Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Performance statt Hausarbeit

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Klausuren und Hausarbeiten hat jeder Student schon einmal verflucht. Was aber bleibt hängen, wenn man als Prüfungsleistung eine Performance erbringen muss? Ein Erlebnisbericht. 

© Dürrwald/dpaAusnahme-Performer: Andy Warhol und Joseph Beuys, aufgenommen 1979

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Die fünfte Jahreszeit steht bevor. Als Narren, Jecken und Harlekine gehen die Menschen dann auf die Straße. Sie verkleiden sich, wollen einmal ein Anderer sein und die eigenen Pflichten hinter sich lassen. So werden die Straßen, nicht nur in Köln und Düsseldorf, zur gigantischen Bühne, auf der sich inszenieren kann, wer immer auch mag. In der Menge fällt das Individuum ja doch nicht auf.

Karnevalszeit bedeutet für die meisten Studierenden, dass die Klausuren geschrieben sind. Die eine oder andere Hausarbeit steht zwar noch an, doch das Lernen hat vorerst ein Ende, die „Dialektik der Aufklärung“ sowie „Substantialistische Machttheorien I und II“ haben längst Platz gemacht für Kölsch und Fasnachtsküchlein.

Solo für Leistungspunkte

Nicht so in der Theaterwissenschaft. Wer sich dort prüfen lässt, muss kein enormes Wissenspensum von fragwürdiger Relevanz in kürzester Zeit aufnehmen, um es ein einziges Mal wortgetreu wiederzugeben. Dort, in der Theaterwissenschaft, kann es reichen, sich selbst auszustellen. Anders als beim Bulimie-Büffeln macht diese Art der Prüfungsleistung den Prüfling allerdings zu einem Anderen als er vorher war, möglicherweise sogar dauerhaft. Ich selbst habe mich gleich einem Angorahasen in einem Ladengeschäft auf der Leipziger Subkulturmeile Georg-Schwarz-Straße selbst geschoren. Im Schaufenster habe ich eine geeignete 360-Grad-Bühne für diese Performance gefunden. Etwa eine Stunde lang stand ich als Prüfling dort, um mich mit einem Nassrasierer und fünf Klingen alle Körperhaare zu entfernen.

© Max BeckmannBeginn der Performance

„Connected Brilliance: Andy Warhol und Joseph Beuys“ heißt das Blockseminar, das die Schauspielerin und Dozentin Martina Bako am Leipziger Institut für Theaterwissenschaft im zurückliegenden Wintersemester anbot. Dieses ist im Oktober letzten Jahres mit neu konzipierten Studiengängen zwar nicht so elegant wie ein Phönix aus der Asche gestiegen, doch immerhin: Die Kürzungsbemühungen des Uni-Rektorats konnten durch die Labels „innovativ, transdisziplinär und transkulturell“ zunächst abgewendet werden. Wer nun in diesem Master-Seminar Leistungspunkte ergattern will, muss eine Soloperformance im Sinne eines der oder beider Künstler konzipieren und aufführen. Beuys und Warhol – kaum jemand hat die Performance- und Videokunst dies- und jenseits des Atlantiks so stark geprägt wie die befreundeten Pop-Pioniere von den sechziger Jahren an.

Körpergedächtnis auf dem Prüfstand

Dass es Überwindung kostet, sich beinahe unbekleidet in einem Schaufenster zu zeigen, um das Intimste, die eigene Körperpflege, auszustellen, war nicht überraschend. Eher schon, dass nach den ersten enthaarten Körperpartien, den Beinen, Zehen und Achseln, eine gewisse Routine einsetzte. Hilfreich war hierfür sicherlich der geschützte universitäre Rahmen unter Verantwortung einer Dozentin. Im Stadtkern wären die Reaktionen sicher diverser, womöglich ablehnender ausgefallen als in diesem beifälligen Kontext, vor lauter Gleichgesinnten. Tatsächlich habe ich noch nie eine so durchweg positive Rückmeldung auf eines meiner Werke bekommen. Für die passierenden, also unfreiwilligen Betrachter ist diese Aktion hingegen eine größere Herausforderung. Ihnen fehlen Informationen zu den Beweggründen der Inszenierung. Viele sind trotzdem stehen geblieben, wollen sich zumeist auf die skurrile Szene einlassen und nicht abgrenzen: Man kommt miteinander ins Gespräch, einer erzählt von einer Wette, bei der er seine eigenen Haare verloren hat, eine andere filmt, während sie auf ihre vegane Pizza wartet, die gesamte Aktion und trägt somit maßgeblich zur Dokumentation bei.

Das Konzept der Performance „Die Scherung des Kornelius Friz“ vom Dezember 2016 gründet in meiner Biographie, ganz wie Joseph Beuys es vorgemacht hat. Im Schaufenster klebt ein Foto von mir als siebenjährigem Jungen in einem blauen Kleid, zurechtgemacht und geschminkt von meinen großen Schwestern. Das Ziel der Aktion ist, durch die Entfernung aller Haare wieder zu diesem kindlichen, unschuldigen Körper zurückzufinden. Am Ende steht ein lebendes Abbild dieses weiblich konnotierten, vermeintlich schwachen Körpers im Raum: haarlos, verwundet, nackt.

Hinzu kommt die lustvolle Inszenierung des Intimen, das Spiel mit dem Schmerz. Im dokumentierenden Video heißt es: „Als ich etwa sechzehn war, habe ich angefangen, es meinen großen Schwestern gleichzutun. Mit Einwegrasierern habe ich unter laufendem Wasser hin und wieder meine Achseln enthaart. Die Rasur hinterließ jedes mal picklig trockene, tagelang juckende Stellen, keineswegs die erhoffte, glatte Haut. […] Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals vor Anderen nass rasiert zu haben“. Bei der Aktion selbst ist jedoch keine Stimme zu vernehmen, die Deutungen liefern würde. Mein Körpergedächtnis wird hier auf den Prüfstand gestellt, die körperliche Ablehnung der Nassrasur als „eine profane, zutiefst menschliche Handlung“ wird sichtbar im verzerrten Gesicht des sich Scherenden und nicht zuletzt im entsetzten Raunen des Publikums, als die Augenbrauen dran glauben müssen.

Hinter der Maske dieser trivialen Kunstfigur

Dass die Aktion auch die Betrachter und Passantinnen betrifft, wird in der Tonspur des Videos evident. Nicht erst als die Frisierschere den dichten manbun, also den normierten Herrendutt des postmodernen Hipsters bezwingt, offenbart sich das Identifikationspotenzial des Publikums mit der Scherung. Doch was will die Aktion vermitteln? Geht es um Körpernormen, um Autoaggressivität oder ist all das doch ironisch zu lesen? Dass hinter der Oberfläche des jugendlichen Körperwerks so etwas wie ein wahrer Kern, etwas Eigentliches verborgen liegt, bezweifelt zumindest Warhol 1965 kokett in einem Interview: „Wenn Sie alles über Andy Warhol wissen wollen, schauen Sie einfach auf die Oberfläche meiner Gemälde, meiner Filme und mir selbst: Das bin ich. Es gibt nichts dahinter.“

Der wissenschaftliche Nutzen einer Performance als Prüfungsleistung ist für andere Fachrichtungen zunächst kaum nachvollziehbar. Gerade in den Naturwissenschaften oder der Medizin sind Faktenwissen und Lehrplantreue unerlässlich. Natürlich gilt auch am Theater-Institut ein wissenschaftlicher Anspruch. Allerdings muss Forschung hier, gerade im anwendungsorientierten Masterstudiengang „Theaterwissenschaft transkulturell“,  in einem Wechselspiel mit der Praxis stehen. Neben szenischen Projekten wie diesem oder produktionsbegleitenden Vorlesungen etwa an der Oper Halle gehört dazu auch die Auseinandersetzung mit der globalisierten Welt als einer Bühne, auf der sich sämtliche Akteure theatraler Praxen bedienen.

© Urs HumpenöderNach der Scherung

Ganz im Sinne der Pop-Art bleibt am Ende dieser Prüfung nicht viel mehr zurück als eine Menge dunkelblonder Haare, einer ausgezeichneten Note, einem Haufen Oberflächen. Und doch meinen wie im Falle Andy Warhols viele, hinter der Maske dieser trivialen Kunstfigur eine menschliche Leere zu erspüren. Selbst das Publikum, das um die kunsthistorischen Strategien weiß, wird keine Botschaft, keinen zielgerichteten Zweck in dieser einmaligen Aufführung erkennen können. Weder ihnen, noch der Prüferin soll dieses Reenactment erklärt werden. In mancher Prüfung reicht es aus, Fragen aufzuwerfen, anstatt sie zu beantworten. Auch an Karneval werde ich meine Performance-Maske noch nicht ganz abgelegt haben. Um in Leipzig nicht aufzufallen, könnte ich nun als Skinhead gehen. Doch das würde der oszillierenden Uneindeutigkeit der Pop-Art nicht gerecht werden.

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1 Lesermeinung

  1. das große Glück, sich mit Kunst, Schauspiel oder Literatur beschäftigen zu können
    Lieber Herr Fritz,
    Ihrem ersten Satz der Subline „Klausuren und Hausarbeiten hat jeder Student schon einmal verflucht“ muss ich widersprechen.
    Da ich das Glück hatte, Fotografie studieren zu dürfen, trafen mich weder Klausuren noch Hausarbeiten, weil ich sie für meine Karriere ignorieren durfte. Scheine machte ich mit meinen Auftragsarbeiten. Es gab eine Übereinkunft mit meinen Professoren.
    Erst später, Anfang der 2000er, entschloss ich mich mit 40+, meinen Abschluss nachholen zu wollen. Nach mehr als 20 Jahren des Berufslebens, geprägt von Idee, Konzeption, dem erfolgreichen Verkauf dieser, sowie der immer erfolgreichen Umsetzung, waren Hausarbeiten, Vorträge und Klausuren eine Fingerübung. Ich erinnere Vorlesungen, in denen ich mich als Alien empfand, weil ich all das kannte, was sich Mitstudenten mühsam erarbeitet hatten und vortrugen – ich hatte all es schon gelebt, und konnte immer wieder korrigierend oder erläuternd die Themen verständlich machen. Da saßen schließlich meine „Nachfahren“ in den Vorlesungen – unerfahren, ungebildet, auf das Leben hoffend.

    Ihre Performance kann ich gut nachempfinden. Ich habe einer Künstler-Freundin damals bei einem ähnlichen Projekt mit meinen Notenblättern ausgeholfen. Anna Löbner meinte, sich in das Schaufenster des Künstlervereins Malkasten, Jacobistraße in Düsseldorf setzen zu wollen, um dort ihre Violinkünste zu präsentieren. Es war wie im Rotlichtviertel von Amsterdam. Exhibitionismus pur.

    Ihre Enthaarung finde ich ebenso spannend. MMn. geht es darum, Grenzen zu verschieben, zu provozieren – wer wagt es, mich zu prüfen? Warte, Dir/ Euch werd‘ ich’s zeigen – es hat aber auch dieses Momentum von nackig machen, in Ihrem Fall in doppelter Bedeutung. Sie halten trotz des Scherens Ihres Ichs die Fäden in der Hand. Sie arbeiten manipulativ und haben rein gar nichts zu verlieren. Gut gemacht. Wie war die Benotung? + oder – 1?

    ps habe Beuys 1982 kennengelernt, und eines meiner ersten professionellen Portraits belichtet. Doch 35 Jahre gehen nicht spurlos vorüber, ohne dass der Mensch Dinge verliert. Ich habe Informationen verloren: http://www.pixelspalten.de/work/beuys.html
    Funktioniert besser denn je . . .

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