Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Leichte Babys, schwere Babys, Wissenschaft

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Ist der Siegeszug von Science Slam noch aufzuhalten? Und was haben Philosophen der Naturwissenschaft auf offener Bühne entgegenzusetzen? Beobachtungen bei einer Veranstaltung in Frankfurt.

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unspecified© Isabel Hayn Beim Wissenschafts-Schnellerklärungs-Wettbewerb

Wie konnten die Naturwissenschaften nur so derart selbstbewusst werden? Das fragen sich viele Nicht-Naturwissenschaftler immer öfter. Alle Disziplinen, die ohne Experimente auskommen, geraten zunehmend unter früher ungewohnten Erklärungsdruck. Wer wissen will, wie es dazu kam, muss hierhin gehen: zum Science Slam. Dessen Konzept ist denkbar einfach – Wissenschaftler zeigen Laien, was sie tun. Anschaulich und schnell. Zehn Minuten ist die Grenze, länger soll ein Vortrag nicht dauern. Ähnlich wie in der beliebten Serie „Big Bang Theory“ gerieten somit Vertreter von als verkauzt und weltfremd geltenden Disziplinen, allen voran der Physik, ins Rampenlicht – und mussten tun, was sie sonst hassten oder zumindest unterließen: reden. Wissen vermitteln. Und das Ganze unterhaltsam, bitte.

Das können sie inzwischen besser als alle anderen, und verarschen sich und ihre vermeintliche Abgeschottetheit (und erotische Unerfahrenheit) fortlaufend. Science Slams, einst nur in TU-Städten auf dem Vormarsch (passenderweise fand der erste in Darmstadt statt), sind prominente Formate geworden.

Das Publikum ist guter Hoffnung. Die „Batschkapp“ in Frankfurt ist gerappelt voll. Junge Menschen, alte Menschen, Liebespaare, Männerrunden, Studententreffen, langhaarige, böse Securitymenschen, vereinzelt Schüler. Ein Ort, an dem sonst wilde Feste gefeiert werden, er gehört nun, an diesem Donnerstagabend, Science-Slam-Anschauungsabend, Probe-aufs-Exempel-Abend, vor allem Zahlen und Tabellen – und die Leute finden’s toll.

Der Hasskommentar als Scheinriese

Als erster Slammer betritt der Kommunikationswissenschaftler – die anderen Disziplinen holen auf – Oliver Quiring die Bühne und kündigt einen Vortrag über „Scheinriesen“ an. „Hä?“, kann man da mit dem Moderator nur rufen, der zuvor die Grundlaute der Wissenschaft vorgestellt hatte: „Hä?“, „Aha“, Enttäuschung (ein Stöhnen). Was hat das mit Wissenschaft zu tun? Und was hat „Hä?“ zu rufen mit Wissenschaft zu tun?

Nach ein paar Minuten wird klar, was Quiring meint: So ähnlich wie in Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ die Figur des Herrn Tur Tur zuerst riesig erscheint und dann, je näher die beiden ihm kommen, immer mehr zusammenschrumpft, bis er ihre Größe erreicht – so verhalte es sich auch mit Hasskommentaren im Internet: „Dem Zwerg muss mal die Luft rausgelassen werden.“ Das ist ein ganz schönes Gleichnis, ja, wirklich.

Nur vier Prozent der Deutschen geben seiner Studie zufolge an, „häufig“ bei Nachrichtenseiten zu kommentieren. Sie seien oft ungebildet und Anhänger der AfD. Und der Anteil der wirklich puren Hasskommentare an allen in einer anderen Studie untersuchten Kommentaren bei Nachrichtenseiten betrage bloß drei Prozent. Wenn alle sich dem Hass im Netz entgegenstellten und auch selber kommentierten, erscheine seine, des Hasses, wahre (kleine) Größe. Die Nutzer würden erkennen, dass die Mehrheit auf ihrer Seite stehe.

Nur fragt sich: Wie viel sagen Selbstbekenntnisse von Nutzern aus? Und nach welchen Kriterien sortieren die Wissenschaftler Online-Kommentare in Kategorien? Wann hört „Argument“ auf und wann beginnt „Hass“? Kann es nicht beides zugleich geben? Ist nur „Hass“ schlimm? Gibt es nicht auch wundervolle „Argumente“ dafür, in Wassertanks zu rotzen? Der Vortragende ist von seiner Optimismus-Agenda überstrahlt. „Warum bringen wir nicht einen Tag lang mal nur gute Nachrichten?“, fragt er zum Schluss und greift zum Bier (der Science-Slam-Schmierstoff Nummer eins). Alles soll so bleiben, wie es sein sollte. Unzufriedenheit würde ja bei der Lektüre von Kinderbüchern stören – von wegen Scheinriese und so.

Saarland-Witze gehen immer

Das nächste Thema wirkt auch wieder überraschend, das ist bei Science Slams ja meistens so: Warum Neugeborene so leicht seien, fragt der Ökonom Simon Reif. Sind sie das denn? Manche können ja ziemlich schwer sein: Das schwerste Baby Deutschlands habe 5,9 Kilogramm gewogen. Auch hier schmiert Bier: „Stellen Sie sich mal die Frau vor, die das Kind kriegen muss. Ein normales wiegt ja schon etwa 3,5 Kilogramm. Das ist so, als ob man erst nach sieben Bieren schiffen gehen würde.“ Momente wie diese sind wirklich witzig.

Ökonom Reif präsentiert jetzt Tabellen: Viele Neugeborene wögen auffälliger Weise knapp etwas weniger als 1000, 1500 oder 2000 Gramm. Die Erklärung für dieses eigenartige Phänomen hat er gleich parat: Krankenhäuser bekämen umso mehr Geld für Behandlungen, je weniger die Kinder wiegen. Gut, denkt der geisteswissenschaftliche Zuschauer, nur Korrelation ist nicht Kausalität. Aber amüsant war’s trotzdem und vielleicht ist ja auch etwas dran.

Weiter geht es mit der Linguistin Carrie Ankerstein, die über Patienten mit semantischen Störungen referiert: Manche Dinge könnten diese nicht mehr benennen. Aber wenn man genau hinschaue, sei es selbst „gesunden“ Patienten schwer möglich, beispielsweise den Geschmack von etwas ganz genau zu benennen. Das liege an der kleinteiligen Zuordnung der verschiedenen Sinnesfähigkeiten zu den jeweiligen, verstreut gelegenen Arealen im Gehirn. Diese Aufteilung der Gehirnareale gleiche sich bei fast allen, so wie überhaupt sprachliche Fähigkeiten oft sehr ähnlich seien – was sie mit einem Experiment beweisen möchte. Jeder solle spontan eine Farbe, dann ein Werkzeug ausrufen. Chaotisches Stimmengewirr. „Normalerweise schreien die Leute immer ‚rot‘ und ‚Hammer'“, sagt sie und schränkt dann ein: „Also bei mir zu Hause im Saarland.“ Saarland-Witze gehen immer. Und auch der amerikanische Sprechrhythmus von Frau Ankerstein klingt irgendwie toll. Diese Welle reitet sie auch konsequent weiter: „Thank you for the unbefristete Aufenthaltstitel“, steht auf der letzten Folie.

Existiert das Finanzamt?

Der Philosoph Matthias Warkus führt im Publikum zu totaler Verwirrung und spontaner Abneigung: „Einhörner existieren nicht“, behauptet er. Nicht falsch verstehen: Der geisteswissenschaftliche Zuschauer hasst Einhörner und hält sie für hässliche Vehikel des Kapitals, um die Dummen zu verblenden und ihren schlechten Geschmack unter Beweis zu stellen. Jetzt könnte man mit ihm aber sehr lange darüber nachdenken, ob Einhörner nicht trotzdem in der Sprache existieren; wie wir überhaupt zweifelsfrei feststellen können sollen, ob sie das in der sinnlich wahrnehmbaren Welt nicht tun; und wie wir dabei dem Problem begegnen, dass das Aussehen von Einhörnern ja keineswegs völlig klar feststeht und es keine Definition davon gibt, mit der alle übereinstimmen, sondern die Vorstellungen von ihnen (und ihrer konventionell bestimmten Nicht-Existenz) viel mehr höchst individuell (im Rahmen des Allgemeinen der Sprache) sind und von diskursiven Machtstrukturen beeinflusst werden.

Das steht aber für Warkus alles völlig außer Frage. Einhörner gebe es nicht. Auch wenn man über sie reden könne, gibt er zu – sie seien aber „fiktionale Figuren“. Berge oder Steine hingegen halten wir für existent. Dabei könne man sie potentiell unendlich klein zerteilen, ihre Existenz sei instabil, also auch nicht vorhanden. Als besseres Kriterium zur Ermittlung von Vorhandenem schlägt Warkus nun das der Wirkung und Auswirkung vor: „Ein Finanzamt kann man zwar nicht definieren – was genau ist es? seine Mitarbeiter? seine Gebäude? -, aber wir spüren trotzdem seine Macht.“ Organisationen zum Beispiel, wie das Finanzamt, seien wirklich – real aber sei kaum etwas.

Das zumindest leuchtet ein. Witzig ist es nicht, muss es aber auch gar nicht sein. Dass Warkus aber in seinem Vortrag die Philosophie permanent reduziert, zu einer bloßen Begriffswissenschaft, die dann zum Einsatz komme, wenn Physiker sich gegenseitig nicht verstünden, steht dem Anspruch dieses Science Slams entgegen, auch andere Bereiche als die Naturwissenschaften abzudecken.

Krach und Bumm und Darm mit Charme

Zum Schluss führt der Soziologe John Höpfner die verschiedenen Sinus-Millieus anhand von Google-Bildersuche-Fotos vor, „Sozialstrukturanalyse“ nennt er das. Es gebe den Hedonisten, den Performer undsoweiter. Manchmal lustig, meist aber ziemlich platt, voller Clichés und kostenloser Einsichten (wie der, dass die AfD und Horst Seehofer doof seien). Das sei aber nun mal seine Aufgabe, „Schubladendenken“, rechtfertigt sich der Wissenschaftler. Damit habe er schon bei VW gearbeitet, um Elektroautos zu verkaufen.

Nach kurzer Siegesabstimmung (statt ewiger Zeremonien voll Sentimentalität und Suff, wie beim Poetry Slam) und einem glücklichen Geburtshelfer ist die Show vorbei – kurz und schnell wie versprochen.

Die Autorin Giulia Enders, aufgenommen am 02.12.2014 in München (Bayern) bei der Aufzeichnung der Sendung "Menschen 2014". Der Jahresrückblick des ZDF wird am 05.12.2014 ausgestrahlt. Foto: Tobias Hase/dpa | Verwendung weltweit© dpaDie Mutter aller Science-Slam-Erfolge: Giulia Enders von „Darm mit Charme“

Conclusio: Science Slam und Populärwissenschaft haben ihre Grenzen dort, wo von ihnen zu viel erwartet wird. Komplexe, dialektisch durchwehte Kritik passt nicht in Zehn-Minuten-Happen. Science Slam ist mehr auf Krach und Bumm und Darm mit Charme ausgelegt. Kurze, heftige Talks über Schweiß, Schweinefleisch, sowas. Das Konzept von Wissen, das nicht eindeutig falsifizierbar, experimentell beweisbar, statistisch messbar ist, passt hier nicht rein. Aber für ein bisschen Lüftung im Gehirn reicht Krach und Bumm allemal.

Ist der Siegeszug des Science Slam noch aufzuhalten? Vermutlich nicht. Sachen wie „Darm mit Charme“ verkaufen sich hunderttausendfach. Das schaffen im Bereich der Geisteswissenschaften nur marktkonforme Schriftstellergrößen wie Sloterdijk. Und versteht man sie besser? Nein. Schreiben sie besser? Keine Ahnung (siehe Frage 1). Vielleicht fehlt ihnen einfach ein simples Gadget der Vermittlungsförderung: PowerPoint. Alternativ: Bier.

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2 Lesermeinungen

  1. Link / Link
    Hallo Adrian,
    Danke für den schönen Beitrag zu unserer Veranstaltungsreihe. Vielleicht könnte man noch den Link zu http://www.science-slam.com ergänzen oder auf unsere Facebook-Seite verweisen (www.fb.com/wissensschlacht), denn wir wollen unser Netzwerk erweitern und suchen Menschen, die Science Slams in ihrer Stadt veranstalten wollen.
    Viele Grüße vom gesamten Slam-Team!
    Daniel

  2. Science = Wissenschaft
    Was sind denn das für Wissenschaften, die da präsentiert werden?
    Ansonsten finde ich das Format gar nicht schlecht, da die Vortragenden gezwungen sind, von ihrem hohen Ross zu steigen und etwas „allgemeinverständlich“ zu erklären. Außerdem weckt es bei einigen Zuhörern vielleicht doch Interesse, sich mal etwas näher mit der Materie zu beschäftigen. Dann können diese ja „tiefer einsteigen“.
    Wissenschaft, auch wenn es sich in den beschrieben Fällen um keine solche handelt, darf ruhig auch mal aus dem Elfenbeinturm entfliehen und sich Gedanken machen, wie man Forschungergebnisse verständlich aufbereitet und präsentiert. Da können wir noch viel von den angelsächsischen Forschern lernen, denn die müssen das schon lange machen damit sie Forschungsgelder einwerfen können.

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