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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Praktische Bienenkunde: So werden Studenten zu Imkern

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Bienenhaltung liegt im Trend. Aber wie hält man die Tiere gesund und erntet reichlich Honig? An der Ruhr-Universität Bochum lernen Studenten die Grundlagen der Bienenzucht. Ein Besuch.

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© RUB, KramerStudenten beobachten eines der 50 Bienenvölker der Ruhr-Universität Bochum

Alle Augen sind auf den weißen Boden des Bienenstocks gerichtet. Außer ein paar toten Insekten, Futterresten und braunen Wachsschuppen scheint auf den ersten Blick nichts zu sehen zu sein. Doch die Studenten wissen es besser: „Wir suchen Varroamilben – Parasiten, die den Bienenstock befallen“, erklärt Clarissa Birkholz. Die Biologiestudentin ist eine von 16 Teilnehmern des Kurses „Praktische Bienenkunde“ an der Ruhr-Universität Bochum. Ein Semester lang lernen die Nachwuchsimker dabei jede Woche Theorie und Praxis der Bienenzucht. Oder konkreter gesagt: Wie sie Königinnen aufziehen, Jungvölker bilden und Honig ernten. An einem schwülen Mittwochnachmittag im Juli stehen Krankheiten und Parasiten auf dem Stundenplan.

Der Sommer ist die Zeit, in der Imker landesweit den Varroabefall ihrer Bienenvölker überprüfen müssen. Die Milben schädigen Honigbienen, indem sie ihre Larven aussaugen und die Insekten so auch nachhaltig im Erwachsenenalter schwächen. Zudem übertragen sie Viren. „Bei starkem Befall kann die Varroamilbe ein ganzes Bienenvolk vernichten“, warnt Kursleiterin Pia Aumeier ihre Studenten, die sich für den Praxis-Teil des Kurses im beschaulichen Lottental nahe dem Campus eingefunden haben. Um die 50 Völker der „RUB“ vor diesem Schicksal zu bewahren, sollen die Jungimker eine sogenannte „Gemülldiagnose“ vornehmen. Dafür haben sie Bodeneinlagen aus Kunststoff unter die Brutnester geschoben. Aus den Wabengassen fallen jeden Tag immer auch einige Milben auf diese Unterlage, die die Studenten nun zählen sollen.

„Ihr berechnet den Varroabefall, indem ihr den Milbenfall auf einen Tag hochrechnet und die Summe mit 150 multipliziert,“ erklärt Dozentin Pia Aumeier, während sie Klemmmappen verteilt, auf denen die Studenten ihre Einträge und Rechnungen notieren können. „Wenn der Befall zu groß ist, müssen wir behandeln. Ansonsten ist das Risiko zu groß, dass die Bienen nicht erfolgreich überwintern können.“ Um die Tiere gesund zu halten, müsse man im Fall eines starken Befalls den Stock mit Ameisensäure besprühen. Auch wie das funktioniert, lernen die Kursteilnehmer zu einem späteren Zeitpunkt noch.

© RUB, KramerBei Bienenvölkern müssen im Sommer schon einige Vorbereitungen für den Winter getroffen werden

Die Hektik des Campus wirkt an diesem Tag zwischen den Bäumen und Gräsern des Bochumer Lottentals wie weggefegt. Zwischen den Uni-Gebäuden und den Stöcken liegen 13 Hektar Botanischer Garten – eine üppige Nahrungsquelle für die Sammlerinnen. Es ist ein feucht-warmer, wolkenverhangener Nachmittag. Ein Gewitter liegt in der Luft. Im Innern der aufeinandergestapelten Holzkisten herrscht reges Treiben. Die Bienen fühlen sich wohl bei diesen Temperaturen. Die Gruppe von Clarissa Birkholz schaut derweil konzentriert auf die Bodeneinlage. Aber trotz ihrer Lupenbrillen können die Studenten nur wenige Milben entdecken. Die Parasiten sind kaum größer als einen Millimeter, flach und braun. „Der Befall scheint bei uns gering zu sein“, mutmaßt Biologie-Student Vince Hampe. Im April haben er und seine Kommilitonen mit der „Praktischen Bienenkunde“ begonnen. Ganz besonders die Honigernte hat den Studenten Spaß gemacht.

Den Wahlpflicht-Kurs für Bachelor-Studenten gibt es bereits seit 2005 – und er ist äußerst beliebt: Etwa 100 junge Leute bewerben sich jedes Jahr auf die begehrten 16 Plätze. „Die Anwesenheitsliste haben wir abgeschafft – die Studenten kommen auch so“, freut sich Wolfgang Kirchner, der den Kurs zusammen mit Pia Aumeier leitet. Das Interesse der Studenten an der Bienenkunde ist dem Biologie-Professor zufolge ein Spiegel der gesamten Gesellschaft: „In den letzten zehn Jahren ging es mit der Zahl an Imkern deutlich bergauf.“ Deshalb nähme auch jedes Jahr die Zahl der Honigbienen zu. Kirchner ist sicher: „Bienensterben? Das ist nur ein hartnäckiger Irrglaube. Davon, dass Honigbienen in Gefahr sind, war unter Biologen nie die Rede“. Bundesweit halten etwa 130.000 Imker 870.000 Honigbienenvölker. Aber auch der Hunger der Deutschen auf Honig ist groß. Mit einem Verzehr von 1,1 Kilogramm Honig pro Kopf und Jahr gehören die Bundesbürger weltweit zu einer der größten Verbrauchergruppen.

Wildbienen hingegen hätten Kirchner zufolge vor allem in den sechziger und siebziger Jahren aufgrund von Umweltbelastungen eine schwere Zeit gehabt: „Die Bestände sind vor allem damals zurückgegangen. Inzwischen wurden Schutzmaßnahmen getroffen und die Situation bessert sich wieder.“

© RUB, KramerKursleiter Wolfgang Kirchner liest das Verhalten der Bienen

Die „Praktische Bienenkunde“ ist ein Kurs des Optionalbereichs und richtet sich nicht nur an Biologen. „Auch Studenten anderer Fachrichtungen finden Bezugspunkte zu ihrem Studiengang. Ich habe schon begeisterte Philologen erlebt, wenn wir die Tanz-Kommunikation der Bienen lernen“, berichtet Biologie-Professor Kirchner. Die Insekten zeigen dabei anderen Tieren im Volk mithilfe komplexer Bewegungen, wo sie Nahrung finden können.

Auch Theaterwissenschaftlerin Alina Baranowski war fasziniert von diese Art der Unterhaltung der Insekten. Der Kurs ist für sie die perfekte Möglichkeit, in die Imkerei hineinzuschnuppern: „Ich habe mir die Bienenhaltung aber doch einfacher vorgestellt“, resümiert die Studentin, „ich glaube ein eigener Stock wäre mir doch zu viel Verantwortung neben dem Studium.“ Auch die Kosten schreckten die junge Frau ab.

„Pro Volk braucht man eine Kiste und eine Schutzausrüstung. Die Kosten für beides belaufen sich auf 200 bis 250 Euro“, so der Kursleiter Kirchner. Wirklich teures Gerät, wie Honigschleudern, könnten Studenten mit knappem Budget von Vereinen mitbenutzen. „Im Winter kommen dann noch mindestens 15 Kilogramm Winterfutter pro Volk obendrauf. Pro Kilo muss man etwa einen Euro zahlen“, rechnet er weiter vor. Der Professor betont allerdings auch, dass sich das Bienenzüchten – im Gegensatz zu den meisten anderen Hobbys – irgendwann selber trägt: „Die Honigproduktion bringt immer etwas Geld ein.“ Im Unishop der „RUB“ verkaufen die Uni-Imker dann auch ein kleines Glas Honig für knapp vier, ein großes für knapp 7 Euro. Und auch was die Arbeit betrifft, gibt Wolfgang Kirchner Entwarnung: „Im Frühling und Sommer muss man ein paar Stunden die Woche in seine Völker investieren, den Rest des Jahres sind es dann aber nur noch wenige Termine.“

Jedes Bienenvolk muss dem Veterinäramt gemeldet werden

Biologie-Studentin Nicole Burmitskij möchte nach Kursende unbedingt mit einem eigenen Volk beginnen: „Die Bienenhaltung macht mir wirklich viel Spaß.“ Der Kurs vermittle ihr alle wichtigen Grundlagen, um sich selbst als Imkerin zu versuchen, sagt sie. Zusammen mit ihren Kommilitonen zieht Nicole dann weiter zum nächsten Bienenstock, um auch dessen Gemüll zu inspizieren.

Währenddessen untersucht die andere Hälfte des Kurses im Labor Bienendärme unterm Mikroskop auf einen weiteren Parasiten: Nosema. Der ist für ein gesundes Bienenvolk nicht weiter problematisch, kann aber unter ungünstigen Vorzeichen zum Tod der Bienenkönigin führen. Um den Befall zu erkennen, lernen die Studenten im Biologie-Gebäude jenseits des Botanischen Gartens, wie sie den Mitteldarm aus dem Hinterleib einer Biene herausschälen und richtig präparieren. Unter dem Mikroskop zeigen sich die wenige Mikrometer großen Sporen des Schädlings im eingefärbten Bienendarm als kleine weiße Kügelchen. „Da die meisten Imker kein eigenes Labor haben, schicken sie im Verdachtsfall Proben ein“, erklärt Dozent Wolfgang Kirchner. Es gibt also durchaus einiges zu beachten, um seine Bienen gesund zu halten.

Aber wohin eigentlich mit den Tieren, wenn man sich einmal für einen eigenen Stock entschieden hat? „Ein Garten oder ein großes Flachdach reicht für ein Bienenvolk völlig aus“, so der Professor. Vom Bienenstock auf dem WG-Balkon rät er hingegen ab: „Die Tiere würden ständig ins Haus hinein fliegen. Außerdem sollte man daran denken, dass die Bienen in der Umgebung Futter finden müssen.“ Wer keine eigene Fläche hat, könne bei Acker- oder Obstbauern nachfragen: „Diese Betriebe stellen meist gerne Plätze zur Verfügung, da sie von den Bestäubern profitieren.“ Auch die Bahn oder die Stadtwerke erlaubten Imkern oft, die nützlichen Insekten an ihren Standorten zu halten. Jedes Bienenvolk muss schließlich dem Veterinäramt gemeldet werden. Und einen letzten Tipp gibt Wolfgang Kirchner seinen Jungimkern nach dem Kurs auch immer noch mit auf den Weg: „Die Studenten sollten sich an Vereine wenden, sich fortbilden, vielleicht sogar einen Imkerpaten suchen – dann werden sie ihre ersten Völker erfolgreich durchbringen.“


3 Lesermeinungen

  1. Wachs ist ein Problem? Nutztierhaltung ein Ökosystem?
    Lieber Henning,

    inwieweit ist Wachs, auch Imkers Spardose genannt, ein Problem? Honigbienen zu halten ist nicht Imker, es dauert nur ein Jahr. Zucht Ihnen sind keine Wildtiere und ohne imkerische Pflege nicht überlebensfähig. Ameisensäure und Ixalsäure sind ökologisch unbedenkliche Maßnahmen um auf Insektizide zu verzichten. Was meinst eigentlich?

    LG Klaus

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      „inwieweit ist Wachs, auch Imkers Spardose genannt, ein Problem?“
      solange das Wachs von den eigenen Bienen kommt und Mittelwände aus diesem Wachs in eigener Herstellung produziert werden gibt es nur Rückstände aus PSM.
      Werden die Mittelwände über den Umarbeiter bzw. den Handel bezogen kann davon ausgegangen werden dass es sich hierbei nicht mehr um reines Bienenwachs handelt. Die fehlende Gesetzeslage was Bienenwachs ist lässt hier grüßen. Pharma-, Lebensmittel- und Kerzenindustrie haben Regeln oder Gesetzliche Bestimmungen. Die gibt es für die Umarbeiter nicht.
      Nach meinem Verständnis sollten Bienen Wildtiere sein. Vielleicht hab ich deshalb auch keinen Bock mehr aufs imkern,ha.
      Ameisensäure und Oxalsäure sind halt allgemein anerkannte Mittel ohne die es scheinbar nicht gehen soll und die keiner in Zweifel stellt und wenn nur bis zum nächsten Milbencheck. Ich halte das für falsch.

  2. Ganz easy
    So einfach wie die Arbeitsweise hier beschrieben wird ist es eben nicht.
    Nachhaltige Imkerei geht nicht davon aus, die Varroa Milbe mit Säuren oder schlimmeren Mitteln zu bekämpfen und damit das ganze Ökosystem innerhalb des Bienenstocks zu zerstören.
    Wachs ist ein großes Problem und zwingt den Imker einen eigenen Wachskreislauf samt Mittelstand Herstellung zu betreiben.
    Natürlich kann man es sich so einfach machen wie Aumeier, Liebig….
    Das ist dann in etwa so wie die Agrarwirtschaft wie wir sie derzeit betreiben. Kaputte Böden, kranke Tiere und wenn es nicht mehr weiter geht schreien alle nach Hilfe.
    Imkern ist halt gerade schick. Da langt es schon überhaupt Bienen zu halten….

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