Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Bloon – die Immobilienblase für Studenten

| 4 Lesermeinungen

Wo bekommen Studierende in Zukunft noch bezahlbaren Wohnraum her? Die Architekturdozentin Agnes Giannone hat an der Uni Bochum ein provozierendes Projekt begonnen. Ist „Bloon“ die Rettung?

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© Agnes GiannoneVon der Außenwelt nur durch eine durchsichtige Hülle getrennt: Wohnen in der „Bloon“.

F.A.Z.: Frau Giannone, „Bloon“ ist eine transparente und formbare Wohneinheit aus Kunststoff, die zwischen zwei Häusern installiert wird und in der Höhe schwebt. Wie schläft es sich denn in der von Ihnen und den Studenten entwickelten Wohnblase?

Agnes Giannone: Ich selber habe zwar noch nicht darin übernachtet, der Untergrund ist aber weich und bequem und alle Bewohner haben bisher betont, dass sie sich in dem kuppelartigen Raum sehr geborgen gefühlt haben.

Wie ist die Idee zu dem Projekt „Bloon“ entstanden?

Das Bochumer Studentenwerk hat anlässlich seines 50. Geburtstag bei unserem Fachbereich angefragt, ob wir Interesse hätten, ein Projekt für das studentische Wohnen der Zukunft  zu entwickeln. Ich habe das Projekt dann mit meinen Studenten entwickelt. Die Stadt Bochum befindet sich wie das gesamte Ruhrgebiet in einem Strukturwandel. Betrachtet man die Einwohnerzahlen fällt sofort der große Anteil an Studenten auf. Jeder 7. Einwohner Bochums ist ein Student. Die Wohnheime befinden sich alle außerhalb der Stadt in Campusnähe, so entstand der Gedanke die Stadt für die Studenten zurückzuerobern. Orte, die für den Immobilienmarkt unbrauchbar erscheinen, wollten wir uminterpretieren. Letztendlich haben wir uns für eine Lücke in einem zentral gelegenen Wohnhaus als Standort entschieden.

© Agnes GiannonePlatz zum Wohnen: In dieser Häuserlücke entsteht die futuristische Studentenbude.

Wie ging es dann weiter?

Die Studenten haben zunächst einmal eine Umfrage unter Studierenden und Mitarbeitern der Ruhr-Universität gemacht, um zu schauen: Wie wollen die Leute eigentlich gerne leben.

Und was ist dabei herausgekommen?

Den größten Wert legen Studenten auf ein Bett und Internetanschluss. Außerdem bevorzugen die jungen Leute, dass ihre Unterkunft an etwas angedockt ist, das kann eine Dönerbude sein oder auch ein Schwimmbad. Manch einer könnte dagegen problemlos ohne Licht auskommen. Viele können auch auf eine Küche verzichten.

In Ihrem Wohnballon gibt es dann auch keine.

Genau, darin gibt es nur das Nötigste. Dusche und WC sind zum Beispiel integriert – in einer Telefonzelle, die zugleich der Zugang zum darüber gelegenen Wohnballon ist. Wir, eine Jury aus Künstlern, Architekten und dem Geschäftsführer des Studentenwerkes, haben gemeinsam die Idee der Wohnblase für die Weiterentwicklung prämiert. Diese wurde dann weitergedacht. Wenn die Trennung von Außen und Innen nur noch über eine dünne Haut funktioniert, der Boden weich und nachgiebig ist. Kann man dann noch von einem Haus sprechen ? Brauchen wir noch einen vordefinierten Raum ? Oder Möbel ?  „Bloon“ löst sich von  traditionellen Vorstellungen des Wohnens und verzichtet darauf.

Aber von außen ist die Wohnblase – zumindest am Abend – ja durchaus dekoriert.

Auf die Hülle von „Bloon“ werden fünf private Bilder vom Smartphone des jeweiligen Bewohners projiziert, diese Bilder vermischen sich mit den Bildern der anderen Bewohner zu einem Farbrauschen, oder man entscheidet sich, die Fotos einzeln anzusehen. Der physische Raum verschmilzt hier sozusagen mit der Projektion. Für die Umsetzung haben wir eine Gruppe Studenten aus Hildesheim, die das Start Up „Urban Invention“ gegründet haben, mit ins Boot geholt. Wir wollten, dass die Befindlichkeiten der Bewohner nach außen getragen werden, das Private ins Öffentliche gelangt. Das ist natürlich ironisch: damit man im Innern nur noch die Umrisse der Person sieht, muss sie etwas Privates nach außen hin preisgeben.

Diese persönlichen Bilder sind gleichzeitig die Währung für das Wohnen in der Blase. Gehen Studenten heute schon so großzügig mit ihren persönlichen Informationen um, dass sie sogar bereit sind, ihre Miete auf diese Art zu zahlen?

Überhaupt nicht. Das Ganze ist natürlich eine Provokation und eine Verletzung des öffentlichen Rechts. Es geht in unserem Projekt nicht einfach darum, die vorhandenen Realitäten zu zeigen, sondern darum, eine Beobachtung auf den Punkt zu bringen und sie dann in überspitzter Form zu materialisieren. Bei den meisten Leuten hat das „Pay with Data“-Prinzip eher Panik und Unsicherheit ausgelöst.

Apropos Unsicherheit: Kann man den Eingang, die Tür der Telefonzelle, überhaupt verriegeln?

Ja man verschließt sie mit einem Zahlenschloss. Den Code bekommt dann eben nur, wer seine persönlichen Bilder zuvor in die „Bloon“-Cloud eingespeist hat.

Privatsphäre vermittelt das Wohnen in der transparenten Blase dennoch nicht gerade. Worin sehen Sie den großen Vorteil dieser Wohnform?

Sie wird dem Bedürfnis junger Leute gerecht, mobil zu sein. Der Studentengruppe, die sie mitentwickelt hat, war es sehr wichtig, dass sie ihrem eher nomadischen Lebensstil entspricht. Am liebsten hätten sie eine Wohnung entworfen, die man einfach in den Rucksack packen kann.

© Agnes GiannoneÜber dem Telefonzellen-Eingang, der zugleich Nasszelle ist, entsteht der weiche und durchsichtige Schlafbereich.

Wie haben die Bochumer auf die ungewöhnliche Studentenbude in ihrer Nachbarschaft reagiert?

„Bloon“ hat eine regelrechte Strahlkraft entwickelt. Jeden Abend sind dort Menschen zusammen gekommen. Interessant war, wie sehr die Anwohner Rücksicht genommen haben auf das sichtbare Innenleben, die Intimität in der Blase.

Führen Sie das Projekt in diesem Semester fort?

Wichtig ist uns, die Wirkung von Tageslicht auf den Wohnraum zu untersuchen. Dafür arbeiten wir mit dem Chronobiologen Dr. Thomas Kantermann zusammen, der Messungen an den Bewohnern vornehmen wird. Es ist schon seltsam, dass im Bereich der Architektur noch keinerlei Messergebnisse vorliegen, die zeigen welche Rolle das Licht beim Wohnen spielt. Denn es ist ja klar, dass das fleckige, sich ständig verändernde Tageslicht eine ganz andere Wirkung bei Menschen auslöst, als künstliches. Wir fragen uns: Kann man das Zeitempfinden mithilfe von transparenten Wohnräumen steuern?

Wann wird das Projekt beginnen?

Im nächsten Jahr. Erstmal suchen wir nach passenden Standorten.

Wird sich unser Wohnen Ihrer Ansicht nach künftig verändern?

In jedem Fall ändert sich Räumlichkeit, vielleicht löst sie sich auf. Hans Hollein hat 1969 mit seinem mobilen Büro, ein transparenter, aufgeblasener Zylinder mit Telefonanschluss, den Gedanken der Auflösung räumlicher Grenzen schon vorweggenommen. Durch die Digitalisierung ist diese Verschiebung der Arbeitswelt in den öffentlichen Raum längst Realität geworden. Wahrscheinlich lässt sich das auch auf das Wohnen übertragen.

Die Fragen stellte Cindy Riechau

© Agnes GiannoneDen Ballon darf nur bewohnen, wer zuvor private Bilder von seinem Smartphone in die „Bloon“-Cloud eingespeist hat.

 

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4 Lesermeinungen

  1. "Wo bekommen Studierende in Zukunft noch bezahlbaren Wohnraum her?"
    Eine simple Eingangsfrage. Die Antwort reimt sich in Bochum z. B. auf „WG“ und „Wattenscheid“ und ganz bestimmt nicht auf „private Bilder hochladen“ und „Bloon“.

  2. "studentisches Leben"
    „Das Bochumer Studentenwerk hat anlässlich seines 50. Geburtstag bei unserem Fachbereich angefragt, ob wir Interesse hätten, ein Projekt für das studentische Wohnen der Zukunft zu entwickeln.“

    Ich bin überzeugt, „der gemeine Student“ ist nicht 35 und an Familiengründung interessiert.

  3. Titel eingeben
    Neue Wohnideen sind eine gute Sache ,
    Auch das sich junge Menschen ernsthaft Gedanken darüber machen und nach Lösungen suchen. …
    Ansonsten denke ich auch, dass sich solches Wohnen nicht mit der Gründung einer Familie vereinbaren lässt, zumal für die Kommunikation die Küche und das gemeinsame Essen unheimlich wichtig ist

  4. "Auflösung der Räumlichkeit"....
    …ist reines Wunschdenken. Alle, die das jetzt gut finden (nicht, daß es allzu viele wären), entscheiden sich um, wenn sie eine Familie gründen oder mehr als 35 Jahre alt werden.

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