Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Die Ziele der Studenten sind nicht die der Universität

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Schon vor hundert Jahren wurde das Studium als mehr oder weniger willkommener Spielraum vor dem Beruf verstanden. Etwas hat sich aber doch geändert. Über das neue Leben der Studenten.

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Die studentische Lebensweise hat sich, verstärkt durch den Bologna-Prozess, deutlich geändert. Wer diesen Eindruck hat, ist allerdings gut beraten, sich keiner Nostalgie hinzugeben und zunächst festzuhalten, was sich gleich geblieben ist. Seit jeher waren Studierende junge Leute und seit jeher das Studium biographisch eine Zwischenzeit. Man wird nicht mehr erzogen, aber noch belehrt. Man kann mit dem eigenen Alter noch begründen, weshalb man sich nicht endgültig festgelegt hat: beispielsweise was das Arbeitsleben oder die Paarbeziehungen angeht. Aber man lebt bereits im Horizont solcher Entscheidungen. Manche Studenten empfinden das Studium darum als einen Spielraum, andere als lästigen Aufenthalt vor dem eigentlichen Erwachsenenleben, als eine Art Hindernisparcours, den die Gesellschaft zwischen sie und die Praxis eingeschoben hat.

© dpaWalter Benjamin, 1925

Das war schon immer so. Im Jahr 1915 publizierte Walter Benjamin, der später einer der bekanntesten deutschen Intellektuellen des zwanzigsten Jahrhunderts werden sollte, einen Aufsatz mit dem Titel „Das Leben der Studenten“. Benjamin war damals selbst Student der Philosophie und Germanistik in Berlin und dreiundzwanzig Jahre alt. Für die meisten Studenten, schreibt er, sei die Wissenschaft eine Berufsschule. Dass sie zu einem Beruf verhelfen soll, ist für Benjamin aber eine Art Verrat am Streben nach Erkenntnis. Denn was bleibe von der Freiheit der Wissenschaft übrig, wenn von ihr „mit brutaler Selbstverständlichkeit erwartet wird, dass sie ihre Jünger zu sozialer Individualität und Staatsdienst führe.“

Benjamin hatte eine Universität vor Augen, deren meiste Absolventen Beamte wurden. Seine Beschwerde, es herrsche an den Hochschulen eine Verfälschung von „Schöpfergeist in Berufsgeist“ würde heute aber genau so gut alle Berufsinteressen treffen, die auf die Wirtschaft gerichtet sind. Die „irrationale Wartezeit auf Amt und Ehe“ führe zugleich zur Vorstellung, die Studenten sollten ihre Jugend genießen. Benjamin hat eine Universität vor Augen, in der Studierende überwiegend männlich waren und viele davon in Burschenschaften organisiert, die sich mehr mit Trinken und Fechten beschäftigten als mit Lesen und Schreiben. In Berlin gab es Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine Verbindung, die ihren Mitgliedern untersagt haben soll, Vorlesungen zu besuchen.

Vom Rest der Gesellschaft separiert?

Wenn man hieraus die Obsession durch Männlichkeit streicht, bleibt die Freude an Partys übrig, die seitdem bestimmt nicht abgenommen hat. Das Studium als von Partys und Kontaktemachen begleitetes Warten auf den Beruf ist seit jeher eine Dimension dieser Lebensphase. Besonders ausgeprägt zeigt sich das an amerikanischen Colleges mit ihren „Eating Clubs“ und ihren „Greek letter organizations“ (Kappa Alpha, Chi Psi, Alpha Tau Omega usw.).

Debra Saunders-White, center, with daughter Elizabeth Paige, right, receives a bouquet from Alpha Kappa Alpha Sorority, Inc. members at North Carolina Central University on Friday, Feb. 8, 2013. Saunders-White is deputy assistant secretary for higher education with the U.S. Department of Education and has been named the 11th chancellor of N.C. Central University. Saunders-White has been selected as the 11th chancellor of North Carolina Central University and will assume her new duties June 1. (AP Photo/The Herald-Sun, Bernard Thomas) MANDATORY CREDIT |© dpaFeierstunde in der „Alpha Kappa Alpha“-Verbindung

Was aber hat sich denn nun geändert? Der Soziologe Rudolf Stichweh weist gerade in einem kleinen Text über „Studentische Lebensführung“ auf eine wichtige Unterscheidung im Studierverhalten hin: Führt die besondere Lebensphase dazu, fragt er, dass sich das Universitätsleben vom Rest der Gesellschaft separiert oder nicht? Viele der berühmtesten – und teuersten – amerikanischen und englischen Universitäten drücken schon durch ihre räumliche Lage aus, dass dem dort so ist. Die Universität liegt im Wald (Cornell), in unwirtlichen Gegenden, die man besser nicht aufsucht (Chicago), im Nirgendwo oder in Städtchen, die ganz auf das Studentenleben konzentriert sind (Duke, Princeton, Oxford). Die Studenten wohnen auf dem Campus, ihre sozialen Kontakte sind überwiegend solche zu Kommilitonen, das Studium verläuft oft internatsförmig.

Die Universität definiert nicht mehr die Realität

Anders hierzulande. Die Universität ist nur noch für die wenigsten Studenten der Lebensmittelpunkt. Ihr zeitliches Engagement geht in den seltensten Fällen über das Verlangte hinaus. Das gilt selbst für die Vereinigten Staaten, für die es Zahlen gibt: Wurden 1960 noch 40 Wochenstunden dem Studium gewidmet, waren es 2003 noch 25 Stunden. Vor allem die private Lernzeit ist deutlich zurückgegangen. Die ECTS-Fassaden der Bologna-Reform, die das studentische Engagement abrechnen, als handele es sich um Angestellte der Hochschulen, drücken auf ihre Weise denselben Umstand aus. Die Studierenden werden nicht, wie Stichweh formuliert, aus dem gesellschaftlichen Normalleben herausgenommen, sondern dessen Formen werden ihrer Studienphase aufgeprägt.

Jun. 06, 1908 - Ithaca, NY, USA - Cornell, University - Panorama of Steamships Adeline Smith, Nann Smith and Redondo loading at the mills of the C. A. Smith Lumber and Manufacturing Co., Marshfield, Oregon |© dpaPanorama der Cornell University aus dem Jahr 1908

Dazu gehört auch, dass viele Studenten sich parallel zum Studium schon um den Berufseinstieg kümmern. Sie setzen nicht mehr alles auf die Karte des Abschlusses. Stichweh hat Zahlen aus der Schweiz, die eine Erwerbstätigkeit von mehr als 80 Prozent aller Studierenden belegen, im Mittel dreizehn bis vierzehn Stunden pro Woche. Entsprechend nehmen die Entschuldigungen gegenüber den Dozenten zu, man könne heute nicht, oder erst etwas später. Nur zum Teil geht es dabei um Studienfinanzierung und die des Lebensstils, wichtiger ist, dass die Studierenden „ihre Definition von Realität nicht der Universität zu überlassen bereit wären“. Walter Benjamins Ideale gehören ebenso einer vergangenen Zeit an wie das selbstverständliche Faulenzen während des Studiums, das sich leisten konnte, wer ohnehin zu einer winzigen Schicht gehörte – damals studierten nur ein paar männliche Prozent von jedem Jahrgang.

Das gibt es nur noch in Festreden

Dasselbe gilt für den Umstand, dass die allermeisten Studenten in der Nähe ihres Heimatortes studieren. Auch hier findet der idealistische Wunsch, das Studium diene dazu, jungen Personen aus vertrauten Kontexten herauszureißen und in der Fremde zu sozialisieren, seine Begrenzung. Wenn man berücksichtigt, dass die Studenten vor kurzem noch lieber in Heidelberg gegen Studiengebühren demonstrierten als in Leipzig gebührenfrei bei billigerem Wohnraum zu studieren, wird deutlich, dass auch hier bei vielen nicht die ökonomischen Motive im Vordergrund stehen. Sondern eine Lebensplanung, in der die Universität eben nur eine Rolle unter anderem spielt. Weswegen sich die Hochschulen auch nicht mehr so intensiv wie früher um zügige Studienabschlüsse bemühen müssen, die Studenten machen das von sich aus. Sie wollen gar nicht lange verweilen.

BWL-Studenten verfolgen am 07.11.2012 eine Vorlesung an der Universität Hildesheim. Im Falle eines Wahlsieges bei der Landtagswahl 2013 in Niedersachsen will Rot-Grün die Studiengebühren nicht sofort abschaffen. Foto: Julian Stratenschulte/dpa (zu lni 0931 vom 07.11.2012) | Verwendung weltweit© dpaGar nicht lange verweilen: BWL-Studenten an der Universität Hildesheim

„Die Ziele der Studierenden sind nicht mehr die Ziele der Universität“, fasst Stichweh diese Veränderungen zusammen. Er meint: die Ziele der alten Universität, die einen gegenüber dem Rest der Gesellschaft deutlich langsameren, weil auf geduldige Erkenntnis zielenden Zeittakt hatte. Und ergänzt: Heute sind auch die Ziele der Professoren nicht mehr so zu verstehen. Die nämlich interessieren sich vor allem für straffes Publizieren und darum für Forschung. Forschung aber funktioniert desto besser, je weniger man zeitlich durch Belange der Universität und durch Lehre belastet ist. Der immer stärkere Rückzug der Professoren aus den Lehrveranstaltungen, ihr ständiger Aufenthalt außerhalb der Universität, im ICE zwischen Wohnort und Hochschule, in außeruniversitären Instituten, auf Tagungen, ist offenkundig. Entsprechend groß ist das wechselseitige Verständnis beider Gruppen für den Abwesenheitsbedarf der anderen Seite. Man tauscht Toleranz gegenüber Ausweichverhalten, wozu auch die Noteninflation und geringe Anforderungen gehören.

Noch einmal: Das alles gab es auch früher schon. Heute jedoch ist es normal geworden. Die Universität bietet Anschlüsse und Abschlüsse, aber keine Lebensform an. Am beliebtesten sind Fächer, die in keinem Kontrast zum Berufsleben stehen. Fächer, denen Berufsaussichten nicht angesehen werden können, bemühen sich darum, lange Listen mit „Kompetenzen“ vorzulegen, die diesen Eindruck zerstreuen sollen. Stichweh berichtet, dass sein eigenes Fach, Soziologie, an der Universität Luzern, an der er lehrte, erst richtig attraktiv wurde, als man es in der Studiengangsbeschreibung um „Kommunikation“ ergänzte. Die ständige Mahnung der Studenten in allen Umfragen, das Studium müsse praxisnäher sein, unterstreicht solche Eindrücke. Die Formel, an der Universität seien „Einsamkeit und Freiheit“ bestimmend, sollte also aus den Festreden endlich gestrichen werden. Denn das sind Werte, die heute nur noch eine kleine Minderheit maßgeblich findet.

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22 Lesermeinungen

  1. GEHT SO!
    Ich finde an einigen – also den mir bekannten – UNI/TU/FH’s
    kann man sehr Gut studieren und wenn man sich nicht so sehr
    an den CP’s orientiert auch sehr Erkenntnisreich :)

    Das Moderne Angebot durch OnlineServices usw. macht die
    Prof. – Studenten Kommunikation sehr viel einfacher und
    lässt einem viel Freiraum.

    Wer sich die Zeit nicht gönnen möchte – Studiert halt
    nach Muster – 3-5 Jahre bzw. hat mit ein wenig Glück,
    gleich ein DualesStudium an der Backe!

    Klagen lässt sich meiner Kenntnis nach vorallem an der
    Lebenssituation, welche durch schlechte Deckung
    des Kontos – schnell zu einem Fiasko werden kann!
    es gab ein Semester (von bisher 9) indem ich Wochen im
    Zug verbracht habe!!! :(

    UND BIBLIOTHEKEN! Welche vor 000 Uhr schließen!
    was soll so was?

  2. Erinnerung
    Mein Studium ist über 40 Jahre her. Unsere Professoren: wir liebten sie, wir hassten sie; es waren „Typen“. Und sie kannten uns mit Namen. Und wir hatten Zeit, auch über die Grenzen des eigenen Faches hinauszuschnuppern.
    Heute bin ich selbst ein akademisch geprüfter „Typ“ und schnupper noch immer gerne über Grenzen hinaus. Das „Alltagswissen“ für meine Berufsfelder habe ich mir mit der Zeit selber geholt. Ich hatte gelernt, wie man das macht.

  3. Das Gehirn hat Grenzen
    @Gast 15:25 – Meiner Erfahrung nach kann man nicht über längere Zeit hinweg 60 – 80 Stunden pro Woche studieren. Mathematik schon gar nicht. Für meine Mathematikexamen habe ich 3.5 bis 4 Std pro Tag konzentriert gelernt.

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