Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Kurze Geschichte des Festivalarmbands

| 4 Lesermeinungen

Je wärmer es jetzt in Europa wird, desto weniger ist vom Unterarm zu sehen – wegen der Festivalarmbänder. Woher kommen die eigentlich und wie haben sie sich gegen die Konkurrenz durchgesetzt?

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© picture-allianceBesucher des Wacken Open Air zeigen den Metal-Gruß, die „Pommesgabel“ – und zugleich ihren Armschmuck.

Auf einem der letzten Open-Air-Konzerte des vergangenen Jahres sprang nach dem Einlass ein junges Mädchen mit einem schnöden Plastikbeutel herum und verteilte daraus etwas sehr Begehrtes: rot-weiße, fein gewebte Festivalarmbänder mit dem Namen einer Rockband. Obwohl die Bänder keinerlei Funktion hatten, liefen dem Mädchen die Konzertbesucher vorfreudig entgegen, und wenn jemand um ein zweites bat, rief sie ihren Kollegen lachend „Bingo“ zu, als passierte das regelmäßig. Warum sich alle um die Bändchen rissen? „Sie sehen doch schön aus und du kannst dich später ans Konzert erinnern“, sagte das Mädchen, und um sie herum zogen die Besucher die weißen Plastikverschlüsse mit Widerhaken unwiderruflich am Handgelenk fest.

Für echte Festivalgänger ist so ein Armband, das oft in Reihe getragen wird, mehr als bloße Erinnerung an besuchte Konzerte. Denn, nüchtern betrachtet: Wer vergisst schon eines der mehrtägigen und teuren Festivals, die meist einem Ausnahmezustand gleichen? Klar, es hängt schon ein Hauch von Nostalgie an jedem der getragenen Bänder, aber wenn man so manchen behangenen Arm betrachtet, verfestigt sich schnell der Gedanke, dass es sich auch um einen bestimmten Code handeln muss. Dazu passt, dass sich Festivalgänger gegenseitig auf die Sammlung am Handgelenk ansprechen. Man vergleicht und findet Gemeinsamkeiten. Festivalarmband-Träger überlegen sich auch genau, welche Bänder sie über Jahre hinweg tragen und was das über ihre Persönlichkeit aussagt. So modellieren sie sich eine dargestellte Persönlichkeit, die dann bis in die Unkenntlichkeit der sich auflösenden Bändchen getragen wird. Die tatsächliche Lebensdauer beträgt übrigens etwa drei bis vier Jahre – wenn sie nicht mit Nadel und Faden verzögert wird.

© Edgar BrauneEin Festivalbesucher des „Rock am See“ in Konstanz trägt auf der Jacke mehr Erinnerungen als seine Arme tragen könnten.

Auf den großen, mehrtägigen Festivals haben die meist gewebten Armbänder aber eine ganz andere Erkennungs- und Erinnerungsfunktion. Edgar Braune von CMerch produziert sie seit etwa fünfzehn Jahren für gut hundert Festivals. Er erklärt, dass das Fälschen von gewebten Armbändern schwerer sei als das von bedruckten Vinylbändchen: „Man braucht Webmaschinen, die so groß wie Garagen sind“. Ohne diese sei es fast unmöglich, „außer man sammelt die abgeknipsten Enden getragener Bändchen, um sie zu einem neuen zusammenzunähen“ ergänzt Braune lachend, weil es solche Versuche schon gegeben hat.

Veranstalter hatten aber auch Probleme mit den damaligen Auslasskarten. „Einer hat mich einmal angerufen“, erzählt Braune, „es sei seltsam: er verkaufe mehr Tickets für den Campingplatz als für das Festival und brauche unbedingt Bändchen“. Die Erklärung für das Missverhältnis war einfach: Mit nur einer weitergegebenen Karte konnten sich mehrere Menschen abwechselnd Bands anschauen. Gelöst wird das Problem durch die mit Aluplomben festgedrückten, mit Widerhaken festgezogenen oder um den Arm geschweißten Bänder. Mit eingewebten Chips könnte man heute auf Festivalwiesen sogar bargeldlos bezahlen.

© Roskilde Festival1975 hatte das Roskilde Festival in Dänemark 26.000 Besucher, die umgerechnet 7 Euro für die Headliner Ravi Shankar, Gnags und Poul Dissing zahlten.

Die Idee der Festivalarmbänder ist aber schon älter als fünfzehn Jahre. Holger Hübner, der das „Wacken Open Air“ veranstaltet, nutzte die Bändchen „von Anfang an“, wie er sagt. Das heißt, seit 1990 gibt es jedes Jahr neue Bändchen auf seinem Heavy-Metal-Festival. „In den 1980ern waren wir selbst auf Festivals unterwegs gewesen und haben die Bändchen auf dem Roskilde in Dänemark zum ersten Mal gesehen“, erzählt er. Die Idee gefiel ihm so gut, dass er sie übernahm.

Das Roskilde Festival in Dänemark ist eines der ältesten, noch heute stattfindenden Festivals in Europa, das weder Jazz noch Klassik spielt. Wer seit den Anfängen im Jahr 1971 die jeweiligen Headliner waren, ist leicht herauszufinden, auch die Besucherzahlen und Ticketpreise – bei den Bändchen ist die Quellenlage schwieriger. „Wir hatten bei dem ersten Festival keine Armbändchen, aber definitiv im Jahr 1974 – unser Booker Peter Hvalkof erinnert sich, es war sein erstes Festival“, erzählt Martin Hjorth Frederiksen, Pressesprecher des Roskilde Festivals. Viele Jahre hatte das Festival simple, recycelbare Bänder, die eher wie dünne Seile aussahen. Erst 1993 wechselten die Veranstalter zu den beschrifteten Bändchen mit Festivalnamen, wie wir sie heute kennen.

© Roskilde FestivalIm Gastronomiebereich des Roskilde Festivals 1972 ein Armband. Bis heute kursiert der unwahre Mythos, dass man für zehn aufeinander folgende Bänder freien Eintritt bekommt. Trotzdem: Respekt.

Die Festivalarmbänder helfen, sich an das Erlebte zu erinnern, doch nur wenige erinnern sich an das allererste Band an ihrem Handgelenk. Im Jahr 1974 verläuft sich die Spur zum Ursprung in vagen Vermutungen. Im Hintergrund des Gastronomiebereichs von 1972 ist ein dunkles Armband am Handgelenk einer jungen Frau zu erahnen. Ist es Schmuck oder ein frühes Festivalbändchen? Wir haben keinen gefunden, der sich daran erinnert. Erinnert ihr euch, erinnern Sie sich?

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4 Lesermeinungen

  1. Wolfgang Petry
    Kann man nicht einmal „Wolle“ Petry dazu befragen?

    Er hatte doch unzaehlige Baendchen am Handgelenk und ich dachte auch immer, dass dieser Trend von ihm mehr oder weniger eingefuehrt wurde.

  2. Da war mehr drin
    Als mikrosoziologische Studie eigentlich interessant verpasst es der Autor leider einen Zusammenhang zwischen Identitätsbildung und kommerziellen Interessen herzustellen. Schade

    • Mikrosoziologisch?
      Die meisten dieser Bändchenbündel bieten deutlich mehr Substanz für mikrobiologische, als für mikrosoziologische Studien. Einer Studie bedarf es wohl auch nicht….man muss sich nur des alten Wortes „Andenken“ erinnern (für die jüngeren Leser: eine antike Vorstufe von Handyfotos und Statusmeldungen)

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