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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Erst nach dem Streit kommt das Gebet

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Für ihre Abschlussarbeit als Fotostudentin reiste Miriam Stanke zu den legendären Munzur-Quellen. Ihre Bilder zeigen Menschen, meist Aleviten, die die Kraft zum politischen Widerstand aus ihrer Landschaft ziehen. 

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Ein Mann spielt mit seiner Tochter an den Munzur-Quellen, während im Hintergrund das Essen zubereitet wird. Die Familie hat für ihren kranken Sohn eine Ziege geopfert.© Miriam StankeEin Mann spielt mit seiner Tochter an den Munzur-Quellen, während im Hintergrund das Essen zubereitet wird. Die Familie hat für ihren kranken Sohn eine Ziege geopfert.

F.A.Z.: Miriam, dein Projekt „You, River of my Tears“ entstand im Rahmen deiner Masterarbeit am London College of Communication. Im Zentrum der Arbeit steht der Munzur-Fluss in der Bergregion der Provinz Tunceli. Dein Beobachtungsschwerpunkt lag dabei auf Menschen, die Widerstand leisten. Was genau steckt hinter dem Projekt?

Miriam Stanke: Es geht um den Widerstand der Kurden in dem Gebiet, das gleichzeitig das heimatliche Zentrum der Aleviten darstellt. Von ihrer Religion ausgehend identifizieren sie sich sehr stark mit der dortigen Natur. Um das zu zeigen, nehmen der Munzur und die umliegenden Berge in meinen Bildern eine zentrale Rolle ein. Die Lanschaftsbeschaffenheit ist gleichzeitig auch der Grund dafür, dass der Widerstand so lange, über Jahrhunderte hinweg, gehalten werden konnte und auch immer noch stark ist. Der Genozid durch die Türkei von 1937/38 wurde, anders als der Genozid an den Armeniern, von türkischer Seite aus eingestanden.  Er stellt einen weiteren historischen Grund für die Fortführung des Widerstands dar. Durch das bergige Gebiet fiel es dem türkischen Militär dabei schwer einzugreifen. Die Region, die zum einen hauptsächlich von Kurden bewohnt wird und zum anderen das Zentrum der Aleviten ist, stellt darüber hinaus auch einen zentralen Anlaufpunkt für linksgerichtete Dissidenten dar. Viele fanden dort Zuflucht. Genau diese Vermischung von unterschiedlichen Kulturen, Menschen und deren Ideen stellt für mich einen reizvollen Ausgangspunkt für eine Dokumentation dar. Diese Gruppen haben sich von einer Koexistenz ausgehend immer mehr vermischt, dadurch fand auch eine Mischung von Religion und politischer Symbolik statt, ein interessantes Spannungsverhältnis.

Was war der Auslöser für dieses Projekt und wie lange warst du vor Ort? 

Miriam StankeMiriam Stanke

Ein befreundeter Anthropologe forschte schon seit geraumer Zeit im Rahmen seiner Masterarbeit über Religion und Minderheiten in Kurdistan. Er war schon einige Male in der Region unterwegs gewesen und erzählte mir von dem kulturellen Mischverhältnis in Dersim und natürlich von den Aleviten. Ich war von Anfang an sehr interessiert daran, wie das Leben dort aussieht, also begann ich zu recherchieren und kam nicht mehr davon los. Schließlich gingen wir gemeinsam im August 2014 los und blieben drei Monate dort. Ich versuche generell immer, wenn es irgendwie möglich ist, über einen längeren Zeitraum an den Orten zu bleiben, über die ich berichte. Ich finde das essentiell, um Menschen, ihre kulturellen Hintergründe und die vorherrschenden Dynamiken besser verstehen zu können, selbst in das dortige Leben hineinzukommen und beiderseitiges Vertrauen zu ermöglichen.

Dadurch, dass Zusammenleben dort anders funktioniert, konnten wir leicht Kontakte knüpfen. Anfangs lebten wir fest bei einer Familie, die mein Begleiter Benjamin schon kannte. Später sind wir auch herumgereist. Auch dabei sind wir meist bei Familien untergekommen, wir hatten aber auch ein Zelt dabei. Es gibt quasi keine Privatsphäre dort. In den Familien leben sehr viele verschiedene Generationen meist auf engen Raum. Deshalb sind wir auch ab und zu in ein Hostel gegangen oder haben einfach draußen geschlafen. Den Abstand braucht man, um das Geschehene aufnehmen zu können. Das Gefühl kam aber selten auf.

Worauf hast du dich in deiner Arbeit konzentriert?

Ich habe die Aleviten ins Zentrum gestellt. Sie sehen sich zwar oft auch als Kurden, aber das Alevitentum steht immer im Vordergrund. Das ist die Herkunft und die Kultur, auf die sie stolz sind. Interessant ist dann noch, dass bei ihnen immer wieder die gleichen politischen Symbole auftauchen und dass religiöse und politische Führer gleichgesetzt zu werden scheinen. Dieser Umstand schlägt sich auch in meinen Fotografien nieder, es sind die Details, die man im Hintergrund sieht, teilweise in die Landschaft integriert, es sind die Spuren der Kultur. Man findet überall politische Symbole wieder.

Maos Konterfei in den Bergen Dersims. Partizan ist der Name einer der vielen Guerilla-Gruppen, die in der bergigen Region agieren. "Partizan ist die Stimme der Freiheit jeglicher Nationalitäten, insbesonders für das Proletariat der Türkei und Türkisch-Kurdistans"© Miriam StankeMaos Konterfei in den Bergen. Partizan ist der Name einer der vielen Guerilla-Gruppen, die in der bergigen Region agieren. „Partizan“, so eine Selbstbeschreibung, „ist die Stimme der Freiheit jeglicher Nationalitäten, insbesonders für das Proletariat der Türkei und Türkisch-Kurdistans“

Was macht das Alevitentum in der Region heute aus?

Die Aleviten sind eine heterodoxe, religiöse Minderheit, die der Staat versucht zu assimilieren. Das äußert sich beispielsweise im Versuch, die Menschen zum Konvertieren zu bewegen, indem Moscheen in die Region gebaut werden. Allerdings funktioniert das nicht wirklich, weil die Aleviten in dem Sinne keine Moscheen benutzen. Ihre Religionsform setzt sich aus verschiedenen Religionen zusammen, deren Ursprünge nicht mehr eindeutig nachzuvollziehen sind. Teilweise sind christliche Einflüsse nachweisbar, aber auch zoroastrische oder solche des Islam. Auch Elemente von mystischen oder Natur-Religionen kommen vor, vermutlich vermittelt durch Wanderpriester. Verglichen mit der restlichen Türkei stellt die Vielseitigkeit innerhalb der alevitischen Kultur einen ziemlichen Kontrast dar. Die Abgrenzung passt natürlich zu den kurdischen oder linksgerichteten Ideen, wie etwa der Gleichstellung von Mann und Frau oder der Befürwortung von Minderheitenrechten. Die Aleviten kommen in sogenannten Cem Evis zusammen. Das sind Versammlungshäuser, die nicht nur zum Praktizieren der Religion genutzt werden, sondern auch Raum zur Konfliktlösung durch den Vorsitzenden bieten. Erst wenn das Zwischenmenschliche geklärt ist, wird geredet und gebetet, gesungen und es werden Riten vollzogen. Der Unterschied zu Moscheen ist groß, Geschlechtertrennung ist nicht denkbar.

Aus europäischer Perspektive ist sichtbar, dass die Frauen  im Vergleich zu anderen Regionen zwar sehr stark vertreten sind, dass die Rollenverteilung aber nach wie vor sehr klassisch ist: Verheiratete Frauen kümmern sich um Haushalt und Familie.

Ein Junge in einem Cem Evi (Versammlungshaus). Cem Evis werden von den Aleviten anstelle von Moscheen genutzt. Im Gegensatz zum Islam beten und singen Frauen und Männer gemeinsam© Miriam StankeEin Junge in einem Cem Evi (Versammlungshaus). Cem Evis werden von den Aleviten anstelle von Moscheen genutzt. Im Gegensatz zum Islam beten und singen Frauen und Männer gemeinsam.

In Bezug auf die aktuelle politische Situation in der Türkei kann deine Arbeit auch als Kritik gelesen werden. War das deine Absicht? Wolltest du diese politische Ebene miteinbeziehen?

So etwas nimmt ganz von selbst eine politische Ebene an. Nach dem Aleviten-Projekt bin ich noch einmal nach Kurdistan gereist, um den Aufbau von Autonomie, alternativen Gesellschaftsstrukturen und Widerstand zu untersuchen. Ich finde es spannend, Zeugnis über alternative Ideen abzulegen. Die Kritik an der Türkei steht bei diesen Projekten aber nicht im Vordergrund. Die Kunst besteht darin, Dinge nicht einseitig zu zeigen, obwohl man eine bestimmte Sichtweise hat. Sicher sagen kann man, dass eine Veränderung in der Region durch die aktuelle politische Situation stattgefunden hat. Heute ist alles durch das Militär besetzt. Als ich dort war, war das noch nicht der Fall. Seit 2015 gibt es sehr viele Ausgangssperren. In meinem aktuellen Projekt „Till the last Day“ geht es genau um diese Ausgangssperren in der Grenzregion, dort ist die Kritik natürlich spürbarer.

Wie erklärt sich der Titel „And the Mountain said to Munzur: You River of my Tears“?

Das ist frei übersetzt aus einem alevitischen Klagelied. Ich habe diese Stelle wegen der Symbolik ausgewählt. Darin vereint sich eine Geschichte des Leidens. Es geht ständig um Verlust, Tod, aber eben auch um Widerstand und die Stärke, die es zu erhalten gilt. Es bildet sich darin das Leid der Aleviten und ihre Kraft ab, die sie auch aus der Natur ziehen.

Mit einer Fähre nach Elâzığ verlässt diese Frau und ihre Kinder die Region Dersim.© Miriam StankeMit einer Fähre nach Elâzığ verlässt diese Frau mit ihren Kindern die Region.

Auf deinen Bildern fällt auf, dass jüngere Menschen im Alter zwischen 20 und 30 Jahren fast gar nicht zu sehen sind. Wo sind sie? Wie sieht der Alltag der verbliebenen Aleviten aus?

Die Region ist relativ arm, es gibt keine Industrie oder etwas Vergleichbares, das Arbeit und somit Geld bringen könnte. Die jungen Leute gehen vermehrt in die größeren Städte der Westtürkei, nach Ankara oder Istanbul. Ich habe schon oft gehört, dass sie dann bloß in den Sommermonaten zurückkommen und die Familie finanziell unterstützen, zumindest in den ländlicheren Gegenden, in denen wir uns bewegt haben. Die Verbliebenen betreiben Landwirtschaft und unterstützen sich gegenseitig, auch das ist Teil der Kultur. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie hoch die Bereitschaft bei ärmeren Menschen ist, alles zu teilen. Wir wurden dort immer offen willkommen geheißen, zum Essen und Tee trinken eingeladen.

Wie sieht es mit dem Bildungsgrad aus? Gibt es in der Region Schulen oder sogar Universitäten? 

Schulen gibt es schon. Und eine Universität befindet sich in Dersim, der nächstgelegenen größeren Stadt. Auf Türkisch heißt sie Tunceli, das bedeutet „Eiserne Hand“, sehr symbolisch dafür, das Volk niedergedrückt zu haben, um den türkischen Stempel aufzudrücken. Dort studieren auch Leute aus anderen Regionen, was für die Qualität der Uni spricht. Aber die meisten gehen in größere Städte. Meiner Erfahrung nach ist der Bildungsgrad aufgrund der ländlichen Strukturen insgesamt aber vergleichsweise niedrig.

Zwei Jugendliche trocknen und wärmen sich am Feuer, nachdem sie im Munzur gebadet haben. Dersim und Ovacık, entlang des Munzur Tals.© Miriam StankeZwei Jugendliche trocknen und wärmen sich am Feuer, nachdem sie im Munzur gebadet haben.

Schon in deinem Bachelorstudium des Kommunikationsdesigns hast du dich auf Dokumentarfotografie spezialisiert. Wie bereitest du dich vor? Wie arbeitest du?

Meist habe ich eine grobe Vorstellung davon, was ich zeigen will. Aber ich versuche auch offen zu bleiben, denn richtig planen kann man nicht. Bei dem Projekt habe ich mich oft einfach treiben lassen, ich habe deshalb auch sehr viele Landschaftsaufnahmen gemacht. Bei diesem Projekt habe ich teilweise eine symbolische oder poetische Bildsprache gewählt, weil es mir zusammenzupassen schien. In jedem Fall versuche ich, stereotypische Bilder zu vermeiden und die Dinge mit meinem Blick festzuhalten.

Ich möchte den Leuten, die meine Fotografien sehen, einen Zugang geben. Die meisten kennen die Hintergründe oft nicht oder nicht gut. Sie sind mit etwas Fremdem konfrontiert, mit dem man sich nicht identifizieren kann. Zunächst gehen ihnen die Schicksale fremder Menschen vielleicht erst einmal nicht so nahe, deshalb ist ein persönlicherer Einblick eine gute Möglichkeit, um etwas in ihnen auszulösen. Vielleicht etwas Emotionales, ein Verständnis dafür, was es bedeutet dort zu leben. Viele haben bestimmte Dinge, Fakten oder Bilder im Kopf, wenn sie „Kurdistan“ hören. Mir geht es darum zu zeigen, wie der Alltag der Menschen aussieht, die dort leben.

Ein Wasserschlauch schlängelt sich über den Boden eines Friedhofs Nahe Ovacık.© Miriam StankeEin Wasserschlauch schlängelt sich über den Boden eines Friedhofs Nahe Ovacık.

Du vertrittst den Ansatz des sogenannten „Slow Journalism“, der ebenso wie andere Ausprägungen der Slow-Bewegung zum Ziel hat, qualitativ hochwertigere Endprodukte zu erzielen. Wodurch soll das in der Fotografie gewährleistet werden? Was läuft im aktuellen Fotojournalismus falsch?

Ich sehe mich nicht als Journalistin. Ich habe nicht den Anspruch, das Bild zu schießen, das einen politischen Diskurs verändert oder das scheinbar irgendetwas beweist. Es ist immer Interpretationssache. Mir ist erst einmal wichtig, lange genug an Orten zu bleiben über die ich berichte, um sie zu verstehen. Ich bin ohnehin der Meinung, dass Fotografie nicht objektiv sein kann, dass sie immer subjektiv ist. Eine Situation, die zunächst eindeutig erscheint, kann in der nächsten Momentaufnahme schon etwas ganz anderes aussagen. Slow Journalism geht für mich über die reine Information hinaus, es geht für mich um persönlichere Inhalte. Es geht mir auch darum, Fotografien konzeptueller zu betrachten. Ich denke, dass bei der extrem schnellen Berichterstattung der wirkliche Einblick in die Situation oft auf der Strecke bleibt. Das ist womöglich unbeabsichtigt, aber wenn Aussagen dann wieder revidiert werden müssen, wird natürlich das Vertrauen seitens der Empfänger verwirkt.

Technisch gesehen fotografiere ich analog, ich bringe meine Bilder aktuell mit nach Deutschland und entwickle sie dort. Für mich ist es eine andere Art zu arbeiten. Man ist gezwungenermaßen langsamer und muss bewusster mit den Aufnahmen umgehen. Mir fällt es tatsächlich schwerer, digital zu fotografieren. Auch die Bildästhetik unterscheidet sich in meinen Augen erheblich vom Digitalen, allein durch die Detailschärfe.

Ein Schlachter posiert nahe der heiligen Munzurquellen. Gegen etwas Geld werden hier die mitgebrachten Ziegen geschlachtet, die Familien opfern, um für etwas zu bitten. Das daaraus zubereitete Essen wird danach traditionell mit Familienangehörigen, Freunden und Fremden bei einem Picknick an den Quellen geteilt.© Miriam StankeEin Schlachter posiert nahe der heiligen Munzur-Quellen. Gegen etwas Geld werden hier die mitgebrachten Ziegen geschlachtet, die Familien opfern, um für etwas zu bitten.

Dein Masterstudiengang in London heißt „Photojournalism and Documentary Photography“. Wie kamst du auf London?

Mein Fokus ist die Dokumentarfotografie, das hatte sich schon bei meiner Abschlussarbeit im Bachelorstudium gezeigt. Das Institut für Fotografie in Mannheim war gut ausgestattet und ich habe sehr viel dort gelernt, aber ich wollte mich spezialisieren. Ich wollte detaillierter lernen, wie ich dokumentarisch eine Geschichte erzählen kann. Einen zweiten Bachelor wollte ich nicht anfangen, also blieb die Option, den Master zu machen. Ich habe mir verschiedene Unis angeschaut, habe mich auch auf verschiedene Stipendien beworben. Das London College of Communication hat sich sehr gut angehört und sie haben auch einen guten Ruf. Ich habe mich dann eingeschrieben und anfangs nebenher noch freischaffend für Designagenturen in Deutschland gearbeitet, so konnte ich das ganz gut finanzieren.

Ist das Studium deinen Erwartungen gerecht geworden?

Ja. Der Vorteil ist, dass du mit ganz vielen Fotografen in Kontakt kommst, das sind zum einen deine Kommilitonen, zum anderen die Gastlektoren, die während des Studiums Vorträge halten. Es ist unbeschreiblich, wenn du jede Woche Menschen vor dir hast, deren Bilder du schon oft angeschaut und bewundert hast. Menschen, die dich schon immer fasziniert haben, stehen plötzlich vor dir und erzählen Geschichten aus ihrem Leben. Zum Beispiel Simon Norfolk, Chloe Dewe Matthews, sie ist vielleicht nicht so bekannt, aber ich habe ihre Arbeit schon lange verfolgt.

Auch der Umstand, dass ich ein paar mal nominiert wurde und einige Awards bekommen habe, geht auf mein Studium und die Verbindungen in London zurück. Teilweise haben mich die Leute, die meine Arbeit kennengelernt haben, für Awards nominiert. Es ist einfach das Netzwerk, das in London wirksam wird. Darüber bin ich auch immer wieder an Jobs gekommen, aber leicht macht es das trotzdem noch lange nicht.

Am Baum einer Guerrilla-Camps in den Bergen Dersims hängen Artikel über die Lage in Kobane, Syrien. Ein Kämpfer hat seine Waffe und seine Jacke abgelegt.© Miriam StankeAm Baum eines Guerrilla-Camps in den Bergen hängen Artikel über die Lage in Kobane, Syrien. Ein Kämpfer hat seine Waffe und seine Jacke abgelegt.

Du warst mit deinen Fotografien auf verschiedenen Shortlists und hast unter anderen den Graduate Photographers Award von Magnum Photo und Photo London gewonnen. Was sind die praktischen Vorteile der Auszeichnungen?

Der Magnum Award war sozusagen mein Abschlussgeschenk. Man hat zwar kein Geld bekommen, aber man wird Teil eines Mentorenprogramms. Ich durfte mir einen Magnum-Fotografen aussuchen, der sich für das Mentoring bereiterklärt hat. Ich arbeite jetzt mit Olivia Arthur zusammen, sie ist noch recht jung und hat viel im Mittleren und Nahen Osten gearbeitet.

Der Vorteil ist, dass sich die Leute für dich Zeit nehmen. Wir sind Projekte durchgegangen, ich habe viel über editorische Abläufe gelernt und konnte praktische Fragen stellen, zum Beispiel die, wie man an Jobs kommt. Ich denke, dass so etwas langfristig mehr wert ist, als einen Geldpreis zu bekommen, obwohl das natürlich auch nie schadet.

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Nomaden geben ihrem Pferd nahe Ovacık eine Pause bei einer Rast auf dem Weg zurück zu ihrem Winterlager.© Miriam StankeNomaden geben ihrem Pferd nahe Ovacık eine Pause bei einer Rast auf dem Weg zurück zu ihrem Winterlager.
In den Bergen finden sich oft noch kleine, traditionelle Dörfer und Häuser, wie hier in Sorsvenk.© Miriam StankeIn den Bergen finden sich oft noch kleine, traditionelle Dörfer und Häuser, wie hier in Sorsvenk.
Der Bürgermeister des Dorfes Akkus Köyü sitzt im Sonnenuntergang vor seinem Haus. Der untere Teil des Dorfes soll aufgrund des Pembelik-Staudammprokjekts geflutet werden. Die überwiegend älteren Bewohner des Dorfes sind aufgrund von unzureichender Entschädigung oft perspektivlos. Sie würden damit ihren kompletten Besitz verlieren. Der Bau wurde wegen Übergriffen von Guerilla-Gruppen bereits mehrfach unterbrochen.© Miriam StankeDer Bürgermeister des Dorfes Akkus Köyü sitzt im Sonnenuntergang vor seinem Haus. Der untere Teil des Dorfes soll aufgrund des Pembelik-Staudammprokjekts geflutet werden. Die überwiegend älteren Bewohner des Dorfes sind aufgrund von unzureichender Entschädigung oft perspektivlos. Der Bau des Projekts wurde wegen Übergriffen von Guerilla-Gruppen bereits mehrfach unterbrochen.
Ein Ofen, der zum Teekochen verwendet wird, steht in den Bergen inmiten eines temporären Guerilla-Camps der PKK. Das Camp wurde errichtet, um den Bau eines Friedhofs für gefallene Kämpfer vor der zerstörung zu schützen. Regelmäßig bringen Familienangehörige Gefallener Essen und Tee vorbei.© Miriam StankeEin Ofen, der zum Teekochen verwendet wird, steht in den Bergen inmitten eines temporären Camps der PKK. Das Camp soll errichtet worden sein, um den Bau eines Friedhofs für gefallene Kämpfer vor der Zerstörung zu schützen. Regelmäßig bringen Familienangehörige Gefallener Essen und Tee vorbei.
In den Straßen Ovacıks ist das Plakat mit dem Gesicht Berkin Elvans zu sehen. Berkin starb im März 2014, nachdem er währen der Gezi-Proteste schwer verletzt wurde. "Berkin Elvan ist unsterblich".© Miriam StankeIn den Straßen Ovacıks ist das Plakat mit dem Gesicht Berkin Elvans zu sehen. Berkin starb im März 2014, nachdem er währen der Gezi-Proteste schwer verletzt wurde. Das Plakat besagt: „Berkin Elvan ist unsterblich“.
Eine Frau liegt auf den Steinen des heiligen Düzgün Baba. Dem Berg wird nachgesagt, heilende Kräfte zu haben. Der Sage nach ist diese Stelle der riesige Fußabdruck des Heiligen Düzgün Baba.© Miriam StankeEine Frau liegt auf den Steinen eines „Düzgün Baba“ genannten Bergplateaus – der Heilige soll hier der Sage nach einen riesigen Fußabdruck hinterlassen haben. Der Stelle werden heilende Kräfte nachgesagt.
Ein Altar bei den heiligen Munzurquellen. Altes Wachs tropft die Steine herunter© Miriam StankeEin Altar bei den heiligen Munzur-Quellen. Altes Wachs tropft die Steine herunter.
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10 Lesermeinungen

  1. Seyid Riza
    Man kann sich auch Scheinwahrheit zusammenträumen bzw. zusammenschreiben.

    • Belege?
      Man kann auch mit Argumenten, Belegen und Quellen argumentieren, Herr Sönmez, statt haltlose Behauptungen aufzustellen.

    • Seyid Ria
      Dass Zazaisch kein Kurdisch bzw. ein Dialekt ist können Sie in entsprechender Literatur finden:

      Oskar Mann, Karl Hadank , Jost Gispert usw. Selbst türkische Wissenschaftler sind schon zu dieser Erkenntnis gelangt ( MHP)

      Ebenso verhält es mir der Herkunft ! Keine genaue Zuordnung nicht möglich, Martin van Bruinessen. Volksgruppen die über Jahrhunderte nebeneinander leben vermischen sich.

  2. Titel eingeben
    Sehr interessanter Artikel
    Meine Frau ist Alevitin aus Dersim das sind sehr herzliche Menschen dort kann es nur bezeugen .
    Ich selber bin sunnite stamme aus Rize.

  3. Die besten Schüler
    Hallo,

    meine Eltern kommen aus Dersim und sind auch Aleviten. Aber als Kurden sehen sie sich bzw. wir uns nicht an, sondern als Aleviten und allenfalls noch als Zazas (ein Begriff, der erst in den letzten Jahren vermehrt verwendet wurde)! Warum? Weil wir nun mal keine Kurden sind und uns auch kulturell stark von den Kurden unterscheiden. Die Kultur und Lebensart wird nämlich weitestgehend durch die Religion bestimmt. In Dersim leben überwiegend Aleviten (bzw. alevitische Zazas … und auch die sunnitischen Zazas waren überwiegend mal Aleviten, viele sind also Konvertiten). Die Kurden dagegen sind fast ausschließlich Sunniten. Es ist auch so, dass viele Asirets (Stämme) in Dersim türkische oder turkmenische etc. Wurzeln haben … siehe etwa die Herkunft/Wurzeln des führenden Oppositionspolitiker Kemal Kilicdaroglu oder des verstorbenen Kamer Genc, die sich als alevitische Türken bzw. Turkmenen betrachten … und das trotz kurdischer Dauer-Propaganda.

    Unsere Sprache ist Zazaki und ist vom Kurdischen deutlich zu unterscheiden, auch wenn viele Wörter gleich sind. Doch verstehen können sich Zazakis und Kurden nicht, dazu sind die Sprachen dann doch zu verschieden.

    Die Autorin sagt im Interview: „Meiner Erfahrung nach ist der Bildungsgrad aufgrund der ländlichen Strukturen insgesamt aber vergleichsweise niedrig.“
    Zum Glück ist diese Aussage völlig falsch! Es gibt so etwas wie einen türkischen PISA-Test, der „TEOG-SINAVI“ heisst. Seit etwa 6 Jahren ist Tunceli (Kernregion von Dersim) unangefochten führend in diesen Prüfungen. Die Großteil der Schüler mit den besten Ergebnisse kommen aus Tunceli!
    Zwar sieht es auf Universitätsebene nicht so gut aus, was aber nun mal daran liegt, dass die Schüler sich überwiegend in Universitäten im Westen des Landes einschreiben lassen. Insofern findet ein massiver BrainDrain statt, von dem die übrigen Regionen stark profitieren.

    Beste Grüße

    • Nicht richtig
      Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Informationen haben, jedoch bezeichnen sich die „Zazas“ nicht als „Aleviten“, da beide Begriffe Fremdbezeichnungen sind, das tun sie höchstens, wenn sie Türkisch sprechen. In ihrer Muttersprache „Kirmanckî“ bezeichnet man sich selbst als „Kirmanc“ (was übrigens „Kurde“ bedeutet) und die Religion als „Raya Haqî“ (der Weg Gottes). Dass sich die Zazas kulturell von den „Kurden“ (Sie meinen eher wohl Kurmancî-Sprecher) unterscheiden, ist ebenfalls nicht richtig. Hierfür gibt es mehrere wissenschaftliche Belege, allein in Dêrsim sprechen circa 1/3 der alevitischen Bevölkerung Kurmancî und diese bilden dennoch eine kulturelle Einheit mit den Zazakî-Sprechern. Sunnitische Zazas bilden ebenfalls eine kulturelle Einheit mit sunnitischen Kurmancîs. Dass viele Stämme (Asirets) türkischen oder türkmenischen Ursprungs sein sollen, ist ebenfalls inkorrekt (und verlassen Sie sich nicht auf bekennende Anti-Kurden wie Kemal Kilicdaroglu oder Kamer Genc!), lesen Sie doch mal ein Buch über die Geschichte Dêrsims, bevor Sie solchen Unsinn von sich geben.

      Übrigens, es gibt viele Religionen unter den Kurden, wie die Êzîden, Kakaî und Yarsan, die verblüffende Ähnlichkeiten zu der Religion der Zaza-Kurden aus Dêrsim haben (Glaube an Sonne, Feuer, Natur, Elemente der Zoroastrmus etc.)

      Also, wie man so schön auf Kirmanckî (Zazakî) sagt: Eke zana, qisey bike. Eke nêzana biperse!

  4. Eindeutige Meinungen
    Ich bitte darum, entweder die Städte in der Türkei wie Istanbul Istanbul zu nennen oder konsequent Konstantinopel. Den offiziell nicht mehr gebräuchlichen Ortsnamen Dersim sollte man entweder Tunceli oder nur Dersim nennen.

    Zum Artikel :

    Tunceli hat strukturelle Probleme. Daher wandern viele Jugendliche aus. Weshalb oder wieso diese Probleme bestehen werden nicht genannt. Dieses Interview erklärt erst das Motiv für die Entstehung der Bilder, lässt aber im Leser ein Vorurteil mit nur einseitigen Informationen bestehen. Danach geht der Artikel über auf den eigentlichen Inhalt der Fotografie über. Der Vorurteil besteht darin, dass in der Region Menschen unterdrückt werden.
    Aber dann besteht die Frage , müssten dann die Menschen , die nach Ankara oder Istanbul auswandern nicht noch stärker unterdrückt werden ?? Und wie kann man dann noch in die anderen Städte auswandern?

    Was man bestimmt sagen kann ist , das freie Ausleben der Religion , der Sprache wurde jahrzehntlang unterdrückt. Aber nicht die Selbstverwirklichung etwas zu erreichen, wie einer Arbeit nach zugehen. Dieser Artikel irritiert mich insofern mehr ,weil es mir den Eindruck hinterlässt , als wenn in Tunceli die Menschen nur auf Ihren Tod warten und aussterben.

    Worauf möchte ich hinaus ?

    Die Aleviten sind mehrheitlich Turkmenen. Aber alle Aleviten , auch die Kurden unter Ihnen , wurden verfolgt und unterdrückt.

    Aber nur einseitig die Kurden hervorzuheben und die Mehrheit auszulassen , finde ich nicht angemessen.

    Aber dennoch ein wichtiger Artikel , dass die Probleme der Türkei ein wenig aufzeigt. Ohne eine klaren Schutz und freie Rechte für die Minderheiten wird in diesem Land nach meiner Meinung keine Ruhe geben.

    Eine Lösung wären Autonomien zu gewähren .

    Zum Rest des Artikels kann ich mich leider nicht äußern ,da mir der Hintergrund für das Technische an Fotografien fehlt.

    Hamit Yilmaz

  5. Titel eingeben
    Es gibt es einen Unterschied zwischen den dort ansässigen Volksgruppen. Zazas sind keine Kurden, haben eine eigenständige Sprache (iranischer Zweig der indogermanischen Sprachen) und ist nicht mit dem Kurdischem verwandt.

    • "Zazas" sind sehr wohl Kurden
      Zazas sind sehr wohl Kurden, auch wenn einige Linguisten auf die Eigenständigkeit des Zazakî (in Dêrsim übrigens „Kirmanckî“ genannt! „Zaza“ ist eine westliche Bezeichnung) beharren, so sind es auch eben dieselben Linguisten, die auf die kulturelle und historische Einheit von Zazakî- und Kurmancî-Sprechern pochen und stets bestätigen, dass die Zazas sich selbst sehr wohl als Kurden bezeichnen und schon immer als solche sahen. Zudem gibt es eine Vielzahl von Linguisten, die das Zazakî als Teil des kurdischen Sprachkomplexes ansehen.

  6. Hinweis
    Seit 1923 ist Tunceli Teil der türkischen Republik.

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