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Serienversteher: „Scandal“

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Die Serie „Scandal“ erzählt amerikanische Politik nahezu in Echtzeit und gaukelt dem Zuschauer dabei eine bessere Gesellschaft vor. Dann tritt Donald Trump auf und zeigt die Grenzen.

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scandal9© Screenshot, ABCDa war er noch Lobbyist und kein Präsidentschaftskandidat: In Staffel zwei begegnen sich der Trump-Verschnitt Hollis Doyle und Olivia Pope zum ersten Mal.

Angesichts der anstehenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten herrscht hierzulande oft schockiertes Unverständnis ob der Vorgänge auf der anderen Seite des Atlantiks. Wer begreifen will, wie sich die Bestimmer in Washington erzählen und inszenieren, sollte die ABC-Serie „Scandal“ anschauen. Diese springt scheinbar schwerelos zwischen Soap und Polit-Drama hin und her, adaptiert immer wieder, was die amerikanische Politik bewegt, und spielt gleichzeitig in einer Art parallelen Fantasy-Gesellschaft, in welcher der Kampf um Gleichheit zwischen Männern und Frauen, zwischen Schwarzen und Weißen ein paar Schritte weiter ist als in der amerikanischen Realität.

Zunächst einmal ist „Scandal“ kein Einzelfall im amerikanischen Fernsehen – andere Serien haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten immer wieder politisches Geschehen fiktionalisiert und massentauglich erzählt, angefangen mit „The West Wing“ um die Jahrtausendwende. Das deutlich idealistische Weltbild des „West Wing“-Erschaffers Aaron Sorkin prägte auch noch dessen spätere Schöpfung „The Newsroom“, während Serien wie „House of Cards“, „The Good Wife“ und eben „Scandal“ ein viel desillusionierteres Bild von der (fehlenden) Rechtschaffenheit der politischen Elite und ihrer Entourage entwerfen. Hier fällt es ungleich schwerer, die „Guten“ von den „Bösen“ zu unterscheiden, weil Opportunismus und Machtgier irgendwie überall walten. Selbst Olivia Pope, die Protagonistin in „Scandal“, die sich oft als Retterin der Schwachen inszeniert, deren Mitarbeite sich als „Gladiatoren in Anzügen“ stilisieren, ist letztlich getrieben von ihrem Streben nach politischer Macht, und ihr scheinbares Gutmenschentum wird immer wieder dekonstruiert und ironisch gebrochen.

Vorweggenommene Gesellschafts-Utopie

Bevor wir weiter in die Serien-Architektur von „Scandal“ einsteigen lohnt sich die Frage, warum Polit-Dramen ausgerechnet im amerikanischen Fernsehen so omnipräsent sind. In Europa stellt, neben der britischen Version von „House of Cards“, die dänische Serie „Borgen“ eine gloriose Einzelerscheinung dar, darüber hinaus werden politische Seilschaften televisuell nicht behandelt. In den Vereinigten Staaten hingegen sind die Politisierung der abendlichen Fernsehunterhaltung und die emotional aufgeladene Narrativisierung realer Politik eng miteinander verstrickt: Auf der einen Seite funktioniert der Wahlkampf viel stärker über persönliche Geschichten, die nach Empathie verlangen und die in ihrer Konstruktion oft wie Heldengeschichten funktionieren, in deren Zentrum Bewerber um politische Ämter scheinbar unüberwindbare Hindernisse bezwingen und sich entlang des Tellerwäscher-zum-Millionär-Mythos‘ als Verkörperungen des großen amerikanischen Traums inszenieren (wie unwahrscheinlich diese Geschichten rein rational betrachtet auch immer scheinen mögen). Auf der anderen Seite dringt das politische Tagesgeschehen viel stärker in fiktionale Darstellungen im Fernsehen ein, wird viel schamloser als Inspiration oder Basis für Handlungsstränge ausgeschöpft. Welches Phänomen zuerst da war, ist im Endeffekt die Frage nach dem Huhn und dem Ei, aber um ersteres zu verstehen, bietet sich ein Blick auf letzteres auf jeden Fall an.

HOThis photo provided by ABC shows, Kerry Washington as Olivia Pope, in the season finale of "Scandal," on the ABC Television Network. "Scandal" and "Mad Men" are among the leading contenders for the 67th Emmy Award nominations, to be announced 11:30 a.m. EDT Thursday, July 16, 2015, in West Hollywood, Calif. The Los Angeles ceremony will air Sept. 20 on Fox with host Andy Samberg. (Nicole Wilder/ABC via AP) |© dpaAuch die positive Heldin Olivia Pope (Kerry Washington) ist in der ABC-Serie „Scandal“ dem Machtstreben nicht abgeneigt

Anhand von „Scandal“, einer seit 2012 auf dem amerikanischen Sender ABC zur Primetime ausgestrahlten Serie mit Zuschauerzahlen zwischen sechs und zwölf Millionen, lässt sich besonders gut nachvollziehen, wie das Wechselspiel zwischen Fiktionalität und Realität funktioniert: Die Serienerschaffer um Shonda Rhimes (die unter anderem auch für „Grey’s Anatomy“ verantwortlich ist) verarbeiten auf der einen Seite immer wieder reale politische Ereignisse, auf der anderen Seite plazieren sie diese Ereignisse in einer fiktionalen Gesellschaft, die der realen im Hinblick auf Geschlechts- und Rassendynamiken einige Schritte voraus ist und somit ein fortschrittliche Alternative bietet, die potentiell das kulturelle Imaginäre der realen Gesellschaft beeinflussen kann.

Schon an der Hauptfigur Olivia Pope ist diese Dynamik gut abzulesen: Die Figur basiert auf einer realen Vorlage, Judy Smith, die in den 1990er Jahren als stellvertretende Pressesprecherin und im persönlichen Team von George Bush während dessen Zeit als Präsident gearbeitet hat. Smith selbst ist heute an der Entwicklung der Serie beteiligt und informiert „Scandal“ somit nicht nur indirekt als Vorlage für Olivia Pope, sondern auch unmittelbar im Produktionsprozess. Im Gegensatz zu Smith ist Olivia Pope allerdings nicht weiß, sondern schwarz, und somit die erste schwarze weibliche Hauptfigur im amerikanischen Fernsehen seit Jahrzehnten. Das wird allerdings über weite Teile der Serie nicht einmal kommentiert, sondern als selbstverständlich hingenommen. Olivia Pope ist innerhalb der fiktionalen Welt der Serie nie die „erste schwarze Frau“, die irgendetwas erreicht, was ihre Präsenz in elitären Machtzirkeln normalisiert, statt sie zur Ausnahmeerscheinung zu erheben.

Zwangsläufige Vereinfachung

In Verlauf der Serie finden immer wieder reale (gesellschafts-)politische Geschehnisse ihren Weg in zahlreiche Episoden: Direkt die ersten Folgen der Serie kreisen um den Fall von Amanda Tanner, die behauptet, eine Affäre mit dem Präsidenten gehabt zu haben und nun von ihm schwanger zu sein – die „Scandal“Version der Monica Lewinsky-Affäre (die oben erwähnte Olivia Pope-Vorlage Judy Smith war im Übrigen Monica Lewinskys Anwältin). In der zweiten Staffel tritt Arnie Hornbacher auf, ein NSA-Agent, der an die Öffentlichkeit bringt, wie die amerikanische Regierung ihre eigenen Bürger ausspioniert. Shonda Rhimes soll sich diesen Plot zwar schon überlegt haben, bevor Edward Snowden die Öffentlichkeit betrat, die Parallelen sind trotzdem (oder gerade deswegen) überaus frappierend.

scandal5© Screenshot, ABCWie eins Wendy Davies: Mellie Grant setzt sich per Filibuster für Abtreibungsrechte ein.

Die Episode „The Lawn Chair“ aus der vierten Staffel nahm sich dann doch einmal der Rassenproblematik explizit an und fiktionalisierte die realen Geschehnisse von Ferguson, wo 2014 Michael Brown, ein schwarzer Jugendlicher, von einem Polizisten erschossen wurde. In der Fernsehserie wird der Fall am Ende der Folge viel befriedigender gelöst, als das in der Realität jemals möglich wäre, was zugleich die Stärken und Schwächen solcher Adaptionen zeigt: Die Erzählstruktur der Serie verlangt nach einem Abschluss und vereinfacht so zwangsläufig eine kompliziertere Realität. Gleichzeitig bietet sie eine Version der amerikanischen Gesellschaft, die ein bisschen gerechter ist und bildet so das Verlangen nach Abbau von Rassenunterschieden kraftvoll ab.

Die fünfte Staffel verarbeitete in einer Episode eindrücklich den Kampf um Abtreibungsrechte: In einer fiktionalisierten Version des Filibusters der texanischen Senatorin Wendy Davis kämpft Mellie Grant (in Trennung lebende Frau des Präsidenten und eine der interessantesten Figuren der Serie, die sich von einer leidenden, betrogenen First Lady zu Präsidentschaftskandidatin entwickelt) um die Finanzierung von Verhütungskampagnen.

Wie unterhaltsam darf Politik sein?

Gleichzeitig mit Mellie Grant äußert auch eine weitere Figur Ambitionen auf die Präsidentschaft: Hollis Doyle, ein texanischer Lobbyist, der als Shonda Rhimes‘ „Antwort auf Donald Trump“ den aktuellen Wahlkampf „Scandal“tauglich macht. Hollis Doyle ist laut und populistisch, frauenfeindlich und rassistisch, verherrlicht Waffen (in einer Folge brät er Journalisten Bacon wie einst Ted Cruz, indem er ihn in Alufolie gewickelt um sein Schnellfeuergewehr wickelt) und schickt sich an, der neue große Bösewicht der Serie zu werden. Einer, über den man anfangs lacht, weil man nicht glaubt, dass tatsächlich jemand so idiotisch sein kann, ihn als ernsthaften Bewerber auf politische Ämter wahrzunehmen und der dann plötzlich in Umfragen das Rennen um die republikanische Präsidentschaftskandidatur anführt. Hört sich bekannt an, oder? Seit dem Finale der fünften Staffel im Mai diesen Jahres pausiert „Scandal“. Kommendes Frühjahr geht es mit der sechsten Staffel und der heißen Phase des fiktionalen Wahlkampfs weiter – Stoff genug gibt es ja.

scandal1© Screenshot, ABCEin Rezept von Ted Cruz: Hollis Doyle brät Bacon am Gewehrlauf.

„Scandal“ wird oft als Polit-Soap belächelt, aber damit wird man der Serie nicht gerecht: Die privaten, emotionalen Verstrickungen der Figuren spinnen ein Netz aus Intrigen, zwischenmenschlichem Chaos und persönlichen Abgründen, in das ernstzunehmende Kommentare und Verhandlungen politischen Geschehens geschickt eingewoben sind. Man mag die Adaption als platt empfinden, und „Scandal“ hat insgesamt sicherlich auch viele schwache Folgen, die sich zu sehr in den der Serie eigenen (und typisch amerikanischen) Verschwörungstheorien verheddern, aber es gelingt Shonda Rhimes doch immer wieder, auf massentaugliche Art das politische Geschehen greifbar zu machen, ohne an Unterhaltungswert einzubüßen. Ob das wiederum eine gute Sache ist, darüber lässt sich in Hinblick auf den momentanen Präsidentschaftswahlkampf streiten.

Denn Hollis Doyle zum Beispiel, die „Scandal“Version von Donald Trump, ist in seiner Absurdität extrem unterhaltsam und ein wirksamer Katalysator für die Serie. Die Ähnlichkeit zwischen Doyle und Trump, zwischen fiktionaler Serie und realer Politik, führt nun dazu, dass sein Handeln, das in der Serie als unterhaltsam (und somit positiv konnotiert) empfunden wird, in der Realität immer noch als amüsant wahrgenommen und verharmlost wird, weil es der fiktionalen Narrativisierung so ähnlich ist, dass die gefährlichen und ernstzunehmenden Folgen in der Realität vergessen werden.

Der Unterhaltungswert von Politikern ist in den Vereinigten Staaten sicherlich entscheidender für ihren Erfolg als etwa in Deutschland, und daran haben Polit-Serien ihren Anteil. „Scandal“, mit dem Zwang, Konflikte narrativ aufzulösen, dem jede Serie ein Stück weit unterliegt, bietet außerdem oft Lösungen, die in ihrer Einfachheit und Klarheit in der komplexen Realität so nicht existieren. Stünde das fiktionale Amerika der Serie kurz davor, Hollis Doyle zum Präsidenten zu machen, könnte sich der Zuschauer darauf verlassen, dass im letzten Moment Olivia Pope und ihre Gladiatoren in Anzügen um die Ecke gerannt kämen und mit einem Manöver (wie waghalsig, unwahrscheinlich und konstruiert es auch immer wäre) das Desaster doch noch abzuwenden.

3

6 Lesermeinungen

  1. Die USA verlieren immer mehr ihrer Bürger
    wenn man Bürger dadurch definiert, daß sie wenigstens nach dem Sportteil noch einen Blick auf die Politikseiten ihrer Zeitung werfen. Da schaffen Politserien mit punktuellen Referenzen an die Realität eine Illusion politischer Informiertheit. Der Dramaturgie gehorchend gleicht dieses Bild üblicherweise dem aus einem Zerrspiegel.

  2. Früher war alles besser?! NICHT!
    Aber Regionalteile zwischen 18.00 und 20.00 Uhr haben im Gegensatz zu den heutigen 24Stunden-Dritten-Programmen total Sinn gemacht. Ausser dem Lob für die jeweils amtierende Regierung gibt es dort überwiegend Wiederholungen von Wiederholungen von Wiederholungen … Es ist Geldverschwendung.

  3. Ich war ganz angetan von ... (Achtung: kleiner Spoiler)
    … der 1. Staffel und den meisten Episoden der 2. Staffel. Die Serie hatte bis dahin Tempo, gute Dialoge und einen tollen „Spin“. Dann aber wurde die immer abstruser, immer verschwörerischer und machten auch logisch keinen Sinn mehr. In der 3. Episode kam das in voller „Schönheit“ zum Tragen, und das Anschauen wurde fast zu Qual. Da half dann auch das blendende Aussehen (und die tolle Kleidung) der Hauptdarstellerin nicht mehr. Ich war erleichert, als die Protagonistin mitsamt „Gspusi“ im Privatjet in den Sonnenuntergang flog. Auf den Kauf der Staffeln 4 ff. habe ich folgerichtig verzichtet.

  4. In der Tat...
    ist es schade das unseren kleinen ÖR TV Anstalten etwas wie „Borgen“ nicht erschaffen können. Dazu braucht es halt die gigantischen Mittel des riesigen Dänischen Rundfunkes…

    • Titel eingeben
      Vielleicht vielvielvielviel weniger Masse und dafür mehr Klasse fürs Geld?!

    • Die BBC macht mit der Hälfte ...
      … des deutschen ÖRR-Budgets auch ein deutlich besseres Programm. In UK sind aber auch – anders als in Deutschland – nicht die ersten 20 Positionen mit teilweise überflüssigen ÖRR-Programmen belegt.

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