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Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Meine Mitbewohnerin ist 85

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Jedem Studienanfänger mit knappem Budget stellt sich die Frage: Wo soll ich wohnen? Gerade in Städten wie München sind günstige Unterkünfte rar. Ist eine Studenten-Senioren-WG ein fairer Handel? Eine Studentin berichtet.

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ARCHIV - Eine Hand greift am 18.09.2015 nach einem Abreißzettel einer Wohnungsanzeige mit der Aufschrift "Suche Zimmer oder WG oder Apartment ab Oktober 2015" am Schwarzen Brett in der Mensa der Ludwig-Maximilians-Universität in München (Bayern). Am 11.10.2016 wird in Berlin eine AOK-Studie zur Stressbelastung von Studenten in Deutschland vorgestellt. Foto: Matthias Balk/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit© dpaExtremsituation Wohnungssuche – was erleben Studienanfänger, wenn sie sich auf alternative Wohnkonzepte einlassen?

„Irgendwann war ich total überfordert.“ Das ist Lubika Brechtels Resümee der ersten neun Monaten ihres Studiums. Damit meint sie allerdings nicht ihr Studienfach Philosophie, auch wenn sie festgestellt hat, dass die meisten Menschen Anspruch und Aufwand dieser Disziplin tendenziell unterschätzen – sie kam mit der Analyse anspruchsvoller Texte gut klar. Überfordert hat sie das Leben in ihrer Wohngemeinschaft.

Wer nun an zu laute oder extrem schlampige WG-Kumpane denkt, ist schon wieder auf der falschen Fährte. Zwar war es in der Tat ihre Mitbewohnerin, mit der die Studentin nicht länger zusammenleben wollte. Allerdings war diese nicht, wie sie selbst, gerade 20 geworden – sie hatte bereits ihren 85. Geburtstag gefeiert.

Die Zeit drängte

An sich hat Brechtel kein Problem mit älteren Menschen, im Gegenteil. Ihr Vater starb bei einem Autounfall, als sie acht war. Ihre Mutter konnte sich wegen einer psychischen Erkrankung nicht um sie kümmern. Deshalb wuchs sie bei ihrer Großmutter in der Nähe von Speyer auf und wurde früh dafür sensibilisiert, worauf Jung und Alt achten müssen, wenn sie gut miteinander auskommen möchten.

portraet_lubika_brechtel© privatLubika Brechtel

Als sie im Sommer 2014 die Zulassung für ihr Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München erhielt, stand sie einem zunächst eher ungewöhnlich anmutenden Konzept namens „Wohnen für Hilfe“ deshalb durchaus aufgeschlossen gegenüber. Die Idee dahinter: Ältere Menschen, die ein Zimmer übrig haben, nehmen einen Studenten bei sich auf.

Der wiederum lebt mietfrei und zahlt lediglich die für ihn anfallenden Nebenkosten. Die Währung, mit der er bezahlt, besteht in Aufgaben, die er im Haushalt übernimmt. Auch Einkäufe zu erledigen, kleine Botengänge zu machen oder einfach ein bisschen Gesellschaft zu leisten, kann dazugehören. Gerade für Studenten mit knappem Budget mag das ein Angebot sein, das man kaum ablehnen kann. So ging es auch Brechtel. Günstige WG-Zimmer und Wohnheimplätze sind im teuren München generell rar gesät, jeder Besichtigungstermin ist hoffnungslos überlaufen, die Wartelisten telefonbuchdick. Doch die Zeit drängte, der Semesterstart stand bevor.

Auf der Suche nach günstigen Alternativen stieß die Abiturientin dann auf jenen Verein, der „Wohnen für Hilfe“ organisiert. Das Konzept der generationenübergreifenden Mitwohngelegenheit wird aber auch in vielen anderen deutschen Hochschulstädten verwirklicht. So nennt allein das Deutsche Studentenwerk entsprechende Angebote in 15 deutschen Städten beziehungsweise Regionen, darunter Bremen, Karlsruhe oder Wuppertal, das Studierendenwerk am Bodensee und in Schleswig-Holstein.

Sind sie sich der Verantwortung bewusst?

In München betreut der „Seniorentreff Neuhausen e.V.“ seit 20 Jahren das Projekt, das von der Sozialpädagogin Brigitte Tauer und einer weiteren Kollegin koordiniert wird. Interessierten Senioren wird ein Hausbesuch abgestattet, bei dem eruiert wird: Wie sieht das Zimmer aus, das sie anbieten möchten, wie der gesamte Wohnraum? Welche Interessen und Hobbies hat der Senior, ist er eine gesprächige oder eher eine zurückhaltende Persönlichkeit? Nach diesen Kriterien wird dann versucht, einen Studierenden zu finden, der vielleicht ein ähnliches Temperament und gleiche Interessen hat, damit von Anfang an eine gemeinsame Basis besteht.

screenshot_website_wfh_muenchen© ScrrenshotService-Homepage des Vereins „Wohnen für Hilfe“

Allerdings sagt der Verein auch klipp und klar, wenn das Zusammenleben mit einem jungen Menschen nicht das Richtige für die älteren Herrschaften ist, so Sozialpädagogin Tauer. „Es kam durchaus schon vor, dass bei einem Senior der Hilfebedarf zu groß oder eine etwaige Demenz zu weit fortgeschritten war.“ Dann sprechen ihre Kollegin und sie meist mit den Angehörigen über eine alternative Betreuung oder verweisen auf das Beratungsangebot der Alten- und Servicezentren in der Nähe.

Studenten, die sich um eine Wohnpartnerschaft bewerben wollen, müssen dem Seniorentreff wiederum zunächst eine gültige Immatrikulationsbescheinigung, ein Passbild und einen Personalausweis vorlegen sowie drei Euro Aufnahmegebühr zahlen. Ebenso wird ein Gespräch mit ihnen geführt: Sind sie sich der Verantwortung bewusst, die sie in dieser Art von WG übernehmen müssen? Ist ihnen klar, dass sie in höherem Maße Rücksicht nehmen müssen auf die speziellen Bedürfnisse des Mitbewohners als beim Zusammenwohnen mit Gleichaltrigen? Außerdem nimmt der Verein nur Studierende in seine Kartei auf, die vorhaben, mindestens ein Jahr zu bleiben.

Wenn sich zwei Parteien für das Zusammenwohnen entscheiden, unterschreiben sie eine bindende Vereinbarung – auch wenn die nicht bis zur letzten Konsequenz in Stein gemeißelt ist. „Wir hatten schon Wohnpartnerschaften, die nur 2 Tage hielten, aber auch 14 Jahre gab es schon“, sagt Tauer.

Herrenbesuch unerwünscht

Die Lebensumstände können sich dabei natürlich permanent auf beiden Seiten ändern – der Senior braucht irgendwann vielleicht mehr Hilfe, als vorab vereinbart wurde oder er wird plötzlich pflegebedürftig. Der Student wiederum mag die Uni wechseln wollen – oder er merkt, dass das Studium so viel Zeit in Anspruch nimmt und er die vereinbarte Stundenzahl an Hilfsleistungen einfach nicht erfüllen kann. Denn pro Quadratmeter Wohnfläche, die sein Zimmer umfasst, muss er monatlich eine Stunde ableisten. Und auch wenn Student und Senior sich vorab kennenlernen und ein vierwöchiges Probewohnen obligat ist, kann sich natürlich später noch herausstellen, dass die Chemie doch nicht stimmt. „Wenn es Probleme gibt, können die Studenten jederzeit zu uns kommen und gemeinsam finden wir dann eine Lösung“, sagt Tauer.

Woman washing the dishes./ MODEL RELEASED. LEHTIKUVA / Jarno Mela *** FINLAND OUT. NO THIRD PARTY SALES. *** |© dpaKönnen Studenten die Belastungen einer Wohnpartnerschaft angemessen einschätzen?

Im Lauf der Jahre hat der Verein mehr als 600 Wohn-Tandems in Stadt und Landkreis München vermittelt, derzeit gibt es 80 aktive „Wohnpartnerschaften“, wie der Verein die Symbiose aus Student und Senior nennt. Der Begriff soll ein Zusammenleben auf Augenhöhe unterstreichen. Beide Parteien sollen Nutznießer des Arrangements sein, niemand soll mehr nehmen, als er gibt. Aber genau dieses Verhältnis geriet bei der Philosophie-Studentin Brechtel aus dem Gleichgewicht.

Die erste Zeit mit ihrer neuen Mitbewohnerin war durchaus schön. Die ältere Dame, bei der sie unterkam, war mit einem Professor der Medizin verheiratet gewesen und nun verwitwet. Sie teilten das Interesse für Philosophie, Literatur und Kultur, besuchten sogar gemeinsam Konzerte. Sie kochten zusammen und gingen spazieren. Das Haus war groß und gepflegt, Brechtel durfte den zugehörigen Garten nutzen und genoss die Gesellschaft des Hundes und der zwei Katzen der alten Dame.

Ihr Zimmer war 18 Quadratmeter groß und möbliert – eine große Erleichterung: „Mein Budget hätte es gar nicht erlaubt, mich selbst komplett neu auszustatten“, sagt sie rückblickend. Doch die alte Dame wird im Lauf der Zeit immer gebrechlicher, hat Schmerzen, wird gelegentlich auch ausfällig, Brechtel nimmt sie als allgemein zänkisch wahr. Sie macht der jungen Studentin immer häufiger Vorwürfe, ihr Hilfspensum nicht zu erfüllen und lauert ihr regelrecht auf, um sie daran zu erinnern. Auch spart sie nicht mit Kritik, wenn Brechtel männliche Kommilitonen zum Lernen einlädt. „Irgendwann hatte ich richtig Hemmungen, Jungen mit nach Hause zu bringen – dabei waren wir nur befreundet.“

Vor Semesterbeginn steigt das Interesse sprunghaft an

Brechtel gibt zu, dass der Verein sie vor ihrem Einzug nicht im Unklaren darüber ließ, dass die Dame recht schwierig sein könne und schon mehrere Studenten wieder ausgezogen seien. „Aber ich war blauäugig und hatte noch zu wenig Lebenserfahrung“, sagt sie heute. „Außerdem brauchte ich doch dringend eine Bleibe.“ Nach einiger Zeit macht auch das Pendeln Brechtel mehr zu schaffen, als sie gedacht hätte. Da das Haus recht weit außerhalb liegt, muss sie täglich fast zwei Stunden pendeln, um zur Uni und wieder zurück zu kommen.

DEUTSCHLAND, MUENCHEN, 08.11.2007, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). U.B.z. Lichthof mit Treppenaufgang im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität. | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer.© dpaStudenten der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) betreten außerhalb der Lehrgebäude ein teures Pflaster.

Als die gesundheitlichen Probleme ihrer Mitbewohnerin lebensbedrohlich werden und sich deren Kinder aus Brechtels Sicht nicht genügend engagieren, fühlt sie sich schließlich am Ende ihrer Kräfte. „Das war einfach eine zu große Verantwortung, die da auf mir ruhte“, sagt sie. Durch Zufall erfährt sie von einer kleinen Ein-Zimmer-Wohnung in der Innenstadt für knapp 500 Euro warm. „Ich hatte ja vorher 18 Stunden monatlich abzuleisten gehabt. Als ich ausrechnete, wie viel ich in einem Nebenjob in dieser Zeit verdienen könnte, plus Halbwaisenrente und Kindergeld, war klar, dass ich mir das gerade so würde leisten können.“

Nach neun Monaten zieht Brechtel innerhalb von zwei Wochen aus, weder die alte Dame noch der Verein pochen auf den Untermietvertrag. Zu einer Aussprache mit ihrer Mitbewohnerin kommt es nicht. Im Nachhinein tut ihr das leid. „Aber ich wollte einfach nur ganz schnell weg von dort.“ Was aus der Dame geworden ist, weiß sie nicht. Einen Vorwurf, dass es nicht geklappt hat mit der Wohnpartnerschaft, will Brechtel den Organisatoren im Nachhinein nicht machen. Aber: „Irgendwie hatte ich schon ein bisschen den Eindruck, dass dem Verein eher an der Unterstützung der Senioren gelegen ist.“

Sozialpädagogin Tauer will das nicht so stehen lassen. „Wir sagen den Senioren und Angehörigen vorher klipp und klar, dass der Student keinesfalls ein Ersatz für eine Pflegekraft ist.“ Tauer hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass es bedeutend schwieriger ist, Senioren für die Idee des Zusammenwohnens mit einem jungen Menschen zu begeistern, als Studierende für das Konzept zu gewinnen. „Die rennen uns vor Semesterbeginn sozusagen die Bude ein.“

Verbesserungsbedarf

Ältere Semester stehen dem Gedanken, jemand Fremdes bei sich aufzunehmen, oft skeptischer und ängstlicher gegenüber als junge Menschen und fürchten sich eher vor Neuem und Unbekanntem. Der Verein muss bei den Senioren also viel Überzeugungsarbeit leisten – zumal 60 bis 70 Prozent der interessierten Studenten aus dem Ausland kommen. Stark dunkelhäutig aussehende Studierende zu vermitteln, sei besonders schwierig. Tauers Erfahrung nach tun sich ältere Menschen mit Studenten aus osteuropäischen Ländern leichter. Dies ein weiterer Punkt, bei dem eher auf die Bedürfnisse der Senioren eingegangen wird als auf die der der jungen Bewerber. „Meine Kollegin und ich arbeiten nur in Teilzeit. Mehr können wir derzeit einfach nicht leisten“, sagt Tauer dazu durchaus bedauernd.

ARCHIV - Studienanfänger Timo betrachtet am 18.09.2015 die Wohnungsanzeigen am Schwarzen Brett in der Mensa der Ludwig-Maximilians-Universität in München (Bayern). Foto: Matthias Balk/dpa (zu dpa «Junge Männer bleiben länger im «Hotel Mama»» vom 29.03.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit© dpaFür viele Studenten beginnt am schwarzen Brett ein Wohnabenteuer.

Wohnprobandin Brechtel kennt die Situation. Dennoch würde sie sich wünschen, dass der Verein sich noch mehr für die Studenten einsetzte. „Mir hat vor allem der Austausch mit anderen jungen Leuten gefehlt, die auch in einer Wohnpartnerschaft leben“, sagt sie und schlägt einen monatlichen Stammtisch vor. Auch hätte ihr ein Einführungsseminar zum Umgang mit älteren Menschen oder das Angebot einer gelegentlichen Supervision durch einen Psychologen helfen können.

„Ich hatte ein bisschen den Eindruck, dass das Projekt so nebenher läuft“, sagt sie rückblickend. Generell will sie anderen Studenten aber nicht von „Wohnen für Hilfe“ abraten. „Wer mit älteren Menschen zusammenleben möchte, muss allerdings wissen, dass er sehr einfühlsam und anpassungsfähig sein muss“, zudem zuverlässig, pünktlich und stressresistent. Wer viele Präsenzveranstaltungen besuchen müsse, werde sich, so Brechtel, möglicherweise schwer tun, die vereinbarten Stunden abzuleisten.

Bei aller Enttäuschung habe sie aus der Wohnerfahrung trotzdem viel für sich mitnehmen können, sagt Brechtel. „Ich habe festgestellt, wo meine persönlichen Grenzen sind und gelernt, sie abzustecken.“ Und einmal mehr sei ihr klar geworden, wie wichtig ein offener, ehrlicher und toleranter Umgang zwischen zwei Menschen ist – egal, welchen Alters sie sind.

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2 Lesermeinungen

  1. pro Woche
    Auf dem Auszug der Internet-Seite ist angegeben, dass pro qm Wohnfläche ca. 1 Stunde Hilfe pro Monat zu leisten wäre. Im Text ist von 1 Stunde pro Woche die Rede, was wirklich extrem wäre.

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