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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Liebemachen in der Unibibliothek

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Ob im All, im Dschungel oder auf der Toilette einer gesichtlosen Behörde – das Kino war schon überall. Doch wie steht es um den Ort, den jeder Student aus dem Effeff kennt? Was will das Kino von der Universität? Und braucht die Universität das Kino?

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Im Kino unterschätzen wir meist den Schauplatz. Mit schöner Regelmäßigkeit übersehen wir die Drehorte und ihre Bedeutung. Dabei ist deren Bandbreite gewaltig: heruntergekommene Fabrikhallen? Typisches Krimi-/Thriller-/Horror/-Milieu. Schicki-Micki-Restaurants mit Stoffservietten und Kerzenlicht? Willkommen in der Welt der RomComs und Beziehungsdramen. Das Weiße Haus – fügen Sie hier einen patriotischen Film ihrer Wahl ein. Der Schauplatz spiegelt das Leben, oder zumindest das, was er für das Leben halten will.

HANDOUT - Jessica Alba als Kate in einer Szene aus dem Film «Professor Love» (undatiere Filmszene). Der Film kommt am 09.06.2016 in die deutschen Kinos. Foto: WildBunch/dpa (zu dpa-Kinostarts vom 02.06.2016 - ACHTUNG: Verwendung nur zu redaktionellen Zwecken in Verbindung mit der Berichterstattung über den genannten Film und nur bei vollständiger Quellenangabe Foto: WildBunch/dpa) +++(c) dpa - Bildfunk+++ |© dpaVorzeigestudentin: Jessica Alba in „Professor Love“

Und die sogenannten Bildungseinrichtungen? Kindergärten machen sich in Familienfilmen gut, Schulen sind willkommene Settings für Teenie-Filme („High School Musical“), gerne auch mal für ein Amok-Drama („We need to talk about Kevin“) oder den nachdenklichen Independent-Film über das Erwachsenwerden („The Perks of Being a Wallflower“) – schließlich bietet sich zwischen Sporthalle, Bücherspind und Schülertoilette allerhand Raum für die mehr oder weniger gründliche Auslotung der leidenden, liebenden und lernenden Schülerseele. Wie aber sieht es mit der Universität als Drehort aus? Kurz gesagt: Was will das Kino von der Universität?

Der Postkarten-Campus oder „How to Make Love Like an Englishman“

Der klassische Fall ist die Postkarten-Universität. Die muss eigentlich nichts weiter tun, als herumstehen und gut aussehen; man denke nur an die Indiana-Jones-Filme oder „A Beautiful Mind“. Einige „Beautyshots“ von Campus und Hörsälen, je nach Thema noch ein paar feiernde oder büffelnde Studenten und für die Produzenten heißt es „Mission: Accomplished“.

Grüne Wiesen, Schafe und gotische Mauern: Die Universität Cambridge, wie man sie sich in Hollywood vorstellt.© dpaGrüne Wiesen, Schafe und gotische Mauern: Die Universität Cambridge, wie man sie sich in Hollywood vorstellt.

Ein aktuelles Exemplar dieser Gattung ist „Professor Love“ mit Pierce Brosnan (seit gestern in deutschen Kinos), ein Film, in dem die Universität eigentlich nur als unwichtiges Hintergrundvehikel vorkommt. Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Ein kurzes Aufwärmen des banalisierten Lolita-Grundthemas („Professor interessiert sich für deutlich jüngere Frau“), multipliziert um den Faktor 100 („Womanizer-Professor vögelt sich mit Studentinnen durch die Betten“) und am Ende erfährt der akademische Frauenbeglücker natürlich die typische moralische Läuterung à la Hollywood.

Die realistische Darstellung einer Universität und ihres Alltags? Pustekuchen. Streng genommen ist sie für die Handlung von „Professor Love“ auch völlig unnötig. Die Hauptfigur, der Engländer Richard Haig, sinnigerweise verkörpert vom Iren Pierce Brosnan, muss einfach irgendwo arbeiten, wo man als kultivierter älterer Mann deutlich jüngere Frauen aufreißen kann. Dabei ist die Auswahl gar nicht so groß. Eine Stadtbibliothek? Undenkbar. Eine britische Universität mit Renommee musste her, und da Oxford offenbar keine Drehgenehmigung für solch ausgemachten Schwachsinn erteilen wollte, darf im Film eben Cambridge als Postkartenkulisse herhalten.

Wer braucht schon Literaturtheorie, wenn die anwesenden Damen gut aussehen? Professor Haig (Pierce Brosnan) während der "Lehre".© WildBunchWer braucht schon Literaturtheorie, wenn die anwesenden Damen gut aussehen? Professor Haig (Pierce Brosnan) während der „Lehre“.

Was wir von besagter Universität am Ende zu sehen bekommen, macht dann gerade einmal fünf Prozent des Films aus. Ein Establishing-Shot des King’s College, gotische Zinnen, grüne Wiesen, und fertig: Good old England, wie man es sich vorstellt. Genauso gut hätte man ein Schild mit der Aufschrift „Ehrwürdige Eliteuni, bitte den Rasen nicht betreten“ vor die Linse halten können. Auch bei den Szenen im Inneren wird es nicht besser: Ein Hörsaal, holzgetäfelt (wir sind schließlich nicht in Bielefeld oder Bochum), die Studenten sitzen artig in den Reihen, einige im Gang (eine Kritik am chronischen Raummangel? – eher nicht), alle schreiben sie auf Papier – 807 Jahre Tradition vertragen sich für Kulissenschieber nun einmal nicht mit Bildern von Tablets, Laptops und Handys.

Vorne steht Professor Bond Haig und kritzelt irgendetwas von Romantik und Literary Theory an die Tafel – eine Aktion, die er sich auch sparen könnte, schließlich interessiert sich der Film für langhaarige College-Schönheiten, und nicht für die Theorien von Barthes und Genette. Die Universität – sie ist hier nicht viel mehr als das Jagdgefilde für den akademischen Gigolo.

Und zwischen den Regalen, der Muff aus tausend Büchern

 Warum müssen Universitäten wie in „Professor Love“ so oft für „Alter Mann trifft junge Frau“- oder „Lehrer-Schüler“-Konstellationen herhalten? Wahrscheinlich, weil ähnliche Geschichten in einem Schul-Setting schnell den Stempel des Pädophilen weghaben. An der Uni, so der Gedanke, gibt es zumindest erwachsene Menschen, die tun und lassen können was sie wollen. Dass man das Ganze wie bei „Professor Love“ mit möglichst vielen Klischees würzt, ist nur typisch für Hollywoodproduktionen. Im Vordergrund steht nicht die reale Abbildung, sondern der Verkauf einer (stereotypen) Idee von „Universität“, mit der möglichst viele Zuschauer etwas anfangen können sollen.

Anders sieht es bei dem ebenfalls kürzlich angelaufenen Film „Agnes“ (nach dem Roman von Peter Stamm) aus. Im Film lernt die gleichnamige Physikdoktorandin in der Düsseldorfer Universitätsbibliothek den Sachbuchautor Walter kennen – der Anfang einer surrealen und verworrenen Beziehung mit tragischem Ausgang.

In „Agnes“ herrscht Unialltag, wie man ihn kennt. Zwischen den Metallregalen der Bibliothek brüten die Studenten wahlweise über Büchern oder Laptops, die Kopierer sind ein gewohnt langsamer Albtraum, die ist Luft staubig, der Teppichboden trist. Im Hörsaal ist maximal ein Viertel der Plätze besetzt, die Hälfte der Anwesenden starrt leer in die Gegend, während die Dozentin im schönsten „Denglisch“ über physikalische Theorien lehrt. Zwar ist die Universität auch hier nicht mehr als ein Treffpunkt für die Hauptfiguren – dafür immerhin ein halbwegs „lebensnaher“. Ein „Prädikat: Wertvoll“ und die Aufnahme in den Unterrichtskanon durch den Zentralrat der multimedialen Deutsch-Leistungskurs-Lehrer muss man sich als Literaturverfilmung schließlich erst verdienen.

So kennt man sie, die Uni. Agnes (Odine John) hält ein Seminar in der Physik - typisches Dozenten-Denglish inklusive.So kennt man sie, die Uni. Agnes (Odine John) hält ein Seminar in der Physik – typisches Dozenten-Denglish inklusive.

Immerhin, „Agnes“ braucht die Uni nicht nur für die voyeuristische Darstellung von Altherrensex. Zumindest in Ansätzen beschäftigt sich der Film auch mit Phänomenen wie Einsamkeit unter Studenten (Agnes hat fast keine Freunde) oder der Frage, was man vom Leben will (Abenteuer, Karriere, eine Beziehung?). Recht gekonnt zeigt der Film, wie merkwürdig in der Schwebe das Leben als Student manchmal sein kann.

Wenn es um die Universität geht, bewegt sich das Kino immer zwischen zwei Polen. Hier die klischeeverseuchte Postkarten-Uni, dort die Realo-Hochschule als glaubwürdiger Schauplatz. Das Kino braucht beide Extreme für seine Geschichten. Ob als Habitat für Genies („The Man Who Knew Infinity“) und Whizzkids wie Mark Zuckerberg („The Social Network“), als Schauplatz von Professor-Studenten-Beziehungen („Liberal Arts“, „Elegy“), als Ort, an dem „die Jugend“ sich nun einmal aufhält („Legally Blonde“). Das Kino braucht die Universität – zumindest bis zu einem gewissen Grad. Um eine realistische Darstellung universitären Lebens in all seinen Facetten geht es dabei fast nie.

Braucht die Universität das Kino?

Wie aber sieht die gedankliche Rolle rückwärts aus? Braucht die Universität auch das Kino? Um die Antwort gleich vorwegzunehmen: Natürlich haben auch die Lehrstätten selbst ein Interesse daran, dass sich Filmemacher über sie hermachen. Wo sonst bekommt man schließlich Werbung in Leinwandformat fast zum Nulltarif?

Eine Universität, die diese Tatsache schon vor Jahren sehr geschickt für sich zu nutzen wusste, ist die University of Leicester. Im Vergleich zu anderen britischen Universitäten befindet sie sich in Rankings seit jeher im guten Mittelfeld – was also tun, um den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern? Als Lösung verfiel man kurzerhand auf die findige Idee, den Campus als Drehort bei Produzenten von Bollywoodfilmen anzupreisen. Die schlugen prompt ein und drehten seither drei Filme in der mittelenglischen Stadt. Auch wenn „Is Pyaar Ko Kya Naam Doon“ (2001), „Raakh“ (2004) und „Yamla Pagla Deewana 2“ (2003) außerhalb Indiens höchstens Hardcore-Bollywood-Fans ein Begriff sein dürften, haben die Filme für Leicester ihre Wirkung nicht verfehlt. Dank der Leinwandpräsenz ist die Universität zum „Household-Name“ mutiert und zeigt sich seitdem außerordentlich beliebt bei indischen Studenten.

© dpaPrinceton wird die kostenlose Werbung gefreut haben: Russel Crowe in der Rolle des Mathematikers John Nash in „A Beautiful Mind“.

Am meisten vom Kino profitiert hat jedoch zweifelsfrei die amerikanische Ivy League – egal ob Princeton („A Beautiful Mind“), Harvard („Legally Blonde“, „The Paper Chase“) oder Yale (wo Szenen für „Indiana Jones and the Kingdom of the Crystal Skull“ entstanden), Hollywood hat sie alle noch berühmter gemacht, als sie es ohnehin sind, unabhängig davon, dass viele Szenen gar nicht an den jeweiligen Universitäten gedreht wurden. Von einem vergleichbaren Werbeeffekt können deutsche Universitäten nur träumen. Hierzulande dürfen die Universitätspräsidenten ja schon froh sein, wenn ein „Tatort“-Autor auf die Idee kommt, dass man doch mal wieder „was mit Uni und Professoren“ machen könnte. Klingt doch nach einer Aufgabe für das deutsche Kino – bei „Fuck ju Göhte“ hat es schließlich auch funktioniert.

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4 Lesermeinungen

  1. Gute Analyse!
    Echt witzig zu lesen. Hätte aber schon erwähnen können das Agnes mega langweilig ist.

  2. die Monster Uni
    wurde vergessen, gutes Prequel zur Monster AG, das durchaus so einige Spitzen gegenüber den US-Unis parat hat

  3. Titel eingeben
    Hat mir gut gefallen. Der Artikel ist unterhaltsam geschrieben, die Gedanken sind strukturiert und nachvollziehbar. Schön, dass man in der faz auch solche Artikel findet, die sich mal nicht mit vermeintlich weltbewegenden Themen beschäftigen.

  4. sag auch mal was XD
    hallo,

    warum musst du den film so kritisieren? ist das dein job oder wie? achso XDD

    …bisschen netter hättest schon sein können.

    tschüss

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