Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Politisiert von J. K. Rowling

| 5 Lesermeinungen

Im Internet häufen sich Memes, Tweets und Comics, in denen Donald Trump mit Lord Voldemort aus „Harry Potter“ verglichen wird. Taugt J.K. Rowlings phantastische Welt als politische Ausdrucksform der Millennials?

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3193487138© dpaSeine Durchsetzungskraft wird unterschätzt: Eddie Redmayne als Newt Scamander in dem aktuellen Kinofilm „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“

Mit rund fünfzig anderen Studenten sitze ich in einem Kinosaal in Oxford – Briten, Amerikaner, Deutsche, alle zwischen 20 und 30. Es läuft: „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“, der neueste Ableger aus dem Harry-Potter-Universum. In der in New York angesiedelte filmischen Fortsetzung spielt Politik eine wichtig Rolle: Die Präsidentin der amerikanischen Magiergemeinschaft ist ironischerweise sowohl weiblich als auch schwarz; eine besessene weiße Demagogin verbreitet Lügen und Hass gegen Magier, während die Spannungen zwischen den Ethnien – Magiern und Nicht-Magiern – immer stärker zunehmen. Und ist es Zufall, dass ausgerechnet der Bösewicht markante blonde Haare hat? Gerade im Kontext der amerikanischen Wahl sind in „Phantastische Tierwesen“ mehr als deutliche Anspielungen auf die reale Welt erkennbar.

Von den sogenannten „Millennials“ um mich herum wird gerne behauptet, dass sie keinerlei politisches Interesse besäßen. Und doch sind sie es, die in der jüngsten Wahl in den Vereinigten Staaten mehrheitlich gegen den Mann gestimmt haben, den viele als Katastrophe für ihr Land ansehen. In den sozialen Medien trommeln sie besonders laut gegen Donald Trump und seine Kampagne aus Lügen, Hass, Misogynie und Rassismus.

Die Macht der Verschwörungstheorien

Könnte es sein, schießt es mir durch den Kopf, dass ihr Aufbegehren gegen die machtbesessenen Reaktionäre, ob sie jetzt Trump, Farage oder Petry heißen, durch „Harry Potter“ befeuert wird? Eine steile These vielleicht, aber ist es nicht naheliegend, dass J. K. Rowlings vermeintlich so harmlose Geschichte vom unverhofften Zauberlehrling die Weltanschauung einer ganzen Generation geprägt hat? „Harry Potter“ haben ja schließlich so ziemlich alle aus meiner Generation gelesen, gehört oder irgendwo gesehen.

Vieles würde dafür sprechen: Memes, die Trump wahlweise mit Voldemort oder der bösartigen Ministeriumshexe Dolores Umbridge vergleichen, Tweets, die den Aufstieg der rechten Parteien mit der Machtergreifung Lord Voldemorts in Zusammenhang bringen und Posts wie „Dumbledores Armee: Wir rekrutieren“, die dazu aufrufen, jetzt nicht klein beizugeben. Fünf Jahre nach dem letzten Potter-Film in den Kinos scheint der Titelheld immer noch allgegenwärtig.

Schüler stehen in einer Szene des Kinofilms "Harry Potter und der Stein der Weisen" in der Großen Halle der Zauberschule Hogwarts (undatierte Filmszene). Dieser Halle der Zauberschule wird in den neuen Filmstudios von Warner Bros. im Norden Londons bei den zukünftigen Harry-Potter-Studiotouren neues Leben eingehaucht. Vom kommenden Frühjahr an kann man bei einer Tour durch die Filmstudios, in denen alle acht Filme gedreht worden sind, in zwei riesigen Hallen die Original-Kulissen, Kostüme und Requisiten betrachten. Dabei gibt es tatsächlich Überraschungen: In den Filmen über den Zauberschüler ist nämlich sehr viel mehr echt als man in Zeiten von Computersimulation vermuten würde. Foto: Warner Bros. Entertainment Inc. Harry Potter publishing rights©JKR (zu dpa 0260 vom 05.10.2011 - ACHTUNG: Verwendung nur für redaktionelle Zwecke im Zusammenhang mit der Berichterstattung über die Harry-Potter-Studiotour und den gennannten Film und bei Nennung der Quelle) +++(c) dpa - Bildfunk+++ |© dpaDie jetzige Studenten-Generation ist bei J. K. Rowling in die Schule gegangen – Szene aus „Harry Potter und der Stein der Weisen“

„Harry Potter“ war ja im Grunde immer ein Jugendbuch, das sich nicht als solches verstanden hat. Unter dem Radar der Erwachsenen entwickelte Rowling eine Geschichte mit einem starken sozialen und politischen Anliegen. Die wahren Helden sind am Ende immer die Underdogs, diejenigen, die nicht den normativen Kriterien der restlichen Gesellschaft entsprechen oder aus unterschiedlichsten Gründen ausgegrenzt werden. Der Hauself Dobby ist solch ein Beispiel, aber auch Neville Longbottom, Sirius Black und nicht zuletzt Harry Potter selbst. Wenn Hermine sich im vierten Band energisch für die Rechte von Hauselfen einsetzt, dient ihr Engagement nicht nur dazu, aktivistischen Übereifer zu konterkarieren, sondern spiegelt auch Rowlings Empathie mit den Schwächsten der Gesellschaft wieder. Und was sind Beleidigungen wie „dreckiges Schlammblut“ und der Hass gegen Muggel auf Seiten einiger Slytherins anderes, als Zeichen eines tief verankerten Rassismus, der sich auch in der normalen Welt findet?

Ein deutlicher politischer Impetus findet sich in den Büchern immer dort, wo Themen auftauchen, die aktuell für Unruhe sorgen: der schleichende Aufstieg von Autoritären und Reaktionären und die Schläfrigkeit der bestehenden Institutionen gegenüber dieser Bedrohung, die zunehmende Spaltung der Gesellschaft und nicht zuletzt die Manipulation der Bevölkerung durch Verschwörungstheorien und Medien. All das war ziemlich hellsichtig von J. K. Rowling.

Voldemorts Dystopia ist so bedrohlich wie glaubhaft

Die Dursleys? Prototypen des spießbürgerlichen und engstirnigen Brexit-Wählers, dem die Welt egal ist, solange im Garten der Union Jack weht. Der „Tagesprophet“? Eine quotengeile Zeitung, die mit der rasenden Reporterin Rita Kimmkorn nicht nur das Epitom der reißerischen Boulevardpresse darstellt, sondern sich im fünften Band allzu gerne vor den politischen Karren spannen lässt und Harry Potters Ansehen in den Schmutz zieht, um schließlich unter Voldemorts Herrschaft endgültig gleichgeschaltet zu werden.

Die ehemaligen und vorgeblich reuigen Todesser wie Draco Malfoys Vater Lucius (der natürlich von allem nichts gewusst haben will) erinnern wiederum nicht nur an eine gescheiterte Entnazifizierung, sondern werden gleichzeitig zum Sinnbild der Kräfte (Lobbyismus, Populismus, Opportunismus), die das politische System, verkörpert durch das Zaubereiministerium, von innen her aushöhlen und wie die Aasgeier auf seinen Verfall warten. Und die Politik? Sie wird von Rowling als System dargestellt, dass am allermeisten an sich selbst interessiert ist und sein Fähnchen nach dem Wind hängt.

Szene # | Verwendung weltweitImmer für eine politische Unkorrektheit gut: Draco Malfoy (Tom Felton) in einer Szene aus „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“

Solange Harry auf Spur bleibt, gibt sich Zaubereiminister Cornelius Fudge als Gönner, doch als Potter einer Kassandra gleich die unbequeme Wahrheit vom Erwachen des Bösen an die Wand malt, fällt er in Ungnade, weil es die heile Welt des Ministers in Aufruhr versetzt. Zuletzt, im siebten Teil, ein Ausblick auf die Zeit, in der die Despoten die Macht übernehmen. Ein geschwächtes System wird zerschlagen, weil es im falschen Moment geschlafen hat. Ersetzt wird es durch ein System, das Freiheit und Mulitkulturalismus vernichten will und Rassentrennung, Unterdrückung und Gewaltherrschaft feiert. Voldemorts Dystopia ist so bedrohlich, weil sie so glaubhaft und vorstellbar ist.

Widerstand, Harry Potter und das Internet

Der mit Rowlings Buchreihe erwachsen gewordenen Leserschaft sind all diese Anspielungen nicht verborgen geblieben. Die Reihe wurde auch deshalb zum Erfolg, weil ihre Themen auch außerhalb des Potterschen Universums von Relevanz sind. Doch Rowling geht noch über ein rein deskriptives Level hinaus. Anstatt Missstände ausschließlich zu beschreiben, lässt sie Harrys, Rons und Hermines Geschichte davon handeln, wie man mit einer Welt umgeht, in der vieles im Argen liegt und das Bild immer düsterer wird. Rowling versucht ganz entschieden, ihren Lesern ein Rezept mitzugeben, wie sie ihre eigenen Spuren in der Welt hinterlassen können.

Nirgendwo wird dies deutlicher als in Harrys Widerstand gegen das Böse im „Orden des Phoenix“, einem Widerstand auch gegen die verharmlosende Erwachsenenwelt der Politiker. „Dumbledores Armee“, Harrys Untergrund-Widerstandsgruppe, weist dabei Parallelen zu „Occupy Wall Street“ auf. Natürlich wissen die Schüler, dass sie mit ihrer Bewegung nur wenig ausrichten können, doch – und das unterstreicht Rowling immer wieder – kann das keine Entschuldigung für Untätigkeit sein.

tumblr_o43564vftk1s13tcmo1_540Beliebtes Meme in sozialen Netzwerken

Auch kleine Akte können bei ihr einen Unterschied machen. Fred und George Weasley zum Beispiel bringen mit ihren magischen Streichen mehr als einmal ihren Unmut über die tyrannischen Zustände unter Interims-Schulleiterin Umbridge zum Ausdruck – eine Taktik, die im siebten Band von Harrys Getreuen unter Führung von Neville Longbottom adaptiert wird. Und auch wenn sie Hogwarts mit ihrem zivilen Ungehorsam nicht von der Herrschaft Voldemorts befreien können, sind sie doch in der Lage dessen Schergen Sand ins Getriebe zu streuen. Widerstand oder politischer Aktivismus, das macht Rowling klar, muss nichts Großes sein.

Mit dieser Botschaft trifft sie den Nerv der Zeit. Besonders deutlich wird dies im Internet – online ist entstanden, was der amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson eine „imagined community“ genannt hätte: eine verstreute Gemeinschaft von Harry Potter-Fans, die von der gemeinsamen Begeisterung für Rowlings Bücher und der darin enthaltenen Weltanschauung getragen wird. Anspielungen und Verweise auf Harry Potter zirkulieren in Form von Memes, Comics oder kurzen Filmschnipseln durch die Netzwerke von Studenten und Schülern.

Im Kontext der amerikanischen Wahl beteiligte sich Rowling selbst aktiv an diesem Austausch und verglich Donald Trump mit „Der, dessen Name nicht genannt werden darf“, eine Aussage die auf Twitter hunderttausendfach geteilt wurde. Die Cartoonistin „Emily“ wiederum kreierte einen Comic, der die Forderung, Trumps Sieg zu akzeptieren, aus der Perspektive des Potter-Universums kommentierte und im Netz großen Anklang fand. „Harry Potter“ wurde zum Anlass, die Politik auf einer anderen, metaphorischen Ebene zu kommentieren, eine Ebene, die eine ganze Generation dank der Bücher und Filme versteht.

bam

„Leute, Harry hat sieben Jahre gebraucht um Voldemort zu besiegen. Wir schaffen es durch diese vier“, kommentierte eine amerikanische Studentin den Ausgang der amerikanischen Wahl auf Twitter und wieder andere riefen dazu auf, dass man jetzt wie Harry und Co. Widerstand leisten müsse. Für eine Generation, die oft als unpolitisch bezeichnet oder unterschätzt wird – etwas, dass sie aus den Büchern allzu gut kennt, – ist der manchmal so brav daher kommende „Harry Potter“ zur politischen Ausdrucksform geworden. Sie muss sich aber vielleicht auch fragen, ob sie durch den permanenten Bezug zu Rowlings Phantasiewelt nicht dazu tendiert, sich gelegentlich mit einem unwirksamen Ersatzkriegsschauplatz zu begnügen.

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5 Lesermeinungen

  1. Die Jugend sitzt bei mir im Hoersaal,
    daher vielleicht der paedagogische Ton. Es waere schoen, wenn man darauf verzichten koennte, das setzte aber voraus, dass man es im Hoersaal nicht vornehmlich mit infantilen Volljaehrigen, bzw. erwachsenen Kindern zu tun hat, sondern mit jugendlichen Erwachsenen, also solchen, die noch singen koennen:

    „2 x 3 macht 4
    Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
    Ich mach‘ mir die Welt
    Widdewidde wie sie mir gefällt“

    Wo wir von der Zeit und ihrem Geist reden, die sich in den Geschichten Ausdruck verschaffen, in die wir verstrickt sind: Es gab nach der neoliberalen Revolution tatsaechlich Bestrebungen, Pippi Langstrumpfs Mathematik zu korrigieren. Denn 2 x 3 macht doch eigentlich sechs! Die Idee, dass man absichtlich falsch rechnen, oder gar die Welt veraendern und wirklich ueberwinden kann, antstatt sie bloss, ins Phantastische entrueckt, zu reproduzieren, ist hier vollends verschwunden. Wo aber nur der Wunsch vorherrscht, nicht erwachsen zu werden, kann auch auf die Paedagogik nicht verzichtet werden (was allerdings bedauerlich ist). Sie ist Ausdruck die Hoffnung, das ihre optimistische Prophezeiung sich je erfuellt.

  2. Pingback: Alte weise Männer - Tichys Einblick

  3. Huckepack auf Hillarys Besen?
    Donald T. ist wohl ein Mensch mit vielen Schwächen.
    Doch wie laut wäre wohl der #aufschrei gewesen, wenn Hillary gewonnen hätte und nun Trumps Anhänger mit „Not my president“-Pappen den Straßenverkehr stören würden, Laufschuhe einer politisch missliebig gewordenen Marke auf offener Straße verbrennen würden oder zu Maßnahmen zivilen Ungehorsams gg. eine gewählte Präsidentin aufrufen würden?

  4. Man kann HP als politische Allegorie lesen, so wie man mit einegem Mutwillen
    in „Alle meine Entchen“ eine sozialistische Utopie hineinzulesen vermag. Dass aber die angeblich bestinformierte Generation aller Zeiten auf HP und Game of Thrones zurueckgreifen muss, um sich politisch zum Ausdruck zu bringen, ist ein desastroeses Armutszeugnis. Wenn uebrigens an Herry Potter irgendwas politisch ist, dann ist es die zutieftst konservative Musterschueler-Ideologie, die dieses Kinderbuch traegt. Man vergleiche mal die Welt HP’s mit jener Pippi Langstrumpfs, d.h. dem Produkt einer Zeit vor der angeblichen grossen Alternativlosigkeit, in der der politische Horizont noch nicht vollends vom Neoliberalismus verstellt war und die Jugend von anderem traeumen durfte als von guten Noten, privater Altersvorsorge und ihren „Chancen auf dem Arbeitsmarkt“ (Peter Licht).

    • Das wäre nicht ohne lit, Vorbild
      Auch wenn R.J.J. Tolkien Allegorien verabscheute, ist sein Meisterwerk „Herr der Ringe“ in gewisser Weise auch ein Reflex auf die gesellschaftlichen Umbrüche des letzten Jahrhunderts. Also, seien Sie doch nicht so …. pädagogisch…; eine spannende Geschichte, die Aspekte der Wirklichkeit erzählt, statt nur darüber zu dozieren, scheint mir sinnvoller zu sein. Wir sind nicht nur in Geschichte, sondern auch in Geschichten verstrickt. Ich glaube nicht, dass die Jungen auf GoT oder HP „zurückgreift“ um sich sich politisch Ausdruck“ zu verschaffen. Die Zeit verschafft sich in diesen Geschichten Ausdruck. Seien Sie versichert, „die Jugend“ von der sie vielleicht nicht so viel halten, wird dies durchaus engagiert in der Wirklichkeit tun.

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