Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studenten und Sexualität: Breitet sich die Treue aus?

Neue Erkenntnisse über die Sexualität von Studierenden zeigen: Zwar sind die Freiräume gewachsen, der Druck, „sexuell kompetent und erfolgreich zu handeln“ aber auch.

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Die Liberalisierung im Umgang mit Sexualität in Deutschland, eine Folge der sogenannten sexuellen Revolution der späten sechziger Jahre, hat inzwischen zumindest in studentischen Milieus zu einer neuen Norm geführt: Aus einem „du darfst“ ist ein „du sollst“ geworden, wie Sexualwissenschaftler der Universitätklinik Hamburg feststellen. Während Verbote an Einfluss verloren hätten und individuelle Freiräume gewachsen seien, laste heute auf beiden Geschlechtern der Druck, „sexuell kompetent und erfolgreich zu handeln“. Für eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung aus dem vergangenen Jahr haben die Forscher rund um die Soziologin Silja Matthiesen die Ergebnisse einer quantitativen Erhebung mit umfangreichen qualitativen Befragungen von Studierenden verknüpft.

Die digitale sexuelle Revolution wirkt sich den Daten zufolge hingegen kaum auf das Beziehungsverhalten der angehenden Akademiker aus. Auch die erste Generation, die im Rahmen ihrer sexuellen Sozialisation mit Internetpornographie konfrontiert worden ist, lebt laut Studie mehrheitlich in monogamen Beziehungen, die Bedeutung von Treue und Dauerhaftigkeit habe eher noch zugenommen. Auch zum Sex kommt es – ähnlich wie in vorangegangenen Jahrzehnten auch – vor allem in festen Partnerschaften: „Der meiste Sex, den Studierende haben, ist Beziehungssex.“ Das ändert nichts daran, dass unverbindlicher Sex – vom klassischen One-Night-Stand bis zu den sogenannten friends with benefits – mehrheitlich positiv als Freiraum erlebt wird, in dem man sich ausprobieren kann. Mehr als die Hälfte der jungen Männer und Frauen machen während des Studiums damit Erfahrungen. Die gesellschaftliche Bewertung sexueller Kompetenz wird hingegen als Doppelstandard wahrgenommen: Was Männern erlaubt sei, so die Befragten, berge für Frauen das Risiko, als „Schlampe“ abqualifiziert zu werden.

Wirklichen Leidensdruck haben die wenigsten

Geschlechterunterschiede prägen erwartungsgemäß auch die Nutzung von Pornographie: Während vier von fünf männlichen Studenten in den vier Wochen vor der Befragung Pornos konsumiert hatten, war es bei den Frauen nicht einmal jede vierte. Verglichen mit Jugendlichen jedoch liegt der Anteil der Nutzerinnen deutlich höher. Hinweise auf Pornosucht fanden die Forscher unter den Befragten keine. Während Männer ihren Pornokonsum mitunter trotzdem problematisieren und in der Partnerschaft ungern zum Thema machen, schreiben die Forscher: „Studentinnen gehen selbstverständlich damit um, dass Pornografiekonsum zur männlichen Solosexualität gehört“. Überhaupt hat sich der Studie zufolge die gesellschaftliche Bewertung der neuerdings Solosexualität genannten Selbstbefriedigung verschoben. Die Wissenschaftler sprechen von einem entdramatisierten und entspannten Umgang mit einer legitimen, eigenständigen Form der Sexualität, wobei es auch hier Geschlechterunterschiede gibt: Männer haben weitaus häufiger Sex mit sich selbst als Frauen.

Überrascht waren die Forscher, dass knapp die Hälfte der Befragten sexuelle Schwierigkeiten bei sich ausmacht. Während Frauen über Probleme mit dem Orgasmus klagen und über mangelnde Lust, denken Männer, sie kämen zu schnell zum Orgasmus und wollten häufiger Sex als ihre Partnerin. Wirklichen Leidensdruck haben allerdings die wenigsten. Die Autoren folgern, gewisse Schwierigkeiten würden offenbar als normal betrachtet: „Alltagssex in festen Beziehungen ist nicht immer toll.“

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