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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Die Fremdsprache ist den meisten egal

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Im Ausland auf Deutsch studieren? Das ist für viele kein Widerspruch. Nicht nur in Osteuropa schießen deutsche Studiengänge wie Pilze aus dem Boden. Ein Gespräch mit dem Ratgeber-Autor Björn Akstinat.

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Studenten am 04.09.2008 beim Unterricht in der deutsch-kasachischen Universität in Almaty. Foto: Wolfgang Kumm dpa +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit© DPAAn der deutsch-kasachischen Universität in Almaty

F.A.Z.: Herr Akstinat, deutsche Studenten reizt der Auslandsaufenthalt – offenbar aber nicht immer mit dem Ziel, auch in einer Fremdsprache zu studieren. Oder täuscht das gewaltige Angebot von über 700 Programmen in deutscher Sprache, die Sie in einem Buch zusammengetragen haben?

Björn Akstinat: Die Studenten, mittlerweile über 130.000 pro Jahr, zieht es raus, um Auslandserfahrung zu sammeln – ob sie an Veranstaltungen in einer Fremdsprache teilnehmen, ist den meisten nach meiner Erfahrung egal. Mehr als 35 Prozent wählen Studienangebote auf Deutsch. Deren großer Vorteil liegt darin, richtig mitstudieren zu können. Als Deutscher kann man den Vorlesungen problemlos folgen und Klausuren ohne Verständnisschwierigkeiten schreiben. Wer zum Beispiel in Großbritannien mit Erasmus auf Englisch studiert, freut sich vor allem über die Kneipenabende, weil man in den Kursen eh nicht alles versteht.

Wenn das sogar im englischsprachigen Ausland so sein soll – wie dann erst an all den exotischen Orten von Südamerika bis Ostasien, die Sie in Ihrem Buch auflisten?

Björn Akstinat Vortrag Universität-Copyright IMH-VERLAG© IMH-VerlagBjörn Akstinat

Der Großteil der deutschen Studenten geht nur kurz, für maximal ein Jahr ins Ausland, da sprechen wir also nicht über langjährige Aufenthalte. Ganze Studiengänge finden sich deshalb auch nur zu einem Teil in meiner Zusammenstellung. Etwa ein Drittel der 700 Programme bestehen eher aus einzelnen Vorlesungsreihen oder Sommerkursen, die auf Deutsch angeboten werden. Außer Frage steht doch: Um Fremdsprachen wirklich verstehen und sprechen zu können, reichen ein paar Monate einfach nicht aus.  Deutschsprachige Vorlesungen bei kurzen Auslandsaufenthalten sind deshalb sehr praktisch. Sie machen es möglich, dass man sich schnell und problemlos einfügen kann.

Aber was, wenn nicht die Sprache, ist dann eigentlich die Motivation für die Flucht aus Deutschland, wo doch der Ruf technischer Hochschulen Studenten von weit her, selbst aus Indien und China, anzieht? Warum „Bauingenieurwesen“ statt in Regensburg in Wolgograd, warum „Chemische Verfahrenstechnik“ statt in Aachen in Sofia studieren?

Zunächst: Oft finden sich in den Studiengängen mehrheitlich einheimische Studenten. Die Vorteile für Deutsche sehe ich darin, neue Länder zu entdecken und frühzeitig Verbindungen zu knüpfen. Die sind für die Wirtschaft und damit fürs spätere Berufsleben Gold wert. Noch einmal: Vollständig verständigen kann man sich ohnehin nur in der Muttersprache. Das gelingt nie ganz in der Fremdsprache, selbst in Amerika oder England sitzen die meisten Deutschen spätestens bei der Forschungsarbeit in der zweiten Reihe – im von Ihnen genannten Beispiel „Bulgarien“ erst recht. Ich konnte für mein Buch natürlich nicht überall mit Alumni sprechen. Deutsche, die für technische Studiengänge in Rumänien waren, haben mir aber zum Beispiel nur Positives berichtet.

Sind denn Qualität und Anforderungen gleichwertig? Erasmus als Party-Semester hat zwar seine Fürsprecher, aber wer ernsthaft im europäischen Ausland studieren will, stellt häufig fest: das dortige Ausbildungsniveau liegt unter dem deutschen.

09.02© Andrássy-UniversitätHomepage der Andrássy-Universität in Budapest – Screenshot

Es gibt in meinen Augen beides. Mancherorts sind die Anforderungen geringer, andernorts dafür deutlich höher. Im internationalen Vergleich ist das Niveau an deutschen Hochschulen nach meiner Einschätzung gesunken. Selbst Regionen wie Osteuropa haben in großen Schritten zu uns aufgeschlossen, die medizinische Ausbildung ist schon heute gleichwertig. Nehmen Sie die komplett deutschsprachige Andrássy-Universität in Budapest: Das ist eine Elite-Universität, an der nur die Besten genommen werden und der Unterricht auf sehr hohem Niveau in kleinen Gruppen stattfindet.

Wie hat sich das deutschsprachige Studienangebot im Ausland in den letzten Jahren entwickelt?

Es nimmt zu, es tut sich sehr viel. Zwar gibt es immer wieder Fälle von Studiengängen oder ganzen Hochschulprojekten, die dicht machen, etwa die Deutsch-Syrische Universität oder auch eine Hochschule in Pressburg. Das wird aber kompensiert durch zahlreiche Neugründungen, etwa in der Türkei, oder durch die Einrichtung eines deutschsprachigen Medizinstudiums in Polen. Das außergewöhnlichste Land ist eigentlich Rumänien. Dort lässt sich tatsächlich fast jedes Fach auf Deutsch studieren – von Journalistik bis Bauingenieurwesen.

Vielfalt und Wachstum scheinen in Osteuropa am ausgeprägtesten zu sein, wenn ich Sie richtig verstehe.

Ganz klar! Deutsch ist dort neben Englisch die wichtigste Fremdsprache, daraus ergibt sich die Vielzahl an Programmen. Auch andernorts floriert das Angebot: in Chile kann man sich zum Beispiel schon länger an der Universidad de Talca zum deutschsprachigen Grundschullehrer ausbilden lassen und zuletzt verzeichneten auch andere südamerikanische Länder Zuwächse. Aber Osteuropa ist in Sachen Umfang und Zunahme des Studienangebots führend, das steht außer Frage.

Welche Gründe gibt es für das Wachstum? Und in welchen Disziplinen hat die Nachfrage besonders zugelegt?

Ungarn mit seiner schwierigen Sprache bietet ein deutschsprachiges Kursangebot nicht zuletzt deshalb an, damit überhaupt Deutsche und Österreicher ins Land kommen. Länderübergreifend gibt es bei Ingenieurswissenschaften einen leichten, in den Bereichen Germanistik und Wirtschaft den stärksten Anstieg. Hauptgrund ist, dass sich viele Osteuropäer mit der Kombination aus deutschen Sprachkenntnissen und Wirtschaftswissen die besten Karrierechancen ausrechnen. Dort ist die Bundesrepublik als Standort wahnsinnig attraktiv. Als Deutscher sitzt man in solchen Studiengängen also überwiegend mit rumänischen oder ungarischen Kommilitonen in einer Klasse – was aber ja auch Sinn eines Austauschs ist.

Auffällig ist an den osteuropäischen Programmen, dass sie sich in den Siedlungsgebieten von Donauschwaben oder Siebenbürger Sachsen ballen. Muss man die Studienangebote auch im Kontext einer Minderheitenförderung sehen?

studaus2Anzeige der Babes-Bolyai-Universität Cluj-Napoca/Klausenburg

Ein bisschen schon, aber eher nachgeordnet. Im rumänischen Klausenburg wird durchaus auch deshalb so viel auf Deutsch angeboten, weil es eine deutsche Minderheit gibt. Nur ist diese heute so klein, dass man es eigentlich nicht tun „müsste“, sondern einfach macht. Hauptverantwortlich ist auch an solchen Orten die Stellung Deutschlands als europaweit wirtschaftsstärkstes Land.

Ohne deutsche Hilfe ist das Lehrangebot wohl nicht zu stemmen. Welche Rolle spielen aus Deutschland entsandte Dozenten?

Das Verhältnis von deutschen und nicht-deutschen Lehrkräften hält sich meist die Waage. Manche Wissenschaftler werden vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst, d. Red.) ins Ausland geschickt, wiederum andere erhalten Zuschüsse von Geldgebern wie der Robert-Bosch-Stiftung. So finden Lektoren weltweit den Weg an Germanistiklehrstühle und können Sorge dafür tragen, dass das Sprachniveau aufrechterhalten wird. Die Initiative dazu muss aber von den Hochschulen selbst ausgehen.

Auch die deutsche Seite scheint kooperationswillig zu sein. Beim Studiengang „Internationale Wirtschaft“ im ukrainischen Ternopil heißt es zum Beispiel: „Ein Studienangebot in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden“. Woher kommt das Interesse der Hochschulen hierzulande?

Da gibt es genauso den Willen, internationaler zu werden und Kontakte zu knüpfen. Konkret hat das einen regen Austausch zwischen Studenten, Dozenten und Lehrinhalten zur Folge. Die ausländischen Studenten können leichter nach Deutschland kommen, teils im Rahmen eines obligatorischen Auslandsaufenthalts, teils um ihr Studium in der Bundesrepublik fortzuführen, auch wenn die Lehrpläne nicht vollkommen identisch sind. So oder so ähnlich läuft es an vielen Orten.

In Istanbul stößt man sogar auf eine Türkisch-Deutsche, im fernen Almaty auf die Deutsch-Kasachische Universität. Auch die Deutsche Universität in Kairo wurde vor einigen Jahren gegründet. Tritt hier der deutsche Staat als Hochschulexporteur auf?

Die Bundesregierung tut in Sachen deutschsprachiger Studiengänge im Ausland nicht besonders viel. Hier könnte noch viel mehr gemacht werden. Der DAAD unterstützt einige Programme – doch dabei geht’s oft um englischsprachige Universitäten, die dann den Stempel „Deutsch“ verpasst bekommen. Die „German University in Cairo“ ist dafür ein gutes Beispiel: Trotz zahlreicher deutscher Dozenten läuft der Unterricht dort fast komplett auf Englisch.

Kommt die Initialzündung auch bei solch bilateralen Hochschulen aus dem Ausland selbst?

Viele Staaten haben erkannt, wie wichtig wegen der deutschen Sprache und Wirtschaft Kooperationen im Bildungsbereich sind. Deutsche Unternehmen treten verschiedentlich als Sponsoren auf, daneben sind es oft Privatleute im Ausland, die den Zündfunken geben. Und auch Förderwerken wie der Robert-Bosch-Stiftung kommt eine große Bedeutung zu, weil sie durch die Stipendienvergabe Studenten wie Dozenten finanziell absichern.

Stößt man nicht mancherorts auf politische Schwierigkeiten?

Überraschend selten. Nennenswerte Probleme gibt es momentan nur in Kriegsgebieten und in Russland, wo infolge der politischen Spannungen leider auch das deutschsprachige Studienangebot in einigen Regionen verringert wurde – vermutlich als Retourkutsche für die Sanktionen, keineswegs aus mangelndem Interesse bei den Studenten. Ich selber habe bis vor kurzem in Königsberg unterrichtet, bis der dortige Studiengang „Europawissenschaften“ gestrichen wurde. Sobald die Sanktionen ein Ende finden, nimmt vermutlich auch hier der deutschsprachige Lehrbetrieb wieder Fahrt auf.

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Das Buch von Björn Akstinat, „Deutschsprachige Studienangebote weltweit“ (160 Seiten, IMH-Verlag), ist jüngst in der sechsten Auflage als E-Book erschienen. Die aktuellste Datenbank kann man direkt beim Verlag (verlag@imh-service.de) bestellen.

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3 Lesermeinungen

  1. Wissenschaftssprache Deutsch
    Viele wissen gar nicht, wie wichtig Deutsch weltweit als Wissenschaftssprache ist. Auch der deutschen Bundesregierung ist das nicht bewusst. Sie fördert die eigene Sprache viel zu wenig. Ich habe selbst erfahren, wie hilfreich Studiengänge in der Muttersprache im Ausland sind. Für Engländer und Franzosen ist das ja normal. Ich durfte in Holland auf Deutsch studieren. Das war klasse! Die Kommunikation mit den niederländischen Dozenten und Studenten lief problemlos. Auch die Holländer freuten sich, dass sie in Gesprächen mit uns ihr Deutsch verbessern konnten.

  2. auf Deutsch? Überraschung eines Erasmus Studenten
    Kurz nach der Rückkehr von einem Semester in Schweden lese ich hier mit großer Überraschung von deutschsprachigen Studiengängen im Ausland. In meiner Fachschaft (Mathematik/Physik/Informatik) ist das kein Thema, da auch hier in Deutschland einzelne Vorlesungen und teilweise das komplette Masterstudium auf Englisch sind. Verständnisschwierigkeiten sind dabei kein Thema, schließlich sind alle Fachbegriffe ohnehin aus dem Englischen übernommen. So bin ich es auch in Deutschland gewohnt, mit Kommilitonen und Nachbarn Englisch zu sprechen – es ist die Sprache, die fast alle verstehen.

  3. Zweisprachigkeit muss das Ziel sein
    Und eine von diesen Sprachen sollte Englisch sein. Nur so können wir die linguistische Vielfalt Europas und der Welt bewahren und uns gleichzeitig für eine globalisierte Welt qualifizieren. Englisch als Pubsprache zu deklarieren, die unsere Studierenden ja eh nie voll und ganz erlernen werden ist schlicht falsch. Es geht nicht darum die Sprache perfekt zu beherrschen, sondern darum sich in der Fremdsprache verständigen zu können um menschliche Kontakte zu knüpfen, denn darum geht es im Beruf und an der Universität. Auch ist die Aussage, dass unsere Studierenden in Englischsprachigen MA/PhD Studiengängen hinten anstehen nicht richtig – sie gehören oft zu den Besten.

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