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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Pendel-Studenten: Hotel Mama ist keine Lösung

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In vielen deutschen Unistädten steigen die Mietpreise. Viele Studenten entscheiden sich daher fürs Pendeln – eine Entscheidung mit Nebenwirkungen, denn das Leben als „Pendel-Student“ ist keine Freude.

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Frankfurt bietet als Stadt eigentlich alles, was sich der Student von heute wünschen kann: Dank ihrer Lage ist die Mainmetropole hervorragend an den Rest des Landes angebunden (ideal für den Ausflug nach Hause über das Wochenende), der öffentliche Nahverkehr ist gut ausgebaut, die Wege sind kurz. Eine lebhafte und diverse Kulturszene, unzählige Möglichkeiten für Praktika und Nebenjobs und mehrere Hochschulen, an denen von Architektur bis Zoologie fast alles studiert werden kann, lassen eigentlich keinen Wunsch offen. Eigentlich. Denn es gibt einen Haken an der Sache: die hohen Mietpreise.

Ähnlich wie in München oder Hamburg zahlt, wer in Frankfurt studieren möchte, einen hohen Preis. Ein WG-Zimmer ist im Durchschnitt erst ab 430 Euro im Monat zu haben, eine stattliche Summe im Vergleich zu anderen Städten wie Dortmund, Marburg oder Leipzig, wo es Vergleichbares bereits für 100 Euro weniger gibt. In einem der Studierendenwohnheime unterzukommen ist schwierig, die Wartelisten sind aufgrund des hohen Andrangs lang.

Doch Frankfurt ist nur ein Beispiel, in vielen deutschen Städten sieht die Lage ähnlich aus. Laut einer neuen Studie des Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist Wohnen in vielen deutschen Universitätsstädten in den letzten sieben Jahren deutlich teurer geworden, bei gleichzeitig sinkendem Angebot an typischen Studentenwohnungen. Nicht wenige Studierende bleiben deshalb gleich ganz zu Hause und pendeln zur Universität, weil sie sich eine Wohnung oder ein Zimmer in der Stadt nicht leisten können – oder wollen. Wie viele es deutschlandweit sind, dazu gibt es keine genauen Zahlen.

„Ich verliere Zeit!“

Marie Roth* ist eine von ihnen. Sie studiert im ersten Semester Kommunikationsdesign an der Hochschule Darmstadt und pendelt täglich eineinhalb Stunden mit der Bahn von ihrem Heimatort im Umland Frankfurts an die Uni – einfache Strecke wohlgemerkt. Ab und an nimmt sie auch das Auto, was die Fahrtzeit auf rund 40 Minuten verkürzt, jedoch für sie bedeutet, dass sie einen Parkplatz in der Darmstädter Innenstadt finden muss. Dass Marie pendelt, sagt sie, läge vor allem an ihrer finanziellen Lage: „Ohne BAföG ist es für mich schwierig, eine Wohnung, beziehungsweise ein Zimmer in Darmstadt zu bezahlen. Gleichzeitig lässt es mein Studium zeitlich nicht zu, nebenher genug zu verdienen, um mir Wohnen in Darmstadt zu finanzieren.“

Einfacher wird das Studium durch die Pendelei für sie nicht. „Da ich Freunde in Darmstadt habe, kann ich ab und zu nach Veranstaltungen dort übernachten. Wäre das nicht der Fall, könnte ich vor allem an Univeranstaltungen, die bis spät in den Abend gehen, wegen der schlechten Bahnverbindungen nicht teilnehmen.“ Gleichzeitig, berichtet sie, benachteilige sie das Pendeln gegenüber anderen Studenten: „Ich verliere Zeit, in der ich effektiv zu Hause arbeiten könnte, weil ich entweder auf die Bahn warten muss, oder in der Bahn sitze und nicht alle Arbeitsmaterialien dabei habe, was bei einem künstlerischen Studiengang zum Problem werden kann.“ Wenn sie könnte, so Marie, würde sie sofort nach Darmstadt ziehen.

© Henner RosenkranzDer Letzte in der Unibibliothek Darmstadt – diese zweifelhafte Freude wird Pendel-Studenten nicht zuteil

Während Auswirkungen auf das Studium das eine sind, kann das Pendeln auch für das Sozialleben der betroffenen Studierenden Folgen haben: Unisport, zusätzliche Veranstaltungen, Studenteninitiativen, alles muss abgewogen werden: Lohnt sich der Zeitaufwand, wenn man später noch nach Hause pendeln muss? Macht es Sinn, sich an der Uni zu engagieren, wenn man für ein Treffen, zum Beispiel am Wochenende, noch einmal extra in die Stadt fahren muss?

Wer nicht vor Ort wohnt, kann auch nicht einfach mal so nach der Vorlesung noch schnell auf ein Bier in die Szenekneipe mitkommen oder spontan abends mit feiern gehen, denn im Hintergrund tickt immer die Uhr. Wer die letzte Bahn oder den letzten Bus verpasst, hat ein Problem, denn nicht immer gibt es Freunde, die einen dann auf der Couch übernachten lassen, oder Eltern, die zur Not mit dem Auto abholen kommen.

Freunde? Welche Freunde?

Besonders kompliziert wird es für pendelnde Erstsemester. Die ersten Wochen des Studiums sind oft entscheidend für die restliche Studienzeit. Alles steht auf Anfang, eine neue Stadt, ein neuer Lebensabschnitt, niemand kennt sich – der ideale Nährboden, um sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen. Während man zwischen Orientierungsveranstaltungen, den ersten Seminaren und Semesterstartpartys hin und her tingelt, entstehen neue Freundschaften, oft bilden sich auch die ersten Cliquen. Für Studenten, die in Uninähe eine Bleibe haben, ist all das logistisch keine Herausforderung. Für Pendler hingegen sieht die Sache anders aus.

„Freunde hatte ich in den ersten beiden Jahren an der Uni eigentlich nicht“, erzählt Marco Wesseldorf*. Er hat in Frankfurt Wirtschaftswissenschaft studiert und pendelte die ersten zwei Jahre seines Studiums regelmäßig ins Frankfurter Westend, bis er in der Nähe des Campus schließlich ein Zimmer in einem Studentenwohnheim ergattern konnte. Doch Geldmangel sei eigentlich nicht der Grund gewesen, warum er zum Studiumspendler wurde.

„Meine Eltern waren schon bei der Wahl der Uni dafür, dass ich nach Frankfurt gehe, eben weil es so nah war und ich dann von Zuhause aus pendeln könnte.“ In den Augen seiner Eltern sei das einfach die praktischere Lösung gewesen. Die Notwendigkeit nach Frankfurt zu ziehen, hätten sie lange nicht gesehen. „Wozu in die Ferne schweifen? Pendeln ist doch kein Problem“, habe sein Vater oft gesagt.

Für Marco war es das aber doch. „Ich habe in den ersten Wochen niemanden richtig kennengelernt, weil ich jeden Abend wieder aus der Stadt rausfahren musste. Wenn die anderen feiern gegangen sind, musste ich den letzten Zug erwischen.“ Nach wenigen Wochen, so Marco, habe sich das zu Beginn noch instabile soziale Gefüge so verfestigt, dass es für ihn fast unmöglich wurde, noch irgendwo „anzudocken“. Die ersten beiden Jahre sei er sehr einsam gewesen. „Durch das Pendeln wird alles kompliziert. Spontan Freunde treffen? Vergiss es. Schnell mal in die Bibliothek zum Studieren? Kein Problem, wenn du ’ne Stunde Anfahrt in Kauf nimmst.“ Die Verspätungen der Bahn hätten ihr Übriges beigetragen, so der 24-Jährige, der mittlerweile in den Niederlanden seinen Master macht.

Nesthocker? Weit gefehlt!

Besonders genervt ist Marco von Begriffen wie „Nesthocker“ oder „Hotel Mama“, die gerne in diesem Zusammenhang benutzt werden – Zuschreibungen, die ignorieren, dass ein „Pendlerstudium“ nicht unbedingt freiwillig geschieht und viele die Probleme ausklammern. „Wenn man Zeitungsartikel über Studenten, die pendeln, liest, wird das immer wieder geschrieben, ganz so, als ob wir alle zu faul oder zu feige wären, auszuziehen.“ Er kenne jedoch einige, denen es genauso wie ihm ergangen sei und keiner hätte den besonderen Wunsch verspürt, länger als nötig bei den eigenen Eltern zu wohnen. „Es ist nicht so, dass ich meine Eltern nicht mag, aber irgendwann wollte ich auch mal erwachsen werden.“

© Michael BraunschädelDer soziale Aspekt kommt bei durchgetakteten Pendel-Studenten zu kurz

Ähnlich wie Marie berichtet auch Marco davon, dass das Pendeln sich negativ auf die eigene Leistung auswirken könne. Abgesehen von der Teilnahme an Veranstaltungen und der verlorenen Zeit, erschwere der Mangel an sozialen Kontakten das Studium auch auf andere Ebene. „Durch das Pendeln habe ich kaum Leute kennengelernt. Während alle anderen Lerngruppen hatten oder Freunde, die sie fragen konnten, wenn sie etwas nicht verstanden haben, war ich immer auf mich allein gestellt. Toll war das nicht.“ Erst als er im letzten Studienjahr dann doch noch nach Frankfurt ziehen konnte – nach langen Diskussionen mit seinen Eltern – habe sich die Lage gebessert, „obwohl es da eigentlich auch schon egal war. Ich musste es ja vorher auch alleine schaffen.“

Wenn er auf seine Studienzeit in Frankfurt zurückblicke, sei da immer dieser bittere Beigeschmack. „Ein Studentenleben, wie viele es sich vorstellen, hatte ich eigentlich nicht. Mein Noten waren immer gut, aber sozial bin ich auf der Strecke geblieben.“ Um dieses Erlebnis nicht zu wiederholen, habe er sich auch für einen Master im Ausland entschieden, an einer kleineren Universität, in einer kleineren Stadt. Jetzt lebe er in einer WG, keine zehn Minuten von der Universität entfernt. „Mein Sozialleben ist viel lebendiger als vorher, manchmal fast schon zu lebendig. Aber ich habe auch viel nachzuholen.“

*Die Namen wurden geändert

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18 Lesermeinungen

  1. Alte Kamellen...
    sicher heute ist es besonders schwer eine bezahlbare Studentenbude zu finden.
    Und somit sind diese Probleme verbreiteter als früher, neu sind sie aber nicht.
    Und auch ein eigenes Zimmer vor Ort garantiert nicht, dass man weniger Stress oder mehr Zusammenarbeit hat vor Ort.
    Und der größte Teil des Problems liegt einfach darin begründet, das es heute weit mehr Studenten sind als früher und dies billiger ist, als wenn Unternehmen selbst ausbilden. Weshalb Berufsschulen und berufliche Ausbildungen heute vielfach grottenschlecht in der Qualität sind

  2. Keine Lösung?
    Heute ist man mit solchen Urteilen schnell bei der Hand und bleibt dann den Nachweis schuldig. Die vielen Leserbeiträge zeigen doch, dass es typ-, ort-, studiengang- und umständeabhängig ist, was besser ist. Von der Bude vor Ort bis zum Fernstudium habe ich alles Mögliche mit Vor´- und Nachteilen (vom Kochenlernen bis hin zu nervigsten Vermieterpersönlichkeiten und Vertragsärger) erfahren und kann trotzdem nicht beurteilen, was denn nun „eine Lösung“ an sich ist bzw. damals war. Jedenfalls kann man heute jederzeit per App und Chat mit anderen zusammen sein, Dinge besprechen und sich Unterlagen zuschicken. Davon konnten wir heutigen „Oldtimer“ nur träumen.

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