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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studentisches Wohnen: Lernen vom Mittelalter?

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Schon in der Frühzeit der Universitäten wurde über schlechtes Mensaessen und zu kleine Studentenzimmer in Wohnheimen geklagt. Vieles war aber auch komplett anders als heute – war manches sogar besser?

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Kommt der Idee des studentischen Wohnens im Mittelalter recht nahe: Hogwarts

Die Berichte über Studenten, die verzweifelt nach Wohnraum suchen, nehmen zu. Städte wie München und Frankfurt sind Spitzenreiter bei dieser Mangelware. Im Mittelalter hingegen gehörte Erfurt zu den teuersten Universitätsstädten und Wien zu den Metropolen mit vergleichsweise günstigen Lebenshaltungskosten für Studenten. Können wir vom Mittelalter lernen?

Die Mehrheit der Studenten im Mittelalter hatte mit den heutigen zunächst nicht viel gemeinsam. Die meisten waren zwischen zehn und zwölf Jahren alt, männlich, und ihr „Studium“ ließe sich wohl am ehesten mit dem Besuch eines heutigen Gymnasiums vergleichen. Studieren war auch im Mittelalter nicht nur Sache der Sprösslinge wohlhabender Familien. Zum Studium zugelassen waren prinzipiell alle, die es sich irgendwie leisten konnten und eine Reihe von Voraussetzungen erfüllten – so musste man des Schreibens und der lateinischen Sprache mächtig sein.

Die Wohnsituation war sehr übersichtlich. Studenten im Mittelalter lebten meist in einer von zwei Einrichtungen: der Burse oder dem Kollegium. Eine Sonderform des gemeinsamen Wohnens, die „Kodrei“, gab es in Wien. Nur eine Minderheit der Studenten lebte – meist als Diener – in privaten Haushalten, sozusagen zur Untermiete, und unterlief damit das Gebot des universitären „Anschlusszwangs“, auch „Bursenzwang“ genannt.

Kein Frauenbesuch – Gespräche nur auf Latein

In ihrer Anfangszeit waren die Bursen schlichte Wohngemeinschaften, später kamen regelmäßige Unterrichtseinheiten dazu. Dem Prinzip nach lebte eine Gruppe von Studenten unter einem Dach zusammen und verwaltete eine gemeinsame Kasse. Jeder „Bursale“ hatte wöchentlich die „bursa“ (lateinisch für „Beutel, Börse“) zu entrichten, sprich: seinen Beitrag für Kost und Logis zu leisten. Die Bursen befanden sich in aller Regel auf dem Gelände der Universität, nicht zuletzt deshalb, weil sich die Hochschule um Aufsicht über die Wohngemeinschaften bemühte. Die Leitung einer Burse oblag einem Magister, der auch in der Lage sein musste, die jüngeren Studenten zu unterrichten. Im Zentrum befanden sich die Räume, in denen gemeinschaftlich gegessen und studiert wurde, daran angeschlossen waren die Schlafzimmer der Bursalen. In der Burse des Kollegiums „Zur Himmelspforte“ in Erfurt wohnten im Jahr 1451 zum Beispiel zwölf Studenten in einem von zwanzig Zimmern.

In der Georgenburse in Erfurt soll Martin Luther 1501 als Student Quartier bezogen haben.

Jede Burse hatte eine Hausordnung, um deren Wahrung und Kontrolle sich alle Mitglieder gleichermaßen zu kümmern hatten. Das Zusammenleben glich in einigen Punkten demjenigen in Klöstern. Gemeinsame Essenszeiten waren ebenso geregelt wie Zusammenkünfte zum Gebet oder zur Messe. Im deutschen Sprachraum verbreitet war auch das Verbot, Deutsch zu sprechen – die angehenden Gelehrten durften nur auf Latein kommunizieren. Frauenbesuch war ebenso verboten wie der Besuch von Gast- oder Freudenhäusern. Eine Übertretung der Regeln wurde zum Beispiel mit Fleischentzug oder einer Geldbuße geahndet.

Auch die „Deposition“, ein Aufnahmeritual, war für viele Studenten eine feste Einrichtung im Mittelalter, oft als Initiationsritus an der Universität, der zum Beispiel in den Statuten der Universität Erfurt von 1447 erwähnt wird. Teil einer Deposition konnten körperliche oder mentale Torturen sowie das Erledigen niederer Tätigkeiten während der Aufnahmefrist sein. An amerikanischen Universitäten leben diese Rituale teilweise heute noch fort. Und eine weitere Gemeinsamkeit zu den heutigen Studierenden lässt sich finden – schon im Mittelalter klagten die Bursalen über das schlechte Essen in einigen Unterkünften.

© ArchivDepositions-Rituale wie das Abschleifen der Hörner, Holzschnitt aus dem 16. Jahrhundert

Besser als die Scholaren (lateinisch für „Student“), die in einer Burse unterkamen, hatten es die Angehörigen eines Kollegiums. Obwohl Bursen und Kollegien nicht scharf voneinander zu trennen sind, kann man die Kollegien als Unterkünfte der wenigen privilegierteren Studenten bezeichnen. Ein Kollegium war eine von der Stadt, der Kirche, der Universität oder einem Stiftungsträger eingerichtete Unterkunft, in der die Studenten nicht für Kost, Logis und Unterricht zu zahlen hatten. Im Gegenteil, sie erhielten ein Stipendium oder sogar Gehalt, weshalb man sie auch als Frühform des Lehrstuhls der philosophischen Fakultät betrachten kann. Im Gegenzug zu diesem Luxus mussten sich die Bewohner an strengere Regeln als die Bursalen halten. In Stiftungskollegien war es nicht unüblich, dass die Kollegiaten für das Seelenheil der Stifter Messen abhielten und für sie beteten.

Anonymität und gemeinsames Wohnen

Das Studium im Mittelalter war – ähnlich wie heute – nicht günstig. Neben der privilegierten Minderheit gab es eine weitere Minderheit von Studenten: die pauperes (lat. für „Arme“). Um auch diesen das Studium zu ermöglichen, gab es in Wien sogenannte Kodreien – nach dem mittelhochdeutschen Wort „kote“, was so viel wie „ärmliche Hütte“ bedeutet. Dies waren Unterkünfte mit weniger Leistungen und „Komfort“ als ihn die Bursen boten, dafür waren sie kostengünstiger. Die Studenten, die in Kodreien lebten, verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Betteln. Einmal wöchentlich wurde die sogenannte „Kurrende“ gesammelt, eine Geldspende von Haushalten, die sich als Geldgeber gemeldet hatten. Die Studenten zogen dafür von Haus zu Haus und sangen, bevor sie ihre Spende erhielten. Aufsicht hatte hier ein „Konventor“. Die Vorschriften in einer Kodrei waren aber wohl weniger streng als in den Bursen, ein Grund, weshalb auch betuchtere Studenten die Kodrei gelegentlich einer Burse vorzogen.

© Archiv der Universität WienMusizierende Scholaren in Wien, Druck von 1489

Und heute? Heute leben laut der 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks für 2016 nur noch 30 Prozent der Studierenden in einer Wohngemeinschaft und nur 12 Prozent in Wohnheimen. Dagegen wohnen noch 20 Prozent bei ihren Eltern, 21 Prozent gemeinsam mit ihrem Partner und 17 Prozent allein in einer eigenen Wohnung. Trotz der hohen Mietpreise ist eine günstige Miete nur der viertwichtigste Grund für Studenten, eine Unterkunft zu wählen; wichtiger sind die Wohnraumgröße, eine gute Verkehrsanbindung und die Nähe zur Hochschule.

Letzteres war auch Beatrice wichtig. Sie studiert Bauingenieurwesen an der Technischen Universität in Darmstadt. „Ich wollte in der gleichen Stadt wohnen, in der ich studiere – einerseits, damit ich nicht jeden Tag pendeln muss und mich auf mein Studium konzentrieren kann und andererseits, damit ich jederzeit spontan etwas mit meinen Kommilitonen unternehmen kann. Es hat für mich zu den Vorstellungen vom Studentenleben gehört, nicht mehr zu Hause zu wohnen, sondern auf eigenen Beinen zu stehen und während des Studiums eine gewisse Eigenständigkeit zu entwickeln.“ Das von ihr gezeichnete Bild des flügge gewordenen Studenten, der aus dem Elternhaus in die Stadt zieht, um zu studieren, ist gängig und zugleich noch ein Überbleibsel aus dem Mittelalter. Andererseits wohnt heute noch ein Fünftel der Studenten zu Hause. Für Beatrice war von Anfang an klar, dass sie in eine WG ziehen will: „Als Studienanfänger bietet sich eine WG an, weil sie wesentlich günstiger ist als eine eigene Wohnung und man sich durch die Mitbewohner nicht ganz so allein in der neuen Stadt fühlt.“

© Picture-AllianceBlick auf den Klingelkasten eines Kölner Studentenwohnheims

Von einem gemeinschaftlichen Leben, so wie es in den mittelalterlichen Bursen geregelt war, können heutige Studenten aber nur bedingt berichten. „Die Anfangszeit im Wohnheim war eine sehr schöne und intensive Zeit, weil jeder sich im Wohnheim kennenlernen und Kontakte knüpfen wollte“, erzählt Nadine, die Friedens- und Konfliktforschung in Marburg studiert. „Der Vorteil war, dass man dort ein eigenes Apartment und eine eigene Küche hatte. Anfangs gab es auch noch eine gute Gemeinschaft innerhalb des Wohnheims. Es war also eine schöne Kombination aus Gemeinschaft und Ruhe. Mit der Zeit hat sich die Dynamik im Wohnheim allerdings geändert und alles wurde anonymer, bis man irgendwann die Leute kaum mehr kannte, die im Wohnheim gewohnt haben.“

Diese Anonymität sei ein Nachteil gegenüber der WG, findet Nadine. Beatrice dagegen meint, es hänge viel an den Mitbewohnern. „Ich bin während meines Studiums umgezogen, weil ich mich in meiner alten WG überhaupt nicht mehr wohlgefühlt habe. Ich hatte mit meinen Mitbewohnern kaum etwas zu tun und wir haben es nicht geschafft, unseren Putzplan umzusetzen. Ständig war es dreckig, es stand ungespültes Geschirr herum und jeder war nur in seinem eigenen Zimmer.“ Die Überlegung, in eine eigene Wohnung zu ziehen, musste sie jedoch wegen der hohen Mietpreise schnell wieder verwerfen. Als sie sich damals für diese WG entschied, war sie froh, überhaupt eine Unterkunft gefunden zu haben. „Mittlerweile würde ich aber auch mehr auf andere Dinge achten, beispielsweise auf meine zukünftigen Mitbewohner und den Sauberkeitsgrad in der WG. In meiner jetzigen WG sind wir alle miteinander befreundet, unser Putzplan wird konsequent umgesetzt und wir haben sogar eine Geschirrspülmaschine!“

Wohnen als Luxus

Die Scholaren des Mittelalters machten die Wahl ihrer Burse von anderen Faktoren abhängig. In seiner Aufsatzsammlung „Studenten und Gelehrte: Studien zur Sozial- und Kulturgeschichte deutscher Universitäten im Mittelalter“ untersucht Rainer Christoph Schwinges anhand der allgemeinen Matrikel und Dekanatsbücher mögliche Gründe für die Auswahl bestimmter Bursen. Auf der einen Seite habe die „räumliche Nähe“ eine große Rolle gespielt, sprich: Studenten suchten sich eine Burse aus, in der sie Kommilitonen derselben Herkunftsregion antrafen. Da viele Studenten ohnehin in Kleingruppen reisten, verblieb man auch in der Burse in diesen Kleingruppen. War eine räumliche Nähe nicht gegeben, zog man die „soziale Nähe“ vor, man suchte sich also Standesgenossen, so Schwinges. Auch das Renommee der Universität und der Lehrer spielte eine Rolle, aber eine eher kleine. Da war eine „soziale Anziehungskraft“ schon wichtiger: Immerhin hatten die Studenten zu bedenken, dass sie mit den Magistern in einer familia zusammenleben würden.

Arbeiten wie das Geschirrspülen konnten unterdessen im Mittelalter und der Frühen Neuzeit zu den Aufgaben vor allem jener Studenten gehören, die nicht so gut betucht waren. Bartholomäus Sastrow, der von 1520 bis 1603 lebte, schildert in seiner Autobiographie die Schwierigkeiten seiner Eltern, sein Studium nach zwei Jahren auch weiterhin zu bezahlen. „Auf keinen Fall wollte ich mich vom Studieren abbringen lassen. Daher klagte ich meinen Lehrern meine Sorgen. Und diese erließen mir, was ich und die anderen ihnen für den Unterricht zu zahlen hatten. Sie erreichten auch beim Wirt, daß ich ihm jährlich nur acht Gulden (früher 16 Gulden) für das Essen zu geben brauchte. Dafür mußte ich aber den Tisch decken Speise und Trank auftragen und beim Essen bedienen sowie seinen Sohn […] beaufsichtigen, seine Bücher in Ordnung halten, seine Schuhe putzen, ihn an- und ausziehen usw. […] Da ich zwei Jahre mit den anderen, meinen Kommilitonen, am Tisch gesessen hatte, mir auftragen liess und auch ich sonst bedient wurde, fiel mir das anfangs recht schwer.“

Wohnen und Studieren waren also noch wesentlich enger miteinander verknüpft, als es heute der Fall ist. Ähnlichkeiten findet man noch im amerikanischen und besonders im englischen Universitätsalltag. Eines ist jedoch auch in Deutschland gleich geblieben: Wohnen als  Luxus, ein Luxus, den meistens die Eltern der Studierenden zu zahlen haben. Nadine erzählt: „Auch Studentenwohnheime werden teils zu horrenden Preisen neu aufgemacht, die sich kein durchschnittlicher Student leisten kann. Um Studierenden bezahlbaren Wohnraum bieten zu können, halte ich es für wichtig, dass auch mehr Studentenwohnheime mit günstiger Miete geschaffen werden.“ Ein Rückschritt ins Mittelalter wäre in diesem Fall gar nicht so schlecht.

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Literatur:

Rainer Christoph Schwinges: „Studenten und Gelehrte. Studien zur Sozial- und Kulturgeschichte deutscher Universitäten im Mittelalter“. Leiden 2008.

Bartholomäus Sastrow: „Herkommen, Geburt und Lauff seines gantzen Lebens, auch was sich in dem Denckwerdiges zugetragen, so er mehrentheils selbst gesehen und gegenwärtig mit angehöret hat, von ihm selbst geschrieben“. Hrsg. von G. C. F. Mohnike. 3 Bände, Greifswald 1823. Hier zitiert nach: Ritter, Bürger und Scholaren. Aus den Stadtchroniken und Autobiographien des 13. Bis 16. Jahrhunderts. Hg. von Hans Joachim Gernentz. Berlin 1980, S. 306f.

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1 Lesermeinung

  1. Korporationshäuser
    Ein schöner und informativer Artikel. Leider verweist die Autorin nur auf die amerikanischen und englischen Formen des Zusammenlebens und dies auch, ohne die amerikanischen Korporationen „Fraternities“ zu nennen.
    Auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich diese mittelalterlichen Traditionen zum Teil bewahrt, da ein Großteil der Studentenverbindungen Häuser oder Wohnungen besitzen, in denen die studierenden Mitglieder zusammen wohnen, sich auch akademisch austauschen und gewisse Aufnahmerituale zu erfüllen haben. Diese beinhalten im Gegensatz zu den in die Schlagzeilen geratenen US-amerikanischen Ritualen allerdings keine niederen Tätigkeiten.
    Die Kontrolle der Mitglieder und der Hausordnung, also die Regulierung des Zusammenlebens, wird in allen Studentenverbindungen durch die Konvente geregelt, in der alle Mitglieder gleichberechtigt sind. Diese demokratische Form des Zusammenlebens war historisch gesehen auch eine wesentliche Keimzelle der modernen Demokratie im deutschen Sprachraum.

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