Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ich wollte keine Minute meines Tages verschwenden

| 4 Lesermeinungen

Merrit Moore hat erreicht, was viele als unmöglich bezeichnen würden: eine Karriere als professionelle Ballerina und Quantenphysikerin. Im Interview erzählt die Oxford-Doktorandin, wie ihr der Spagat gelang.

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© BBC/James CheadleMerritt Moore in der BBC-Sendung „Astronauts. Do You Have What It Takes?“

F.A.Z.: Wann hast du deine Leidenschaft für Physik und das Tanzen entdeckt?

Merrit Moore: Ich habe mit beidem sehr spät angefangen. Mit dem Tanzen habe ich begonnen, als ich 13 Jahre alt war, was sehr spät ist. Aber als ich meine erste Tanzstunde besuchte, fühlte es sich einfach so unglaublich natürlich an. Ich habe als Kind nicht viel gesprochen und lieber mit meinem Körper kommuniziert als mit Worten. Auch heute habe ich oft noch das Gefühl, dass Worte „künstlich“ sind. Es ist für mich nicht immer einfach, die richtigen Worte zu finden, um meine Gefühle auszudrücken, aber mein Körper ist dazu in der Lage. Nachdem ich das Tanzen für mich entdeckt hatte, konnte ich einfach nicht mehr damit aufhören.

Es war deine Sprache…

Ja, es wurde wirklich zu meiner Sprache. Im Lauf der Jahre habe ich so oft versucht, mit dem Tanzen aufzuhören, um mich auf die Physik zu konzentrieren, aber das Tanzen hat mich immer wieder eingeholt. Ich habe meine Schuhe verbrannt, meine Kleider weggeschmissen, ich habe sogar zugenommen – eigentlich habe ich alles getan, damit ich nie zurückgehen könnte. Und doch bin ich am Ende immer zum Ballett zurückgekehrt.

Wann hat deine Faszination für Physik begonnen?

Mit Physik habe ich ebenfalls recht spät angefangen. Bei meiner ersten Physikstunde war ich 17. Ich habe jedoch Rätsel und Mathematik als Kind immer geliebt. Bei Physik war es dann so, dass allein der Gedanke an all die ungelösten Rätsel – Quantenmechanik und ihre Eigenschaften, die Fragen, was dunkle Energie und dunkle Materie ist – mich überwältigt haben. Solche Fragen fesseln mich und ich werde extrem aufgeregt, wenn ich über sie nachdenke. Es gibt so viele Mysterien, die wir immer noch nicht verstehen.

Was ich an der Welt der Physik ebenfalls so liebe, ist die Tatsache, dass alle so passioniert und nett sind. Viele Physiker werden von ihrer Neugier angetrieben und wollen neue Dinge entdecken und erforschen. Ich genieße diese Atmosphäre des Zusammenhalts und der Zusammenarbeit. Sie trägt mich. Ich habe zwar gehört, dass Physik sehr kompetitiv wird, sobald Leute sich auf Professuren bewerben, aber bisher habe ich so etwas noch nicht erlebt.

Du bist jetzt in deinem letzten Jahr in Oxford, stehst kurz vor dem Abschluss deiner Promotion. Worum geht es dabei genau?

Ich arbeite im Department für Atom- und Laserphysik und meine Arbeitsgruppe forscht zur Quantenoptik. Meine Promotion konzentriert sich darauf, eine Quelle zu bauen, die Photonenpaare produziert, die wir dann nutzen können, um ein Quantenstadium zu bauen und uns Quanteneigenschaften genauer anzusehen. Im Moment geschehen die Quanteneigenschaften, die wir beobachten können, noch auf einem sehr kleinen Level. Hier setzen wir an. Anstatt zwei Photonen schauen wir uns vier oder acht an. Es geht nicht schnell, aber wir machen stetige Fortschritte.

Viele Physiker werden von dieser Laienfrage vermutlich genervt sein, aber gibt es für deine Forschung eine praktische Anwendung in der nahen Zukunft oder ist der Gewinn hauptsächlich theoretischer Natur.

Nun ja, ein großer Teil ist theoretisch. Trotzdem ist es eine sehr aufregende Zeit für Forscher und Studenten im Feld der Quantenmechanik. Zum Beispiel arbeiten viele Wissenschaftler gerade an Quantencomputern, die, sollten sie funktionieren, revolutionär wären. Man wird daran arbeiten, bis es klappt.

Das ist ein wenig, wie beim Tanzen, oder? Man arbeitet an etwas, bis es funktioniert.

Ja, genau … zumindest, solange man sich kein Bein bricht (lacht). Aber es stimmt schon, die Physiker werden sich darauf fokussieren, bis es funktioniert. Sie werden nicht loslassen, schon allein deswegen, weil so viele involviert sind und ein Menge Energie hineingesteckt haben. Wir sehen bei den Quantentechnologien einer spannenden Zeit entgegen.

Wie schaffst du es, diese beiden Sphären – die Physik und das Tanzen – zu verbinden? Beide sind extrem intensiv und man muss so viel Arbeit hineinstecken, um zu einem Ergebnis zu gelangen.

Ich glaube, der schwierigste Teil für mich war, sich gegen das zu stellen, was als sozial akzeptabel galt oder die Dinge, die alle als „normal“ ansahen. Mir wurde so oft gesagt, dass ich mit dem Tanzen viel zu spät angefangen habe und das ich es niemals als professionelle Tänzerin schaffen würde, wenn ich nicht alles andere aufgab. Viele haben mir gesagt: „Oh, du kannst definitiv nicht Physik und professionelles Tanzen gleichzeitig betreiben.“ Was mir am Ende wirklich geholfen hat, war, dass ich den Prozess – das Training und das Lernen – sehr genossen habe und nicht allzu sehr auf diese Stimmen gehört habe.

© Merritt Moore„Es geht nicht schnell, aber wir machen stetige Fortschritte“ – Merrit Moore im Forschungslabor.

Hattest du auch Rückschläge, Momente, in denen du gescheitert bist?

Natürlich! Ich wurde einige Male beim Vortanzen abgewiesen. Ich habe jedoch immer versucht, solche Momente als eine Gelegenheit zu sehen. Meine Haltung war immer: „Selbst wenn sie dich beim Vortanzen ablehnen, ist es eine Gelegenheit, daran zu wachsen. Es wird mich für das nächste Mal stärker machen.“ Generell hilft mir diese Einstellung dabei, mich stärker zu fühlen, weil ich weiß, dass die ganze harte Arbeit am Ende schon auf etwas hinauslaufen wird. Auch Scheitern kann ein Investment in sich selbst sein.

Hattest du jemals Zweifel oder gedacht, dass du es nicht schaffen würdest? 

Ja, klar. Es ist schwer, Stunden und Stunden an Arbeit in etwas hineinzustecken und niemals zu denken „Oh, was ist, wenn ich es niemals schaffen werde?“ Ich habe so oft das Gefühl, dass ich einfach nur blind nach vorne stochere, in der Hoffnung, dass es irgendwie schon klappen wird. Ich habe ständig Selbstzweifel, gleichzeitig bin ich aber auch sehr stur und will nicht aufgeben. Und so habe ich an der Uni Stunden im Labor verbracht und jedes Mal, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht habe, habe ich sie im Spagat gemacht. In Vorlesungen habe ich mich oftmals so hingesetzt (sie nimmt die Arme hinter ihren Rücken und streckt das Kreuz durch), um meine Bauchmuskeln zu trainieren oder gewisse Fußübungen gemacht. Im Bus habe ich meinen Rücken und meine Haltung trainiert und ich habe immer Tennisbälle dabei, die ich zum Training mit ins Flugzeug nehme. Irgendwann wird so etwas zur Gewohnheit, und für mich ist es mittlerweile normal, dass ich Physik mache, während ich trainiere.

Du hast also alles durchstrukturiert?

Kein Minute meines Tages wurde verschwendet. Ich bin zu absolut verrückten Uhrzeiten aufgestanden, ich bin zu verrückten Uhrzeiten ins Bett gegangen. An einem typischen Samstagabend wussten meine Freunde immer, wo sie mich finden konnten: Auf einem Laufband mit einem Physikbuch, um zwei Uhr nachts. Ich war verrückt, aber auf eine leidenschaftliche Art, wenn du verstehst, was ich meine (lacht).

Erzähl mir mehr!

Ich glaube, meine größte Angst war immer, etwas später zu bereuen. Ich wollte nicht als alter Mensch zurückblicken und denken „Du hättest diese eine Stunde mehr machen sollen.“ Ich wollte zu keinem Zeitpunkt denken müssen „Hättest du dich nur diesen einen Monat mehr angestrengt, hättest du es zu einer Ballettkompanie geschafft.“ Ich wollte sicher sein, dass ich alles gegeben habe. Und wenn es dann nicht klappt, dann sollte es eben nicht sein.

Also wäre dein Rat an andere: Wenn du etwas erreichen willst, glaube an dich selbst, sei leidenschaftlich dabei, arbeite hart und versuche deine Leidenschaft so gut es geht in deinen Alltag zu integrieren?

Glaub an dich selbst, aber es ist auch in Ordnung, Zweifel zu haben. Die habe ich auch. Was zählt ist, dass du dich nicht von diesen Zweifeln aufhalten lässt. Zweifel können auch sehr nützlich sein, als Quelle der Kreativität und Inspiration. Am wichtigsten ist jedoch, dass man am Ende glücklich ist, egal ob man es geschafft hat oder nicht. Und es hilft, wenn man versteht, dass man von jeder Stunde die man investiert hat, in irgendeiner Form profitieren wird. Das verändert die Perspektive.

Alles was man macht, bringt also langfristig etwas?

Exakt. Jeder Arbeit hat ein Ergebnis. Ich glaube fest daran, dass man am Ende in irgendeiner Form profitiert, egal wie viele Stunden man am Ende genau investiert. Natürlich kann es sein, dass man in einer ganz anderen Form davon profitiert als ursprünglich geplant, aber man sollte immer daran denken, dass es sich auszahlen wird. Wenn man alles mit dieser Einstellung anpackt, ist das sehr befreiend.

Hast du dich besonderen Herausforderungen gegenüber gesehen, weil du eine Frau bist? Die Wissenschaft und besonders die Physik gelten immer noch als wenig frauenfreundlich und sind weitgehend von Männern dominiert.

Eine interessante Frage, die ich schon häufiger gehört habe. Es gibt da diesen einen Satz, den mein Vater meiner Schwester und mir als Kind immer gesagt hat: „Hört zu ihr beiden, ihr müsst nett zu den Jungs sein. Mädchen sind schlauer als Jungs, aber die wissen das nicht.“

Womit er wahrscheinlich recht hatte…

Ich finde, er hat damals auf jeden Fall etwas Kluges gesagt, besonders wenn ich an die ganzen Schwierigkeiten denke, die Mädchen und Frauen heutzutage begegnen. Ich habe persönlich immer das Gefühl gehabt, unterstützt zu werden. Andererseits war ich auch immer sehr selektiv, wenn es zum Beispiel darum ging, mit welchen Professoren ich arbeite. Ich tendiere immer zu denjenigen, die mich genau wie alle anderen Studenten behandeln und ich vermeide die, bei denen ich das Gefühl habe, dass sie zu Vorurteilen neigen. Und es ist auch wichtig zu sagen, dass Frauen immer noch oft ungerecht behandelt werden. Wir brauchen mehr Vorbilder und Unterstützung für Frauen – und das von einem jungen Alter an.

War es jemals der Fall, dass dich Menschen anderes behandelt haben, nachdem sie herausfanden, dass du in Harvard warst, in Oxford studierst und mit dem English National Ballet tanzt?

Oh nein! Besonders die Physikwelt interessiert es überhaupt nicht, dass ich tanze (lacht). Außerdem versuche ich, vieles von dem, was ich mache, vor ihnen geheim zu halten. Ich will nicht, dass sie denken, dass ich die Physik nicht ernst nehme. Für mich funktioniert das bisher ganz gut. Aber ich brauche die Kombination. Wenn ich nicht tanze, kann ich mich nicht konzentrieren. Wenn ich den ganzen Tag nur sitze, schaltet mein Gehirn ab und will nicht mehr lesen. Es ist da wirklich stur. Wenn ich jedoch aus einer Aufführung oder einer Tanzstunde komme, ist mein Kopf viel klarer und freut sich darauf, etwas zu lesen und sich zu fokussieren.

Ich hoffe, du erlaubst die intime Frage, aber hat dein Sozialleben jemals unter deiner Arbeitslast gelitten?

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich großartige Freunde habe, die mich inspirieren und motivieren. Je älter ich geworden bin, desto selbstbewusster bin ich geworden, mich an die Freunde zu halten, die positive Energie ausstrahlen und nicht so sehr auf den Rest zu achten. Als ich jünger war, habe ich mich sehr auf die Physik und das Tanzen fokussiert. Natürlich gab es Zeiten, zu denen ich dachte „Oh, vielleicht verpasse ich gerade einige soziale Events.“ Meine Mutter hat immer versucht, mich auch mal zum Entspannen zu bewegen, aber ihre Antwort, wenn ich mir mal wieder Sorgen darüber gemacht habe, dass ich Partys verpasse, war auch: „Mach dir keine Sorgen. Die Partys werden nur besser, wenn du älter bist. Du verpasst nicht viel.“ Und sie hatte recht. Ich vermisse die Collegepartys mit roten Plastikbechern nicht im Geringsten und freue mich viel mehr, all die Menschen zu treffen, die ich jetzt kennenlerne.

Wir habe vor dem Interview bereits kurz darüber gesprochen, es aber bisher noch nicht thematisiert: Du warst kürzlich Teil der BBC-Sendung „Astronauts. Do You Have What It Takes?“ Wie bist du auf diese Sendung gestoßen und wie schwer war es wirklich? 

Ich hörte bei einem Abendessen davon und bin sofort aufgesprungen, habe mich beworben. Ich kann mich erinnern, dass ich als Kind immer Astronautin werden wollte. Leider ist das einer dieser Träume, die irgendwann verschwinden. Auf Jobmessen gibt es nie einen Stand für Leute, die Astronaut werden wollen. Als ich von der Sendung erfuhr, wusste ich einfach, dass ich mich bewerben musste. Und ja, es war extrem herausfordernd. Viele der Aufgaben die wir machen mussten, hatte ich noch nie zuvor gemacht, zum Beispiel einen Hubschrauber fliegen. Ich hatte auch keine Erfahrung mit dem „beep test“, der offenbar für alle anderen Teilnehmer Standard war. Und auch vor einer Kamera zu stehen, war neu für mich.

Glaubst du, dass dich dein Hintergrund in irgendeiner Weise besonders gut auf die Show vorbereitet hat?

Nun ja, als ich noch ein Kind war haben mein Vater und ich gerne im Pool geplantscht. Er schmiss mich und meine Schwester ins Wasser und wir hatten diese riesigen Spielzeuge. So komisch dass auch klingen mag, aber mir hat das für eine der Aufgaben geholfen, bei der wir unter Wasser auf den Kopf gestellt wurden. Meine erste Reaktion war nur: „Hey, das ist ja wie früher.“ Ich hätte das stundenlang machen können. Es hat auch geholfen, dass ich Tänzerin bin. Wir sind es gewohnt, uns verwundbar zu machen und alles zu geben. Und wenn während einer Aufführung etwas schief geht, muss man sofort reagieren können. Das half bei der Sendung, da es keine Vorbereitungszeit gab. Es wurden einfach direkt unsere ersten Reaktionen gefilmt.

Letzte Frage: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Ich werde mich jetzt erst einmal voll und ganz dem Tanzen widmen. Mein Ziel ist jedoch, das Tanzen mit der Wissenschaft zu verschmelzen. Im Moment tanze ich zum Beispiel mit Robotern im Londoner Victoria and Albert Museum und vor kurzem habe ich an einem Virtual-Reality-Projekt mitgewirkt, das Physik und Tanzen miteinander verbindet. Aktuell nehme ich am „Imagine Science“-Filmfestival teil. Mein Traum ist jedoch, Wissenschaft durch Tanzen oder Kunst zu betreiben. Meine Inspiration ist hier der Film „Interstellar“ von Christopher Nolan. Bei „Interstellar“ haben sie Wissenschaftler ans Filmset gebracht, um die atemberaubenden Spezialeffekte zu kreieren. Es wurden sogar einige Paper publiziert, die auf diesen Anstrengungen basieren. Solche Dinge inspirieren mich. Es wäre doch unglaublich, wenn man Wissenschaft durch die Kunst betreiben könnte!

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Merritt Moore studierte Physik an der Universität Harvard und steht kurz davor, ihre Promotion in Quantenoptik an der Universität Oxford abzuschließen. In ihrer Karriere als professionelle Ballerina tanzte sie unter anderem mit der Harvard Ballet Company, dem Züricher Ballett, dem Boston Ballett und dem English National Ballett. Sie hofft, mehr junge Frauen für ein Naturwissenschaftsstudium zu begeistern. In der BBC-Show „Astronauts. Do You Have What It Takes?“ kam sie „bis zur Hälfte“.

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4 Lesermeinungen

  1. ...
    Ende der 80er co-betreute ich einen Doktorand der Informatik (Mike Fagan, https://www.cs.rice.edu/~mfagan/) an der Rice University (Houston, TX), der nachts auch beim Houston Ballet als Tänzer mitgewirkt hat. Sein ’soziales Leben‘ wurde dadurch wahrscheinlich erweitert und keineswegs eingeschränkt.

  2. professor
    Die Frau sollte sich ueberlegen, dass Gestentheorie in der modernen Physik (String theory) wie auch in der Musiktheorie sehr wichtig ist. Tanzen -> Gesten, das koennte ihre 2 Gebiete zusammenfuehren!
    Guerino Mazzola, University of Minnesota

  3. Dr.
    Stunden, die zunächst vergeudet und verschwendet zu sein schienen, erweisen sie später oft als die fruchtbarste Zeit. Das gilt auch umgekehrt. Wie viele Betriebsame müssen sich das im Alter eingestehen! Ist nicht die Muße Voraussetzung aller Kunst und Wissenschaft?

  4. Zitat
    „Viele halten einen ausgefüllten Terminkalender für ein ausgefülltes Leben.“
    Ich empfehle Desiderata als Lebenleitfaden für jeden und für alle.

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