Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Sei kein német!

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Ein Erasmus-Semester in England oder Spanien ist keine Kunst. Die echte Herausforderung lauert in Osteuropa. Unser Autor hat dort Ungarisch und Russisch gelernt – und verrät, wie man es überlebt.

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epa05423425 Festival goers dressed in costumes attend the 41st National Touristic Meeting of University and College Students at lakeside resort of Velence town, some 50 kms southwest of Budapest, Hungary, 13 July 2016. Hungary's largest student festival will end on 17 July. EPA/Janos Marjai HUNGARY OUT |© dpaHerzlich Willkommen in Osteuropa! Studententreffen in Velence, 50 Kilometer südlich von Budapest

Die Vorstellung, ein Jahr im Ausland zu verbringen, ist für viele Studenten verlockend. Traditionell zieht es die meisten in den angelsächsischen Raum – in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, Neuseeland, Australien oder Großbritannien. Auch der französisch- oder spanischsprachige Raum ist gefragt. Durch die EU-Osterweiterung haben sich seit 2004 jedoch ganz neue Möglichkeiten ergeben, Studienaufenthalte in der entgegengesetzten Richtung einzulegen. Seither erlebt der Osten Europas, wie Daten des Statistischen Bundesamtes belegen, einen steilen Aufstieg auf der Beliebtheitsskala junger Europäer. Spitzenreiter unter den EU-Neulingen ist dabei Ungarn, wo sich die Zahl deutscher Studenten von 2003 bis 2013 beinahe vervierfacht hat: von 765 auf 2850. An zweiter Stelle liegt mit beträchtlichem Abstand Polen, wo im selben Zeitraum die Zahl von 182 auf 801 stieg. Die Zahl aller deutschen Studenten im Ausland weltweit verdoppelte sich von 64.249 auf 131.617.

Was den Osten für Studenten attraktiv macht, liegt auf der Hand: niedrige Lebenshaltungskosten und günstige Mieten, ein Hauch von Abenteuer und Exotik, aber auch eine traditionell sehr stark ausgeprägte Kultur der Gastfreundschaft. Wer je in einem osteuropäischen Land zum Abendessen bei Freunden oder deren Familie eingeladen wurde, wird nicht das enttäuschte Gesicht des Gastgebers vergessen, nachdem man den fünften Teller Gulaschsuppe oder das zehnte Glas Slivovitz entkräftet ablehnen musste.

© Herbert Lehmann/picturedesk.com 2008; Ungarische Süssweine in der zentralen Markthalle in .Budapest, Ungarn - 20051125_PD15141 |© dpaUngarische Süd- und Hartweine

Den wahrhaft abenteuerlichen Charakter einer Ost-Unternehmung machen aber zweifellos die schnell aufkommenden Verständigungshürden aus. Nicht umsonst werden die Deutschen in fast allen osteuropäischen Sprachen – in unterschiedlichen Schreibweisen – als „nemci“ oder „németek“ bezeichnet, was eigentlich „stumm“ heißt und sich auf die Kommunikationsprobleme der Germanophonen mit ihren östlichen Nachbarn bezog.

Kommunizieren müssen wir heute mehr als unsere Vorfahren: Schon Besuche in der Postfiliale oder am Ticketschalter im Bahnhof können zum Spießrutenlauf werden. Bei der Wohnungssuche wird man leicht zur willkommenen Beute für Preiswucherer. Und wer Raucher ist, stößt vor allem in Ungarn auf ungeahnte Schwierigkeiten: Dort werden Zigaretten seit drei Jahren nur in staatlichen Monopolläden verkauft, die den klingenden Namen „Nemzeti Dohánybolt“ tragen – was, wenn der Ortsfremde dabei nur die rot umrandete Zahl 18 als Altersbegrenzung entziffern kann, schnell dazu führt, dass der Laden für ein Bordell gehalten wird.

13.07© ArchivEin Tabakladen für Erwachsene

Doch trotz dieser erheblichen Nachteile fragen sich viele Auslandsstudenten gerade in der Eingewöhnungsphase, warum sie sich mit einer so schweren Sprache wie der polnischen, ungarischen oder russischen herumplagen sollen, die Wortmonster wie „piędziesięciogroszówka“, „alkalmazkodóképesség“ oder „dostoprimechatelnosti“ hervorgebracht haben. Bei dem Wort „Kamera“ etwa versteht zwar jeder Ungar, was gemeint ist, viele verwenden aber lieber den Begriff „fényképezőgép” – um eine weitere Kostprobe zu geben. Hinzu kommt, dass die Austauschprogramme ohnehin meist auf Englisch laufen oder gleich an teilweise oder komplett fremdsprachigen Einrichtungen wie der deutschsprachigen Andrássy Universität in Budapest absolviert werden können. Und natürlich trägt auch die Tatsache, dass viele junge Leute in den Gastländern oft sehr gut Englisch sprechen, und fast genauso oft auch sehr gut Deutsch, nicht zu steigender Motivation bei.

Die Folge: Viele Austauschstudenten verharren unter ihresgleichen und bleiben etwa bei bürokratischen Angelegenheiten auf die Hilfe von sprachkundigen Kommilitonen oder Koordinatoren der jeweiligen Universität angewiesen. Das kommt dann schon fast einem Selbstausschluss aus dem Kulturleben des Gastlandes gleich und verhindert den Zugang zur Mentalität der Einheimischen.

Es ist nicht zu leugnen: Sprachkenntnisse sind von Vorteil. Sie sich anzueignen, verlangt jedoch Disziplin, denn bis zur erfolgreichen C1-Sprachprüfung kann es schon einmal drei bis fünf Jahre dauern. Eine osteuropäische Sprache, die leicht zu lernen wäre, muss erst noch erfunden werden. So verwöhnt der deutsche ERASMUS-Student in Norwegen ist, wo das durchkonjugierte Verb in allen sechs Formen auf die gleiche Endung auslautet (jeg drikker, du drikker, han/hun drikker, vi drikker, dere drikker, de drikker), so sicher wird er sich nach den ersten Lektionen im Polnischen oder Russischen die Haare raufen. Wenn er nämlich feststellt, dass bei der Verbkonjugation nicht nur die klassischen sechs Endungen gebüffelt werden müssen, sondern fast alle Verben in zwei verschiedenen Spielarten vorkommen – je nachdem, ob eine Handlung vollendet oder unvollendet ist, ob einmalig oder wiederholt. Was dazu führt, dass pro Verb zwölf Formen anfallen, die es zu lernen gilt. Im Russischen etwa sieht das dann so aus:

dt. „legen“

    klast‘                               položič

  kladu                                  položu

  kladjoš‘                               položiš‘

kladjot                                položit

 kladjom                              položim

 kladjotje                             položitje

kladut                                 položat

 

Seit Jahren geistert die Abbildung einer Pyramide durch die sozialen Netzwerke, auf der die schwersten Sprachen der Welt dargestellt sein sollen. Dass Polnisch, Russisch und Ukrainisch dort Spitzenpositionen einnehmen, überrascht angesichts dieses Verb-Tohuwabohus nicht. Allerdings teilen sie sich die besten Plätze mit Estnisch und Ungarisch, die als sogenannte „agglutinierende“ Sprachen berüchtigt sind für ihre enorme Vielzahl an Fällen. Wobei hier Vorsicht geboten ist: „Agglutinierend“ bedeutet nichts anderes, als dass beispielsweise Präpositionen und Personalpronomen, die im Deutschen eigenständige Wörter sind, im Estnischen und Ungarischen einfach an das Substantiv angebaut werden. Ein Beispiel ist im Ungarischen die Verabschiedung „Viszontlátásra“ („Auf Wiedersehen“), wo „Viszontlátás“ das Substantiv „Wiedersehen“ ist und „-ra“ der Präposition „auf“ im Deutschen entspricht. Seufzt der Ungar „Istenem“, entspricht das dem deutschen „Mein Gott“. „Isten“ ist dabei der Gott, „-em“ das Personalpronomen „mein“.

Die erste Voraussetzung, um eine schwere neue Sprache anzugehen, heißt daher: Ehrfurcht ablegen und sich nicht beeindrucken lassen. Das geht zum Beispiel durch einen „geschmeidigen“ Einstieg, indem man zunächst jene Wörter einer Sprache bemerkt, die aus der eigenen oder aus verwandten Sprachen übernommen wurden. So blicken die Russen beim Fernsehen auf einen „ekran“ (Französisch: écran, „Bildschirm“) und wälzen sich nachts mit einem „koshmar“ (Fr. cauchemar, „Alptraum“) im Bett. Und auch Katharina die Große hat, ebenso wie ihre vielen deutschstämmigen Nachfolgerinnen, deutliche Spuren hinterlassen. Wohl auch deshalb trägt der Russe heute „rjukzak“, isst „buterbrot“, überquert die Grenze nach Öffnung des „šlagbaum“, während er – in einer „maršrutka“ sitzend – die schöne „landšaft“ genießt.

IMGP1295© privatDer Autor des Artikels (Mitte) beim Sprachenlernen mit Freund und Wirtin

Nach dem sanften Einstieg hat es mir dann am besten geholfen, die schwierigen neuen Wörter in echten Lebenssituationen anzuwenden: Beim Einkaufen zum Beispiel, beim Fragen nach dem Weg, oder auf Reisen – besonders wenn es in kleinere Städte oder den ländlichen Raum ging. Im Restaurant habe ich mir grundsätzlich keine Touristen-Speisekarte geben lassen und habe tatsächlich Begriffe wie „vörösboros marhapörkölt“ (Rindergulasch an Rotweinsauce) oder „Brassói apropecsenye“ (Geschnetzeltes auf Kronstädter Art) viel leichter mit Unterstützung des Gaumens gelernt.

Noch ein Tipp: Berührungsängste gegenüber der neuen Sprache verliert man besonders leicht bei so unwichtig erscheinenden Tätigkeiten wie dem Kickerspielen in Pubs (Ungarisch: „csocsó“). Hier erfolgte, technisch gesprochen, sowohl eine Konsolidierung des Gelernten als auch eine Aneignung vieler neuer Begriffe, die man im akademischen Alltag besser nicht benutzt. Gleichzeitig bilden sich die ersten Anzeichen von semantischem Feingefühl für die neue Sprache heraus. Wer beispielsweise herausgefunden hat, dass im Ungarischen das Wort „berúgni“ sowohl „sich betrinken“ als auch „den Ball ins Tor schießen“ heißt, der kann in einer Budapester „kocsma“ (wie die kleineren Eckkneipen genannt werden) an einem ausgedehnten Fußballabend schon bei vielen Themen mitreden.

Auch beginnt man in dieser Phase, die hartnäckigsten Aussprachefehler auszumerzen. So sollte man in einer ungarischen Kneipe darauf achten, dass man bei dem Trinkspruch „Egészségedre!“ („Auf deine Gesundheit“) nicht das falsche „e“ kurz ausspricht – dann nämlich erhebt man das Glas nicht auf die Gesundheit seines Gegenübers, sondern – in recht groben Worten – auf dessen Hinterteil.

In dem Zusammenhang gilt: Als Auslandsstudent in Osteuropa hüte man sich vor falschen Ausgehorten! So passiert es unerfahrenen Nesthäkchen nicht selten, dass sie durch schlechten Einfluss in eine Diskothek geraten, in der deutsche Medizinstudenten in dreistelliger Zahl zusammentreffen, um bei Helene-Fischer-Klängen ihr Stipendium für billiges Bier zu verprassen.

Studenten an der Andrássy Universität Budapest© Andrássy Universität BudapestStudenten an der Andrássy Universität Budapest

Von einem bestimmten Zeitpunkt an ist dann die „aktive Teilhabe am sozialen Leben“ des Gastlandes einfach unschlagbar. Auch Fußball- oder Volleyballvereine sind äußerst gastfreundlich. Ein Studienfreund wurde herzlich in einer Fußballmannschaft aufgenommen, wo nur Ungarn spielten und nur Ungarisch gesprochen wurde; die sportlichen Fachbegriffe hatte er nach kurzer Zeit so gut drauf, dass er den Anweisungen des Trainers ohne weiteres folgen konnte. Hier findet man schnell neue Freunde, und manch einer soll durch diese Kontakte auf einer der legendären ungarischen Hauspartys (házibuli) seine Partnerin oder seinen Partner fürs Leben kennengelernt haben.

Im Übrigen besteht ein echter Vorteil der EU-Osterweiterung darin, dass man als Akademiker (beispielsweise mit BWL-Abschluss) mittlerweile auch in Ländern wie Ungarn eine Lebensgrundlage finden kann. Viele internationale Firmen hat es in die neuen Mitgliedstaaten gezogen. Und diese stellen natürlich am liebsten Fachkräfte ein, die sowohl der Landessprache als auch des Deutschen und Englischen mächtig sind. Darüber hinaus bieten Universitäten wie die CEU oder die Andrássy-Universität Promotionsprogramme für Masterabsolventen an.

Eine Tendenz hin zur Wirtschaftsmigration Richtung Osten lässt sich zwar noch nicht feststellen – Gerhard Schröder und Gérard Depardieu stehen bislang nicht für eine echte Bewegung. Und Herman Oskarowitsch Gref, der deutschstämmige Chef von Russlands größter Finanzinstitution „Sberbank“, ist auch nicht erst als Austauschstudent nach Russland gekommen, genauso wenig wie die Fußballer mit den Familiennamen Lang, Kleinheisler und Stieber den Weg zur ungarischen Nationalmannschaft über ein Erasmus-Semester fanden. Diejenigen, die es, auch dank ihrer Sprachkenntnisse, geschafft haben, nach dem Auslandsaufenthalt in eine Anstellung oder ein PhD-Programm vor Ort zu schlüpfen, gibt es aber tatsächlich. Und sie sind der Beweis dafür, welchen ungeheuren Mehrwert es mit sich bringt, die Sprache eines Gastlandes auch dann anzunehmen, wenn diese nicht von 400 Millionen Menschen weltweit gesprochen wird – sondern vielleicht „nur“ von den neuen Freunden oder dem Partner.

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9 Lesermeinungen

  1. "Osteuropa"
    Kein Ungar sieht sich als „Osteuropäer“. Hätte man eigentlich in einem Erasmusjahr in Budapest lernen müssen…

  2. Ohje
    Genau die Leute waren während meines Erasmus in Budapest die Schlimmsten – meistens Deutsche – wollten unbedingt mit Ungarn zusammenwohnen, hatten panische Angst vor der „Eramus-Blase“ , haben sich ggü Italienern, Spaniern , Franzosen immer für was besseres gehalten, weil sie nicht nur für Spaß und Feierei gekommen sind, sondern um das Land zu ergründen, mit sowas banalem wie Erasmus Parties hat man sich nicht abgegeben. Am Ende hatten solche Leute meist weder mit den Erasmus Studenten noch mit den ungarischen Studenten zu tun, sondern haben versucht in irgend ne Budapester Szene reinzurutschen. Naja jeder wie er will ;)

  3. Naja
    Als jemand, der auch mehrere Semester in Osteuropa verbracht hat und sich an der ein oder anderen slawischen Sprache versucht hat, finde ich, dass dieser Text irgendwie mal wieder alle Klischees bedient. Westeuropäer geht in den Osten, in dem ja alles sooo anders ist und lernt Sprachen, die ja sooo viel schwieriger sind als Englisch, und erklärt jetzt den Nichtswissenden zu Hause, wie die verrückte Welt dort funktioniert. Als Belege müssen Statistiken herhalten. Das ganze in einem Ton, als ob der Autor für jeden Erasmus-Studenten im Osten spricht (Ich finde meine Erfahrungen da jetzt nicht wirklich wieder). Und als ob es „da drüben“ überall gleich ist (Spoiler: EU-Osterweiterungsländer ist als Kategorie überholt). Ich weiß das ist ein Blog, aber trotzdem!

  4. Pię__ć__dziesięciogroszówka
    „die Wortmonster wie „pię_dziesięciogroszówka“ […] hervorgebracht haben“ – Richtiger wäre „pięćdziesięciogroszówka“. Auch wenn gesprochen das „ć“ in diesem Fall kaum zu hören ist.

    • Titel eingeben
      Ähm, mal ’nen funktionierenden Browser versucht? Dass der Buchstabe fehlt, ist ein Darstellungsproblem – hätte man sich bei den Sonderzeichen allerdings auch denken können, bevor man sich aufspielt. Wie hieß es hier: „Naja jeder wie er will ;)“

  5. Die heutige Jugend
    Tatsächlich interessant. In der DDR lernten alle spätestens von der 5. Klasse an Russisch bis zum Schulende. Heute gehört es zu den schwierigsten Sprachen?
    Und als wir es lernten, meinten meine Westberliner Freunde, das ist doch doof. Mußt Englisch lernen, dann kommst Du durch die Welt. Mit Deinem Russisch kannste nur nach Russland. Wenn ich heute nach Spanien, Griechenland oder sonst wohin komme, hilft mir mein Russisch besser als mein zugegebenermaßen schlechtes Englisch.
    So ändern sich die Zeiten. Ich war früher oft in Ungarn. Ich habe diese Sprache aber nur rudimentär aufgenommen. Da hat der Autor völlig recht, dass es schwierig ist.

    • AW: Die heutige Jugend
      Schon mal geprüft, auf welchem Niveau sich der DDR-Russischunterricht bewegte? Ich kenne nur wirklich wenige Ostler, die aus der Schule ein anwendbares Russisch mitgebracht haben.

  6. Titel eingeben
    Netter Artikel! :) Danke dafür.

  7. Europa
    Kompliment für den hervorragend geschriebenen und stellenweise sehr witzigen Artikel. Das ist ein Europa, das wegen seiner Selbstverständlichkeit und stillen Kühnheit viel zu wenig wahrgenommen wird. Erasmus ist eines des wichtigsten Gegenentwürfe zur Verzagtheit über den Zustand der EU, bitte lauter werden in der Meinungsbildung!

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