Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Geschlossene Klassengesellschaft

| 24 Lesermeinungen

Nach dem Abitur büffeln französische Studenten in Vorbereitungsklassen für die Elitehochschulen des Landes. Die anhaltende Kritik an dieser geschlossenen Gesellschaft verhallt in den Räumen der Macht.

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© dpaBrunnen im Innenhof des Palais Royale in Paris

Wer beim Gang durch Paris genau hinschaut, sieht sie, die sogenannten „poètes maudits“, die verfluchten Poeten, die, Schal um den Hals und Lederschuhe an den Füßen, lässig eine selbstgedrehte Zigarette vor den Pforten eines Pariser Gymnasiums rauchen. Diese selbsternannten Nachfolger von Rimbaud haben aber wahrscheinlich noch keine leidenschaftliche Liebe erlebt, wie der Dichter mit Verlaine, denn zu jeder Stunde des Tages heißt es: lernen, lernen und nochmal lernen. Wieso denn? Weil sie eine literarische Classe Préparatoire, eine Vorbereitungsklasse, besuchen und von acht Uhr morgens bis siebzehn Uhr abends Unterricht haben. Zuhause werden sie anschließend bis Mitternacht Philosophie, Geschichte, Erdkunde, Latein oder Literatur büffeln. Die jungen Leute, die auch  „Préparationnaires“ genannt werden, besuchen diese Schulprogramme freiwillig, ein großer Teil von ihnen hat nach dem Baccalauréat den Ehrgeiz, die Aufnahmeprüfung einer französischen Elitehochschule zu schaffen, die ihnen wiederum die Pforten zu einer großen Karriere in Frankreich öffnen soll.

Die Classes Préparatoires gehören seit dem 18. Jahrhundert zum französischen Schulsystem und dienten ursprünglich nur der Vorbereitung auf Naturwissenschaftliche Elitehochschulen. Nach der Französischen Revolution war die Karriere zum Offizier nicht mehr exklusiv den Aristokraten vorbehalten, die Republik hatte militärische Positionen für alle talentierten Bürger geöffnet. Das Ziel war es, Beamte für das Militär und den Staat auszubilden, die im Rahmen eines Concours, einer Aufnahmeprüfung, ausgewählt würden. Um die Chancen bei diesem Auswahltest zu erhöhen, konnten sich die Interessenten in Classes Préparatoires vorbereiten. Um in die 1794 gegründete und 1804 von Napoléon zur Militärakademie erklärte Ecole Polytechnique einzutreten, waren und sind die zukünftige Polytechniciens dazu gezwungen, eine Vorbereitungsklasse zu besuchen.

© dpaEcole Polytechnique in Paris – Stahlstich um 1830

In Frankreich existieren heutzutage so viele Vorbereitungsklassen wie Elitehochschulen. Die literarischen und wirtschaftlichen Vorbereitungsklassen kamen erst im 20. Jahrhundert hinzu. Sie sollen die Studenten befähigen, die Aufnahmeprüfungen von Elitehochschulen wie HEC (Ecole des Hautes Etudes Commerciales), ESSEC (Ecole Superieure des Sciences Economiques et Commerciales) und anderen Business-Schulen zu bestehen. LʼEcole Normale Supérieure ist eher ein Ziel für Studenten, die Universitätsprofessoren werden wollen. Besonders selektiv sind die Préparatoires der Lycée Henri IV, von Louis Le Grand, von Sainte-Geneviève in Versailles und von der Lycée du Parc in Lyon.

Die Vorbereitungsklassen finden dabei nicht nur Zustimmung in Frankreich. Ihnen wird vorgeworfen, sie seien elitär und sprächen nur eine bestimmte soziale Schicht an. Der damalige Bildungsminister Jean-Marc Ayrault hatte im Jahr 2013 versucht, das System zu verändern, um auch weniger wohlhabenden Studenten die Partizipation zu ermöglichen. Doch trotz der Quotenregelung, die seither wirksam ist, sieht man in den heutigen Classes Préparatoires noch immer vorwiegend Teilnehmer, deren Eltern schon Elitehochschulen wie Centrale Paris (Ingenieurwissenchaft) oder HEC (Wirtschaftswissenschaft) besucht haben.

© dpaPrüfungen am Lycée Jean Monnet

Die zwei oder drei Jahre der Vorbereitung sind für die Studenten nach dem Baccalauréat sehr stressig. Weil die Aufnahmeprüfungen sehr schwer sind, erlauben es sich manche Vorbereitungsklassenlehrer, die Studenten unter Druck zu setzen. Ehemalige Préparationnaires erinnern sich daran, dass einige Lehrer die Arbeiten grundsätzlich nach Noten ordneten. „Dann beteten wir, dass unsere Arbeit sich nicht auf dem unteren Ende des Stapels befände, denn daraus folgte, dass wir nicht bestanden hatten und dass die andere Kommilitonen es wissen würden“, erzählt der frühere Student einer literarischen Classe Préparatoire in Sceaux. Das Ziel vieler Lehrer besteht darin, den Schülern Lust darauf zu machen, sich immer mehr Mühe zu geben. Ein Nebeneffekt ist, dass untertäniges Verhalten gefördert wird.

Auf der Website einer Pariser Vorbereitungsklasse sind Ratschläge wie diese zu lesen: „die Studenten sollen versuchen, ihre Lücken in jedem Fach zu füllen“. Wenn sie es nicht machen, werden ihre „lustigen Fehler“ bestimmt vor der ganze Klasse im Unterricht erwähnt. So erzählt eine frühere Teilnehmerin, wie sehr sie sich in solchen Situationen immer geschämt hat – „Ich hatte solche Angst, schlecht zu sein, dass ich anfing, während der Prüfungen zu betrügen“, ergänzt sie noch. Die finanzielle Seite kommt erschwerend hinzu. Zwar sind die meisten Classes Préparatoires kostenlos, teuer aber werden die Aufnahmeprüfungen (nur die Concours der Ecole Normale Supérieure sind erschwinglich) und danach auch die Elitehochschulen selbst. Eine Wirtschaftselitehochschule wie die EDHEC in Lille kostet zum Beispiel 14.000 Euro im Jahr. Manche Absolventen müssen einen Bankkredit aufnehmen, um ihr Studium abzuschließen und spüren anschließend den Druck, sehr schnell eine gut bezahlte Arbeit zu finden, um das Darlehen zurückzuzahlen.

© dpaStudenten der Ecole Polytechnique bei den French Open 2017

In einem sind sich die meisten Studenten einig: die Unterrichtsqualität der Vorbereitungsklassen ist ganz ausgezeichnet, wenn es um die Entwicklung von Konzentrations- und Arbeitsfähigkeit geht. Und auch die Freundschaften, die man in dieser Zeit schließt, sind ein Vorteil dieser Ausbildung. „Da wir jeden Tag gemeinsam unter Druck gesetzt waren“, erzählt eine heutige Geschichtslehrerin, „haben wir unter uns Kommilitonen schnell Freundschaften geschlossen. Auch fünf Jahre danach sind wir noch enge Freunde.“

Die Classes Préparatoires wird es noch eine Weile geben in Frankreich, denn sie haben die Elite, die heute an der Macht ist, darauf vorbereitet, die Concours der Grandes Ecoles zu schaffen. Der französische Staatspräsident Emmanuel Macron zum Beispiel saß in der Vorbereitungsklasse für das Lycée Henri IV,  und auch die meisten anderen französischen Politiker verdanken ihren Erfolg den Classes Préparatoires. Frankreich ist noch nicht bereit dazu, sein traditionell elitäres Schulsystem zu ändern.

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24 Lesermeinungen

  1. Kompetenz statt Diversität
    Durch den Concours erhalten die Besten die Posten und niemand sonst. Wenn man natürlich Diversität statt Kompetenz will, muß man nach Alternativen suchen. Und was wären die Alternativen zum Concours? wie sollten Posten im Staatsdienst vergeben werden? über die Beziehungen der Eltern? Verlosen der Posten? Vergabe nach Parteizugehörigkeit? Quoten für Frauen und Minderheiten?

  2. Mythos und Fakt
    Als Polytechnicien kann ich kaum mit Ihnen einverstanden sein.
    Die Prepaklasse und die Auswahlprüfung bezeichnen Sie als eine Eigenschaft der Grandes Ecoles. Gewiss, aber 40% der Studenten in Grandes Ecoles wurden anders ausgewählt.
    Sie meinen, Grandes Ecoles wären nur für Kinder der französichen Elite. Das ist nicht wahr : jeder zweite Grande Ecole (z.B. HEC) hat mindestens 30% Studenten, die mit einem Stipendium geholfen werden.
    Die Studienpreis mussen Sie auch in Verbindung mit dem Arbeitsmarkt sehen. Ein Jahr nach dem Diplom sind etwa 10% ehemaligen Studenten der Grandes Ecoles noch Arbeitslos. Diese Nummer ist zwar hoch, aber viel geringerer als die Arbeitslosigkeit der jungen Franzosen und Franzosinnen.
    All diese Daten können Sie selbst bei http://www.cge.asso.fr/ prüfen. CGE ist der Verband der französichen Grandes Ecoles.

    • non.
      Schauen Sie sich die Statistiken an: die Anzahl der Studenten aus der Arbeiterklasse (um den Terminus zu benutzen, den Sie zu vermeiden suchen) haben sogar seit den 1970er Jahren noch abgenommen.
      Die Ungleichheit und das Entre-Soi nimmt tatsächlich konstant zu – und nicht ab. Auch bite ich zu bedenken, dass die Stipendien zurückgezahlt werden müssen – obwohl die Studenten auch Lehraufträge übernehmen und somit arbeiten!

    • Die Elite des Landes
      Die Kunst ist nicht wer in den Eliten-Schulen reinkommt sondern wer auch sein Abschluss macht.
      Als Halbfranzose kann ich nur eins sagen:
      Chancengleichheit existiert in der französischen Gesellschaft nicht.
      Nur wenig Prozent der Studierende der letzten 10 Jahren die aus z.B Science-Po oder HEC und auch ihr Studium abgeschlossen haben (BAC+5) kamen aus der Arbeiterklasse.
      Schon in den Schulzeiten werden Kinder gezielt in Elite-Schulen angemeldet um eine Chance auf die gute Vorbereitungsklassen (Prépa) zu erhalten. Die Kinder werden in den Schulen darauf eingestellt dass sie alle gegenseitig Konkurrenten sind und nur die besten eine Chance haben. Die Chancen werden natürlich verbessert wenn der Vater bzg. die Mutter eine wichtige Position in der Gesellschaft hat (Beispiel: Sarkozys Sohn).

      Wer dies bestreitet soll sich anschauen wer für die „Arbeiterberufe“ ausübt in Frankreich – zumindest in den Großstädten, besonders Paris. Es sind ausschließlich die „Pieds noirs“ und Menschen mit Migrationshintergrund.

      Kein Politiker in Frankreich interessiert sich für die Ungerechtigkeit im Land geschweige denn mit der Integration. Die Politiker kommen zum Großteil aus der Elite und profilieren sich darüber. Weshalb ein System ändern wo man als subjektive Person/Familie gewinnt?
      Die Linke in Frankreich hieß zurecht „la gauche caviar“ weil sie sich vieles selbst in die Taschen gestopft haben. Ob dies heute anders ist, darüber lässt sich streiten.

      Um das Thema abzuschließen:
      Kein Präsident der V République kam nicht aus einer der Elitenschulen/Universitäten. Nur wenige von ihnen haben nicht ein Studium zum öffentlichen Dienst studiert. Als Vergleich: unsere Kanzlerin hat Physik studiert und kam nicht aus einem geschlossenen System, die Ostvergangenheit ausgenommen.

      Chancengleichheit ist in Paris der Hauptstadt von Frankreich nicht existent und das gesamte Land ist von Paris abhängig…

  3. Naja.
    Einige meiner Freunde sind durch die Hände der Professoren dieser Schulen gegangen und haben dann keine große Karriere gemacht ; einer ist arbeitsloser Privatdozent in Berlin, ein anderer hat sich leidenschaftlich und empfindsam wie er war, das Leben genommen ; ein anderer unterrichtet heute in einem Gymnasium ; ein anderer ist Jurist geworden ; ein anderer arbeitet auf einem kleinen Pöstchen in einer Botschaft ; zwei weitere befinden sich noch im bangenden Prozeß des Werdens.

    Das im Artikel unerwähnt gebliebene Skandalon der Schulen ist : es wird z.B. eine Karriere als Hochschullehrer versprochen – aber auf Grund der Verbeamtung der alten Hochschulprofessoren steht dies eben nicht mehr jedem Absolventen offen. Anders als der Artikel suggeriert, reicht eben der Abschluss längst nicht mehr aus, um jemand zu werden.

    Die Absolventen sind schlicht zu zahlreich!

    Ich bereite gerade selbst den concours um Hochschullehrerin zu werden vor und habe dafür in Deutschland über 10 Jahre gearbeitet und studiert ohne zu vergessen, dass es tatsächlich nur 10% der Bewerber schaffen.

    Natürlich müßte sich „das System“ ändern – aber dazu müßte sich im gesellschaftlichen Diskurs eine Theoretisierung der Meritokratie abzeichnen und dies findet zur Zeit weder in Deutschland noch in Frankreich statt.

    Man könnte auch meinen, Macron sei schuld denn er verhindere notwendige linke Politik – aber seien wir ehrlich : selbst die linke Partei der France Insoumise ist von Élitistes durchsetzt und wird bei einer Machtübernahme am System ebenso wenig ändern – es fehlt bisher einfach das gesellschaftliche Problembewusstsein!

    Deswegen bleibt nur der Kulturunterschied zu konstatieren, den wir als von außen Kommende eben zunächst nicht begreifen und fassen können – aber dem wir uns nach jahrelanger Arbeit ebenso artig fügen – denn es gibt keinen anderen Weg, um in Paris auch sozial glücklich zu werden.

    Alleine auf Grund der sozio-kulturellen Struktur der Pariser Bevölkerung wird sich dies kaum ändern können – und wenn sämtliche deutsche und französische Journalisten die Thematik der Meritokratie vollständig verfehlen, bleibt auch die Frage ob dies überhaupt von irgendjemandem gewünscht wird…

    Ich habe jedenfalls nicht den Eindruck.

  4. Kosten
    Was die Kosten angeht sind die Wirtschaftshochschulen eher eine Ausnahme. An den Ecoles Normales und der Polytechnique ist die Aufnahme mit einem Stipendium und einem Zimmer im Wohnheim verbunden, über die Finanzierung des Studiums muss man sich dort also keine Sorgen machen.

  5. Deutsche Verhältnisse keine Lösung!
    Ich glaube hier schwingt die moralische und ethische „deutsche“ Keule des Sozialismus. In vielen Ländern gilt eben der Grundsatz, dass sie sich die elitäre Bildung verdienen müssen und diese nicht, wie in Deutschland, geschenkt bekommen. Dabei ist es nur logisch den besten Schülern dieses Studium zu ermöglichen. Denn ein Fakt ist doch deutlich, die Schüler, welche diese hervorragende Bildung genossen und es zu einem exzellenten Abschluss geschafft haben, stehen nur in Konkurrenz zueinander. Anders als in Deutschland. Hier können Sie an einer „Wald-und-Wiesen“ Universität, welche die Noten relativ „locker“ vergibt, Ihren Abschluss erwerben und Studenten, die sich hart durch ihr anspruchvolleres Studium büffeln, müssen trotzdem mit den akademisch schlechter ausgebildeten Leuten in Konkurrent treten.

    • Titel eingeben
      Ich weiß ob oder wenn ja wo Sie studiert haben, dass Sie sich dermaßen arrogant und herablassend über Studienabschlüsse in Deutschland äußern.

      Ich habe vor 25 Jahren an einer wie Sie sagten „Wald und Wiesen-Fachhochschule“ in Augsburg Maschinenbau studiert und allein anhand der Durchfallquoten nach dem Vordiplom wird sehr schnell deutlich dass zumindest zu dieser Zeit keine Noten oder gar Abschlüsse verschenkt wurden.

      Haben Sie etwa ein Problem damit dass man in Deutschland auch ohne wohlhabende bzw. einflussreiche Eltern studieren darf?

      Traurige Wahrheit ist allerdings, dass wir unser bis dato hervor-ragendes Bildungssystem (sowohl im Hochschulbereich als auch in der Berufsausbildung) auf das europäisch Niveau abgesenkt haben.

  6. Das schlimmste daran ist
    die Pädagogik: Die Studenten werden nicht zum Selbst-Studium angeleitet, in erster Linie geht es darum den Stoff zu „beherrschen“. Da es sich um sehr intelligente junge Leute handelt, erhalten sie sich doch ein Quentchen unabhängigen Denkens.

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