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„Sherlock“ oder: Die Dummheit der anderen

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Die BBC-Produktion „Sherlock“ gilt als Paradebeispiel der Mitdenk-Serie. Anstatt dröger, ausgelutschter Plots erwarte den Zuschauer Handlung, die ihn fordert. Dabei lebt die Serie gerade vom Gegenteil.

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sherlock1© BBC, Sherlock, Staffel II, Episode 1Normalerweise hat Sherlock alle Antworten. Bei Irene Adler (Lara Pulver) ist jedoch selbst der Meisterdetektiv kurzzeitig ratlos.

Sich mit steilen Thesen zu Fernsehserien aus der Deckung zu wagen, ist, wie auf einem Jahrmarkt in die Schießbude zu stürmen, während ein Haufen Festbesucher ihre fünf Schuss in die Plastikrosenbüsche jagt. Es wird auf jeden Fall unangenehm. Wer besonders leidenswillig ist, versucht sich an Serien mit äußerst passionierten Fans: „Game of Thrones“ zum Beispiel oder eben „Sherlock“.

Nach eingehender Auseinandersetzung mit sämtlichen Staffeln kommen wir jedoch – liebe Fans, haltet eure Gurkensandwichs und Teetassen fest – nicht umhin, eine gewöhnungsbedürftige These aufzustellen. Hier kommt der Schlüssel zur BBC-Erfolgsserie „Sherlock“.

Sherlock: „Sie verstehen gar nichts!“ (Und das ist auch gut so…)

Diese These zu „Sherlock“ ist eigentlich recht simpel. In meinen Augen bauen alle Folgen immer auf zwei Regeln auf:

Nummer 1: Der Zuschauer muss immer dümmer als „Sherlock“ sein.

Nummer 2: Ist dies nicht der Fall, wird umgehend Regel Nummer 1 in Kraft gesetzt.

Kurz gesagt: „Sherlock“ will, dass wir als Zuschauer die Trottel bleiben. Erfolgreiches Mutmaßen wie im „Tatort“, bei dem die versammelte Fernsehgemeinde mit fast hundertprozentiger Sicherheit in den letzten 20 Minuten schon weiß, wer der/die/das Täter war(en), ist das Letzte, was „Sherlock“ erreichen möchte. Ratespaß, ja bitte. Das Rätsel vor dem Detektiv lösen? Wo kämen wir denn da hin?

Was bedeutet es, dümmer als eine Serie zu sein? Um das zu erklären, müssen wir kurz unser Grundlagenwissen in filmischer Theorie auffrischen. Zur Hilfe eilen wird uns dabei der amerikanische Filmwissenschaftler David Bordwell, dessen Texte bei jedem Filmstudenten im ersten Semester auf dem Lehrplan stehen. Bordwell sorgte mit seinen Kolleginnen Kristin Thompson (übrigens seine Ehefrau) und Janet Staiger Anfang der achtziger Jahre für gehörigen Aufruhr. Weil sie der Meinung waren, dass die damals vorherrschende Psychoanalyse zum Verständnis von Filmen zwar ganz nett sei, aber eigentlich am Ziel vorbeischieße, ersannen sie kurzerhand ihre eigene Theorie: den sogenannten „Neoformalismus“.

ARCHIV - HANDOUT - Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, l) und Dr. John Watson (Martin Freeman) posieren für die ARD-Serie «Sherlock» (Foto undatiert). Foto: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films/Colin Hutton (zu dpa "BBC-Serie 'Sherlock' bekommt 'TV Spielfilm'-Preis Jupiter" vom 11.03.2015 - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über den Film und bei Urheber-Nennung Foto: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films/Colin Hutton) +++(c) dpa - Bildfunk+++ |Mit Dr. John Watson (Martin Freeman) hat sich Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) den richtigen Partner ausgesucht.

Stark vereinfacht gesagt geht es den Theoretikern dabei nicht so sehr darum, was ein Film in uns auslöst (die psychoanalytische Schule), sondern darum, was wir als Zuschauer tun, wenn wir versuchen, einen Film zu verstehen, eben welche formalen Bedingungen herrschen (deshalb auch Neoformalismus) und welche Prozesse ablaufen, während wir Chips mampfend auf der Couch lümmeln und die neuesten Folgen von „Sherlock“ bingewatchen.

Neoformalismus bei „Sherlock“ 

Die Erklärung von Bordwell und Co: Im Prinzip versuchen wir die ganze Zeit über, den Film und seinen möglichen Fortgang zu entschlüsseln, selbst dann, wenn wir glauben, dass wir uns gerade nur passiv berieseln lassen (Seifenopern!). Jeder Film liefert uns kontinuierlich Informationen, die wir verarbeiten und zur Bildung von Hypothesen verwenden (zum Beispiel „Sherlock“, Folge I,1: Ist Mycroft eine Bedrohung oder ein Verbündeter?). Mit fortschreitender Handlung gleichen wir diese Hypothesen dann mit neuen Informationen ab und passen sie gegebenenfalls an. Die Antriebsfeder ist dabei immer die gleiche: Wir wollen wissen, wie es weitergeht, wie die Geschichte enden könnte. Das Entscheidende dabei: Das permanente Mutmaßen macht Spaß.

Oft orientieren wir uns für unsere Hypothesen unbewusst an sogenannten „Cues“ – Anreizen, die ein Film gibt und die wir verwenden, um die Handlung in Gedanken fortzuspinnen. „Cues“ können alles Mögliche sein, zum Beispiel das Genre (kein Western ohne Schießerei), typische Handlungsabläufe (Status quo, Konflikt, Lösung des Konflikts, Status quo), oder auch das „Typecasting“ eines bestimmten Schauspielers (Adam Sandler spielt meist den netten Trottel). Je besser wir solche Cues erkennen, desto ausgefeilter unsere Hypothesen, desto größer unser Rätselvergnügen und desto genauer unsere Vorhersagen.

Dr. Watson (Martin Freeman) und Inspektor Lestrade (Rupert Graves) in typischer Pose: verblüfft.© BBC, Sherlock, Staffel II, Episode 3Dr. Watson (Martin Freeman) und Inspektor Lestrade (Rupert Graves) in typischer Pose: verblüfft im Dunkeln, wie meistens die Zuschauer

Was bedeutet das nun alles im Hinblick auf „Sherlock“? Eigentlich ist es ganz einfach: Auch wenn nicht auszumachen ist, ob die „Sherlock“-Produzenten Steven Moffat und Mark Gatiss (letzterer übrigens zugleich der Darsteller von Sherlocks Bruder Mycroft) Bordwell und Co gelesen haben, das Spiel mit dem Wissensstand des Zuschauers beherrschen sie perfekt.

So füttern sie uns hungrige Hypothesensucher in jeder Folge mit Unmengen von Material an, das uns dann wiederum zu den wildesten Spekulationen verleiten soll. Stirbt Sherlock (Benedict Cumberbatch) wirklich beim Sturz vom Dach des St. Bartholomew’s Hospital (Folge III,2)? Wenige Folgen später scheint der Erzfeind Moriarty (Andrew Scott) von den Toten zurückzukehren (Folge III,3), aber hatte der sich nicht vor Sherlocks Augen erschossen? Oder war es nur ein großer Bluff? Jede Folge ist voll von großen und kleinen Hinweisen und Rätseln, die manchmal auf den ersten Blick keinen Sinn ergeben. Mit der Selbstsicherheit von Zauberkünstlern führen uns die Produzenten in diesem Labyrinth immer wieder auf falsche Fährten, leiten uns in Richtungen, die sich anschließend als gedankliche Sackgassen erweisen. Die einzige Gewissheit, die wir immer haben: Sherlock wird das Rätsel am Ende lösen. Doch warum der ganze Aufwand? Und: Warum muss bei „Sherlock“ der Zuschauer immer der Dumme sein?

„Normale Menschen füllen ihren Kopf mit allem möglich Müll“

Letztendlich dreht sich auch bei „Sherlock“ alles nur um gute Unterhaltung. Wer gut unterhalten wird, schaltet auch beim nächsten Mal wieder ein, kauft die DVDs und so weiter. Die Macher wissen, dass uns das Rätselraten diebisches Vergnügen bereitet. Je undurchsichtiger der Fall, desto versessener sind wir darauf, zu erfahren, wie die Geschichte am Ende ausgeht. Wir bleiben dran, koste es, was es wolle. Dieses Prinzip funktioniert aber nur dann, wenn die Serie verhindern kann, dass wir zu früh hinter die Handlung kommen. Nur so erzielt sie den größten Effekt.

BBC White Paper. File photo dated 26/10/15 of Sherlock star Andrew Scott, who has urged the Government to leave financial concerns out of decisions made about the BBC as the Culture Secretary prepares to publish his White Paper on the future of the broadcaster. Issue date: Wednesday May 11, 2016. The actor shot to fame as Moriarty in the hit BBC adaptation starring Benedict Cumberbatch, and recently played King Louis XI of France in the BBC's Shakespeare mini-series The Hollow Crown and villainous C in James Bond film Spectre. See PA story MEDIA BBC. Photo credit should read: Anthony Devlin/PA Wire URN:26292797 |Der andere Schlauberger ist dann gleich der Böse: Moriarty (Andrew Scott)|

Wovon „Sherlock“ am Ende wirklich lebt, ist nicht einmal der gute Cast oder der hohe Produktionsaufwand. Es ist die Tatsache, dass die Auflösung, der große Aha-Effekt, immer erst ganz zum Schluss kommt und wir mit einem Schlag – BAM! – genauso verblüfft dastehen, wie der meist ahnungslose Dr. Watson (Martin Freeman) oder schlimmer noch Inspektor Lestrade (Rupert Graves), die mit ihrem „durchschnittlichen“ Geist dem Genie nur schwer Paroli bieten können. Je länger wir hingehalten werden, sprich, je dümmer wir im Verlauf der Sendung sind, desto eindrucksvoller unsere persönliche, aber geborgte Epiphanie.

Man könnte natürlich meinen, dass man als Serienfan eigentlich davon abgestoßen sein müsste: Immer blöder zu sein, immer einen Schritt hintendrein, der ewige Watson, während Mister „Ich bin schlauer als alle Mensa-Mitglieder zusammen“ den Fall eigentlich schon entwirrt hat und mit der Auflösung scheinbar nur wartet, um weitere 45 Sendeminuten zu füllen und uns unterbelichteten Trotteln auch eine Chance zu lassen. Wollen wir in Wahrheit, dass der Mann mit dem dunklen Mantel die großen Rätsel für uns löst, unserem Verstand immer einen Schritt voraus ist? Brauchen wir das Genie als Leitfigur, um gleichzeitig zu hoffen, eines Tages doch schlauer als der große Detektiv zu sein und den Fall zu lösen, bevor das Superhirn alle Fäden zusammengeführt hat? Vielleicht gelingt es uns ja in der nächsten Staffel.

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18 Lesermeinungen

  1. Empathie
    Ich mag nicht für alle Zuschauer sprechen, aber den Kern eines Filmes bzw. einer Serie muss für mich die Empathie mit den Figuren bilden. Oder den Schauspielern, die diese Figuren verkörpern. Lassen diese mich kalt, „holen sie mich nicht ab“, ist mir auch ihr Schicksal im Verlauf der Handlung egal. Dies vermag meines Erachtens, von der Handlung her durchschnittliche Filme/Serien zu erheben, während zum Teil „clevere“ Filme dennoch ihr Publikum verfehlen, weil man zu den Hauptakteuren keinen Zugang findet.
    Und der zusätzliche Reiz von Sherlock: die Chemie der Hauptdarsteller stimmt einfach.

  2. Wurde immer schlechter
    Die ersten Folgen waren durchaus interessant. Aber je mehr Fortsetzungen, desto langweiliger wurde es.
    Irgendwann stand nicht mehr die Handlung im Vordergrund, sondern es wurde nur noch irgend etwas um die Hauptdarsteller konstruiert. Zum Teil so sinnfrei, dass ich abgeschaltet habe.

  3. Titel eingeben
    Sie widersprechen sich doch in den letzen beiden Absätzen. Sherlock soll keine Identifikationsfigur sein und gleichzeitig „lebt“ die Serie von interessanten Charakteren? Widerspruch. Plus, erzählen Sie das mit der Identifikationsfigur mal den ganzen Sherlock-Fans dort draußen.

    Das mit den Erfolgserlebnissen kann man auch so verstehen, dass es nicht darauf ankommt die Handlung vorauszusehen, sondern Hypothesen zu bilden und sich freuen wenn Teile davon aufgehen (oder am Ende eben alles).

  4. ... das ist so weil es eine Adaption ist.
    A.C.Doyle hat ja damals gerade damit die klassische Regel der Kriminalgeschichte gebrochen, weil der Leser eben nie vor Sherlock weiß was passiert. Das ganze ist eine Adaption und ist auch nur auf seine Natur als Adaption zurückzuführen.

  5. Eine Leiche
    zum Dessert ist eine (nunja) nette Krimipersiflage mit den berühmtesten Meisterdetektiven und beinhaltet folgendes Zitat: „Ihr Kriminalhelden seid so lange so clever gewesen, dass ihr euch inzwischen wie Götter vorkommt. Mit der billigsten Effekthascherei führt ihr eure Leser an der Nase herum. Ihr quält sie mit aus den Fingern gesogenen Schlüssen, die keinen Sinn ergeben. Noch auf den fünf letzten Seiten führt ihr Charaktere ein, die im ganzen Buch mit keinem Federstrich erwähnt werden. Informationen werden zurückgehalten, damit ja keiner errät, wer der Täter ist.“

    Nach diesem Rezept funktionieren fast alle Krimis (Inspektor Columbo mit einem modifizierten Strickmuster), Sherlock aber treibt es auf die Spitze, weil die Erklärungen meist so absurd sind, dass man ohnehin nicht darauf kommen kann. Das Mitraten kann man sich getrost sparen, denn es bleibt garantiert erfolglos, anders etwa als bei Tatorten, wo im Kreise der Zuschauer meist jemand behaupten kann, das schon von Anfang an geahnt zu haben.

    Erfolgserlebnisse können also nicht der Antrieb sein, diese Serie anzuschauen und Sherlock ist derart arrogant und hyperintelligent, dass er selbst bei der Freude am und Sehnsucht nach mehr (Pseudo-)Intellekt kaum zur Identifikationsfigur taugt, obwohl er Schrulligkeiten offenbart, die man von besonders intelligenten aber weniger geselligen Zeitgenossen gut kennt.

    Dennoch schaut man dem ungleichen Paar Sherlock/Watson gerne zu. Ich denke das Erfolgsgeheimnis liegt eher an den interessanten Charakteren und geheimnisvollen Bösewichten, den Haken, welche die mysteriösen Geschichten schlagen, dem Tempo der Erzählung und einer guten Filmtechnik und stimmungsvollen Bildern.

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