Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Dollase vs. Mensa (3)

| 6 Lesermeinungen

Das vegane Curry schmeckt überraschend gut, die Hähnchenpfanne entwickelt im Mund eine schwungvolle Süffigkeit. Wer aber braucht solch ein Zürcher Geschnetzeltes? Dollase testet die Bonner Uni-Mensa.

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Video: Dollase testet die Mensa Nassestraße der Universität Bonn

Alle Mensatests finden Sie hier.

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In dieser Folge mit Mensa-Essen von der Uni in Bonn zitiere ich an einer Stelle, liebe Leser,  den ominösen Ausspruch von Franz Beckenbauer aus einer Suppen-Werbung von 1966. „Schmeckt prima“, heißt es da, „und so richtig kräftig, müssen Sie probieren“. Wohlgemerkt: er sagt nicht wirklich, was da schmeckt, sondern kommentiert ein geschmackliches „Bild“. Diese „Bilder“ sind das Hauptbetätigungsfeld von Herstellern von Fertiggerichten oder eines Essens, das mehr oder weniger vollständig aus Fertigkomponenten zusammengestellt wird („Convenience-Food“). Mit solchen Produkten wird die Nahrungsmittelherstellung eigentlich zum Teil der Bewusstseinsindustrie: es geht nicht mehr um natürlich produzierte, gesunde, gut gemachte Dinge, sondern vor allem um ein irgendwie schnell und nach ganz groben Rastern identifizierbares Geschmacksbild – wie in unserem Video beim Zürcher Geschnetzelten. Dazu reicht die Information, dass es sich um Fleisch handelt und ein Aromenspektrum in der Flüssigkeit (um das Wort „Sauce“ zu vermeiden), das man mit Fleischgerichten identifiziert. Das Kaumaterial in der Flüssigkeit kann alles Mögliche sein. Man wird es selbst dann kaum identifizieren können, wenn man es freilegt und getrennt probiert. Könnte man stattdessen dann nicht sofort künstliches Essen anbieten? Müssen für solche Gerichte, bei dem man das Fleisch überhaupt nicht wahrnimmt, wirklich Tiere sterben?

Und das ist nur die eine Seite der industriellen Arbeit mit solchen „Geschmacksbildern“. Die andere hat etwas mit Gewöhnung zu tun, und leider auch mit der Liebe von manchen Fastfood-Anbietern zu Kindern. In quasi allen Fällen zeichnen sich industrielle Geschmacksbilder durch sehr viel Würze aus, normalerweise einen hohen Anteil von Salz, Pfeffer und Geschmacksverstärkern (deren Ersatz durch diverse Hefen das Problem nicht verändert). Saucen kleben oft geradezu im Mund, weil sie durch allerlei Bindemittel zusammengepappt werden, und die starke Würze sorgt für einen lang anhaltenden, nicht nach irgendeinem konkreten Produkt schmeckenden Nachhall im Mund.

Dollase_vs_Mensa_3_Bonn_f© F.A.Z., Johannes KrenzerDas Curry ist originell, der Reis körnig: das vegane Gericht findet Jürgen Dollase „überrschend gut“.

Das Problem ist nun, dass dieses Intensitätslevel eine Gewöhnung verursacht. Die Wissenschaft denkt längst drüber nach, wie hoch das Suchtpotential einer solch stark gewürzten Nahrung ist. Als Praktiker sehe ich das konkreter, aber möglicherweise noch schwerwiegender. Wer sich an solche künstlichen Intensitäten, die in der Natur so gut wie gar nicht vorkommen, gewöhnt, wird Probleme mit „richtigem“ Essen und natürlichen Produkten bekommen. Sie schmecken dann einfach „nach nichts“. Insofern halte ich die Liebe der Fastfood-Anbieter zu Kindern für hochgradig vermint. Je früher sich letztere an McDo. & Co. gewöhnen, desto mehr kann man ihnen später davon verkaufen und desto weniger werden sie natürlichere Formen von Essen noch schätzen können. Es ist dann auch kein Wunder, dass die lieben Kleinen ein Eis mit künstlichem, „gedopten“ Erdbeeraroma lieber mögen, als eines mit natürlichem.

Sollte das Essen an einer Universität, an einer Stelle also, wo Wissen zum Nutzen Aller weitergegeben wird, nicht einen ganz großen Abstand zu solchen Praktiken halten?

Mit den besten Grüßen,

Jürgen Dollase

Alle Mensatests finden Sie hier.

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6 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Naja, dass waren ja zum Teil schon die etwas besseren Gerichte. Die Mensa Bonn ist jetzt nicht schlecht, aber vor den ganzen Asia-Pfannen, Schnitten oder was da alles angeblich asiatisch angehaucht wird, kann man nur weglaufen. Die Eintöpfe kann man da schon echt loben und wie auch im Test sind die veganen Gerichte manchmal echt überraschend gut. Ist halt schwierig anhand von drei Gerichten ein Urteil zu fällen. Aber auf jeden fall mal interessant, was an anderen Universitäten auf den Teller kommt.

  2. Im Gegensatz zum Getesten ist das Zuschauen ein Genuss
    Immer wieder schön anzusehen. Der Mann weiß zu genießen. Auch wenn die gezeigten Gerichte kein Jamie Oliver zu sein scheinen.

  3. Newer
    Nette Idee, Uni Göttingen bitte!

  4. Tipp
    Mich würde mal ein Test an den Mensen der Uni Tübingen interessieren!

  5. schon zig mal gesagt und trotzdem richtig:
    „Insofern halte ich die Liebe der Fastfood-Anbieter zu Kindern für hochgradig vermint. Je früher sich letztere an McDo. & Co. gewöhnen, desto mehr kann man ihnen später davon verkaufen und desto weniger werden sie natürlichere Formen von Essen noch schätzen können.“
    .
    Das ist leider, leider nicht nur beim Essen so.

    • Titel eingeben
      Liebe/Lieber kdm,

      es hat keinen Zweck, in der Kritik an den Praktiken von Fastfood-Anbietern etc. jemals nachzulassen. Vielleicht wird sie noch plastischer, wenn man sie auf andere, ebenfalls auffallend populäre Formen des Essens ausdehnt, die ebenfalls im Zweifel lieber zuviel Würze als Differenziertes anbieten. Und da kommt man plötzlich nicht nur zu Fast Food und Fast Food-Kundschaft, sondern landet mitten in der Gesellschaft derer, die meinen, sie wären vor solchen Manipulationen sicher…

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