Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Islam und Rausch

| 21 Lesermeinungen

Wie konnte sich in einer muslimischen Gesellschaft wie der Marokkos eine Kultur der Toleranz gegenüber Haschisch entwickeln? Unser Autor hat sich auf Spurensuche begeben.

***

© Dominik HufTraditionelle Haschischpfeife in Marokko

Als ich zum ersten Mal marokkanischen Boden betrat, fiel mir sofort auf, wie offen und frei dort mit Haschisch umgegangen wird. An jeder Ecke wird es zum Kauf angeboten, vor jedem Café sitzen Leute, die weiße Rauchwolken ausblasen, der süßliche Duft liegt wie Morgennebel über der Stadt. Das habe ich in Tanger so erlebt, am nördlichen Ende von Marokko, direkt an der Straße von Gibraltar. Seitdem beschäftigt mich dieses Phänomen, denn ich war ursprünglich der Meinung gewesen, dass das Gesetz des Islams seinen Anhängern den Konsum von berauschenden Substanzen verbietet. Um diese Kultur und die alltägliche Praktik zu verstehen, habe ich mich auf eine Entdeckungsreise begeben. Zuerst habe ich einen wissenschaftlichen Essay verfasst, davon ausgehend für zwei Monate das Land bereist, um das Geschriebene mit der Realität zu verbinden. Die nachfolgende Reportage beschreibt meine Reise durch ein Land, das einerseits muslimischen Glaubens ist und andererseits zu den größten Produzenten von Haschisch gehört.

**

Mustafa sitzt unter einem Olivenbaum in den Bergen der Rif-Region im hohen Norden Marokkos und stopft sich ruhig seine Pfeife. Kurz darauf sitzen wir in einem Rauchnebel und blicken ins Tal auf das kleine Städtchen Chefchaouen. Die Wolken hängen in den Bergen um uns herum und verdecken die Gipfel. Eine frische Brise weht uns ins Gesicht, von fern sind spielende Kinder und die Geräusche von Farmarbeitern zu vernehmen. Es ist Anfang Dezember, die Menschen des Rif-Gebirges bereiten sich auf den Winter vor und erhoffen sich aufgrund der Dürre bald Regen. Mustafa legt die Pfeife beiseite und wir quatschen ein bisschen, während wir unsere Blicke über die blaue Stadt zu unseren Füßen schweifen lassen. Er redet ruhig und zurückhaltend, wobei seine jugendlich anmutenden Züge nichts darüber verraten, dass er vier Kinder hat. Seiner Einladung folgend begeben wir uns an den Hängen entlang, an Ziegen vorbei und unter Olivenbäumen hindurch, zu seinem Zuhause, wo wir bei einem Glas Tee über das braune Gold des Rif-Gebirges sprechen.

© Dominik HufIn den Höhen der Rif-Berge werden nahezu auf jeder verfügbaren Fläche Cannabispflanzen kultiviert. Hier ist eine abgeerntete Farm im Dezember zu sehen. Die Ernte findet im Sommer zwischen August und September statt. Die Pflanzen erreichen eine Höhe von bis zu zwei Metern.

Die überschaubare Gebirgsregion im Norden Marokkos ist vor allem für die Kultivierung der Cannabispflanze indika sativa und der mit ihr verbundenen Herstellung von Haschisch bekannt. Haschisch wird aus den Harzdrüsen der Pflanze gewonnen. Im Rif-Gebirge bietet der Anbau von Cannabis auf einer Fläche von etwa 120.500 Hektar die wirtschaftliche Grundlage für schätzungsweise 800.000 Menschen (vgl. Stambouli et. al. 2005). Der Anbau und Konsum von Haschisch oder Kif ist hier seit Jahrhunderten üblich und gehört zur Normalität des marokkanischen Alltags.

Als Kif wird dabei eine Mischung bezeichnet, die aus der getrockneten Blüte der Cannabispflanze und einem kleinen Teil von schwarzem Tabak besteht. Neben Kif ist vor allem Haschisch das Haupterzeugnis dieser Region, es wird im ganzen Land vertrieben und auch ins Ausland exportiert, Marokko zählt zu den größten Haschischexporteuren der Welt. Bei der Herstellung von Haschisch wird der gesammelte Harz in Blöcke gepresst. Dazu wird in der edleren Version nur auf die Blüten zurückgegriffen, in der günstigeren Variante werden auch Teile der kompletten Pflanze beigemischt. Während meiner Reise durch den Norden Marokkos habe ich den Eindruck gewonnen, dass es ebenso viele verschiedene Produktionsweisen gibt wie Menschen, die Haschisch herstellen. Die einzelnen Sorten unterscheiden sich in Aussehen, Geruch, Geschmack und Wirkung voneinander.

© Dominik HufAls „Kif“ bezeichnete Mixtur, bestehend aus zerkleinerten Cannabisblüten und Tabak.

Cannabis war im alten China schon seit Jahrtausenden bekannt, wo es als Nahrungsmittel diente und zur Herstellung von Textilien verwendet wurde. Der chinesische Kaiser Shennong soll bereits um das Jahr 2700 vor Christus den medizinischen und auch berauschenden Nutzen von Cannabis gelobt haben. Die ersten Anzeichen einer Benutzung von Cannabis im Rahmen religiöser Kontexte lassen sich in Indien ausmachen. Dort wird Cannabis zur Verehrung Shivas geraucht und soll die Konzentration beim Lesen der heiligen Texte steigern (vgl. Emboden 1982: 562). Es ist anzunehmen, dass sich das berauschende Kraut über den Handel oder durch Reisende in Richtung Westen ausgebreitet hat.

Erste Aufzeichnungen über den Gebrauch von Haschisch in der muslimischen Welt gehen auf einzelne Bruderschaften aus Persien und Mesopotamien im 12. Jahrhundert zurück. Die wohl populärste Geschichte stammt aus den Reiseaufzeichnungen Marco Polos, der die terroristische Gruppe der Assassinen aus dem Elburs-Gebirge im Norden des heutigen Irans, als Haschischkonsumenten bezeichnete. Diese Gruppe verübte tödliche Attentate unter politischen Gegnern, aus den Aufzeichnungen geht hervor, dass der Anführer, Hasan I Saban, seinen Gefolgsleuten zur Belohnung einen besonderen Trank verabreichte, der mit Haschisch versetzt war. Doch auch wenn diese Story nicht historisch gesichert ist, steht fest, dass sich zu eben jener Zeit Bruderschaften entwickelt haben, die das durch Haschisch verursachte Rauscherlebnis mit einer spirituellen Erfahrung in Verbindung brachten (vgl. Nahas 1982).

Nur auf diese Weise konnte wohl in einer zutiefst durch religiöse Prinzipien durchdrungenen Gesellschaft der Konsum von Narkotika gerechtfertigt werden. In Marokko trug dazu der Orden der Sunusis bei, welcher Cannabis als Teil religiöser Zeremonien verwendete (vgl. Hamarneh 1972: 236). Ebenso war das Rauchen von Kif eine Pflicht für Mitglieder der HaddawiBruderschaft, welche sich um den Scheich Sidi Haddi im Maghreb versammelte (vgl. Topper 1984: 228ff.).

***

Haschisch wird aus der getrockneten Cannabispflanze gewonnen. Die Blüten der Pflanze werden zunächst auf ein dünnes Tuch, welches als Filter dient, gelegt, dieses Tuch wird über einen Auffangbehälter, etwa eine Schüssel, gespannt. Der Behälter und das darauf liegende Cannabis werden nun mit einer Art Plastiksack umhüllt. Danach wird mit dem Ausklopfen der getrockneten Pflanze begonnen. Durch das Klopfen mit zwei Holzstäben löst sich der Staub von den Blüten und fällt durch den Filter in den Auffangbehälter. Dort sammeln sich die Harzdrüsen der Cannabispflanze, die unter dem Einfluss von Wärme zu Blöcken gepresst werden. Durch diese Produktionsweise gewinnt man aus etwa hundert Kilo getrocknetem Cannabis etwa zwei Kilo Haschisch. Die Cannabispflanze wird bis zu drei Mal ausgeklopft, wobei sich drei unterschiedliche Qualitätsstufen von Haschisch ergeben.

Mit flinken Fingern und routinierten Bewegungen zupft Rashid die Blüte von der Pflanze, entfernt überflüssige Blätter, um die Samen aus der Blüte auszusortieren. Danach werden die zerkleinerten Blüten mit einem großen Messer zu feinen Bröseln zerhackt und mit einer kleinen Menge frischen Tabaks vermischt. Das Ergebnis heißt „Kif“, ein alternatives Raucherzeugnis aus der Cannabispflanze, das auch aus dem ausgeklopften Restprodukt der getrockneten Pflanze gewonnen werden kann. Binnen weniger Minuten wird die Pfeife mit der feinen Mischung gestopft. Rashid versinkt im süßlichen Duft des Rauches.

Das Kif ist in seiner Wirkung um einiges schwächer als Haschisch und wird von vielen Bewohnern des Rif mehrmals täglich in der traditionellen langen Pfeife geraucht. Die Nordmarokkaner sagen, dass Kif den Appetit fördert und für die Tagesstunden geeignet ist. Haschisch hingegen wirkt beruhigend und eigne sich besser für die späteren Abendstunden, in denen es das Verlangen nach Ruhe und Schlaf steigert. Cannabis wird in Marokko seit Jahrhunderten geraucht. Die erwähnte religiöse Bruderschaft der Haddawi pries den Genuss mit der humorvollen Aussage: „Kif ist herrlich. Wenn eine Kuh es probieren würde, dann gäbe sie ihre Haut dafür“.

Laut offiziellem Gesetz ist Cannabis in Marokko illegal. Doch im Rif-Gebirge scheinen andere Gesetze zu gelten. Die Regierung hat vor einigen Jahrzehnten versucht, durch Subventionierung alternativer Anbauprodukte wie Obst und Gemüse den Cannabisanbau in den Bergen zu drosseln. Jedoch wächst die berauschende Pflanze hier schon seit Jahrhunderten weitestgehend selbständig, und viele Bewohner der Rif-Region glauben daher, dass Allah während des Schöpfungsprozesses diesen Ort für die Cannabispflanze vorgesehen hat.

© Dominik HufEine junge Hanfpflanze wächst zwischen den Steinen der Sonne entgegen.

Die Marokkaner erklären oder rechtfertigen ihren Konsum von Haschisch unter anderem damit, dass der Anbau von Cannabis auf eine Jahrtausende alte Tradition zurückblickt. Andere behaupten, dass erst durch die kolonialen Eingriffe der Europäer die Kultivierung von Cannabis als lukrative Einnahmequelle entdeckt wurde und so auch in der Bevölkerung Verbreitung fand. Viele erklären auch ganz nüchtern, einfach entspannen zu wollen. Allerdings erklären diese Begründungen nicht, wie in muslimisch geprägten Ländern eine Mentalität entstehen konnte, die den Konsum von Haschisch begünstigt und weitgehend toleriert. Nach Max Weber hat die Herausbildung einer Kultur ihre Grundlage in den kollektiv geteilten Überzeugungen der vorherrschenden Religion. Demnach würde auch eine Kultur der Toleranz gegenüber Haschisch in einer muslimischen Gesellschaft ihre Legitimation religiösen Überzeugungen verdanken. Wie ist das möglich?

***

Kurz nachdem Abduhl aufgewacht ist, wird Tee zubereitet und das mehrmalige Klicken eines Feuerzeugs ist zu vernehmen. Der leichte Geruch von erhitztem Haschisch liegt in der Luft. Abduhl hat es mit Tabak vermischt und mit einem knisternden Papier zu einem Joint gedreht. Er nimmt mehrere kräftige Züge aus der Haschischzigarette und legt sie in den Aschenbecher. Es steigt noch ein wenig Rauch auf, bis die Glut erlischt. Ich lehne mich zurück und beobachte Abduhl dabei, wie er seinen Gebetsteppich ausbreitet und sich dem ersten von fünf täglichen Gebeten hingibt. Im Raum sind jetzt nur noch die Bewegungsabläufe von Abduhl zu hören, begleitet von einem stillen Gemurmel von Koran-Suren. Ganz offensichtlich sieht Abduhl in seinem Gebrauch von Haschisch keine Sünde, sondern verwendet es eher, um seine meditative Einkehr während des Gebets zu verstärken. Abduhl sagt, dass er als Muslim selbstverständlich keinen Alkohol trinkt, schließlich sei das ja verboten. Er sagt aber auch: „Natürlich rauche ich Haschisch, schließlich bin ich ja Marokkaner“. Offensichtlich hat sich in Marokko eine andere Interpretation des Islams durchgesetzt als in anderen Teilen der muslimischen Welt.

Für den größten Teil der muslimischen Welt gilt ein Verbot von berauschenden Substanzen. Dieses geht auf die fünfte Sure, Verse 90 und 91 im Koran zurück. An dieser Stelle ist die Rede von Khamr, als einer Versuchung des Satans. Wörtlich übersetzt ist Khamr die Bezeichnung für „berauschender Trank“, der für die Harmonie in der Gemeinschaft nicht förderlich und damit dem Muslim verboten sei. Die Interpretation, dass mit Khamr jegliche betäubende Substanz gemeint ist, wurde erst von muslimischen Gelehrten Jahrhunderte nach Mohammeds Tod eingeführt (vgl. Nahas 1982: 824f.). Heute verbieten die meisten offiziell anerkannten Normenlehren und Rechtsschulen den Konsum von Cannabis und folgen dabei dem Verbot einer jeden narkotischen Substanz. So auch die in Marokko vorherrschende malikitische Rechtsschule.

© Dominik HufVerzierter Brunnen in der Altstadt Chefchaouens. Bis in die fünfziger Jahre hinein war Ausländern der Zutritt verwehrt, da es für Muslime eine heilige Stadt ist. Dies führte zur Erhaltung des traditionellen Charakters.

Andererseits ist in Marokko der Konsum von Haschisch und Kif allgegenwärtig. Ob in den Höhen der Rif-Berge oder den Gassen von Fes, ob in den entlegenen Dörfern der Atlas-Berge oder an den Rändern der marokkanischen Wüste, die lange traditionelle Pfeife, der ein süßlicher Duft von verbranntem Haschisch entströmt, findet sich überall.

***

Mohammed sitzt in einer schattigen Gasse in Chefchaouen, neben ihm steigt ein wenig Dampf aus einer Teekanne, die auf einem kleinen Gaskocher erhitzt wird. An der Wand und um ihn herum liegen Stofftaschen in allen Größen, die er selbst herstellt. Ich höre ihm dabei zu, wie er die Geschichte des Islams darlegt und dabei viel Wert auf die geistige und wissenschaftliche Hochphase in Bagdad während der Herrschaft der Abbasiden (750-1258) legt. „Bildung zu erlangen“, so Mohammed, sei „die elementare Aufgabe der Menschen, denn nur so lässt sich das Werk Gottes verstehen und eine Toleranz entwickeln, welche alle Menschen in Frieden miteinander leben lässt.“ Er spricht in überraschend gutem Englisch und lässt erraten, dass er sich freiwillig für seine simple Lebensweise entschieden hat. Genügsam lehnt er sich zurück und führt mit respektvoller Gelassenheit langsam seine Pfeife zum Mund, entzündet den kleinen, mit Kif gestopften Topf ein- bis dreimal und lässt den berauschenden Rauch ruhig wieder aus dem Mund, seinem Körper entweichen.

„Die Welt ist meine Universität und die Zeit ist mein Lehrer“, spricht Mohammed mit der Ausstrahlung eines Erhabenen. Seine Gesichtsfalten erzählen von der Weisheit seines Alters, wobei er eine innere Genugtuung und Freude ausstrahlt. In seiner Weitsicht und Gelassenheit wirkt Mohammed wie ein genügsamer und erfahrener Sufi. Der Sufismus ist sozusagen die mystische Dimension des Islams, in dessen Zentrum die individuelle Beziehung des Menschen zu Gott steht. Zentral für diese Form der Mystik ist, dass der Gläubige auf einem spezifischen Weg die allumfassende Einheit Gottes erkennt und dieser näherkommt. Die deutsche Orientalistin Annemarie Schimmel schreibt, dass das höchste Ziel darin bestehe, letztendlich in dieser Einheit aufzugehen, also die Erleuchtung zu erlangen, um so „die Rückkehr in das Nichtsein im göttlichen Sein“ zu finden. Das Ziel für den Sufi liegt in der Überwindung der eigenen Identität, darin, alle individuellen Lüste, Bestrebungen oder andere Bedürfnisse hinter sich zu lassen, sein Ich zu vergessen, um so zurück zu der am Anfang der Schöpfung stehenden göttlichen Einheit zu gelangen.

Ein alter Mann im traditionellen Djellaba geht nach seinem Einkauf durch die Gassen Chefchaouens. Den blauen Anstrich verdankt die Altstadt andalusischen und jüdischen Einflüssen.

Der Sufismus hat sich ursprünglich um das 9. Jahrhundert herum auf dem Gebiet des heutigen Irak entwickelt und wurde später maßgeblich von zahlreichen Gelehrten aus dem Maghreb und Andalusien mitgestaltet. Die Mystik war in der westlichen Sphäre der islamischen Welt sehr angesehen und hat dort die vorherrschenden Islaminterpretationen fundamental mitgestaltet. In Marokko hat sich dabei eine Form des Islams durchgesetzt, die sich in ihrer freien und flexiblen Form stark von den orthodoxen Lehren aus Mekka unterschied. Besonders in den ländlichen Gebieten und den hohen Bergregionen, in denen zu dieser Zeit keine Schriftgelehrten lebten, stießen die mystischen Lehren auf fruchtbaren Boden. Der Islam konnte von den hier lebenden Menschen nicht durch das Lesen des Korans verstanden werden, sondern musste durch herausragende Persönlichkeiten vermittelt werden. Das Spüren von Glaubensinhalten spielte dabei eine besondere Rolle. So wurden höhere religiöse Erfahrungen oft auch  in ekstatischen Zuständen gesucht. Besonders die Anhänger von Sufi-Bruderschaften fanden, so schreibt der Soziologe Ernest Gellner, „Geschmack an Ekstase, Erregung, Stimulation, dem Versinken in einem religiösen Zustand […]. Sie verlangen nach audio-visuellen Glaubenshilfen, egal ob in der Form von Musik, Tanz, Rausch, Trance oder Besessenheit“ (Gellner 1992: 114).

Die religionsvermittelnden Persönlichkeiten waren dabei oft selbst Analphabeten und entwickelten ihre eigenen Interpretationen von Glaubensinhalten. Auf diesem Weg betteten sie auch bestehende Lebensweisen in religiöse Kontexte ein. Nach dem Zusammenbruch der Meriniden-Dynastie, Mitte des 15. Jahrhunderts, fehlte die Vorherrschaft einer Zentralgewalt, wodurch sich überall im Maghreb lokale Heilige etablieren konnten, um die sich zahlreiche Anhänger scharten. Diese Phase der sozusagen anarchischen Sektenbewegung ging in die Geschichtsbücher unter dem Schlagwort der Marabut-Krise ein. Ein Marabut war dabei derjenige, der sich durch eine besondere Segenskraft (baraka) auszeichnete und durch sein Charisma Anhänger für seine Lehren gewann. Zeugnis dieser Zeit legen in ganz Marokko die Grabmale solcher Heiliger ab, welche in nahezu jedem Ort aufzufinden sind und sich durch ihr weißes Kuppeldach von anderen Bauwerken unterscheiden.

In Marokko konnten sich über Jahrhunderte hinweg ganz unterschiedliche Formen des Islams entwickeln, die sich, je nach lokalen Gegebenheiten, von der orthodoxen Lehrmeinung unterschieden. Dieser Umstand, verbunden mit dem Einfluss sufistischer Ideen, mag die spezifische Kultur des Maghrebs hervorgebracht haben.

© Dominik HufNach dem Ausklopfen der Cannabispflanze bleibt Haschischpulver übrig.

Der Konsum von berauschenden Substanzen war unter vielen Sufis ein beliebtes Mittel, um den menschlichen Verstand zu entgrenzen. Einer der herausragendsten sufistischen Meister im Maghreb war Ibn‘ Arabi, der als „der größte Meister“ bezeichnet wird. Seine zentrale Lehre bestand in der „Einheit des Seienden, der Existenz“, so Annemarie Schimmel. Ibn Arabi verstärkte seine religiösen Erfahrungen durch die Verwendung von berauschenden Substanzen wie Alkohol. In den Studien des deutschen Schriftstellers Uwe Topper über die Mystik im Maghreb findet sich ein Satz Ibn‘ Arabis, der Rückschlüsse auf den offenen Umgang mit Alkohol unter Sufis zulässt: „Wir haben erlaubten Wein getrunken, und unsere Seelen sind aufgeblüht“. Offensichtlich unterschieden die Sufis zwischen verbotenem und erlaubtem Wein. Wein und andere berauschende Substanzen werden dabei als Teil der göttlichen Schöpfung angesehen, geschaffen, um das subjektive Bewusstsein zu einem intensiveren Empfinden zu befähigen, um auf diese Weise der allumfassenden Einheit Gottes näher zu kommen. Ein anderer Sufi schrieb: „Ihnen war das Getränk der Vereinigung erlaubt, und es war ihnen süß. Wenn sie berauscht waren, dann von Seiner Süße und Seiner Erlaubnis (zu trinken)“ (Topper 1991: 136).

© Dominik HufBlick über die „blaue Stadt“ Chefchaouen

Mustafa greift in die Innentasche seiner Jacke und holt seine Pfeife hervor. Gerade ruft der Muezzin von den Moscheen Chefchaouens zum Abendgebet, was mich mit einem Gefühl der Demut und Faszination erfüllt. Das Tal vor uns wird von einer enormen Geräuschkulisse aus übereinanderliegenden Rufen erfüllt, wobei immer das zentrale „Allahu akbar“ (Gott ist am größten) zu vernehmen ist. Ich betrachte Mustafa, der weiße Rauchwolken in die von Gebetsrufen erfüllte Atmosphäre bläst und schließe für einen Moment die Augen. Ich meine, einen Hauch des Gefühls nachvollziehen zu können, das der sufische Poet al-Yanbu’i mit den Worten beschrieb: „Wenn ich Haschisch zu mir nehme, dann wird mein Zimmer zur Moschee“.

***

Literatur

Emboden, William A. (1982): Cannabis in Ostasien – Herkunft, Wanderung und Gebrauch. In: Völger, Gisela; von Welck, Karin (Hrsg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. Band 2. S. 557-566. Rowohlt: Hamburg.

Gellner, Ernest (1969): Saints of the atlas. Trinity Press: Worcester/London.

Gellner, Ernest (1992): Der Islam als Gesellschaftsordnung. Dtv/Klett-Cotta: München.

Geertz, Clifford (1991): Religiöse Entwicklung im Islam. Beobachtet in Marokko und Indonesien. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

Hamarneh, Sami (1972): Pharmacy in medieval Islam and the History of Drug Addiction. American Philosophical Society, The Penrose Fund, Grant No. 5422.

Nahas, Gabriel G. (1982): Hashish in Islam. 9th to 18th century. In: The Escape oft he Genie, A History of Hashish Throughout the Ages. S. 814-831. College of Physicians and Surgeons: New York.

Rosenthal, Franz (1971): The Herb. Hashish versus medieval muslim society. E. J. Brill, Leiden: Netherlands.

Schimmel, Annemarie (2014): Sufismus. Eine Einführung in die islamische Mystik. C.H. Beck: München.

Stambouli, H.; El Bouri, A.; Bellimam, M. A.; Bouayoun, T.; El Karni, N. (2005): Cultivation of Cannabis sativa L. in northern Marocco. In: Bulletin on Narcotics. Vol. LVII, No. 1 & 2. S. 79-118.

Topper, Uwe (1991): Sufis und Heilige im Maghreb. Eugen Diederichs: München.

 


21 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Fundiert recherchiert, kurzweilig zu lesen, spannend und interessant. Auch die Quellenangabe ist top. Das macht Lust auf einen (ausgedehnten) Trip nach Marokko.
    Weiter so!

  2. Marokko
    Die Erfahrung Cannabiskonsum sei in Marokko allgegenwärtig habe ich in weiten Teilen des Landes nicht machen können – Chefchaouen gilt zudem als Hochburg des Anbaus und Handels und auch des Nepps der diesbezüglich mit Touristen getrieben wird. Ich finde den Artikel deshalb ein wenig einseitig. Also ich rieche den Duft von Marihuannarauch öfter in jeder deutschen Grossstadt auf offener Straße als ich in Marokko dazu Gelegenheit hatte …

  3. Guter Artikel
    Ein fesselnder Artikel, sehr atmosphärisch!

  4. Sehr schöner Artikel
    Ihr Artikel hat mich sehr fasziniert und war mir eine Freude ihn zu lesen. Weiter so!

  5. hat Spaß gemacht
    fand den Artikel auch toll, mal ein Blick über den Tellerrand ohne diese vielen Urteile, die Neugierde und Offenheit des Autors machte Spaß beim Lesen. Ich würde auch lieber in einer Kultur leben, die den Hanf dem Allohol vorzieht.

  6. Siehe dazu auch Sure 16, Vers 67:
    Hier die Übersetzung von Rudi Paret: „Und (wir geben euch) von den Früchten der Palmen und Weinstöcke (zu trinken), woraus ihr euch einen Rauschtrank (sakar) macht, und (außerdem) schönen Unterhalt. Darin liegt ein Zeichen für Leute, die Verstand haben.“

  7. Sehr schön zu lesen
    Guter wissenschaftlicher Text mit Quellen. Top

  8. Haschisch ersetzt Alkohol
    Haschischkonsum hat nicht nur in Marokko sondern in allen islamischen Ländern eine lange Tradition. Man könnte fast sagen, es handelt sich dabei um einen Ersatz für Alkohol.

  9. Schöner Arlikel
    Vielen Dank. Es hat Spaß gemacht zu lesen.

Kommentare sind deaktiviert.