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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ferien im Entwicklungsland – wem nützt „Voluntourismus“?

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„Voluntourismus“, die Verbindung von Freiwilligenarbeit und Tourismus, ist umstritten. Kritiker sehen sie als eine neue Form des Kolonialismus an. Was steckt hinter dieser milliardenschweren Industrie?

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© picture-allianceWie sieht sie aus, die perfekte Verbindung von Urlaub und Gutes-Tun?

Die großen Sommerferien stehen an und du möchtest verreisen – am liebsten an einen exotischen Ort. Wie wäre es mit Indien, Thailand, Nepal, Südafrika oder Peru? Doch leider gibt es an diesen wunderschönen Urlaubszielen auch viel Armut. Also wenn du schon mal dort bist, könntest du ja gleich helfen, die Situation zu verbessern. Schließlich willst du nicht einfach die Augen verschließen vor dem Elend – zumindest wenn es sich direkt vor deiner Nase abspielt.

Diesen inneren Monolog dürften viele Studenten führen. In jedem Jahr ist für mehr als eine Million der 20 bis 25 Jahre jungen Menschen „Voluntourism“ die Antwort auf die Frage:

Was kannst du tun?

Schnell mal „Helfen in Südafrika“ gegoogelt und siehe da: Freiwilligenarbeit oder „Volunteering“ ist das Ergebnis. Außerdem werden unzählige Organisationen angezeigt, die genau das anbieten. Wie praktisch! „Projects Abroad“ ist so ein Unternehmen, das verspricht, „sinnvolle Ferien“ für einen zu organisieren. Als Freiwillige könne man in einem Projekt „aktiv vor Ort einen sozialen Beitrag leisten“, heißt es. Für 2170 Euro zum Beispiel kann man sich eine Woche lang an einem Hausbau im Süden von Kapstadt beteiligen. Ab vier Wochen fällt der Wochenpreis dann unter die Tausendermarke und wird mit jeder zusätzlichen Woche geringer. Bezahlt werden mit dem Geld unter anderem die Unterbringung in einer Gastfamilie, die Verpflegung, Versicherungen, die Organisation des gesamten Aufenthalts, die ständige Erreichbarkeit eines Ansprechpartners, die täglichen Fahrtkosten zum Arbeitsplatz sowie Unterstützung bei der Vorbereitung und Visumsbeantragung. Flüge und Visum sind im Preis nicht inbegriffen.

„Projects Abroad“ sieht sich nicht nur als „Entsendeorganisation“, sondern wolle eine Alternative zu staatlich geförderten Programmen bieten, sagt die Leiterin des Deutschlandbüros, Caprice Twumasi Ankrah. Peter Slowe habe das Unternehmen 1992 als Geographieprofessor in England für seine Studenten gegründet. Er habe ihnen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Möglichkeit geben wollen, sich Osteuropa anzusehen und dort Englisch zu unterrichten. Die Zielgruppe, also die Kunden, seien auch heute noch Studenten und Absolventen, aber auch Schüler ab 16 Jahren, außerdem ganze Familien und Rentner. Seit seiner Gründung wächst das Unternehmen, mit dem bisher an die 100.000 Freiwillige „verreist“ sind. Mittlerweile arbeiten dort nach eigenen Angaben etwa 700 Vollzeitangestellte, davon mehr als 570 in den Entwicklungsländern, die größtenteils Einheimische seien. Sie organisieren den Auslandsaufenthalt für jährlich 10.000 Freiwillige. „Projects Abroad“ gibt an, etwa 20 Millionen Euro Umsatz im Jahr zu machen. „Uns ist wichtig, dass man nicht nur sein eigenes Projekt finanziert“, sagt Twumasi Ankrah. Denn es gehe um Nachhaltigkeit.

Unter den Projektpartnern in den „Zielländern“ sind Twumasi Ankrah zufolge sowohl Kindertagesstätten und Schulen als auch von „Projects Abroad“ eigens ins Leben gerufene Projekte – zum Beispiel für Naturschutz in Peru oder für Menschenrechte in Westafrika. Die Teilnahmegebühren garantierten, dass diese Projekte auch dann aufrechterhalten werden könnten, wenn es dort gerade nicht genug Freiwillige gebe, so die Leiterin des Deutschlandbüros. Zudem würden mit dem Geld auch spontane Katastrophenhilfe-Projekte wie 2015 nach dem Erdbeben in Nepal finanziert. Die Teilnahmegebühren für die Freiwilligenarbeit werden „Projects Abroad“ zufolge durchschnittlich gut zur Hälfte für die schon beschriebenen Aufenthaltskosten der Freiwilligen ausgegeben. Weitere 13 Prozent der Unternehmenskosten seien organisatorische Kosten, um das in etwa 60 Ländern agierende Geschäft zu betreiben. Steuern machen 5 Prozent des Kostenanteils aus, denn „Projects Abroad“ ist ein kommerzielles Unternehmen. Das heißt, es erwirtschaftet einen finanziellen Gewinn. Der Einnahmeüberschuss wird laut Unternehmen sowohl in Projekterhalt  und -ausweitung investiert als auch als „maßvolle Dividenden“ an die Aktionäre ausgezahlt. Diese Ausgaben machten 2014 insgesamt 7 Prozent der Unternehmenskosten aus. Beim derzeitigen Umsatz entspräche das 1,4 Millionen Euro Gewinn im Jahr, gemäß der von „Projects Abroad“ zuletzt veröffentlichen Kostenverteilung. Fast ein Viertel der Gesamtkosten sind Werbe- und Kommunikationskosten. Diese seien wichtig, um die Projekte kontinuierlich mit Freiwilligen versorgen zu können, sagt Twumasi Ankrah.

Doch wie nachhaltig ist ein Projekt, das ohne Freiwillige nicht bestehen kann?

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Die junge Filmemacherin Chloé Sanguinetti fragt Voluntouristen in dieser Dokumentation, warum sie sich für die Freiwilligenarbeit entschieden haben und welche Erfahrungen sie vor Ort machen.

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Oder anders gefragt: Welchen Anspruch hat das Projekt? Geht es darum, gemeinsam mit Einheimischen Lösungen zu suchen, die immer weniger Freiwillige erfordern, bis Einheimische das Projekt irgendwann alleine tragen? Das wäre nachhaltig. Wenn der Einsatz von immer mehr Freiwilligen zum Selbstzweck wird, widerspricht das dem Nachhaltigkeitsprinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn ein Fachkräftemangel besteht, kann eine kurzfristige Überbrückung mit Freiwilligen sinnvoll sein, bis vor Ort eigene Fachkräfte ausgebildet sind. Allerdings darf dies nicht dazu führen, dass der Anreiz verloren geht, eigene Fachkräfte zu beschäftigen, denn sonst entsteht eine Abhängigkeit von Freiwilligen.

„Projects Abroad“ bietet auch spezielle Projekte für Auszubildende und Fachkräfte an, die ihre Erfahrung einbringen können. An den meisten Projekten kann man aber ohne Vorkenntnisse teilnehmen. Doch wie sinnvoll ist es, wenn ein Laie irgendwo ein Haus baut? Könnte ein einheimischer Bauarbeiter diese Arbeit nicht besser machen und durch die Bezahlung auch noch seine Familie ernähren? „Wir wollen keine einheimische Fachkraft ersetzen, sondern sie unterstützen“, erklärt Twumasi Ankrah. Wie sinnvoll kann diese Unterstützung aber sein, wenn ich zum Beispiel zwei Wochen lang im Schulunterricht mithelfe? Auf der „Projects Abroad“-Webseite heißt es weiter: „Aufgrund des Lehrermangels in Kambodscha unterrichtest du in der Regel selbstständig nach einem Lehrplan oder gemeinsam mit anderen Freiwilligen“ und: „Pädagogische Vorkenntnisse benötigst du nicht“.  Würden wir in Deutschland jemanden unsere Kinder unterrichten lassen, der dazu keinerlei Qualifizierung besitzt? Warum sollte das in einem anderen Land plötzlich akzeptabel sein? Damit der Übergang unter den Freiwilligen so reibungslos wie möglich ablaufe, gebe es eine Datenbank mit dem Lernfortschritt der Schüler, sagt Twumasi Ankrah.

Von dieser Datenbank hat Adrian allerdings noch nichts gehört. Er ist zwanzig Jahre alt und war in den vergangenen drei Jahren mit „Projects Abroad“ jeweils vier bis sechs Wochen in den Sommerferien an einer Schule in Costa Rica. Als „Assistent“ der Englischlehrerin und des Sportlehrers habe er viel dazugelernt und gleichzeitig helfen können, die Arbeit mit den Schülern als zweiter Ansprechpartner zu entspannen – was immer in Rücksprache mit dem eigentlichen Lehrer abgelaufen sei. „Wir haben uns sehr gut ergänzt“, sagt der Erstsemester. „Das finde ich gut bei der Organisation, dass man grundsätzlich in jedem Bereich sein Wissen erstmal erwerben oder erweitern konnte.“ Auch mit praktischer Berufserfahrung wirbt „Projects Abroad“. An erster Stelle stehe aber der interkulturelle Austausch. Adrian sagt, er habe immer noch regelmäßigen Kontakt mit den Lehrern und seiner Gastfamilie: „Ich bin mehr Costa Ricaner.“

Schwarze Menschen können genauso helfen

Eine in London lebende Sim­bab­we­rin kann das verstehen, denn sie ist schon viel in der Welt herumgekommen. Die Siebenundzwanzigjährige ist auch Britin, lebt aber erst seit der Oberstufe in England. Dort hat sie einen Masterabschluss in Internationaler Entwicklung gemacht und später ein Freiwilligenprojekt als „Team Leader“ in Bolivien geleitet. „Wenn die Welt sich mehr mischt, sehen wir, dass wir alle gleich sind“, sagt sie und rät deshalb: „Geh Reisen und sieh dir die Welt an!“ Wenn das allerdings nur mit einem philanthropischen Ansatz geschehe, verstärke es das Bild, dass nur weiße Menschen etwas bewirken können, gibt sie zu bedenken. Sie selbst ist als Schwarze in einem Land aufgewachsen, das ihre Familie noch als Rhodesien erlebt hat. Benannt nach dem britischen Kolonialherrn Cecil Rhodes herrschte dort Rassentrennung. Für die junge Frau ist „White Supremacy“, also die vermeintliche Überlegenheit der Weißen, auch heute noch ein Thema und damit ist sie nicht allein. „Das Vermächtnis des Kolonialismus ist viel gewaltiger, als man es sich vorstellen kann“, sagt die Simbabwerin.

So erlebt die junge Frau auch in Großbritannien täglich Ignoranz bis hin zu latentem oder offenem Rassismus. Selbst von Briten, die einmal Freiwillige in einem Entwicklungsland waren, höre sie oft komplett unreflektierte oder anmaßende Kommentare. Es ist ein Teufelskreis, da Ursache und Wirkung, die zu den jeweiligen Situationen in Entwicklungsländern führen, oft nicht kritisch und damit auch nicht selbstkritisch hinterfragt werden. Manche Experten sehen Freiwilligenarbeit, insbesondere im Rahmen von „Voluntourism“, auch in der Tradition des anmaßenden Missionierungsanspruchs Weißer gegenüber Schwarzen zur Zeit des Kolonialismus.

© barbiesaviourDie Satireseite „Barbie Savior“ wurde nach eigenen Angaben von zwei Freundinnen gegründet, die den Beifall für den „White Savior“ (Weißen Retter) in den sozialen Netzwerken leid waren.

Letztlich sei die koloniale Vorstellung der „White Supremacy“ aber in der ganzen Welt in die Grundfesten von Gesellschaften eingegangen, sagt die Entwicklungsexpertin. Aus ihrer Erfahrung in der Entwicklungsarbeit sowohl in Großbritannien als auch in Bolivien berichtet die Simbabwerin, dass sie bei Menschen aller Ethnien immer auf großes Erstaunen darüber gestoßen sei, dass sie als Schwarze aus England kommen und Freiwilligenarbeit leisten könne. Kinder seien verwirrt gewesen, da sie noch nie eine Schwarze Freiwillige getroffen hätten. Sie hätten erst einmal das Klischee der ausschließlich „weißen Helfer“ über Bord werfen müssen.

Daher glaubt die aus Simbabwe stammende Entwicklungsexpertin: Selbst wenn weiße Menschen mit den besten Intentionen Freiwilligenarbeit leisteten, verstärke es bereits bestehende rassistische Vorurteile und verfestige so eine subtile Hierarchie zwischen Schwarzen und Weißen. Aus ihrem Herkunftsland kennt sie aus erster Hand gescheiterte „Voluntourism“-Projekte. Der Nutzen sei dabei ihrer Meinung nach geringer als der Schaden. Nicht darunter fielen allerdings Entwicklungsprojekte einiger weniger Experten, die wirklich nachhaltig etwas bewegten. Genau das ist die entscheidende Frage:

Wem nützt „Voluntourism“ wirklich?

Bei geringer Nachhaltigkeit muss man sagen: vor allem wohl den Freiwilligen und den Organisatoren mit ihren Angestellten. „Projects Abroad“ hat im Jahr 2015 seinem eigenen Leistungsbericht zufolge in der ganzen Welt die Einkommen von 1000 Gastfamilien aufgebessert, für tausende lokale Unternehmen Geschäfte generiert (wobei nicht klar wird wie), und seine eigenen 700 Mitarbeiter bezahlt, von denen die meisten aus Entwicklungsländern stammten. Außerdem hätten Freiwillige als Lehrerassistenten in 350 Schulen gearbeitet, 8 Tonnen Müll gesammelt, verschiedene Workshops und Kampagnen zu Hygiene und Umweltschutz organisiert, in Bildungs- und in Umweltprojekten Daten gesammelt, sich für Obdachlose engagiert, 30.000 Bäume gepflanzt, 18 Mikrokredite vergeben und mehr als 40 Gebäude gebaut. Außerdem sei Arbeitsmaterial im Wert von knapp einer halben Million Euro gespendet worden. Und all das bei einem Jahresumsatz von 20 Millionen Euro.

© picutre-allianceEin Mitarbeiter der Organisation „Ärzte der Welt“ bei einem humanitären Hilfseinsatz in Ruanda

Mit rund einem Viertel des Budgets (nämlich mit insgesamt 4,8 Millionen Euro) unterstützt zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gemeinsam mit der Deutschen Welthungerhilfe in einem auf drei Jahre angelegten Projekt die Verbesserung der Ernährungssituation von bis zu 100.000 Menschen in Niger. Dabei werden Familien beispielsweise zu verbesserten landwirtschaftlichen Anbaumethoden, zum Gemüseanbau, in guter Ziegenhaltung, zu gesunder Nahrungszubereitung und in der richtigen Lagerung von Nahrungsmitteln geschult. So können sich die Familien gesünder und ausgewogener ernähren und teils auch Überschüsse zum Beispiel aus der Gemüseproduktion auf lokalen Märkten verkaufen und damit ihr Einkommen verbessern. Von besseren Anbautechniken und produktiverem Saatgut profitieren nach knapp zwei Jahren der Projektzeit schon mehr als 4.500 kleinbäuerliche Haushalte, das heißt rund 31.500 Menschen. Über 6.000 Haushalte, das entspricht rund 42.000 Menschen, können zudem durch die bessere Lagerung von Grundnahrungsmitteln, die jährlich wiederkehrenden Dürremonate besser überstehen.

Zwar lassen sich die Zahlen dieser Projekte schwer vergleichen, auch da die Angaben bei „Voluntourism“-Organisationen meist nicht detailliert genug sind. Dennoch wird deutlich, dass die Freiwilligenarbeit von „Voluntouristen“ keine echte Alternative zur Entwicklungszusammenarbeit darstellt. Grundsätzlich bleibt es aber fraglich, ob selbst professionelle Entwicklungsprogramme wirklich nachhaltig sind. Effektiver ja, aber ob die Wirkung nicht an der Absicht vorbeigeht, bleibt oft unklar. So erklärt Axel Dreher, Direktor des Instituts für Wirtschaftswissenschaften an der Universität Heidelberg, dass zum Beispiel Entwicklungsprogramme an Schulen die jeweilige Regierung des Landes davon abhalten könnten, selbst in die Schulbildung zu investieren. Stattdessen könnte das Geld dann anderweitig und nicht unbedingt nachhaltig verwendet werden. Dreher spricht von einem „Parallelsystem“, das so geschaffen werden und letzten Endes nicht effizient sein könnte. Er plädiert dafür, nur noch Länder mit demokratisch gewählten Regierungen finanziell zu unterstützen, dafür aber das Geld direkt an die Regierungen zu geben. Selbst wenn so auch Gelder auf korrupten Wegen verschwinden würden, sei es letztlich effizienter, wenn die demokratischen Regierungen selbst entscheiden könnten, welche Projekte sie in ihrem Land finanzieren wollten. „Immer die Idee, man weiß etwas besser“ als die Regierung des Landes selbst, sei für ihn genau der gleiche Ansatz wie in der Kolonialzeit. Häufig steckten hinter den Hilfsgeldern für Entwicklungsprojekte auch politische Motive der Geberstaaten. Unabhängig davon müsse humanitäre Hilfe natürlich überall geleistet werden, wo sie notwendig sei.

Peter Nunnenkamp vom Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel sieht das ähnlich. „Sie lösen ein Problem und fangen sich das nächste ein“, sagt er nüchtern. Überhaupt halte er es für „unsagbar schwierig“ die Wirksamkeit von Entwicklungsprojekten wirklich messen zu wollen. Er könne sich aber auch nicht vorstellen, dass man ohne Bürokratie leicht Nachhaltigkeit schaffen könne. Deshalb zweifle er dies auch bei „Voluntourism“-Unternehmen mit einer teils überaus kurzen Durchlaufzeit von Freiwilligen an. Zudem stellt sich für Nunnenkamp sowohl bei staatlichen als auch bei privaten Projekten die grundsätzliche Frage, ob Hilfe zur Selbsthilfe vom jeweiligen Organisator wirklich nachhaltig gewollt ist. Schließlich würde er sich selbst damit letztlich überflüssig machen.

„Wir sind ein kommerzielles Unternehmen und glauben daran, dass wir durch diese Unternehmensform am effektivsten arbeiten können“, heißt es auf der Website von „Projects Abroad“. Fragt sich nur, für wen diese Effektivität gilt. Immerhin scheint das Engagement von „Projects Abroad“ positive Ergebnisse hervorzubringen. Das ist nicht bei allen Organisationen der Fall. An einigen Orten führt die hohe Nachfrage nach Freiwilligenarbeit in Waisenhäusern dazu, dass Kinder von ihren Familien getrennt werden. Sie werden dann in scheinbaren Waisenhäusern für die Freiwilligen zur Schau gestellt und die Betreiber streichen die Spenden ein. So hatten in Kambodscha 2009 laut UNICEF mehr als drei Viertel der Kinder in Waisenhäusern noch ein oder zwei lebende Elternteile. Außerdem steige dort die Zahl der von nicht staatlichen Organisationen (NGO) betriebenen Waisenhäuser seit mehr als einem Jahrzehnt beständig. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen mahnt deshalb Freiwillige, die einen persönlichen Beitrag in Kambodscha leisten möchten, nicht in Waisenhäusern zu arbeiten.

In Nepal sieht die Situation ähnlich aus, wie ein Beitrag des britischen Fernsehsenders Channel 4 zeigt:

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Im südlichen Afrika ist zudem ein „Aids-Waisen-Tourismus“ entstanden, der die Situation der betroffenen Kinder laut einer Untersuchung des südafrikanischen Human Sciences Research Council möglicherweise noch verschlimmert. Denn sie bauen emotionale Bindungen zu durchreisenden Freiwilligen auf, die dann ständig wieder aufgegeben werden müssen.

„Wenn du wirklich helfen willst, dann mach dir nichts vor“, fasst die Sim­bab­we­rin die Situation zusammen. Freiwillige zahlten Tausende Euros und reisten einmal um den Globus, um „mit Kindern zu spielen“. Allein mit den Flugkosten hätten sie wahrscheinlich einige Klassenzimmer finanzieren können, mutmaßt sie. Nicht umsonst ist „Voluntourism“ eine Industrie, deren Wert Experten auf mehr als eine Milliarde Euro schätzen. Nach Ansicht der jungen Frau ist viel Augenwischerei im Spiel, die die Vorstellung aufrechterhält, man könne so die Welt retten. „Voluntourism“ verschleiere die wirklichen Probleme, weil er keine nachhaltigen Lösungen schaffe.

„Ich finde, dass man den Austausch gerade in einer Zeit wie dieser fördern sollte“, hält Twumasi Ankrah von „Projects Abroad“ dagegen. In diesem Punkt sind sich die beiden Frauen indes grundsätzlich einig. Worauf es aber nicht minder ankommt, ist, dass die entwicklungspolitische Problematik nach der Heimkehr nicht aus den Augen gerät – ein Ansatz den auch „Projects Abroad“ vertritt. Adrian ist nach seinem letzten Aufenthalt in Costa Rica schon einmal mit gutem Beispiel vorangegangen. Er engagiert sich jetzt in einem gemeinnützigen Programm seiner Universität und redet mit Schülern darüber, wie die Flucht- und Asylpolitik in der Europäischen Union funktioniert und wie man sich politisch beteiligen kann.

Auf jeden Fall sollte man sich, bevor man die Sommerferien im Entwicklungsland verbringt, folgende Fragen stellen: Warum möchte ich in dieses Land reisen? Was erwarte ich mir davon und warum? Wer profitiert am Ende wirklich davon und wie?

Welche Konsequenzen ziehe ich daraus?

Angesichts der Ungleichheit in der Welt sollten wir nach den Gründen fragen. „Wir sollten uns anschauen, welche Firmen und Unternehmen wir unterstützen und welche Entscheidungen unsere Regierungen in Politik und Wirtschaft auch außerhalb unseres Heimatlandes treffen“, sagt die aus Sim­bab­we stammende Britin. Freiwilligenarbeit beginnt zu Hause – da, wo es einem weh tun könnte, auf Privilegien zu verzichten.

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Die Autorin hatte selbst während des Studiums über Freiwilligenarbeit in einem Entwicklungsland nachgedacht und sich nach einiger Recherche stattdessen für eine selbst organisierte Backpacking-Tour durch Ecuador und Peru entschieden. Mit einem besseren Verständnis und einem noch größeren Interesse für das Leben in Südamerika hat sie einige Zeit später als „Team Leader“ mit gleichermaßen einheimischen und britischen Freiwilligen die Grundlagen für ein UN-Entwicklungsprojekt im ländlichen Raum von Bolivien gelegt, in enger Zusammenarbeit mit der örtlichen Gemeinschaft und einer einheimischen Stiftung.

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18 Lesermeinungen

  1. Warum so kompliziert?
    Beim Besuch eines buddhistischen Klosters in Kambodscha sprach mich ein junger Mönch an, ob ich Lust hätte, für 3 Monate Englisch in der Klosterschule zu unterrichten, gegen Kost und Logis plus Taschengeld. Sie hätten nämlich wegen Pol Pot immer noch viel zu wenig Lehrer. Eine Dame aus Australien habe das auch gemacht, aber die reise jetzt bald ab. Also, wenn ich die Zeit gehabt hätte, warum nicht? Ich sehe da kein Problem von wegen Nachhaltigkeit oder Rassismus.

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