Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Ruhepol im Extremviertel

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Die Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“ setzt sich für benachteiligte Kinder in Duisburg-Marxloh ein. Anika Karp und Lukas Loose haben ein Jahr lang mitgeholfen und berichten von ihren Erfahrungen.

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© Tausche Bildung für Wohnung e.V.Das Duisburger Team von „Tausche Bildung für Wohnen“

Bildung ist der Schlüssel zu allem, lautet die Schlussformel vieler Diskurse über soziale Ungleichheit und Chancengerechtigkeit. Die soziale Herkunft spielt bei den Bildungsbiographien gerade in Deutschland noch immer eine große Rolle. Von hundert Akademiker-Kindern besuchen 79 eine Hochschule. Haben die Eltern selbst keinen Universitätsabschluss, ist die Wahrscheinlichkeit eines Studiums viel niedriger, nur 29 Prozent entscheiden sich für ein solches. Benachteiligte Kinder zu unterstützen ist seit sechs Jahren das Ziel der Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“, die erst kürzlich für ihr Engagement den Deutschen Nachbarschaftspreis verliehen bekam.

Seit dem vergangenen September gehören Anika Karp und Lukas Loose zu dem Team. Nach dem Abitur wussten sie nicht, wie ihre berufliche Zukunft aussehen sollte. Studieren? Eine Ausbildung beginnen? Die Qual der Wahl kann groß sein, wenn einem alle Türen offenstehen. Sie entschieden sich dafür, zunächst etwas für die Allgemeinheit zu tun und einen Bundesfreiwilligendienst bei der Initiative „Tausche Bildung für Wohnen“ in Duisburg-Marxloh zu absolvieren. Ihren Bildungspaten bietet der Verein folgenden Deal an: im Gegenzug für ihre Bildungsarbeit dürfen sie mietfrei in einer Wohnung im Stadtteil leben, erklärt Lena Wiewell, Vorstandsmitglied und selbst ehemalige Bundesfreiwilligendienstleistende: „Wir bringen die Kinder und die Paten durch das Tauschgeschäft geschickt in Verbindung und der Stadtteil profitiert davon auch. Das schafft eine Win-Win-Win-Situation.“

Über 60 Prozent der Stadtteilbewohner haben einen Migrationshintergrund, die meisten von ihnen haben türkische oder südosteuropäische Wurzeln. 41 Prozent der Menschen in dem nördlichen Stadtteil beziehen Transferleistungen. Armut ist verbreitet – allein 10.000 Einwohner haben keine Krankenversicherung. An diesen sozialen Problemlagen setzt die Idee von „Tausche Bildung für Wohnen“ an. Kinder aus einem benachteiligten Umfeld sollen gefördert werden, ihnen soll die Perspektive für ein besseres Leben geboten werden.

© Tausche Bildung für Wohnung e.V.Anika Karp in der Tauschbar

Das Angebot von „Tausche Bildung für Wohnen“ bietet eine Anlaufstelle, das Programm erstreckt sich über den gesamten Tag, erzählen Anika und Lukas, die aus Düsseldorf beziehungsweise Hattingen kommen. Ziel ist eine intensive Förderung auf mehreren Ebenen. Einige arbeiten im offenen Ganztag einer Grundschule, andere helfen an drei Tagen der Woche an der benachbarten Gesamtschule aus, die sich in Blickweite zur Lern- und Bürofläche der Initiative, der „Tauschbar“, befindet.  In den ersten beiden Stunden unterstützen Annika und Lukas die Lehrer im freien Lernen, was pädagogisch auch unbedingt nötig sei, sagt Anika: „Die Lehrkraft kann nicht jedem der 30 Kinder gleich viel Aufmerksamkeit schenken. Wir können den Schülern zusätzlich unter die Arme greifen.“ Anschließend versammeln sich die Bildungspaten in der „Tauschbar“, gönnen sich eine kurze Verschnaufpause, erledigen Bürokratie und bereiten den Nachmittag vor.

Bis in die späten Nachmittagsstunden hinein arbeiten die Bildungspaten anschließend mit den Kindern in der Lernförderung, erklären Anika und Lukas. In kleinen Gruppen gehen sie individuell auf die Schwierigkeiten der Schüler aus der ersten bis zur siebten Klasse ein, betätigen sich aber auch spielerisch mit ihnen. „Das Wichtigste ist, dass die Bildungspaten mit den Kindern eine Beziehung aufbauen. Darüber funktioniert das Lernen viel besser“, sagt Wiewell. Die Lernförderung könne man auch als Buddy-Time verstehen, ein Wir-Gefühl soll entstehen.

Die Welt ist mehr als Marxloh

Die meisten Kinder kommen in die „Tauschbar“ auf Anraten von Lehrern und Sozialpädagogen, andere erfahren davon durch Freunde. Längst ist die ehemalige Pfarrwohnung des Vereins für viele zum Treffpunkt geworden. Da die Eltern der meisten Kinder Transferleistungen beziehen, kann der Verein auf Mittel des Bildungspakets „Bildung und Teilhabe“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zurückgreifen.

© Tausche Bildung für Wohnung e.V.Lukas Loose

„Eine der Hauptherausforderungen ist, dass viele Kinder noch nicht lange in Deutschland sind und Probleme mit der deutschen Sprache haben“, sagt Anika Karp über ihre Erfahrungen in der Gesamtschule. Geflüchtete Kinder zum Beispiel werden zwar bis zu zwei Jahre lang in einer internationalen Auffangklasse sprachlich geschult und teils alphabetisiert. Anschließend aber wechseln sie gleich in eine ihrem Alter in etwa entsprechende Regelklasse. Die sprachlichen Defizite seien dann oft noch unübersehbar, sagt Anika. Die Schulen räumten den Kindern zu wenig Zeit ein, um Deutsch als Zweitsprache zu erlernen. „Wir versuchen Sprachprobleme zu beheben, damit die Kinder es später leichter haben.“

Aber auch die außerschulischen Umstände zeigen, dass viele Kinder einen steinigeren Weg vor sich haben als ihre Altersgenossen in anderen, sozioökonomisch besser gestellten Stadtteilen.  „Eines der größten Probleme ist, dass die Kinder zuhause keine Ruhe haben. Viele haben mehrere Geschwister, sodass der Geräuschpegel entsprechend hoch ist. Hier bei uns bekommen sie einen Ort der Ruhe“, sagt Lukas.

Für die meisten Kinder endet das Leben spätestens an der Stadtteilgrenze. Freizeitmöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten in unmittelbarer Nähe sind ihnen fremd, nur wenige waren mal am wenige Kilometer entfernten Rhein spazieren oder in der in Marxloh ansässigen Merkez-Moschee. „Tausche Bildung für Wohnen“ setzt auch bei diesem Defizit an: die Bildungspaten möchten den Kindern zeigen, dass die Welt mehr ist als Marxloh. Aus diesem Grund öffnet die „Tauschbar“ auch während der Schulferien ihre Tore und beschäftigt sich mit den Kindern, ein Kräuterbeet im Garten wird gepflegt, es gibt Fahrten in den Zoo.

Für Anika und Lukas ist der Bundesfreiwilligendienst gerade zuendegegangen, die neuen Bildungspaten werden bereits für ihr Jahr in Marxloh ausgebildet. Der Initiative bleiben sie aber erhalten: Anika absolviert dort jetzt eine zweijährige Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement, Lukas macht ein duales Studium in Sozialpädagogik und Management, er bleibt angebunden. In ihrer Zeit bei „Tausche Bildung für Wohnen“ habe die beiden, wie sie sagen, gelernt, wie Kommunikation unter erschwerten Bedingungen gelingen kann, und auch, dass Marxloh nicht das Schreckgespenst sei, das in den Medien vermittelt werde. Armut, organisierte Kriminalität, Islamismus sowie starke Zustimmung für die AfD und die Politik des türkischen Präsidenten werfen zwar ein negatives Licht auf den Stadtteil. Dass Marxloh eine unsichere „No-Go-Area“ sei, können die beiden Bildungspaten nach ihrem Jahr aber nicht bestätigen – im Gegenteil: „Hier treffen unglaublich viele verschiedene Kulturen aufeinander, die gut miteinander zurechtkommen“, sagt Lukas. Durch die Überdramatisierung der Probleme im Stadtteil fielen die positiven Entwicklungen vor Ort unter den Tisch, findet auch Lena Wiewell. In Kürze eröffnet ein weiterer Standort von „Tausche Bildung für Wohnen“ in Gelsenkirchen-Ückendorf.


2 Lesermeinungen

  1. Wieso geht das nicht bei den Lehrern?
    Wieso können die Bildungspaten eine persönliche Beziehung zu den Kindern aufbauen, die Lehrer (w/m) aber nicht? Die Lehrer sind dafür doch extra ausgebildet worden?!
    Wenn das Konzept funktioniert – könnte man dann nicht einfach alle Lehrer (w/m) zu Bildungspaten umschulen?

  2. Danke!
    Danke für diesen schönen Artikel! 🙏🏻

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