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Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Mit Mathe auf die Matte

Laura Vargas Koch hat in Rio Bronze erkämpft. Jenseits des Judo bestimmen Algorithmen ihren Alltag. Ein Gespräch über den ständigen Spagat zwischen Mathepromotion und Leistungssport.

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Bronzemedaillen-Gewinnerinn Laura Vargas-Koch im Deutschen Haus am 10.08.2016 - Olympische Sommerspiele 2016, Deutsches Haus in Rio de Janeiro. Foto: picture alliance / Robert Schlesinger | Verwendung weltweitEmpfang im Deutschen Haus: Laura Vargas Koch mit Bronzemedaille.

F.A.Z.: Laura, herzlichen Glückwunsch zur Bronzemedaille. Was kann jetzt noch kommen?

Laura Vargas Koch: Vielen Dank! Da gibt’s noch einiges, was ich erreichen möchte, Europa- oder Weltmeisterin zu werden, zum Beispiel. Zwar hab ich darüber ehrlich gesagt noch nicht so viel nachgedacht, weil die Auszeichnung noch so frisch ist. Aber das steht dann für die nächsten Wochen an. Ich hab einfach das Gefühl, dass mein Judo noch gar nicht richtig fertig ist. Auch hier in Rio habe ich viel dazugelernt und festgestellt, dass bei der Technik weiter Luft nach oben ist.

Wie bewertest Du bei Deinen sportlichen Erfolgen das Verhältnis zwischen Planung und Zufall?

Ich glaube, man hat bei unserer Mannschaft hier in Rio gesehen, dass Zufall und Glück eine wahnsinnig große Rolle spielen. Topfit zu sein durch langfristige Vorbereitung ist natürlich die Grundvoraussetzung. Das war bei unserer Mannschaft auch gegeben, wir hatten realistische Medaillenchancen in allen Gewichtsklassen – und doch hat’s nur zu einer Medaille gereicht. Da war einfach, man kann’s nicht anders sagen, echt viel Pech dabei.

Olympic Games Rio 2016 - 10.08.2016, Judo , Olympische Spiele, Laura Vargas Koch (GER) kommt im Judo Frauen -70 kg in die nächste Runde mit einem Sieg über die Angolanerin Antonia Moreira (ANG), Jubel von Vargas Koch - Foto: FRANK HEINEN © rscp-photo.eu, | Verwendung weltweitEine Runde weiter: Laura Vargas Koch nach dem Sieg über die Angolanerin Antonia Moreira.

Profifußballer kicken zumeist Vollzeit, in anderen Sportarten arbeitet manch einer nebenher. Du studierst. Lässt sich das mit Judo gut vereinbaren?

Judo ist ziemlich trainings- und zeitintensiv, wir sind um die 25 Wochen im Jahr unterwegs, da wäre es auf jeden Fall nicht möglich, nebenher eine Ausbildung zu machen oder zu arbeiten. Das Studium bietet da deutlich mehr Flexibilität. Mit meinem Fach, Mathe, bekomme ich‘s hin. Bei anderen Studiengängen mit festen Laborzeiten kann das aber ganz anders aussehen, das hab ich auch bei einem Physikpraktikum gemerkt.

Was sollen wir denn eigentlich schreiben: Bronze für eine Judoka, die nebenher noch studiert, oder Bronze für eine Studentin, die nebenher Judo betreibt?

Schwierig zu sagen, da das bei mir permanent wechselt. Ich fühle mich als beides. In manchen Phasen mehr als Studentin, die den Sport nebenbei macht. Aber in letzter Zeit war es definitiv so, dass Judo im Vordergrund stand.

Das Studium musste bei der Olympiavorbereitung klar hintan stehen?

Ja. Einfach weil die Vorbereitung vom Kopf her so viel Zeit und Kraft in Anspruch genommen hat, ich mich mit allen Gegnern intensiv beschäftigt und mir Taktiken zurechtgelegt habe. Das war enorm zeitraubend, aber wichtig.

Halbfinale Frauen 70kg: Laura Vargas-Koch (GER, blau) gegen Haruka Tachimoto (JPN, weiß). GES/ Olympia 2016/ Judo, 10.08.2016 Olympics 2016: Judo, Rio de Janeiro, Brazil, August 10, 2016 | Verwendung weltweitIm Halbfinale gegen Haruka Tachimoto.

… was zu der allgemeineren Frage führt: Wie bekommt man Leistungssport und Studium eigentlich unter einen Hut?

Mit der Promotion an der RWTH in Aachen ist das einfacher geworden. Im vorherigen Studium an der TU Berlin gab es viel mehr feste Termine, wie Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht oder Prüfungen. Grundsätzlich ist es eine Frage der Selbstorganisation, aber das Ganze ist auch ohne Entgegenkommen der Uni nicht möglich. Denn für den Sport ist man ständig unterwegs und versäumt viele Stunden. Wenn die Professoren da nicht kooperativ sind, hat man keine Chance. Bei mir waren sie das zum Glück immer.

Was heißt „kooperativ“ konkret?

Wenn ich bei einer Prüfung nicht konnte, wurde mir ein mündlicher Termin angeboten. Oder wenn ich in einem Seminar eigentlich nicht hätte fehlen dürfen, konnte ich die fehlenden Stunden später in einer anderen Gruppe nachholen. Auch hätte ich ein achtwöchiges Praktikum in einem Betrieb machen müssen, das ich durch einen Tutorjob ersetzen durfte. Mein großer Vorteil war, im Bachelor in einem kleinen Studiengang mit intensiver Betreuung zu studieren. Durch den Bachelorschwerpunkt in Mathe kannten mich die Dozenten dann auch schon zu Beginn des Masterstudiums. Und jetzt bei der Promotion in Aachen habe ich eine Professorin, die selber früher Leistungssport betrieben hat, total engagiert ist und mich nach Kräften unterstützt.

Das klingt, als sei die persönliche Beziehung zu den Lehrkräften das Entscheidende.

Ja, so war es schon in der Schule, wo man immer bei den Lehrern nach Unterschriften fragen musste. Das persönliche Verhältnis zu den Dozenten half im ersten Semester enorm, keine Frage. Wobei ich auch am Anfang in einer Vorlesung mit 500 Leuten saß, bei der der Professor es anfangs zu meinem Problem erklärte, wenn ich mal drei Wochen am Stück nicht da bin. Erst im zweiten Anlauf ließ er mit sich reden. Nach meiner Erfahrung unterstützen die allermeisten Lehrkräfte Sportler gerne, sobald sie es richtig verstanden haben. Deshalb muss man selbstbewusst hingehen und erklären, worum es geht. So hat’s zumindest bei mir immer gut geklappt.

10.08.2016, Carioca Arena 2, Rio de Janeiro, BRA, Olympia 2016 Rio, Judo, im Bild Vargas Koch L.(GER) Foto © nordphoto / Straubmeier | Verwendung weltweitKonzentration in Rio.

Kam auch Unterstützung von der Uni als Ganzes?

Nein, eigentlich nicht. Ich hab später an der TU ein Deutschlandstipendium erhalten, zumindest dessen Vergabe ist ja Sache eines Unigremiums. In der Bewerbung hatte ich den Leistungssport natürlich erwähnt. Da aber auch meine Noten gut waren und ich mich zum Beispiel in der Ausbildungskommission engagierte, weiß ich nicht, ob der Sport ausschlaggebend war.

Und das Dekanat oder eine andere Stellen? Denkst Du, da könnte man mehr Hilfe anbieten?

An der TU Berlin gab es einen Zuständigen für Spitzensport. Der empfahl den Weg, den ich ohnehin gegangen bin: erst einmal selber mit den Dozenten sprechen. Nur bei Problemen schaltet er sich ein. Die gab’s bei mir zum Glück nicht. Aber ich habe von Leuten an anderen Unis auch Gegenteiliges gehört – was schade ist, da ich es wichtig finde, dass man als Leistungssportler nebenher noch studieren kann.

Auch in Regelstudienzeit? Wie war das bei Dir?

Bei meinem Master hab ich das hinbekommen, ja. Für den Bachelor habe ich sieben Semester gebraucht, das heißt ein klein wenig länger. Das hat allerdings, da das ein neuer Studiengang war, keiner hinbekommen, der mit mir angefangen hat.

Wie siehst Du die Situation in Deutschland im Vergleich zum Hochschulsport in den Vereinigten Staaten? Dort können sich Athleten an Spitzenunis ja voll und ganz auf den Sport konzentrieren.

Wenn das bedeutet, Sportler einfach durchs Studium zu schleusen und von ihnen überhaupt keine Studienleistungen zu erwarten, halte ich das natürlich für verkehrt. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Unterstützung sollte in meinen Augen durch verlängerte Fristen kommen, zum Beispiel ein verlängertes Bafög. Richtig finde ich deshalb, wie es die Sporthilfe beim Deutsche-Bank-Stipendium macht. Das bekommt man, so lange die anderthalbfache Regelstudienzeit nicht überschritten wird.

Kann sich denn für dieses Deutsche-Bank-Stipendium jeder Leistungssportler bewerben?

Das bekommt man automatisch, wenn man an einer deutschen Hochschule im dritten Fachsemester studiert und im Kader der Nationalmannschaft von der Sporthilfe gefördert wird.

Laura Vargas Koch, Judoka der Deutschen Nationalmannschaft des Deutschen Judo-Bunds, posiert am 11.04.2016 im Bundesleistungszentrum in Köln (Nordrhein-Westfalen). Foto: Marius Becker/dpa | Verwendung weltweitFototermin im Bundesleistungszentrum in Köln.

Wie viel Geld bekommt man?

Zusätzlich zur Förderung durch die Sporthilfe waren das zu meiner Zeit in Berlin 300 Euro, jetzt hat man das auf 400 Euro erhöht. Zudem kürt die Sporthilfe jedes Jahr in einem Wettbewerb den Sportstipendiaten des Jahres, bei dem auch ich mal auf den ersten Plätzen landete und eine Extraförderung bekam.

War die Finanzierung damit gesichert? Und wie sieht es jetzt bei der Promotion aus?

Eigentlich ja, zumal ich auch mal als Tutor gearbeitet habe. Von der RWTH bekomme ich jetzt eines von zwanzig Promotionsstipendien, das zwei Jahre läuft, wenn ich Glück habe auch etwas länger. Außerdem bin ich achtzehn Monate vor Olympia in das „Sporthilfe-Elite-Plus-Programm“ gekommen. Das beläuft sich auf 1.500 Euro pro Monat und bekommt, wer eine WM-Medaille vorweisen kann und weder bei der Bundeswehr noch bei der Bundespolizei war. Das beides ist zusammen super, damit kann ich mich voll auf den Sport konzentrieren und muss mir keine Sorgen machen.

Zu Deinem Studien- und Promotionsfach Mathematik: Gibt es da irgendwelche Verbindungen mit dem Sport, zum Beispiel bei der Leistungsdiagnostik?

Das werde ich oft gefragt – nein, eigentlich nicht. Dass ich die Stresssituationen aus Wettkämpfen auf Prüfungen übertragen konnte, war im Bachelor und Master vielleicht eine Verbindung. Aber die Mathematik auf den Judo übertrage ich definitiv nicht, nein. Ich finde es gut, dass das zwei unterschiedliche Sachen sind.

Ist Dein Promotionsthema eher abstrakt oder praxisorientiert?

Das ist eher abstrakt, hat aber auch einen praktischen Bezug. Unter anderem beschäftige ich mich mit den Grundlagen für dynamische Verkehrsmodellierung.

BAKU,AZERBAIJAN,24.JUN.15 - European Games Baku,Judo women-70kg. Image shows Laura Vargas Koch (GER) and Lior Wildikan (ISR). |Siebzig Prozent Sport, dreißig Prozent Uni.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aus? Wie viel Zeit verbringst Du täglich mit Mathe, wie viel mit Judo?

Jetzt bei der Promotion muss ich zum Arbeiten nicht immer in die Uni, sondern kann das auch bei mir zuhause in Köln machen. Der Tag beginnt aber immer mit Training. Mittags steht oft Physiotherapie oder Reha-Training wie zum Beispiel Pilates an, abends dann wieder Sport. Manchmal, wie bei meinem ersten Paper, ist danach oft noch Arbeiten bis in die Nacht hinein angesagt – jetzt vor Olympia ging Schlafen und Regenerieren aber natürlich vor. Allgemein, schätze ich, besteht mein Tag aus siebzig Prozent Sport, dreißig Prozent Uni.

Und mit der Doktorarbeit klappt es trotzdem?

Ja, da glaub ich fest dran. Mit dem Master hat es ja auch funktioniert.

Schaffst Du es denn auch mal, in Deiner Kölner Wahlheimat zu feiern oder ein Kölsch trinken zu gehen?

Das machen schon einige Sportler, in Rio waren wir hier auch mal unterwegs. In Köln gehe ich aber nur selten aus – nicht, weil es nicht gehen würde, sondern weil’s mir einfach nicht so viel Spaß macht inmitten der ganzen Wettkämpfe und Trainingslager. Ich bin da eher ein Schlafmensch nachts.

Das heißt für andere Hobbys ist auch kaum Zeit?

Nebenher noch ein Instrument zu spielen oder eine Sprache zu lernen, wäre nicht zu schaffen. Regelmäßiges Kochen mit meiner Mitbewohnerin ist allerdings schon drin. Oder am Wochenende mal Klettern gehen.

EXKLUSIV: Die Judoka (l-r) Miryam Roper, Mareen Kräh, Laura Vargas-Koch fallen in den Pool bei einem Fotoshooting auf der Veranstaltung "CHAMPION DES JAHRES 2013" im Robinson Club Apulia in Ugento (Apulien, Italien) am 28. September 2013. Foto: picture alliance/Robert Schlesinger | Verwendung weltweitLaura Vargas Koch (rechts) mit den Judoka Miryam Roper und Mareen Kräh bei einem Fotoshooting auf der Veranstaltung „Champion des Jahres 2013“ in Apulien.

Was steht nach Deiner Rückkehr an? Machst Du beides noch ein paar Jahre so weiter?

Rio war jetzt erst einmal das Ziel, konkret weitergeplant habe ich bislang noch nicht. Und zunächst steht Urlaub an. Für die Uni muss ich wieder mehr machen, keine Frage, aber ich will auf jeden Fall weiter Leistungssport betreiben – weil es mir einfach viel zu viel Spaß macht, ich noch so viel lernen und gucken will, wo das noch hingeht. Judo ist für mich der schönste Sport der Welt, das Reisen macht mir dabei total viel Spaß.

Was planst Du beruflich? Etwas mit Mathematik oder eher im Sportbereich?

Das ist noch offen, wobei ich den Sport ausschließe. Mein Mentor Alfried Bührdel, mit dem ich über ein Programm der Sporthilfe in Kontakt stehe, hilft mir ein bisschen bei der Suche. Selbstfahrende Autos finde ich super spannend. Aber da ich zuletzt so viel um die Ohren hatte, hab ich mir gesagt: Das guckst du dir später an.

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