Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Endlosreisen: Es ist Zeit zu gehen!

| 7 Lesermeinungen

Von einem Urlaub in den nächsten: Das ist für viele Studenten mit knappem Budget ein Traum. Kristiina Kallio lebt ihn seit zwei Jahren. Wie sie das macht und was sie dabei gelernt hat, erzählt sie im Interview.

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© Kristiina KallioKristiina Kallio vor den Inka-Ruinen Machu Picchu, Peru

F.A.Z.: Wie ist es, nach acht Monaten Reisen mal wieder für ein paar Wochen arbeiten zu müssen?

Kristiina Kallio: Fürchterlich! Es ist wahnsinnig anstrengend. Ich muss mich echt daran gewöhnen. Aber es hilft, dass ich gestern schon meinen nächsten Flug gebucht habe. Im Mai fliege ich nach Marokko. Und reise weiter bis zum Ende des Jahres. Vielleicht arbeite ich aber auch eine Weile auf einer Farm in Frankreich oder Spanien. Im Oktober geht’s dann auf jeden Fall nach Nepal.

Drei Monate arbeiten und neun verreisen, hört sich gut an. Wie ging das mit diesem Lebensstil bei dir los?

Es ist ja schon seit einer Weile unter jungen Leuten ziemlich in, Work and Travel zu machen oder einfach nur für längere Zeit zum Beispiel in Australien herumzureisen. In Finnland, wo ich herkomme, ist die Dunkelheit über den langen Winter hinweg das Schlimmste. Dem wollte ich zunächst für sechs Monate nach Australien entfliehen, hatte aber kein Geld. Nach drei Tagen hatte ich aber meinen ersten Job und blieb am Ende ein ganzes Jahr. Schon während dieser Zeit bin ich in ganz Australien herumgereist. Als ich dann vor zwei Jahren ein langfristiges Jobangebot bekam, musste ich mich entscheiden: Will ich bleiben oder lieber weiterreisen? Ich habe mich dann fürs Reisen entschieden.

© Kristiina KallioWir wanderten Abends auf diesen Berg beim Pai Canyon in Thailand, um uns den Sonnenuntergang anzuschauen. Das war ein wirklich schöner Moment.

Wenn man sich nach einer langen Reise um einen Job bewirbt kann so eine Lücke zum Nachteil werden. Denkst du, dass es etwas gibt, was man vom Reisen lernen und auch in einer Bewerbung angeben kann?

Man lernt natürlich Fremdsprachen, aber auch, sich ohne Worte  zu verständigen. Aber vielleicht auch, dass man kritische Situationen übersteht und die Nerven behält. Ich denke gerade daran, wie wir uns in der Nähe des Ural in Russland in der Wildnis verlaufen haben und die kalte Nacht hereinbrach. Auch habe ich gelernt, mich an andere Kulturen und ihre Gewohnheiten anzupassen, an immer wieder neue Situationen. Das macht flexibel. Und wenn man so viele Menschen trifft und sich in existenziellen Situationen vielleicht auf Fremde verlassen muss oder auch erkennen muss, wem man nicht vertrauen sollte – da bekommt man zwangsläufig eine gewisse Menschenkenntnis. Warum soll man so etwas nicht auch in der Bewerbung sagen?

© Kristiina KallioDieser Massai kam vorbei, als unser Auto eine Panne hatte, als wir durch den Nationalpark in der Nähe von Arusha, Tansania, fuhren. Leider konnte er Janika und mir mit dem Wagen auch nicht weiterhelfen.

Wo hat es dir am besten gefallen?

Das fragen mich alle, aber ich weiß es nicht. So vieles war wunderschön: auf den Vulkan Cotopaxi in Ecuador zu steigen, mit Bullenhaien zu schwimmen, in Mexiko in Unterwasserhöhlen, den Cenotes, zu tauchen, eine Safari in Tansania zu machen, über Reisfelder in Indonesien zu streifen, die Inka Ruinen im peruanischen Machu Picchu zu sehen, mein Roadtrip im Auto durch Australien und fast alle neuen sieben Weltwunder gesehen zu haben.

Was fasziniert dich besonders am Reisen, dass du nichts anderes mehr machen willst?

Nach zwei Monaten an einem Ort, langweile ich mich und denke: Es ist Zeit zu gehen! Und nach drei Monaten denke ich: Okay, ich muss jetzt wirklich weg! Es ist einfach das schönste Gefühl überhaupt, wenn du an einem neuen Ort aufwachst, die fremden Geräusche hörst, manchmal ist es aber auch die Stille in den Bergen, manchmal das Rauschen der Wellen am Strand oder der Lärm der Autos oder eine Sprache, die du noch nie gehört hast. Du riechst auf einmal neue Gerüche: Essen, Gewürze, Blumen – jeder Ort hat seinen eigenen Duft. Und wenn du deine Augen öffnest und aus dem Fenster blickst, siehst du vielleicht eine Landschaft zum ersten Mal, siehst die Einheimischen mit ihren traditionellen Kleidern – alles in seinen ganz eigenen Farben.

Wie kannst du dir das leisten?

Ich verbrauche einfach so wenig Geld wie möglich, wenn ich wie jetzt kurz nach Finnland zurückkommen muss, um etwas zu verdienen. Ich arbeite gerade in einem Hotel als Köchin und Rezeptionistin und meine Wohnung wird mir gerade von meinem Arbeitgeber gestellt. Ich gehe nicht raus, um was zu trinken und kaufe mir nichts. Es ist einfach eine Frage der Priorität: Ich spare all mein Geld fürs Reisen. Unterwegs spare ich dann vor allem beim Essen und bei der Unterkunft. In Havanna war ich etwa in einem Hostel im Zimmer mit zehn Menschen auf vielleicht 14 Quadratmetern. Und ich esse immer dort, wo es die Einheimischen tun. Sich mit anderen Backpackern auszutauschen, um zu erfahren, wo es besonders günstig ist, hilft auch. Man kann viel vom Wissen der anderen profitieren, die schon etwas länger da sind.

© Kristiina KallioIn Kolumbien, in der Nähe von Santa Marta, auf dem halben Weg zur Verlorenen Stadt, kam ich in diesem kleinen Dorf vorbei, in dem die Menschen sehr einfach leben.

Du hast einige schöne Fotos geschossen. Sind das deine liebsten Momente, die du eingefangen hast?

Es gibt in den schönsten Augenblicken immer diese Spannung und man muss sich entscheiden. Kennst du den Film „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ mit Ben Stiller? Da gibt es diese Szene von dem Naturfilmer, der ewig gesucht und ausgeharrt hat, damit ihm ein Schneeleopard vor die Kamera läuft. Und als er endlich einen sieht, macht er das Foto nicht, weil er den Moment lieber genießen will. Diese Entscheidung muss man ständig treffen: Willst du einen Moment wirklich genießen oder willst du ihn festhalten? Darum habe ich wenige Bilder von meinen liebsten Momenten. Und manchmal kann man die Schönheit einer Begebenheit auch einfach nicht im Bild festhalten.

Postest du deshalb auch wenig auf Facebook von unterwegs?

Für viele Leute steht anscheinend im Mittelpunkt, dass sie ihre Bilder anderen auf Facebook zeigen und damit angeben können. Mich stört daran, dass sie oft so fake sind. Etwa wenn jemand im Kleid auf einem hohen Berg posiert. Das ist doch keine Wanderkleidung! Die haben sie bloß für die Fotos angezogen! Und solche Leute, finde ich, genießen den Moment nicht, sondern denken nur an ihr Facebook- und Instagram-Profil und an die Leute, die das ganze später sehen sollen.

© Kristiina KallioDie Gastfreundschaft der Mongolen war überragend. Die Eltern waren sehr nett, am liebsten wäre ihnen gewesen, wenn ich geblieben und ihren Sohn (links) geheiratet hätte.

Andauernd zu reisen, hört sich erstmal gut an. Gibt es auch Nachteile?

Ich besitze nicht viel, aber was ich habe, ist gefühlt auf der ganzen Welt verteilt. Ich habe einfach keinen Platz, wo ich es hintun kann. Und ich wünschte, ich hätte einen Garten. Und meine Freunde sehe ich kaum. Man findet schneller Freunde unterwegs, aber es ist schwer Kontakt zu halten. Ich würde jedoch nicht sagen, dass die Freundschaften, die ich unterwegs geschlossen habe, oberflächlicher sind. Man hat viel gemeinsam, wenn man gerne reist, und ist gleich auf einer Wellenlänge miteinander.

Du hast einen Freund, der in Frankreich lebt. Von Finnland aus wäre das schon eine Herausforderung. Wie klappt das, wenn man oft die ganze Welt zwischen sich hat?

Es ist schon sehr schwierig. Aber wir versuchen einfach, so oft es geht gemeinsam zu verreisen. Gerade waren wir zusammen auf Kuba und vielleicht begleitet er mich nach Nepal. Und deshalb will ich auch im Sommer nach Frankreich auf die Farm, um ihm näher zu sein. Aber es ist schon sehr hart. Er ist nicht sehr glücklich mit der Situation. Er ist im Moment auch sehr gestresst in seinem Job, darum hoffe ich, dass er kündigt und mit mir verreist (lacht). Aber ich werde ja auch nicht ewig so weitermachen. Irgendwann will ich auch ein Haus mit einem schönen Garten haben.

© Kristiina KallioDer Belen-Markt in Iquitos, Peru – das interessante dortwar, dass sie Medizin aus Pflanzen aus dem Regenwald verkaufen. Leider aber auch Sachen wie Schildkröten-Fleisch.

Wie lange willst du noch so weitermachen?

Mindestens drei Jahre. Aber auch später, wenn ich Kinder habe, will ich weiterhin auf  Reisen gehen. Ich suche nach einem Job, den ich mit dem Reisen verbinden kann. Als Köchin klappt das zwar gut, aber ich will nicht mehr in der Küche arbeiten, weil ich Vegetarierin bin und es hasse, Fleisch zuzubereiten und beim Kochen so viel Essen wegwerfen zu müssen.

Du bist nicht gerade nur in den klassischen Urlaubsländern unterwegs. Wurde es während deiner Reisen auch mal brenzlig?

Auf unserem Trip durch die Mongolei hatten wir keinen Platz zum Schlafen. Als wir an diesem Zelt vorbeikamen, fragte unser Fahrer, ob wir bleiben dürfen – und sie haben uns aufgenommen.

Definitiv! Aber die schlimmste Szene, an die ich da denken muss, war zum Glück nicht gefährlich für uns. Wir waren im Auto unterwegs in Arusha, einer Stadt im Nordosten Tansanias, da rammte ein Wagen ein Motorrad und dessen Fahrer starb anscheinend auf der Stelle. Die Gruppe der Motorradfahrer, mit denen der Verunglückte unterwegs war, kam dazu und umzingelte das Auto. Der Beifahrer stürzte aus dem Wagen und rannte davon, der Fahrer hingegen entkam nicht. Auf ihn schlugen die Männer immer und immer wieder ein. Da war überall Blut. Der Fahrer schien dem Tod nahe. Ich war so geschockt, ich konnte mir das nicht anschauen und sprang aus dem Wagen, aber meine Freunde zogen mich wieder herein. Obwohl die Straße verstopft war, quetschten wir uns durch.

Was hast du auf deinen Reisen über die Welt gelernt?

An vielen Orten auf der Welt, etwa in der Mongolei, haben die Leute fast nichts. Vielleicht ein Radio und die Tiere, die sie sich halten. Die Kinder haben dort mit ihren selbstgebastelten Spielzeugen gespielt. Trotzdem waren die Menschen so glücklich. Wir im Westen dagegen haben so viel und sind dabei oft so traurig. Wir sind so verwöhnt und wollen immer nur mehr und mehr. Viele dieser Menschen, die scheinbar nichts haben, haben dabei alles, was sie brauchen. Vor allem ihre Familie um sich.

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Kristiina Kallio ist 24 Jahre alt, gelernte Köchin und kommt aus Väliviirre, Finnland. Seit ihrem 22. Lebensjahr verbringt sie die meiste Zeit auf Reisen.


7 Lesermeinungen

  1. Tolles Leben!
    Drei Monate zu arbeiten und dann für neun Monate zu reisen ist sicherlich für die meisten Studenten schon etwas worauf sie sehr neidisch sein können, aber wohl auch für Studenten in Studiengängen mit geringer Anwesenheitspflicht und kurzer Klausurenphase schwer zu realisieren.

    Allerdings wundere ich mich über das Fazit bzw. das Gelernte am Ende. Gerade in Skandinavien ist die Lebensqualität ausgezeichnet und man hat es schwer unglücklich zu sein. „Mehr haben zu wollen“ mit unglücklich sein gleich zu setzten halte ich für einen zu einfachere Schlussfolgerung und ehrlichgesagt etwas arrogant. Jeder Mensch hat etwas was ihn/sie antreibt – Kristiina scheint schließlich auch immer mehr vom Reisen zu wollen.

    • Gut analysiert!
      Erstaunlich! Den gleichen Gedanken hatte ich gerade auch. Zumal ich ergänzen würde, dass „wenig/nichts haben“ sicherlich keine Korrelation zu „sind glücklich“ aufweist. Im Gegenteil! In meinem Jahr in Uganda habe ich viel Armut gesehen und die Menschen wirkten nach einigen Gesprächen alles andere als glücklich. Soziale Wärme war viel weniger zu spüren – auch wenn sie vordergründig gerne dargestellt wird – als hier in Deutschland.

  2. Netter Bericht, nur eine Aussage fand ich irgendwie komisch:
    „Wir im Westen dagegen haben so viel und sind dabei oft so traurig.“

    Sind wir das? Ich nicht und sie scheinbar auch nicht. Denn wenn man möchte könnte man ihren Satz auch so umformulieren: „Die Menschen dort gehen ihr ganzes Leben auf keine Reise, verlassen den Ort ihrer Geburt meist nicht weiter als 100 Kilometer. Trotzdem waren die Menschen so glücklich.“ Und sie haben auch keinen Ärger mit ihrer Beziehung weil sie sich nie sehen. Das Glück der Menschen dort ist es, nichts anderes zu kennen. Und sobald sie es kennen, wollen sie auch mehr, keine Sorge, diesbezüglich ist Homo sapiens universal.

    • Titel eingeben
      Über diese Sache denke ich momentan sehr häufig nach. Nehmen wir Menschen, die in einfachen Verhältnissen leben, ihre Zufriedenheit mit ihrem in unseren Augen „unfortschrittlichen“ Leben indem wir sie besuchen und ihnen unser Leben zeigen? Wenn dem so wäre, wäre es sehr egoistisch von uns, solche Menschen zu besuchen und ihnen zu zeigen, was wir haben und sie nicht, oder?
      Ziemlich kompliziert, alles.

  3. Beneidenswert
    Ein sehr interessantes Interview, davon würde ich mir mehr wünschen. Es ist sehr spannend zu lesen, was die junge Generation antreibt und was sie aus ihren Möglichkeiten macht. Ich wünsche der jungen Damen noch viele schöne Reisen und Erlebnisse.

  4. Wunderbar
    Einfach schön, zu erleben (Senior von fast 74 und immer noch Traumtänzer), dass jede Generation wunderbare Menschen hervorbringt.
    Diese junge Frau kann man nur bitten, dass sie bei Zeiten ihre Erfahrungen, in welcher Form auch immer, politisch weitergibt,
    damit Leute wie Trump, Putin, Erdogan und Assad … mit ihrer Menschenverachtung keine Chance mehr haben.

    Viel Glück für die Generation meiner Kinder und Enkel.

    Gott – egal welcher – sei mit Euch,

    ein zuversichtlicher Papa und Opa

  5. 'Sehr nett' meint der Spießer in uns, 'aber
    man kann sein Lebenszeitkonto leider nur einmal ausgeben, und für viele andere kann es auch sehr gut und richtig sein, im Lebensabschnitt zwischen 19 und 26 mehr ‚zu Hause‘ in Hörsälen zu sitzen und eine akademische Ausbildung zu absolvieren. Da wird man auch mit einer Welt vertraut gemacht, wenn es auch eine andere ist. Und auch von der nimmt man so viel mit, was trägt für den Rest des Lebens. Unter Umständen ist es sogar ganz richtig, in jungen Jahren zuerst die akademische Ausbildung zu machen, solange die kleinen grauen Zellen noch besonders aufnahmelustig dafür sind. Menschlich vielfältige Erfahrungen überall in der Welt zu machen, so meint das Vorteil, kann man bestimmt später auch noch. Und mancher wird sich eventuell an ‚The Great Gatsby‘ erinnert in dem es an einer Stelle heißt, nachdem der Protagonist, der vor wenigen Wochen selbst erst zugezogen war, das erste Mal einem ’noch jünger Einheimischen‘ den Weg gezeigt hatte, ‚ich war jetzt nicht nur ein Siedler, ich war ein Wegbereiter, ein Vorbild geworden‘.

    Und insofern denkt man, dass die fortschreitende ‚und sich ausbreitende‘ Globalisierung eben beides braucht, auch junge Vielreisende, die dafür das Opfer der nicht vorhandenen, systematisch erworbenen Ausbildung gebracht haben.

    Und immer bleiben die Extreme besonders in Erinnerung, Reinhold Messner z.b. war ja im Alter von 22 oder 24 ja auch schon total Dolomiten- und Himalaya-verrückt.

    Und wer noch wieder die Erzählungen von Somerset morgen kennt der weiß das so vieles überhaupt gar nicht neu ist sondern heute eventuell nur neugefühlt und in größerer, geballterer Anzahl stattfindet.

    Aber eines ist heute schon neu, nie war die soziale Sicherheit, die das Internet und der aufgeklärte Start und die Globalisierung zwischen den Möglichkeiten auch vermittelt, größer als heute. Eine weiße Frau wird nie vollständig durchfallen. (Auch gut, dass sie dies, im guten, alten Europa quasi mit der Muttermilch eingesoge Gewissheit, auch auslebt. Das ist nämlich mehr als auf die Probe stellen.)

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