Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Diese Antwort war absolut nutzlos

| 8 Lesermeinungen

„University Challenge“ ist eine britische Institution. Die Quizshow für Studenten begeistert seit 1962 die Zuschauer im Königreich. Doch was macht die Sendung so beliebt – und sind die Teilnehmer wirklich genial?

***

© BBCDie Finalisten der jüngsten „University Challenge“-Ausgabe

Können Sie aus dem Stand folgende Frage beantworten? „Der österreichische Feldmarschall Mack ergab sich 1805 bei Ulm welchem französischen Kommandeur?“ Nein? Klingelt da wirklich gar nichts? Machen Sie sich keine Sorgen, Sie sind vermutlich in guter Gesellschaft (die Auflösung finden Sie am Ende des Texts). Das Höllenrätsel stammt aus der Mutter aller Mensa-Quizshows, „University Challenge“. Wie, von der haben Sie auch noch nie gehört?

Das Konzept ist schnell erklärt. Stellen Sie sich einfach „Wer wird Millionär“ vor, jedoch mit zwei Teams anstatt eines Kandidaten. Günther Jauch ersetzen Sie durch diesen Mann (Jeremy Paxman) und anstatt einer Hausfrau aus Bottrop, oder Jörn, dem netten Systemadministrator aus München als Teilnehmer, denken Sie sich die Freundin des Neffen ihrer Tante, die mit dem sagenhaft hohen IQ, oder den Nachbarsjungen, der früher bei Trivial Pursuit immer schon die Antwort wusste, bevor die Frage ganz ausgesprochen war. Stellen sie sich nun acht ihrer Sorte vor, die im Rennen gegen die Zeit und gegeneinander ausschließlich „Eine Million Euro“-Fragen beantworten und bei Fehlern mitunter „Diese Antwort war absolut nutzlos“ vom Moderator zu hören bekommen. Ein Preisgeld gibt es nicht, dafür wird die Siegestrophäe schon einmal von Stephen Hawking persönlich „übergeben“. Willkommen in der Welt von University Challenge.

© Balliol CollegeDas Gewinner-Team von links nach rechts: Joey Goldman (Kapitän), Benjamin Pope, Freddy Potts und Jacob Lloyd – in der Mitte, natürlich, Stephen Hawking

Erstmals ausgestrahlt im Jahr 1962, gehört „University Challenge“ mit über dreieinhalb Millionen Zuschauern heute zu den populärsten und sicherlich legendärsten Quiz-Sendungen der Insel. Die britischen Zeitungen berichten über die skurrile Show wie über ein sportliches Großereignis. Und so werden alljährlich zu jeder neuen Ausgabe ganze Artikelserien dem Phänomen „University Challenge“ gewidmet, während um die Teilnehmer – besonders um die Exemplare, die gemeinhin wohl als „nerdig“ bezeichnet würden – ein ganz eigener Hype entsteht. Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass Fans online die Augenbraue einer Teilnehmerin feiern, oder den „Stars“ der jeweiligen Ausgabe auf Twitter Heiratsanträge machen. 2006 wurde die Sendung sogar Hauptbestandteil der Komödie „Starter for 10“, die sich um einen Studenten dreht, dessen größter Traum es ist, für seine Universität anzutreten.

Teilnehmen dürfen generell alle Universitäten der Insel, unter den Gewinnern stehen aber meist nur Oxford, Cambridge und die University of Manchester. Dass die beiden bekanntesten Universitäten des Landes regelmäßig gewinnen, liegt weniger an der Intelligenz ihrer Teilnehmer, als an einem unfairen Startvorteil. Da sie traditionell für jedes ihrer Colleges ein eigenes Team aufstellen dürfen, könnten beide zusammen theoretisch rund 70 Teams ins Rennen schicken – pro Ausgabe. In der Realität ist die Zahl geringer, doch der doppelte Standard bleibt – ein Umstand, der 1975 die Teilnehmer aus Manchester dazu veranlasste, auf jede Quizfrage des Moderators den Namen eines bekannten Marxisten zur Antwort zu geben, um gegen die elitäre Haltung der Sendung zu protestieren.

Nur was macht die Sendung so überaus beliebt? Um dieses Rätsel zu lösen, fragt man am besten einen, der es wissen muss. Benjamin Pope vom Balliol College der Universität Oxford gewann mit seinen Teamkollegen Joey Goldman, Freddy Potts und Jacob Lloyd die diesjährige Ausgabe der Sendung. Er sieht drei Gründe für den Erfolg der Show, wie er im Gespräch sagt: „Erstens greift die Sendung gewisse Dinge auf, die in der britischen Kultur traditionell eine große Bedeutung haben, zum Beispiel das Pub Quiz oder die generelle Beliebtheit von TV-Quiz-Sendungen als Form der Unterhaltung.“ Selbst „Queen Mum“, so das Gerücht, sei Fan der Sendung gewesen und soll regelmäßig Wetten auf den Ausgang abgeschlossen haben. Der zweite Punkt, so der Astrophysiker, der mittlerweile für die NASA arbeitet, sei die ambivalente Beziehung der Briten zu Klassenunterschieden, die auch in der Sendung zur Geltung kämen. „Es gibt natürlich diese große Faszination für Oxford, Cambridge und ihre Colleges, viel wichtiger aber noch ist, dass der Ruf jeder teilnehmenden Universität auf dem Spiel zu stehen scheint. Das schafft sofort ein Gefühl von Drama. Natürlich wissen die Zuschauer auch immer, wer der Underdog ist und sind dementsprechend emotional bei der Sache.“ Zuletzt sei da, so Pope, natürlich noch die menschliche Ebene: „Man verfolgt die Höhen und Tiefen verschiedener, sehr charmanter, aber oft eben auch recht exzentrischer Charaktere über eine ganze Staffel hinweg. Für viele ist dieses Mitfiebern mit ihren Favoriten der Hauptanziehungspunkt.“

*****

Leider ist auch die Auswahl der angebotenen Video-Clips auf der BBC-Website etwas skurril, die jüngste berücksichtigte „University Challenge“ ist aus dem Jahr 2014, gibt aber einen guten Eindruck der Sendung. Auf Youtube gibt es das jüngste Finale hier.

*****

Ohnehin, die Teilnehmer. Ihnen eilt gemeinhin der Ruf voraus, genial zu sein – bei den speziellen Fragen, die typischerweise in der Sendung gestellt werden, wenig verwunderlich. Doch stimmt das? Die beste Antwort hierauf ist vermutlich ein beherztes „Jein“. Ohne Frage treten in der Show viele kluge Köpfe an, viele Universitäten halten alljährlich Ausscheidungswettkämpfe ab, in denen darüber entschieden wird, wer letztendlich im Team landet. Auch Benjamin Pope verneint, dass nur „Genies“ teilnehmen. „Die meisten sind ziemlich schlau, aber die wenigsten sind außergewöhnlich. Viele Fragen zielen auch auf Dinge ab, die ein guter Student normalerweise über sein Fach wissen würde.“ Die stark akademische Ausrichtung der Fragen, so Pope, trage auch dazu bei, dass die Teilnehmer dem normalen Zuschauer sehr intelligent vorkämen, obwohl es sich eigentlich eher um das gezielte Abfragen von Fachwissen handele. Selbstverständlich stechen auch immer wieder Teilnehmer aus der Masse heraus. Eine davon ist Gail Trimble, mittlerweile mit nur 34 Jahren Associate Professor für Klassische Altertumswissenschaft und Literatur an der Universität Oxford, die vom englischen „Daily Mirror“ nach ihrer Teilnahme 2008 den Titel „Human Google“ verpasst bekam, während einer ihrer Gegner das Aufeinandertreffen in der Sendung später als „intellektuellen Blitzkrieg“ beschrieb.

Und da der Reiz der Show gerade darin besteht, vermeintlichen Genies beim Quizzen zuzusehen, hilft die Produktionsfirma ab und an auch ein wenig nach. Der Geniekult ist gewollt und wird bewusst inszeniert, inklusive des dramatischen Schnitts von Szenen, in denen keiner der Teilnehmer die Antwort auf eine Frage wusste. Entgegen der Vorstellung vieler britischer Fernsehzuschauer ist University Challenge nämlich keineswegs live. Die Sendung wird einige Zeit vor der Ausstrahlung aufgezeichnet, inklusive des großen Finales und der Preisvergabe. Alle Teilnehmer und besonders die Finalisten dürfen dann bis zur Ausstrahlung kein Wort darüber verlieren, ob sie die begehrte Trophäe gewonnen haben oder nicht.

Offen bleibt, ob man sich auf Fragen wie „Welche bedeutende Schlacht ist im Namen einer Pariser Metrostation verewigt, die nur eine Haltestelle vom Gare du Nord entfernt liegt?“ wirklich gezielt vorbereiten kann. Gibt es sie, die geheime „University Challenge“-Strategie, die leichter zum Sieg verhilft? Benjamin Pope lacht bei dieser Frage. „Tatsächlich fragen mich seit meiner Teilnahme viele: ,Wie hast du dich darauf vorbereitet?’ und sind dann überrascht, wenn ich ihnen erzähle, dass niemand aus unserem Team für die Teilnahme an der Sendung gebüffelt hat. Ich habe einfach nur Physik studiert und die letzten Jahre viel gelesen, mehr nicht.“

***

*Antwort auf die Frage aus dem ersten Absatz: „Napoleon Bonaparte“

*Antwort auf die letzte Frage: „Stalingrad“

2

8 Lesermeinungen

  1. Keine Antwort ist nutzlos...alle(s) A/antworten dien/t/en der Selbsterkenntnis und Einsicht?
    :=)

  2. Dieses Quiz ist absolut nutzlos
    Denn wozu ist die Abrufbarkeit derart sinnlosen enzyklopädischen Wissens heutzutage noch gut ? Französische Kommandeure dürfte es zu Anfang des 19. Jh. so einige gegeben haben, und auch U-Bahn Stationen mit Schlachtnamen gibt es etliche in Paris. Im Zeitalter von Google beantwortet allerdings fast jeder diese Fragen in 2 Sekunden. Klugheit oder gar Genialität ist was ganz anderes. Welcher dieser College-Nerds kann etwas eigenes schaffen, erfinden, oder auch nur ein komplexes Problem treffend analysieren ? Das wird ja bei solch altertümlichen Quizes nicht abgefragt. Vielleicht sind sie deshalb in Deutschland schon ausgestorben, bzw. es gibt sie nur noch in Form von „Wer wird Millionär“ mit Otto Normalmensch als Kandidat.

    • Wissen macht Spaß, spart Zeit und schafft Aha-Effekte
      Natürlich kann man alles googeln, aber was das an Zeit kostet! Und einem entgehen die vielen kleinen Aha-Erlebnisse, die Querverbindungen, die sich ergeben, die neuen Synapsenschaltungen… Das ist doch der Reiz von Wissen! Wenn sich über die Jahre ein Netz aufbaut, dass immer dichter wird.
      Ausserdem gibt Wissen einem das Selbstvertrauen, dass das Hirn noch funktioniert. Wie sollte jemand, der nichts weiss, das sonst rauskriegen? :-)

    • Der mystische Gott Google
      Genauso könnten sie behaupten, dass es keine Ärzte mehr braucht, da ja die Symptome App eine genauso gute Diagnose liefern kann. Das dies nicht der Realität entspricht sollte jedem einleuchten.
      Wie im Artikel auch erläutert wird, handelt es sich hierbei nicht um den autistischen 15 Jährigen, der den Brockhaus auswendig gelernt hat.
      Es handelt sich um (angehende) Wissenschaftler, die dieses breite Wissen brauchen um die komplexen Probleme ihres Fachbereiches analysieren und verstehen zu können.

    • Natürlich
      ist das Ganze nutzlos- so wie es nutzlos ist einen Ball mit dem Fuß in ein Tor zu bugsieren. Aber unterhaltsam ist es halt.

    • Na klar muß ich für komplexe Probleme meines Fachs wissen, ob nun die U-Bahn
      Iena, Bir Hakheim oder vielleicht Sebastopol in der Nähe des Gare du Nord liegt. Ach, es ist auch nicht Austerlitz ? Nein, zu weit weg. Dann eben Stalingrad. Sie haben schon recht : man sollte immer den Metro-Plan von Paris im Kopf haben. Und alle französischen Generäle um 1800 auch…
      Wie schon Günter Jauch über seine eigene Sendung sagte : Das ist Abfragen von Zufallswissen und hat mit Bildung nichts zu tun.

  3. Besser als unser Prekariatsfernsehen
    Bei den Angelsachsen haben Allgemeinbildung und Wissenschaft einen ganz anderen Stellenwert, als bei uns. Während dort wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschungsergebnisse auch ihren WWeg auf die Titelseiten finden, gibt es etwas bei uns in wenigen Zeitungen irgendwo im Innenteil. Man prahlt hier ja sogar gerne damit eine absolute Niete in der Schulmathematik gewesen zu sein und arbeitet sich bei Quizsendungen gerne am Prekariatswissen und Informationsmüll ab, man will ja keinesfalls irgendwelche Zuschauer überfordern und auch Schulabbrecher „mit ins Boot holen“.
    Beide Fragen erfordern kein Spezialwissen, sondern sind mit einer gehobenen Allgemeinbildung durchaus zu beantworten. Das sind Themen, welche die jüngere Geschichte tangieren und nicht irgendwelche Neuigkeiten aus La-La-Land.

  4. Indeed
    Die Augenbrauen waren echt nett… .
    Peter Lustig würde ausnahmsweise sagen: Einschalten.

Kommentare sind deaktiviert.