindschaft auseinander. „Antiisraelische Vorbehalte werden nämlich teils vor dem Hintergrund einer erstaunlichen Unkenntnis über die komplexe historisch-politische Konfliktstruktur zwischen Israel und den Palästinensern formuliert“, sagt er.

Nun ist es aber Aufgabe der Schule, fehlerhafte Konzepte zu korrigieren und Ressentiments zu bekämpfen. Allein aus pädagogischer Sicht handelt es sich um eine äußerst anspruchsvolle Aufgabe, ein bereits gefestigtes Weltbild aufzubrechen. Die bisherige Sozialisation, aber auch der heute deutlich leichtere Zugang zu Propaganda-Material, verschwörungsideologischen Inhalten und Fake News durch das Internet geben ihren Teil dazu. Umso mühsamer ist es, wenn die schulischen Rahmenbedingungen auch noch defizitär sind.

Antiisraelische Metaphorik in Schulbüchern

Noch immer sind Schulbücher das wohl am häufigsten verwendete Medium im Klassenzimmer. Der Anspruch an ihren Wahrheitsgehalt und ihre fachliche Ausgewogenheit muss dementsprechend hoch sein. Sekundär-antisemitische Relativierungen des Nationalsozialismus durch eine Gleichsetzung mit der israelischen Regierungspolitik, die im Kontext des Nahostkonfliktes nur allzu gerne hervorgebracht werden, ließen sich in ihnen zwar nicht finden, so Rensmann. Doch wiesen Schulbuchinhalte oft Verzerrungen auf, die antisemitische Ressentiments der Schüler eher stärken. „Uns ist aufgefallen, dass die Sachtexte, die eigentlich neutral sein sollen, Auslassungen ganz entscheidender Art aufweisen“, resümiert Rensmann die Untersuchung seiner Organisation, die vor allem Geschichts- und Geographiebücher unter die Lupe genommen hat. Damit kommt das Mideast Freedom Forum zu den selben Ergebnissen wie die Deutsch-israelische Schulbuchkommission, die schon vor Jahren das Israelbild in Schulbüchern anprangerte. Beispielsweise thematisieren Schulbücher selten, dass jüdische Präsenz im historischen Palästina durchgängig vorhanden war und nicht nach der Diaspora erst um 1880 wieder auftauchte. Im Schulbuch „Forum Geschichte 4“ fürs Bundesland Hessen findet sich aber zum Beispiel eine entsprechende Auslassung. „Für Schüler entsteht dadurch ein verkürztes Bild“, so Rensmann. Schließlich könnte sich der Mythos entwickeln oder bestärken, Juden seien Eindringlinge.

Besonders problematisch sei aber die Thematisierung des Nahostkonflikts, deren Aufarbeitung ebenfalls große Leerstellen aufweist. Das Schulbuch „Geschichte und Geschehen“ für bayrische Gymnasiasten der 10. Klasse möchte anhand einer Spiegel-Reportage aus dem Jahr 2004 mit einem gescheiterten Selbstmordattentäter Beweggründe dafür aufzeigen, warum junge Menschen zu terroristischen Maßnahmen greifen. Neben persönlicher Verzweiflung benennt die Reportage vor allem die Indoktrinierung durch die Terrororganisation Hamas, die allgegenwärtig ist. So zeigt eine Kindersendung des Hamas-eigenen Al-Aqsa TV Plüschtiere, die „alle Juden auffressen“ wollen, und auch palästinensische Schulbücher befeuern durch ein konsequent negatives Bild von jüdischen Menschen und Israel den Nahostkonflikt. In der für das Schulbuch gekürzten Version erfahren die Schüler jedoch nur von der Verzweiflung des Selbstmordattentäters – vom Einfluss der Terrororganisation auf die Herausbildung eines antisemitischen Weltbildes ist keine Rede.

„Dass die Indoktrinierung durch die Hamas unerwähnt bleibt, ist ein entscheidender Umstand, der bei der Quellenauswahl fehlt“, findet Rensmann. Dadurch werde der Eindruck erweckt, dass palästinensischer Terror nicht kritisiert, sondern rationalisiert und damit legitimiert wird. Solche Verkürzungen verzerren die Bewertung des Nahostkonflikts zugunsten einer bestimmten Partei.

Sensibilisierung muss Teil der Lehrerausbildung werden

„Aufgrund dieser verkürzten Darstellungen müssen wir befürchten, dass die Reflexionsfähigkeit der Schüler nicht gegeben ist, weil gängige Klischees vermittelt werden, sodass sie keine faktengestützte Analyse vornehmen können“, so der Politikwissenschaftler weiter. Die notwendige Basis, antisemitische Stereotype zum Beispiel auch in den Medien oder in Rap-Texten zu erkennen, erhalten die Schüler durch die lückenhafte Vermittlung jedenfalls nicht. Auslassungen dieser Art stehen vielmehr im Konflikt mit dem Überwältigungsverbot, der im Beutelsbacher Konsens als einer der Grundsätze politischer Bildung festgeschrieben ist. Schüler dürfen nicht im Sinne einer gewünschten Meinung – zum Beispiel durch die privilegierte Darstellung einer Position oder durch Aussparungen wichtiger Informationen – überrumpelt werden. Genau hier verläuft die Grenze zwischen politischer Bildung und Indoktrinierung.

Auch wenn sich die Schulbuchverlage mittlerweile bewegen und Revisionen kritischer Texte vornehmen, bestünde noch viel Änderungspotenzial, sagt Rensmann. Das vermittelte Bild von Israel sei noch immer das eines kriegsführenden Krisenstaates – über das deutsch-israelische Verhältnis oder das politische System erfahren die Schüler hingegen nichts. „Die Besonderheit Israels als liberale Demokratie in einem nicht-demokratisch geprägten regionalen Umfeld wäre darzustellen“, fordert er. Denn die Auseinandersetzung mit Antisemitismus dürfe nicht einzig auf einer historisch-politischen Ebene verhaftet bleiben, sondern müsse auch die aktuellen Erscheinungsformen in den Fokus nehmen. Wie der Antisemitismusbericht der Bundesregierung zeigt, offenbart sich vor allem der Islamismus als neuer Träger von Antisemitismus. Hinzu kommt, dass etwa 20 Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch eingestellt sein sollen – Antisemitismus ist also kein rein importiertes Phänomen.

In dieser Situation stehen Lehrer vor großen Herausforderungen. Inwiefern sie denen gerecht werden können, bleibt fraglich. „Bis heute gibt es selten wirksame pädagogische Angebote, die sich fokussiert mit den besonderen Ressentiments, Vorurteilen und negativen Konnotationen gegen den jüdischen Staat beschäftigen, sagt Rensmann. Das Mideast Freedom Forum biete zwar Tagesseminare an, die sich mit dem Nahostkonflikt und der israelischen Demokratie auseinandersetzen und von Lehrern und politischen Bildern gut besucht würden. In der Lehrerausbildung komme die Sensibilisierung mit Antisemitismus und dem Nahostkonflikt jedoch viel zu kurz. Ohne fachwissenschaftliche Expertise können fachdidaktische Prinzipien allerdings nur schwer Anwendung finden. Das muss sich ändern, findet der Politikwissenschaftler. Es müsse verpflichtend zur universitären Ausbildung von Lehrkräften – vor allem in den Gesellschaftswissenschaften – gehören, sich mit Theorie und Erscheinungsformen von Antisemitismus und seinen modernen Ausprägungen zu beschäftigen. Nur so sei es möglich, das Versprechen der bundesrepublikanischen Staatsräson konsequent zu erfüllen und mit der historischen Verantwortung sensibel umzugehen, so Rensmann.


10 Lesermeinungen

  1. Bildungspolitik
    Ich selbst unterrichte Politik und Geschichte am Gymnasium und ich habe so gut wie keine Zeit, z. B. den Nahost-Konflikt zu behandeln. Politik ist in der Oberstufe als Grundkurs einstündig(!) und da steht das Thema nicht einmal im Bildungsplan. In Geschichte sieht es ähnlich aus: Die Geschichte des Menschen, vom ersten Menschen bis ins 21. Jahrhundert, ist derart komplex, dass es nicht verwundern dürfte, wie sehr sie für den Unterricht an den Schulen „heruntergebrochen“ werden muss. Dies findet seinen Ausdruck in den Bildungs- bzw. Lehrplänen der einzelnen Länder, die unter der Schirmherrschaft der Ministerien entstehen.

    Ich stelle mir in diesem Zusammenhang und auch anlässlich solcher Artikel wie dem obigen immer wieder die Frage: Wie passt es zusammen, dass von der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit nach Werteerziehung, Mündigkeit und Aufklärung (z. B. über Antisemitismus) verlangt wird, zeitgleich aber Fächer wie Geschichte und v. a. Politik immer mehr an Umfang einbüßen müssen? Wie kann man sich mündige, aufgeklärte junge Menschen wünschen, die nicht auf Populismus hereinfallen, im selben Moment aber gesellschaftswissenschaftliche Fächer beschneiden?

    Man könnte außerdem auch durchaus etwas mehr Vertrauen in die Lehrer haben – Menschen, die aus aufrichtigem Interesse ein Fach studieren, sich in ihrer Freizeit fortbilden und einarbeiten und Sachgegenstände nicht nur dann kennen, wenn sie dazu mal eine Pflichtveranstaltung an der Uni besucht haben, die einen entsprechenden Titel trug. Lehrer können schlechtes oder ungeeignetes Unterrichtsmaterial meistens sehr gut erkennen. Gerade das Thema Antisemitismus ist durch seine Präsenz in der Geschichte und durch seine Bedeutung für die deutsche Geschichte etwas, womit sich jeder Geschichts- oder Politiklehrer intensiv auseinandergesetzt haben dürfte.

    Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder räumen wir als Gesellschaft oder als (Bildungs-) Politiker den besagten Themen und Fächern den Raum im Unterricht ein, damit sie auch entsprechend unterrichtet werden können – die Lehrer dazu haben wir schon, wir brauchen nur mehr Zeit dafür. Oder wir behandeln gesellsschaftswissenschaftliche Fächer weiterhin stiefmütterlich (oder reduzieren sie sogar in ihrem Umfang), hören DANN aber damit auf, wegen fehlender Werteerziehung oder Aufklärung unserer Jugend hysterisch zu werden – dies erscheint mir nämlich doppelmoralisch.

  2. @H.Saarbrücken: Es ist aber auch Fakt...
    …dass durch die völkerrechtswidrige und gewalttätige Siedlungspolitik, extremistischer, meist neueingewanderter Chassidim, die auf ein friedliches Miteinander pfeifen, der Konflikt nicht nur am Leben gehalten, sondern auch massiv befeuert wird. Um die Geschichte eines Staates und seiner Menschen zu verstehen, reichen keine 200 Seiten in einem Schulbuch aus, man muss es erleben.

  3. Balanceprobleme auch in der einzigen Nahostdemokratie Israel
    Ein wichtiger Befund, den der Blog hier aufgreift!
    Als Religionslehrer, der Schüleraustauschprogramme sowohl mit Israel als auch mit einer christlich-arabischen Schule im Westjordanland persönlich erlebt und letzteren mit geleitet hat, kann ich nur unterstreichen, wie wichtig eine faktenreich fundierte, kritisch differenzierende und konstruktive Vorbereitung der SuS ist!
    Die Medien und auch die Fortbildungs- und Unterstützungsangebote u.a. durch den PAD gibt es.

    Eine etwas anders ausgerichtete Einlassung zur Vermeidung von verzerrten Perspektiven auf Israel und den Nahostkonflikt allerdings habe ich daher schon noch: Wer wirklich ehrlich und transparent informiert, sollte SuS auch wiederum nicht von jeglicher möglichen Kritik am politischen Betrieb und Handeln in Israel fernhalten, nur um sie bloß vor allen denkbaren totschlagargumentativen Antisemitismus-Vorwürfen zu bewahren: Ebenso wie SuS nämlich erfahren unf schätzen lernen sollten, welch hohen Wert die Demokratie Israels in der Region ist, wie vorbildlich diese gerade auch angesichts der dort aktiven und teils regierungskritischen NGO’s wie „Checkpoint Watch“, „Breaking the Silence“ o.ä. funktioniert, sollten sie auch etwa lernen können, zwischen Kritik an Zionismus oder Siedlungspolitik einerseits und Antisemitismus andererseits sauber zu unterscheiden, die Einflüsse des Militärs auf die Medienlandschaft zu erkennen und die den unsrigen gar nicht so unähnlichen Balanceprobleme der Demokratie (bei uns z. B. aufkommende Tendenzen eines Rechtspopulismus wie bei AFD und Pegida, in Israel etwa der zunehmende Druck auf innenpolitische Kritik an illegalem Siedlungsbau und Grundwasserraubbau auf palästinensischem Gebiet) dort bei aller Anerkennung der positiven Aspekte registrieren und einordnen zu können!

    Gegen Antisemitismus und für eine wahrhaft israelfreundliche Haltung hilft auch nicht weiter, wenn man die Augen vor wichtigen negativ-kritischen Punkten verschließt. Im Gegenteil: wahre Freundschaft muss auch kritische Töne und Nachfragen vertragen bzw. braucht diese sogar, um authentisch und nachhaltig tief wurzeln zu können.

    Nach meiner Erfahrung war es in beiden Fällen nicht leicht, über wunde Punkte zu sprechen: mit Palästinensern über Terroristen aus ihrem Volk wie mit Israelis über Machtmissbrauch in einzelnen israelischen Militäroperationen ggü. Palästinensern.
    Alle ehrlichen Kontakte waren aber gerade durch solche Gespräche wesentlich wertvoller und man konnte z. B. auf Minimalkonsens immer dann kommen, wenn man auf palästinensischer Seite an Rabin erinnerte, auf israelischer an dokumentierte Fälle wie im „Herz von Jenin“ und auf beiden Seiten, wenn man sich fragte, wie schön es sein könnte, wenn alle Kinder hass- und vorurteilsfrei und zur Anerkennung und Versöhnung erzogen und mit gemeinsamen Begegnungen mit Spiel und Spaß aufwachsen könnten.

    Nicht alle Friedens-Utopien der Menschheitsgeschichte sind schließlich Utopien geblieben…

    Shalom und Salam,
    Andreas Kruse,
    a.kruse@wasserlandfrosch.de

  4. Geschichte des Antisemitismus/Nahost/Israel
    Ohne ein rudimentäres Verständnis der Geschichte des Antijudaismus/Antisemitismus in Europa seit dem Mittelalter, und im 19./20 Jhdt., wird man Theodor Herzl und den Zionismus nicht verstehen. Man wird wahrscheinlich die historische Notwendigkeit der Staatsgründung Israels nicht erfassen. Man muss auch in Stichworten verstehen, was im Nahen Osten nach dem Osmanischen Reich bis 1948 los war, und, man muss in Stichworten verstehen, was die Araber, alle in ihrer Zeit, seit 1948 im Bezug zu Israel gemacht haben. Es geht nicht um tausende Einzelheiten, es geht um ein epochales Verständnis.

  5. Und die Lehrpläne?
    Nach vier Jahren im Ruhestand schreibe ich als ehemaliger Geschichtslehrer an einem Gymnasium. Zunächst ist mir klar geworden, dass im Geschichtsunterricht, wie ich ihn kenne, zwar Judenpogrome im europäischen Mittelalter, Antisemitismus im Kaiserreich und natürlich die zutiefst verstörenden Verfolgungs- und Mordaktionen, die mit dem Wort Holocaust zu bezeichnen ich für eine Verharmlosung halte, thematisiert werden, dass aber die Geschichte des Staates Israel und überhaupt des Nahen Ostens zu kurz kommt. Nach meiner Erinnerung sind oder war das letztgenannte Thema in den Lehrplänen zumindest meines Bundeslandes nicht vorgesehen. Brauchbare Fortbildungsveranstaltungen mit hochkarätigen Dozenten gab es aus Mangel an Mitteln schon lange nicht mehr. Zeitdruck zwang beim an sich verbindlichen Lehrstoff zu Kürzungen. Wenn im Artikel aus Lehrwerken zitiert wird, heißt es noch lange nicht, dass die Themen behandelt werden. Da ist es fast irrelevant, ob die Texte etwas taugen. Vielleicht fiel ihre schlechte Qualität nicht auf, weil man sowieso nicht dazu kam, „das durchzunehmen“.
    Und dann versetze man sich in die Situation einer Lehrperson, die – vielleicht nach überstandenem Burnout – mit möglichst wenig Ärger den stressigen Schulalltag bewältigen möchte. Für das Thema an der Universität nicht ausgebildet, keine Fortbildung, kein Zwang zur Behandlung. Dies alles vor dem Hintergrund der im Artikel geschilderten Konflikte innerhalb der Schulgemeinschaft. Man hätte aus der Geschichte lernen sollen nicht wegzusehen. Wie verhält man sich im Alltag? Vielleicht bedarf es erst der Sensibilisierung durch die Hinweise im Artikel. Die Lehrperson müsste also mal wieder in Eigeninitiative das Thema angehen. Oder Aber sind auch die Kultusbehörden gefordert?

  6. NZZ
    Vor längerer Zeit (ca. 80er Jahre) erschien in der NZZ eine ausführliche Dokumentation über die moderne jüdische Landnahme in Palästina. Der Inhalt war etwa wie folgt:
    Die ersten jüdischen Einwanderer kamen ca. ab 1900 und kauften Grund und Boden der dort lebenden Bevölkerung regulär, wie sie es von Europa gewohnt waren, mit einem schriftlichen Kaufvertrag ab. Die Einwanderer stießen zu diesem Zeitpunkt noch auf freundliches Interesse bei den Einheimischen – noch waren sie ja auch eine kleine Minderheit. Der größte Teil der Einwanderer stammte aus Mitteleuropa und war eine Katasterverwaltung nach deutscher Art gewohnt, die es aber im Osmanischen Reich nicht gab. Als die Briten nach dem ersten Weltkrieg die Verwaltung übernahmen, kamen sie natürlich nicht auf die Idee, derartiges einzuführen, da sie selbst zuhause ganz gut ohne auskommen. Das Resultat war, daß zum Zeitpunkt der Staatsgründung Israels kaum jemand von der alteingesessenen landbesitzenden Bevölkerung über einen schriftlichen Besitztitel verfügte – nur soweit Parzellen während der britischen Mandatszeit den Besitzer innerhalb der Alteinwohner gewechselt hatten, gab es vereinzelt schriftliche Verträge, die sich aber z.T. auch auf vergängliche oder verschiebliche Landmarken (Bäume, große Steine) bezogen. Die existierenden Besitzverhältnisse wurden zunächst anerkannt, aber im Lauf der Zeit zog der israelische Staat die Zügel an. Zunehmend mußten Landeigentümer ihren Besitz schriftlich nachweisen, insbesondere wenn es sich um Gelände handelte, das schon seit Jahren brach lag. Dieses wurden von der israelischen Verwaltung bevorzugt an jüdische Neusiedler vergeben, da unterstellt wurde, es sei herrenlos. Viele Palästinenser halfen sich gegenseitig, indem sie rückdatierte Kaufverträge aufsetzten, die ihren Besitz belegen sollten. Die israelische Verwaltung erkannte infolgedessen Kaufverträge zwischen Palästinensern aus der osmanischen und der Mandatszeit immer weniger an. Es entzieht sich meiner Kenntnis, welche Dimensionen diese nicht ganz astreinen Verträge annahmen, die in vielen Fällen nur den Bestand dokumentieren sollten (daß man sich dabei gegenseitig herrenlos gewordene Ländereien zuschusterte, ist logisch, trifft aber sicher nicht auf jeden Vertrag zu, der von der israelischen Verwaltung für nichtig befunden wurde). Ergebnis: Eine wachsende Verbitterung in der palästinensischen Bevölkerung ob dieses staatlich verordneten Landraubs. Kein Wunder, daß Arafat und Hisbollah mächtig Zulauf bekamen.
    In Deutschland gab es eine solche Dokumentation bisher nicht – zu sehr anti-Israel oder gar antisemitisch? Wobei ich der Meinung bin, daß im Falle, daß statt der europäischen Juden Leute aus dem Baskenland nach Palästina eingewandert wären, die geschilderte Entwicklung sich im wesentlichen gleich abgespielt hätte.
    Der Artikel ließ ganz klar durchblicken, daß es sehr viel weniger Konfliktstoff zwischen Alt- und Neubürgern gegeben hätte/gäbe, wenn während der Mandatszeit eine solide, allgemein anerkannte Bodenverwaltung etabliert worden wäre.
    Eine weitere Beobachtung: Während meiner Schulzeit wurde im Religionsunterricht ca. 1969 ein kostenpflichtiges Heft über das heilige Land erworben, in das wir die auf gesondert gelieferten Bögen gedruckten Farbfotos erst einkleben mußten. Hier wurde nicht nur das biblische Israel behandelt, sondern auch das moderne. Ohne es explizit zu erwähnen, wurde der Eindruck vermittelt, die neu eingewanderten Juden hätten ein nicht oder kaum besiedeltes Land vorgefunden, das sie mit moderner Acker- und Bewässerungstechnik erst wieder ertragreich gemacht hätten. Ein Augenöffner war für mich eine Geschichte von Karl May, die ich einige Jahre später las und die ein buntes Völker- und Religionsgemisch in der Gegend von Bethlehem schilderte (ich weiß nicht mehr, weshalb Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar da vorbeikamen). Auch wenn Karl May nie dort war – die einschlägigen Reiseberichte hat er jedenfalls gründlich verwertet.
    Es scheint so, daß der Inhalt von Schulbüchern – insbesondere im Fach Geschichte und gerade im Falle Israel – politischen Moden unterworfen ist. Das wird sich vermutlich nur mit größerem zeitlichem Abstand und/oder der Lösung/Befriedung des Palästinakonflikts lösen lassen.

    • Kompentenzorientierte Lehrpläne
      Die Schüler lernen, sich eine Urteilskompetenz zu erarbeiten. Es sind also nicht mehr bestimmte Lehrziele, inhaltliche Aussagen, sondern die mehr oder weniger plausible Herleitung einer politisch-historischen Meinung, die Unterrichtsziel ist. Da kann also ein Schüler durchaus die Ansicht der Hamas oder der Palästinenser begründet vertreten und schon ist die Aussage geboren, der Jude sei schuld.

  7. Wirklich?
    Israel will auf die existentiellen Fragen der Palestinenser keine Antworten geben oder Lösungen anbieten und hat mit Nethanyahu einen Vertreter, der selbst umstritten ist. Die Palestinenser wie Tiere zu behandeln, keine humanitäre Hilfe durchzulassen, Olivenhaine zu zerstören, Wasser umzuleiten, illegale Häuser zu bauen, wird keine Sympathien auch von intelligenten Menschen bringen.

    Ich habe zahlreiche jüdische Freunde in London, die den brutalen, mörderischen Kurs von Israel mit Angst und Sorge beobachten.

    Es scheint keine Lösung zu geben und es ist unvermeidbar, dass Hass und Ablehnung dieses menschenverachtenden Verhaltens durch Israel oft zu antisemitischen dummen Pauschalurteilen führt.

    Das unerträgliche Vorgehen von Israel gegen Kinder und Frauen im Gaza Streifen und in der Westbank helfen nicht, eine politische Lösung zu finden. Die dumme Propaganda israelischer Politiker muss endlich aufhören. Politik muss die Zukunft gestalten.

    Dies muss in unseren Schulen transparent erklärt werden. Antiisraelische Rhetorik hat ihre Ursachen. Der Ansatz muss endlich eine ehrliche zukunftsorientierte Politik sein. Dazu können die Schulen sicherlich mehr beitragen.

    • @Reinhold Meine
      Sehr geehrter Herr Meinen,

      Den Inhalt des Blogs von Herrn Kohn, dass die Hamas und andere radikal-islamischen Vereinigungen hinter dem Terroristen-Mindset der Palästinenser stehen, ignorieren Sie völlig.

      Erneut wird auch wieder das Argument aufgebracht, dass Kinder und Frauen von den Israelis verletzt und umgebracht worden sind. Empörend dabei ist, dass die Hamas nicht nur bürgerkriegsgleiche Gewaltaktionen startet, sondern auch noch Zivilbevölkerung, also auch Kinder und Frauen bewusst nach vorne schiebt, damit sie dort der Gefahr auszusetzen, verletzt oder getötet zu werden. Die Absicht, dahinter ist natürlich, eine weltöffentliche Empörung zu verursachen!

      So lange Millionen Araber und Moslems die Ursache ihrer selbstverschuldeten Misere den Israelis und dem Westen zuschieben und so lange die Mehrheit der arabischen Welt das Existenzrecht der Juden und des israelischen Staates nicht anerkennt, so lange hat Israel das Recht, sich zu verteidigen. Dabei stimmt: Israel geht nicht zimperlich mit ihren Gegnern um. Das scheinen die zivilen Palästinenser aber nicht zu begreifen, sondern Fackeln lieber weiter!

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