Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Die Welt ist ein Mensa-Buffet

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Gehorcht die Welt der Studentenspeisung globalen Gesetzen? Was kommt im Ausland auf den Tisch, wie denken Gaststudenten über das deutsche Stammessen? Wir haben einen Food-Ethnologen und fünf Studenten befragt.

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quelle_ap© APKommt der halben Welt bekannt vor: Mensa-Essen aus Pakistan

Ja, es gibt sie, die Food-Ethnologie. Sie erforscht weltweit Esskulturen und deren Veränderung. Sebastian Schellhaas, Mitvorsitzender der 2008 gegründeten AG Kulinarische Ethnologie der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde, erklärt es so: „Ein kulinarischer Ethnologe fragt sich: Warum essen Menschen, was sie essen, zu bestimmten Zeiten, an bestimmten Orten, in einer bestimmten Zubereitung? Warum werden etwa in Südostasien Insekten gegessen und bei uns nicht?“ Bei der Beantwortung dieser Fragen zeichnen sich in seiner Disziplin zwei Grundthesen ab: Während einige Ethnologen der Meinung sind, dass die natürlichen Gegebenheiten unseres Lebensraums unsere kulturellen und damit auch unsere Ess-Gewohnheiten bestimmen, schreiben Anhänger des Strukturalismus diese Auswahl eher dem Unbewussten zu.

„Man spricht bei der Entscheidung, was gegessen wird und was nicht, auch vom Omnivoren-Dilemma“, sagt Schellhaas, denn: „Der Mensch ist eigentlich Allesfresser und braucht so viele Nährstoffe wie möglich, im Gegensatz zum Beispiel zum Koala, der nur von Eukalyptus lebt.“ Das Dilemma besteht laut Schellhaass, der an der Frankfurter Goethe-Universität zur Zeit die indigene Gastronomie Kanadas erforscht, nun darin, „dass der Mensch seine Lebensmittel dennoch auswählt, und sich nie sicher sein kann, ob er eine unbekannte Nahrung, mit der er konfrontiert wird, nun essen kann oder nicht.“ Diese Entscheidung träfen wir anhand unserer kulinarischen Grammatik: „Wie ein Wort, das wir auswählen, innerhalb eines Satzes Sinn ergeben muss, muss ein Geschmack zu unserer kulinarischen Grammatik oder zu unseren Geschmacksprinzipien passen, wie es in der Ernährungspsychologie heißt“, so Schellhaas.

Drei Globalisierungswellen seit Kolumbus

18-10© Sebastian SchellhaasSebastian Schellhaas bei der Feldforschung

Am Beispiel von Fast Food erklärt er, wie bestimmte Gerichte und Geschmäcker in die weltweiten kulinarischen Grammatiken eingefügt und angepasst würden: „In Hongkong sieht ein McDonalds ganz anders aus als in Berlin – und der Hamburger schmeckt auch anders. In Indien hingegen bekommt man bei McDonalds überhaupt keinen Rindfleischburger.“ Die Selektion globaler kulinarischer Einflüsse erfolge anhand der kulinarischen Grammatik, die auch in der Mensa gelte. „In Frankfurt gab es in der Mensa einmal eine Wok-Station, da schmeckten alle Gerichte ähnlich, aber keinesfalls wie in Südostasien. Sie waren eben an den deutschen Gaumen angepasst“, so Schellhaas.

Dass es überhaupt asiatisches Essen in deutschen Mensen gibt, erklärt sich die kulinarische Ethnologie (aus westlicher Perspektive) durch das Modell dreier „Globalisierungswellen“, deren erste bereits zu Kolumbus’ Zeiten herangerollt sei. „Damals kamen neue Zutaten wie Gewürze weltweit in Umlauf“, sagt Schellhaas. Erst während des Kolonialismus, der zweiten „Welle“, seien komplette Speisen aus fernen Ländern auf heimischen Tischen gelandet. „Und nun, in der dritten Welle, reisen durch die zahlreichen Migrationsbewegungen ganze Küchen um die Welt“, sagt Schellhaas.

Aus diesem Grund sind heute Sushi, Spaghetti Pesto und Chicken Curry in fast jeder Universitätsmensa zu finden. Ein Sauerbraten auf dem Mensa-Tablett hingegen würde wahrscheinlich Verwirrung stiften. Die wahre Exotik scheint zunehmend in der eigentlich traditionellen Küche zu liegen.

Werden die Thesen der Food-Ethnologie von den Beobachtungen reisefreudiger Studenten bestätigt? Wie schneidet Deutschland beim internationalen Mensa-Geschmacksvergleich ab? Wir haben eine unrepräsentative Umfrage unter Studenten gemacht.

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Hamburg/Istanbul

mensa-istanbul-k-schmidt© privatDas Ein-Lira-Mensa-Essen in Istanbul

„Nein“, antwortet Katharina Schmidt, die in Hamburg Ethnologie studiert, auf die Frage, ob es ihr an der türkischen Auslands-Uni geschmeckt habe. Sie war für zwei Semester in Istanbul und fand das Essen in der sogenannten Ein-Lira-Mensa „sehr schlecht“. „Kein Wunder, bei dem Preis von umgerechnet dreißig Cent“, sagt sie. Das Essen kann man sich in der Istanbuler Mensa auch nicht aussuchen: Jeder bekommt das gleiche Tablett mit Vertiefungen, die etwa mit Bohnen, Reis und Salat gefüllt werden, berichtet Katharina. Zum Trinken habe es üblicherweise Wasser in einem Plastikbehältnis und Ayran gegeben. Ähnlich wie in Deutschland empfand Katharina die türkische Mensa als „laut und zweckmäßig“. Ein Lieblingsessen habe sie dort nicht gehabt: „Da es mir nicht geschmeckt hat, war ich auch nur einmal da. In Deutschland sieht das anders aus, dort gehe ich häufig in die Mensa. Meistens gibt es dann etwas von der Salat- oder der Gemüsebar, oder einen Falafelteller.“

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Recife/Hamburg

mensa-hamburg-julia-bernardes-brasilien2© Júlia De Araújo BernardesFür Brasilianer sind deutsche Mensen ein Salat-Paradies

Júlia De Araújo Bernardes aus Recife isst in ihrer brasilianischen Heimat wiederum lieber zuhause als in der Mensa. “Es gibt kaum Auswahl, und das Essen kann man auch nicht mitnehmen. Das einzige, was sich hier am Speiseplan ändert, ist die Art des Fleisches, das man bekommt. Der Salat etwa ist immer der gleiche”, sagt die Brasilianerin, die Ethnologie und Soziologie studiert. Bei ihren Auslandssemestern in Deutschland war das anders: Hier sei sie immer in die Mensa gegangen. “Ich bin zwar kein Veganer, aber allein die veganen Optionen empfand ich als unglaublich vielseitig. In Brasilien gibt es nur manchmal Tofu”, berichtet Júlia.

Auch bei der Getränkeauswahl lag Deutschland für sie vorne, da es in ihrer Universität in Brasilien beim täglich festen Menü nur die Auswahl zwischen frischem Saft und Kaffee gibt. “Das Menü ist hier oft die einzige Essensoption. Die bekommt man im Unterschied zu Deutschland aber auch noch abends zum Dinner”, sagt sie. Júlias Lieblingsspeise in der deutschen Mensa waren die Salate vom Buffet, die sie als frisch und gesund empfand.

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Recife/Hamburg

hamburg-maria-rebelo-brasilien© Maria Luiza RebêloErinnerungsfoto für Brasilien

Maria Luiza Rebêlo kommt ebenfalls aus Brasilien, aber hat sowohl zuhause als auch bei ihrem Auslandssemester in Deutschland andere Erfahrungen gemacht. In Deutschland aß die Ethnologiestudentin während ihrer Zeit an der Uni Hamburg am liebsten den kulinarischen Klassiker der Hansestadt als Nachspeise: ein Franzbrötchen. “Und als Hauptgericht vielleicht Fisch, Salat und Pommes.” Von ihrer ersten Currywurst habe sie dafür mehr erwartet, und auch von der eher neuen deutschen Gewohnheit, rohen Fisch zu essen, ließ sie sich nicht überzeugen. “In Brasilien esse ich am liebsten Reis, grüne Bohnen, Süßkartoffeln und rotes Fleisch. Zum Dessert gibt es hier oft Brigadeiros, das sind Pralinen aus Kondensmilch mit Zucker und Schokolade”, sagt Maria.

Sie habe das Essen in beiden Ländern während ihrer Zeit in Deutschland lieben gelernt. Unterschiede stellte sie in der Qualität der Getränke fest: “In Brasilien gibt es viel frischen Saft, allerdings schmecken die industriell hergestellten Getränke nicht. In Deutschland gibt es weniger Frisches, dafür ist die Qualität der Softdrinks und künstlichen Säfte ziemlich hoch”, hat sie beobachtet. Apfelsaft mochte sie in Hamburg am liebsten, da man den in Brasilien kaum bekäme. Den zentralsten Gegensatz stellten für Maria die sozialen Gepflogenheiten der Studenten in der Mensa dar. “In Deutschland konzentrieren sich die meisten darauf, zu essen und dann schnell zu gehen. Hier in Brasilien ist die Mensa ein Ort, an dem man sich mit verschiedenen und neuen Leuten trifft.” Essen sei in Brasilien ihrem Gefühl nach sehr viel eher ein Moment der gesellschaftlichen Interaktion als in Deutschland.

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Warschau/Würzburg

polen-mensa© Maximilian KöllerFleisch mit Kartoffelsalat – Mensa-Klassiker aus Polen

Das hat in der Warschauer Mensa ganz anders erlebt. Die sei für polnische Studenten nur ein Notzeitvertreib und nimmt kaum einen Platz im studentischen Leben ein, während die Mensa in Deutschland für ihn sehr viel eher als sozialer Treffpunkt funktioniert. „In Deutschland sind wir manchmal bis zu zwei Stunden dort, was in Warschau niemals der Fall war“, sagt der Student der Wirtschaftswissenschaft aus Würzburg. Das Essen empfand Maximilian in Polen als qualitativ schlechter im Vergleich zu seinem Heimatland. „Ich habe während meines Auslandssemesters in Warschau nur sehr wenig in der Mensa gegessen. Das beste Gericht dort? Schwierig – vielleicht Schweinefleisch und Kartoffelsalat.“ In den deutschen Mensen schmeckt es ihm hingegen sehr gut: „Hier gibt es viele gute Gerichte, etwa Gyros, Currywurst oder Schnitzel.“

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Durban/München

su%cc%88dafrika© Maria DürgnerDieser Burger ist aus Durban, aber nicht aus der Mensa

Das südafrikanische Essen hielt während ihres Auslandssemesters für sehr ungesund im Vergleich zu dem, was sie von ihrer heimischen Münchner Mensa gewohnt ist. „Es gab eigentlich überhaupt keine richtige Mensa an der Universität in Durban, sondern nur eine Art größeres Kiosk. Die Studenten sind dann meistens zu irgendwelchen amerikanischen Fast-Food-Ketten zum Mittagessen gegangen, beziehungsweise den südafrikanischen Kopien davon“, sagt die Tourismusmanagement-Studentin. Häufig stand Pizza auf dem Speiseplan – und zwischendurch eine Tüte Chips. Immerhin habe es eine große Auswahl an frischen Säften gegeben, die wie die restlichen Lebensmittel um einiges günstiger als in Deutschland gewesen seien.

„In Deutschland esse ich dennoch sehr oft in der Mensa. Das Essen schmeckt und ist gesund, es gibt immer auch vegetarische Alternativen. Ich bin zwar kein Vegetarier, aber esse trotzdem ab und an gerne fleischlos in der Mensa“, sagt Maria. Ansonsten seien Schnitzel- oder diverse Nudel-Gerichte ihre Standardwahl beim Mittagessen in der Münchner Uni.

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Welche Folgerungen lassen sich von diesen Einschätzungen ableiten? Zumindest den Deutschen scheint es daheim in ihren Mensen immer noch am besten zu schmecken – hier „verstehen“ sie die kulinarische Grammatik. Das heißt allerdings nicht, dass die Studenten am liebsten Leberknödel mit Sauerkraut essen – im Gegenteil. Auch den Gaststudenten hat es in Deutschland geschmeckt. Das einstimmige Lob der deutschen Mensen liegt in der Auswahl begründet, das Buffet lieben alle. Dort gibt es ein bisschen was von überall.

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6 Lesermeinungen

  1. Einmal da, alle türkischen Mensen taugen nicht?
    Ich finde es ja interessant das man ausgerechnet als Ethnologie-Studentin ein Urteil zu türkischem Mensa-Essen im Allgemeinen abgeben kann und darf, wenn man nur ein einziges Mal in einer Mensa dort war und es einem nicht geschmeckt hat.

  2. Titel eingeben
    Interessantes Thema, da sieht man eigentlich wie gut es uns Essenstechnisch geht. Die Auswahl, immer noch größer und immer noch billiger, das ist unsete Mentalität . In anderen Ländern gibt es halt nur ein Essen und gut ist es.
    Ob Mensa Küche oder Betriebsgastronomie, überall das gleiche. Ein Ebenbild vom Dollase Blog

    • Titel eingeben
      Eine Empfehlung für was ?
      Meine Meinung war allgemein gehalten, da ich das aus der Praxis heraus ummer wieder erlebe.

  3. Titel eingeben
    guter Exkurs …. wünsche mir mehr solcher Themen ….zum Thema selbst empfehle ich die Beiträge von Jürgen Dollase hier bei der FAZ…..

  4. Pingback: Die Welt ist ein Mensa-Buffet - Blogseminar | A...

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