Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Dollase vs. Mensa (14)

| 13 Lesermeinungen

Die Fernsehserie „Big Bang Theory“ wäre ohne ihre nerdigen Tischgespräche undenkbar. Wenig beachtet wurde bisher, was da genau auf den Mensa-Tisch kommt. Wir haben es uns näher angesehen und Rückschlüsse gezogen.

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image15© CBSHier geht alles mit allem: Sheldon Cooper (hinten) isst zum Lunch Pommes mit Rinderhack und Erbsen. Auch aus Leonards Wrap, Omelett oder Calzone schaut etwas Grünes heraus.

So viel steht fest, Gourmets sind die hochbegabten Wissenschaftler in „Big Bang Theory“ nicht.  Es wird eigentlich mehr beim Essen in der Kantine des „California Institute of Technology“ (Caltech) gesprochen als über das Essen. Auch zum Mund geführt wird wenig, stattdessen wird oft mit einer Plastikgabel im Sandwich herumgestochert. Nur in der Folge II,2 wird Sheldon Cooper, der sich nach Wittgensteins Devise „Mir ist egal, was ich esse, Hauptsache, es ist immer dasselbe“ zu ernähren scheint, deutlich: Er habe jetzt den Beweis dafür, dass er nicht in der Matrix lebe – wenn dem nämlich so wäre, wäre sicher das Kantinenessen besser. Wir haben unseren Gastronomie-Kritiker Jürgen Dollase gebeten, sich die Stammessen der Fernsehserie in einigen Screenshots einmal genauer anzusehen (F.A.Z.).

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Liebe Leser,

pünktlich zum Weihnachtsfest schweifen wir einmal ab, und zwar in Gefilde, die uns über ihre große mediale Verbreitung ebenfalls relevantes Material zum Thema „Mensa“ und Großküche liefern. Es geht in die Kantine, die in der Fernsehserie „Big Bang Theory“ eine nicht unbedeutende Rolle spielt, es geht zu Nerds, die die ganz großen Probleme wälzen und sich dabei – wie soll man es sagen – auch irgendwie ernähren. Hat das Eine etwas mit dem Anderen zu tun? Werfen wir also einmal ein Blick auf das Essen und seine mögliche Funktion.

Die Ferndiagnose fördert Karges bis Merkwürdiges zu Tage. Man mit Plastikgabeln, und auf dem Tisch stehen die kleinen Mühlen für Salz und Pfeffer, die sich auch bei uns langsam verbreiten. Vieles kommt uns bekannt vor, vieles hat etwas mit Brot zu tun. Beim Hamburger als Griffschale, bei den beliebten Wraps als unnötige Verpackung für Elemente, die oft eher einzeln Sinn machen würden. Erbsen scheinen beliebt zu sein, mal zu Pommes und Hamburger, mal mit Mais und Limabohnen, man denkt an angelsächsisches Erbe, an Großbritannien und das strahlende Grün der ubiquitären Erbsen aus Dose oder Tiefkühltüte. Die Gemüsestücke sind erstaunlich groß und wirken wenig behandelt, wie überhaupt die Arbeit von Köchen in Form von komplexeren Zubereitungen kaum zu erkennen ist.

image5© CBSIn dieser Szene aus Folge II,3 wird gewrapt, was das Zeug hält. Es gibt Brot aber nicht nur in gerollter, sondern oft auch in geschichteter Form (Sandwich) und als Griffschale (Hamburger).

Die Gedanken gehen in drei Richtungen. Wenn Nudelragout mit Sandwich und großen Salat- und Gemüsestücken „geht“, wenn Erbsen zu allem gehen und überhaupt alles zu allem geht, ist das ein Hinweis darauf, dass die gerade eben erst beklagte postfaktische Wertfreiheit im kulinarischen Bereich schon sehr lange existiert. Allerdings in einer besonders schlimmen Form, bei der sozusagen präfaktische Ahnungslosigkeit („ich weiß nicht, was das ist und was das soll“) aufs engste mit postfaktischer Beliebigkeit („ich weiß zwar nichts, aber es macht mir nichts, und spielt das überhaupt eine Rolle?“) kombiniert ist. Beim Essen haben wir das Problem, dass selbst Dinge, die wirklich nichts miteinander zu tun haben sollten, immer noch so schmecken können, dass man sie essen kann. Diese geschmackliche Beliebigkeit nährt heute ganze Armeen von TV-KöchInnen und KochbuchautorInnen, deren Arbeit oft ohne Sinn und Verstand ist, was aber nichts macht, weil es kaum jemandem auffällt. Will sagen: es gibt über Jahrhunderte gewachsene kulinarische Wertigkeiten, die man – wie alle Wertsysteme – erst erfahren oder lernen muss, bevor man sie begreift. Sie bringen höchsten Genuss und faszinierende Erlebnisse und einen Blick auf kulinarische Zusammenhänge, die mit den Discounter-, Fast-Food- und TV-Welten wenig zu tun haben.

Das „Big Bang“-Essen hat damit jedenfalls nichts zu tun, weil es kein Essen ist. Es ist Futter und erinnert an das, was zu Fütterungszeiten an anderer Stelle gereicht wird (um es einmal mit Absicht unklar auszudrücken). Man braucht ein paar Kalorien, ein paar Vitamine, irgendwie etwas zum Kauen, um den Spieltrieb zu befriedigen und genug Würze (die ich hier einfach einmal unterstelle), damit sich Sättigung und erfüllende Schwere einstellen.

image10© CBSVon wegen, mit Essen spielt man nicht: Limabohnen, Erbsen und Mais werden in Folge III,14 kurzerhand in ein physikalisches Modell verwandelt.

Das führt zu Gedanke drei, und der Frage, ob Essen denn im Wesentlichen nicht wirklich nur Futter ist, der Treibstoff, den wir einfach brauchen, um die Menschmaschine in Gang zu halten. Es gibt gerade unter Naturwissenschaftlern oft ein stark genussreduziertes Denken rund ums Essen. Da reicht ein „lecker“ und eine gute Verdauung – ist man geneigt zu sagen. Wer braucht da schon mehr? Und – sind wir nicht mit dieser Denkweise immer gut gefahren?

Nun gut, vielleicht waren es Denker dieser Art, die das Verbuddeln von Müll gut gefunden haben, die Fahrzeuge erfunden haben, die die komplette Welt vermüllen oder die Atomenergie propagiert haben, ohne sich Gedanken über die Entsorgung zu machen.

Das mag vergröbert spekuliert sein, trifft aber den Kern. Die Denker, Erfinder, Problemlöser und Intellektuellen der Zukunft werden die sein, die sensibel in Zusammenhängen denken können. Die vom täglichen Leben bis zu den größten Problemen die Balance suchen, die unser Zusammenleben erst möglich macht. Und, bitteschön, was hängt da alles an der Ernährung, von einem der wichtigsten Genusssysteme bis zur Ökologie?

image11Eine besonders typisches Standbild: Zum Sandwich werden vorne links Nudeln gereicht, hinten links schaut ein unangemachter Achtel-Salatkopf hervor. Leonard und Howard essen kalt, denn am Abend gibt es ja nochmal „Warm“ in der tischlosen Sitzecke von Sheldons Wohnung.

Stellen wir uns vor, die Nerds in „Big Bang Theory“ würden sich über ein wunderbar fein strukturiertes, kreatives, sinnliches Essen hermachen können und es in feinsten Details genießen und durchdenken. Adäquat zu ihrer sonstigen Arbeit vielleicht. Es ginge nicht. Dann könnte man den restlichen Inhalt der Serie vergessen …

Mit den besten Wünschen für ein schönes Weihnachtsfest und ein prächtiges Neues Jahr

Jürgen Dollase

Alle bisherigen Mensatests finden Sie hier.

Am 2. Januar testen wir die Mensa der Universität Gießen.

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13 Lesermeinungen

  1. Essen hier, dort Mund
    Also, gegessen wird zwar kaum oder nie, aber Essen ist doch sehr häufig das „setting“. Mensa, Cheesecakefactory, Chinesisches Restaurant, Buffet bei Universitätsempfangen, der leckere Braten von Howards Mutter und die unzähligen, bestellten Menüs in der WG. Das einzige was wirklich komisch ist, dass sie nie in ihrer geräumigen Küche kochen. Ausnahme Sheldon mit seinem Omelett-Experiment.

    • @Peter Keul
      Lieber Herr Keul, hier eine kleine Geschichte zu essen und reden. Ich war einmal bei einer Pressevorstellung eines Kochbuches in einem exzellent kreativ arbeitenden Restaurant („Le Moissonnier“ in Köln). Es gab ein gutes Menü mit den üblichen vielen Details dieser Küche. An meinem Tisch wurde ich aber ständig in Gespräche verwickelt und ganz allgemein ging es sehr belebt zu. Als das Essen vorbei war, packte mich das reine Entsetzen: ich wußte nicht, was ich gegessen hatte, ausgerechnet ich, der sonst gerade dort auf jedes der wunderbaren Details achte. Wir können entweder essen oder reden. Wenn wir uns auf andere Dinge konzentrieren, können wir auch gleich Plastik essen.

  2. Das prä- und das postfaktische…
    Besser: dysfaktische

  3. Leonard kaut
    Ein Beispiel für einen richtig vollen Mund gibt es am Anfang von Folge II,12 – aber „BBT addict“ hat recht, es wird erstaunlich wenig gegessen

  4. Kein Essen im Mund bei BBT?
    Was ist dann mit den Szenen, wo Sheldons Mutter anfängt ein Tischgebet zu sprechen („Oh Herr, …“) und Raj und Howard den Mund schon so voll haben, dass die Backen gebläht sind? Oder das gleiche mit Raj bei der Sponsorenparty. Oder als Sheldon versucht, Penny’s Verhalten über Pralinen zu steuern. Im Übrigen kann ich mich dem Nahrungsverhalten des Nerds voll anschließen. Leute, die sich mit dem Kult um das Essen befassen, verschwenden wertvolle Zeit, in der man über anderes nachdenken könnte als schnöde Geschmacksorgien. Und dieses ganze Gequatsche über Rezepte und Zubereitung – wie langweilig!

    • Titel eingeben
      Lieber Wolfgang Klein, ganz so einfach ist das dann doch nicht mit dem „Gequatsche“. Erstens stört mich „Gequatsche“ über Essen wahrscheinlich genauso wie Sie, vor allem wenn klar wird, daß es sich wirklich nur um Gequatsche handelt (was in sehr vielen Fällen leider der Fall ist). In meinem Sinne geht es um eine differenzierte Wahrnehmung, um das Entwickeln von Sensibilität. Die Sprache – an der ich seit Jahren arbeite – ist da immer das schwächste Glied. Wir nehmen einfach viel mehr wahr, als wir sprachlich verarbeiten können. Drittens gibt es einen schönen Zusammenhang: wir sind nicht dafür geschaffen, gleichzeitig zu reden oder Zuzuhören und Geschmack wahrzunehmen. Probieren Sie das einmal aus. Sie werden in einer angeregt durcheinander redenden Runde unter Umständen nach dem Essen nicht mehr wissen, was sie überhaupt gegessen haben. Viertens gibt es Ländern wie Japan oder Frankreich, in denen der Mensch zu einem beträchtlichen Teil so bewertet wird, wie er sich zum Essen verhält. Dieser großartige Teil unseres Lebens kann eine gewaltige, positive Rolle spielen. Vielleicht noch nicht in der Art, wie das heute noch als TV-Verhaltensmuster praktiziert wird, ganz sicher aber dann, wenn wir ganzheitlich denken.

  5. Es beruhigt mich
    das es bei der intellektuell hochwertigen FAZ offenbar einige Big Bang-Fans gibt. Es war für mich etwas beunruhigend, dass ich kaum eine Folge dieser epochalen Sendung verpassen mag. Die Figuren beschreiben so viele Klischees, dass es eine Sau graust. Aber so selbstironisch und liebevoll. Die amerikanische Gesellschaft wird förmlich seziert. Die schrecklichen Essgewohnheiten gehören genauso dazu wie die Verehrung von vermeintlichen Helden. Erfrischend ist die schonungslose Ehrlichkeit der Protagonisten. Egal ob eine blonde Partynudel, eine evangelikale Fanatikerin, eine Jude oder hochkarätiger Wiienschaftler. Man spürt immer das Augenzwinkern. Und ich glaube, viele erkennen sich selbst in den Charakteren. Sogar hier in Deutschland.

  6. Pingback: Dollase vs. Mensa (14): Essen wie die Nerds « Boussac, Toulx Sainte-Croix, Creuse !!

  7. Ich raffs nich
    Als jemand, der diese Serie eher zufällig einige Male (und dann auch nur mit steigendem Mißvergnügen und höchstens zehn Minuten lang) geguckt hat, hätte ich da mal eine Frage: Ist das ganze eigentlich tatsächlich so unkomisch langweilig, unsagbar öde und ebenso ungenießbar wie der Fraß, den die Protagonisten da einwerfen – oder liegts mal wieder nur an der besch…eidenen deutschen Synchro?

    • Die deutsche Synchronisation ist eigentlich ganz gut ...
      … bis auf ein paar einzelne Stellen. Es kann aber auch andere Gründe geben, warum Sie das nicht lustig finden. Humor ist immer eine Sache von Sender UND Empfänger.

  8. Schon mal bemerkt?
    Nie isst wirklich jemand bei TBBT! Keine Gabel/kein Löffel landet jemals im Mund ;-)

  9. Titel eingeben
    Das prä- und das postfaktische…
    .
    Gut erkannt.
    Danke.

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