Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Studieren ist schwer, abbrechen noch mehr

| 29 Lesermeinungen

An diesem Donnerstag stellt die Bundesbildungsministerin eine Studie über Uni-Abbrecher vor. Hier schildert eine frühere Studentin, wie es ist, wenn man feststellt, die falsche Wahl getroffen zu haben.

***

Abbrechen, aufgeben, versagen. In vielen Situationen des Lebens können diese unerfreulichen Zustände eintreten. Doch ist es wirklich eine Schande zu merken, dass man mit seinem gewähltem Studienfach falsch gelegen hat? Dass man als unwissender Abiturient eine Entscheidung getroffen hat, die zu übereilt war? Sich einzugestehen, dass man sich in seinen Vorstellungen getäuscht hat?

Nach dem Abitur wird jährlich eine riesige Schar von Schülern aus der Schulpflicht entlassen. Plötzlich frei. Es wird gefeiert, geschlafen und genossen. Die ersten Schritte sind gemacht. Aber nur einige wenige, die sich schon in der Grundschule als Ärztin in spe gesehen hatten, besitzen einen genauen Plan, wie sie ihr weiteres freies Leben gestalten wollen. Die meisten fühlen sich nach der Schule nicht wirklich vorbereitet und haben keine Ahnung, welcher weitere Weg sich am besten für sie eignet. Viele versuchen im Ausland neue Erfahrungen zu machen und hoffen auf Inspiration und einen Wegweiser, der ihnen sagt, wohin es gehen soll. Aber die vielen Möglichkeiten die es heutzutage gibt, erschlagen einen. Es ist so unendlich schwierig herauszufinden, mit welcher Weiterbildung man sich die beste, passendste Grundlage fürs eigene Leben schafft. Obwohl man in der Schule schon einige Berufsberatungen und Zukunftstests hinter sich gebracht hat, kann man mit den Ergebnissen selten etwas anfangen.

Genau in dieser Situation befand ich mich Ende des letzten Jahres. Eine Überlegung für mich war, einfach mal ein Studium anzufangen – vielleicht hat man ja Glück und es ist wie geschaffen für einen. Ich entschied mich für ein Studienfach, einen Studienort, suchte eine Wohnung und erledigte den ganzen Papierkram. Alles Dinge, die anstrengend sind, aber wenn erst einmal alles erledigt ist und man sich in der neuen Umgebung wohlfühlt, ist die Freude groß. Neue Freunde finden, die Stadt erkunden, das ganze Drumherum des Studentenlebens vollends auskosten. Jetzt musste nur noch das Studienfach passen.

Doch leider kam es anders. In den täglichen Vorlesungen und Tutorien merkte ich, dass die Themen nur spärlich bis gar nicht mein Interesse weckten. Die Vorlesungen besuchte ich irgendwann nur noch selten, Pflichtveranstaltungen brachte ich schlechtgelaunt hinter mich. Spätestens bei den Klausuren, wenn man sich mit dem Stoff gezwungenermaßen auseinandersetzten muss, entscheidet sich, ob man sich durchkämpfen will oder nicht. Wobei: Dass ein Studium von vorne bis hinten Spaß macht, ist natürlich eine Wunschvorstellung. Dass man sich durch Fächer und Kurse auch mal hindurchquälen muss, ist ganz normal und auch machbar, solange es andere Studienbausteine gibt, die einem das Herz erfüllen. Wenn das allerdings nicht der Fall ist, ist es schwer, ein dreijähriges Studium zu bewältigen, und natürlich stellt sich die Frage, ob das überhaupt Sinn macht.

Ein Studium ist ja eigentlich dazu da, einen Menschen mit seinen speziellen Interessen weiterzubringen, man wird darauf vorbereitet und ausgebildet, mit dem entsprechendem  Abschluss Nützliches zu erreichen und sich den Beruf zu ergattern, der einem Spaß macht. Laut einer Studie des „Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung“  bricht aber fast ein Drittel der Bachelor-Studenten ihr Studium frühzeitig ab. Ist ein Studium heute also zunächst vor allem ein Experiment? Ist der Druck heutzutage nicht mehr so hoch, bei dem zu bleiben, was man angefangen hat? Die hohe Zahl der Studienabbrecher zeigt auf jeden Fall, dass man nicht mehr so festgefahren ist wie früher. Das allgemeine Umfeld hat offenbar keinen so abwertenden Blick mehr auf einen Studiengangwechsel oder einen Abbruch. Des Öfteren bekommt man sogar Lob für die mutige Entscheidung, sich eingestanden zu haben, dass man sich geirrt hat. Und ja, es fühlt sich mutig an!

Natürlich kann man immer noch denken, dass „Abbrecher“ nur aus Bequemlichkeit handeln. Doch ihnen ist durchaus klar: die Zeit nach dem Abbruch ist mit sehr viel mehr Aufwand verbunden, als einfach weiterzustudieren. Man muss sich jetzt wieder den Kopf darüber zerbrechen, was man als nächstes anfangen will, und der innere Druck ist sogar um einiges höher, denn nochmal danebenliegen will man natürlich nicht. Im Grunde durchläuft man das gleiche Prozedere wie vor Beginn des Studiums noch einmal. Es ist also durchaus keine einfache Entscheidung abzubrechen.

Und dann sind da die inneren Konflikte. Dass man in den Dingen gut ist, die einem Spaß machen, ist ja bekannt. Nur weiß man viel zu oft gar nicht, was einem wirklich Spaß macht. Deshalb kann man die Sache auch so sehen: Ein angefangenes Studium kann einem helfen, genauer herauszufinden, worin man gut sein könnte – was einem Spaß macht. Auch wenn es nicht beim ersten Versuch klappt, ist es keine verschwendete Zeit, denn man lernt sehr viel dabei, zum Beispiel wird man schneller selbständig.

Aber es ist auch so: Studieren ist nicht für jedermann etwas, auch eine Ausbildung ist mittlerweile eine angesehene Alternative. Von Anfang an etwas Geld zu verdienen und allgemein mehr Praxisbezug zu haben, ist durchaus attraktiv, und die Chancen, danach einen guten Beruf zu finden, keinesfalls klein. Vielleicht ist einem aber auch während des kurzen Studiums eine brennende Idee gekommen und man ist jetzt bereit, ein Start-Up zu gründen, mit dem man womöglich noch groß rauskommt. Die Alternativen heutzutage sind schier unendlich, und man kann fast mit jeder etwas erreichen.

Viele Dinge im Leben, sage ich mir, brauchen mehrere Anläufe, damit sie sich zum Besten wenden. Warum sollte das mit dem Studium anders sein? Zumal es eine überdurchschnittlich wichtige und schwere Entscheidung ist. Das Leben ist lang und Abiturienten sind jung, man darf sich also nicht zu viel Druck aufbauen, keine Zeit zu verlieren.

Ich jedenfalls habe mein Studium nach dem ersten Semester beendet. Im Nachhinein habe ich nicht bereut, es probiert zu haben. Nach einer kurzen Phase der Ratlosigkeit hatte ich ein so genanntes „Perspektiven Coaching“. Es hat sehr gut getan, mit jemanden zu reden, der einen nicht persönlich kennt und darauf spezialisiert ist, genau mit dieser vorhanden Ratlosigkeit umzugehen. Das alles hat mir gezeigt, dass man einfach nicht verzweifeln darf, sondern den Mut haben muss, weiter zu suchen. Ich bin gespannt, welchen Umweg ich als nächstes gehe.

Und wer weiß schon, ob er nach seinem fertigen Jurastudium nicht doch eine Kaffeerösterei übernimmt?

***

Hier geht es zu einem Blog-Artikel über „Studienzweifler“

10

29 Lesermeinungen

  1. Titel eingeben
    Da die Diskussion sich deutlich in Richtung Studienwahl entwickelt würde ich mich gerne beteiligen.
    Mir fällt die Studienwahö sehr schwer und das, obwohl ich mich durchaus als intelligent und „reif“ – ich habe mich mit dem Thema intensiv auseinander gesetzt – bezeichnen würde. Trotzdem habe das Gefühl, dass es für die Schüler/innen, die sich informieren schwerer ist sich für einen Stidiengang zu entscheiden. Manche aus meinem Bekanntenkreis treffen die Entscheidung relativ einfach: sie studieren die beiden Fächer, die sie in der Schule gut könnten.
    – Funktioniert nicht, wenn man überall 13P hatte.
    Studier‘ das, was dir Spaß macht: leicht gesagt!
    – Und was wenn man sich an dem einen Tag brennend für Theoretische Physik interessiert und sich stundenlang mit dem Thema auseinander setzt und zwei Tage später dich liebe Bioinformatikerin werden will?!

    Ich bin dankbar für die Flut an Informationen zu Berufen und Studien – niemand kann behaupten er habe nicht die Möglichkeit gehabt sich zu informieren – aber bei meiner Entscheidung hat es mir bisher leider kaum geholfen. Im Gegenteil ich habe so viele spannende Schnittfelder gefunden, dass ich nur immer mehr Möglichkeiten sehe ( was nichts schlechtes ist)!

    Ich denke mir würde es helfen, wenn wir bereits in der Schule bessere Einblicke in die späteren Problematiken der Studienfächer bekämen, statt zu hören das könnt ihr noch nicht, das macht ihr später im Studium… da bleibt einem dann teilweise wirklich nichts anderes übrig, als sich in den ersten Semester mal „durch zu studieren“. (Leider gestallter es sich für nicht schwierig einfach Nachmittags Vorlesungen zu besuchen, denn die nächste Uni ist ca 50km weit weg und ich verfüge weder über ein eigenes Auto, noch bin ich zZ volljährig. Hätte ich die Möglichkeit würde ich sie auf jeden Fall wahrnehmen!)

  2. Immernoch braucht man vor Allem Geld im Studium
    Viele werden auch mangels Geld gezwungen das Studium abzubrechen. Nebenbei arbeiten ist das, was einem in vielen Fächern das Rückgrat bricht. Wenn man nicht zu den wenigen mit Stipendium oder reichen Eltern zählt, hat man kaum noch eine Chance anspruchsvolle Fächer zu studieren. Wie Naturwissenschaften. Die Zeit fehlt halt dann auch zum Lernen. Da man um sich ein Vollzeitstudium leisten zu können auch fast Vollzeit arbeiten muss. Hiwi Stellen gibt es halt auch erst in den Höheren Semestern.
    Und Bafög zu bekommen ist leider heutzutage fast unmöglich. Ich sagemal so, wer unkooperative Eltern hat, oder seine Eltern nie kennengelernt hat, oder die verschwunden sind. Oder aber die Eltern haben kaum genug Geld sich selbst zu ernähren, trotzdem passt das dem BAföG Amt nicht.

    Ich musste mein Studium in der Informatik damals auch nach dem vierten Semester abbrechen, weil es einfach nicht machbar war, wenn man 40-60h die Woche arbeiten muss für einen Hungerlohn. Stundenlohn von 2€ reicht nicht zum Leben. BAföG gibt es halt nicht, wenn man keine Unterschrift der Eltern bekommt, egal aus welchen Gründen.

    Und nach einem Abbruch in der heutigen Welt was Neues zu finden ist extrem schwer. Denn welche Firma nimmt heute noch Auszubildende, die schon etwas älter sind und einen Studienabbruch hinter sich haben. Die meisten bevorzugen die Leute, die direkt aus der Schule kommen.

    • Studienfinanzierung
      Im Studium gibt es immer die Möglichkeit 2Urlaubssemester zu beantragen. Zusätzlich kann man in den Urlaubssemestern in einem Gremium mitagieren und Gremiensemester nach 2semester lustiger& produktiver Gremientätigkeit+Aufwandsentschädigung beantragen. Als Angabe für das Urlaubssemestern reicht finanzielle, exidtenzielle Not meistens & in dem Urlaubssemester kann man Prüfungen schreiben. Man kann also ein Jahr lang auf 1400€ Basis bei Amazon monatlich arbeiten und hat nach 1Jahr ein finanzielles Polster. Oder man sucht sich eine Arbeit, die auf das Studium geschnitten ist & sammelt dadurch Berufserfahrung.
      Zusätzlich sind Aufenthalte im Ausland möglich durch Auslandssemester, wo viele Leute Chancen auf Auslandsbafög bekommen & somit durch dessen Regelung Flugkosten & Semestergebühren erstattet bekommt.
      Desweiteren kann ein Studienkreis aufgenommen werden.

      Selbst soziale Isolation kann durch psychotherapeutische Einrichtung, mitwirken in Gruppen& Gremien, Eltern, Freunde, Kirchengemeinden, Couchsurfing oder sonstiges finden.
      Die Möglichkeiten ein Studium zu absolvieren sind heute unglaublich vielseitig. Das Studium eine organisatorisches & Fleiß verlangt ist klar.

      Zuzüglich kann die Wahl zur Uni oder FH den Leistungsumfang auch minimieren & die eigene Kompetenz stärken.
      Ich finde wenn einem das Studium keinen Spaß macht, dann ist das nichts für einen. Wenn es Mal und Mal nicht Spaß macht, lohnt sich ein Blick nach links & rechts. Es ist aber schon das richtige, wenn es ein wenig Spaß macht. In jedem Beruf beißt man in den sauren Apfel. Den kleinsten zu finden ist die Kunst.
      Das ist echt abhängig, was man für einen Lebensstil für sich selbst sucht.

  3. Titel eingeben
    Ich gebe der Autorin völlig recht in dem was sie sagt. Nicht desto trotz ist es schwerer sich nicht als Versager/in zu fühlen, wenn man nicht ein Semester sondern fast das ganze Studium oder das ganze Studium absolviert hat und dann nicht besteht oder nicht antritt. Besonders wenn es kein Bachelorstudiengang ist sondern zB tatsächlich Jura ist 😉 Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Umfeld tatsächlich sehr schnell sich damit abfindet und einen nicht für dumm hält. Die eigene Stimme (die böse) dagegen abzuschalten oder auch nur leiser zu schalten gestaltet sich durchaus schwieriger. Und der nächste Studiengang oder auch die Ausbildung ist mit den höchsten Erwartungen konnektiert: nach dem Motto „wenn ich das eine schon nicht geschafft habe, muss ich hier glänzen“… macht es nicht leichter sondern oftmals schwerer. Also auch abgesehen von dem finanziellen Druck ist da auch noch der eigens geschaffene psychische Druck, der so weit gehen kann, dass man den Spaß an dem Richtigen verliert und auf Grund dessen versagt. Scheiss Situation, die viel Eigenreflektion und Mut erfordert

  4. Sehr geehrte(r) B.Sc...?
    Vielen Dank für Ihre ausführliche Meinung. Anbei mal ein paar Fragen, die Sie sich gern selber beantworten können:
    1. Wie viele Schüler haben tatsächlich schon mit 17 das Abitur? Bei G9 wird das schon eng, oder?
    2. Geht bzw. ging das den jungen Leuten schon jemals anders? Plädieren Sie dafür, dass die Schule noch ein paar Jährchen weitergeht, damit sich die Abiturienten dann mit vielleicht 25 sicherer fühlen?
    3. Haben die 17 – 20 jährigen keine Eltern, Großeltern, Geschwister, Verwandte, Bekannte, Freunde etc., die mit etwas Lebenserfahrung aushelfen können?
    4. Lernt man in 12 bzw. 13 Schuljahren nicht, dass es die freie Berufswahl gibt und dass man sich informieren kann? Noch nie gab es so viele Informationen zu allen Berufsfeldern.
    5. Wer sagt denn, ein Praktikum müsse studienrelevant sein? Vielleicht erkennt man bei einem schnöden Ferienjob sogar, dass es ein erfülltes Leben auch ohne Studium geben kann…
    6. Sind Sie sicher, dass Sie die wahren Kosten eines Studienplatzes einschätzen können, wenn Sie schon bei 40 € für ein Buch jammern? Schauen Sie mal in die USA, dann bekommen Sie ein Gefühl für die Preise… Ich weiß nicht, ob Sie bzw. Ihre Eltern wirklich den „Großteil der Zeche selbst“ bezahlt haben, der bei 7 Semestern Regelstudienzeit für den Bachelor schon mal deutlich über 100.000 € liegen kann – nur für die Gebühren…
    7. Vielleicht hilft ja eine grobe Zieldefinition, BEVOR man sich wild auf irgendwelche Fächer festlegt. Es scheint mir auch für einen 17 jährigen machbar (zumal er als Abiturient ein Mindestmaß an Intelligenz besitzen sollte), den Unterschied zwischen BWL und Medizin einschätzen zu können und für welche Ziele das eine oder das andere förderlich ist…
    Viel Glück in Ihrem weiteren Leben und lassen Sie den Kopf nicht hängen, denn auch mit Anfang 20 (viel älter dürften Sie ja nicht sein bei Abi mit 17 und einem Bachelor) hat man meist noch das ganze Leben vor sich! Sie werden sowieso das ganze Leben weiter lernen müssen, wenn Sie nicht abgehängt werden wollen. Das schaffen Sie schon :-)

  5. Selbstverwirklichung muss man sich leisten können
    Einen Studienabbruch muss man sich vor allem erst einmal leisten können. Etwa 80% der Studierenden mit BAföG-Bezug gaben in einer Umfrage des Studentenwerkes an, ohne die Förderung nicht studieren zu können. Ein Sudienabbruch bzw. ein Wechsel des Studiengangs muss vor dem BAföG-Amt gut begründet werden, um nicht den Anspruch völlig zu verlieren. Aber selbst wenn das BAföG-Amt einen Wechsel des Studiengangs akzeptiert, wird die bereits geleistete Förderungsdauer auf die Förderungshöchstdauer angerechnet. Ein Student, der mal zwei Semester dies und mal zwei Semester das studiert hat und dann beim dritten Versuch endlich im „richtigen“ Studiengang gelandet ist, erhält nur noch ein Jahr Förderung. Dann werden die BAföG-Zahlungen eingestellt. Wenn die Angaben der 80% Studierenden mit BAföG-Bezug richtig sind und ohne eine BAföG-Förerung ein Fortsetzen des Studiums nicht möglich st, impliziert dies für diese Studenten, dass ein Studienabbruch bzw. ein Wechsel des Studiengangs außerhalb ihrer finanziellen Möglichkeiten liegt. Ich schließe daraus, dass das Phänomen Studienabbruch bzw. Wechsel des Studiengangs insbesondere bei denjenigen Studenten zu beobachten ist, deren Studium von den Eltern finanziert wird und die sich im Studium selbstverwirklichen wollen, statt eine Ausbildung zu absolvieren und einen Beruf zu ergreifen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Oder anders ausgedrückt: Resilienz ist eine Funktion der persönlichen, wirtschaftlichen Verhältnisse. Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen und Widerstandskraft sind wertvolle Schlüsselqualifikationen für das Berufsleben. Die argwöhnische Betrachtung einer wechselvollen Studienkarriere gründet sich auf die Annahme, dass es den „Selbstverwirklichern“ genau an diesen Eigenschaften mangelt. Völlig von der Hand zu weisen ist diese Annahme nicht.

  6. Exorbitante Gehaltsvorstellung
    Lieber Rudi,
    es mag ja sein, dass einige große Firmen und Kanzleien diese Anfangsgehälter zahlen. Das ist aber nicht in der breiten Masse so. Weder der öffentliche Dienst noch die.breite Masse an kleinen Ingemieurbüros zahlen diese Gehälter.

  7. Nachvollziehbar und trotzdem traurig
    Frau Kehnel beschreibt, wie sie und ihre Mitstudenten die Situation sehen. Erstmal danke für die Einblicke, die authentisch und ehrlich rüberkommen. Doch leider zeichnet sie damit auch ein erschreckendes Bild über den Zustand des Bildungssystems einerseits und der jungen Generation andererseits. Wer als Abiturient mit 18, 19 oder 20 Jahren keine Zeit gefunden hat, sich auch nur ansatzweise mit dem Thema „eigene Zukunft“ zu beschäftigen und ggf. mal die eine oder andere Firma von innen zu betrachten (Ferienjobs, Schülerpraktika, BuFDi etc.), dem kann man objektiv nur bescheinigen, dass er NICHT Hochschulreif ist. Reife spiegelt sich nämlich nicht nur in den Noten auf dem Papier, sondern in einer Haltung. In Deutschland stehen einem glücklicherweise fast alle Türen offen und das zu großen Teilen kostenfrei. Aber kostenfrei bedeutet leider auch, dass die Wertschätzung dadurch nicht besonders gesteigert wird. Irgendjemand bezahlt jedoch für diese Freiheit der jungen orientierungslosen Abiturienten und das sind wir alle. Diese doch immensen Kosten für den Bildungsbetrieb an unseren Unis und Hochschulen gehen selbstverständlich zu Lasten anderer öffentlichen Güter (Sicherheit, Infrastruktur usw.) und somit stellt sich schon die Frage, ob es gerecht ist, diesen kostenfreien Zugang zu hochwertiger Hochschulausbildung für eine Zielgruppe offen zu halten, die von Verantwortung scheinbar noch nie etwas gehört hat (Zitat: „Ich bin gespannt, welchen Umweg ich als nächstes gehe.“). Das ist lustig, wenn man die Zeche nicht zahlen muss. Das tun u.a. die Kinder/Jugendlichen, die keine Chance hatten, Abitur zu machen.
    Die andere Seite der Medaille ist selbstverständlich die offensichtlich unzureichende Vorbereitung der Abiturienten auf das weitere Leben durch die Schulen. Dort arbeiten eigentlich Vollprofis, teilweise sogar Staatsbedienstete/Beamte. Deren Umgang mit unseren Ressourcen sollte ebenso Hinterfragt werden, wie die Eigenverantwortung der Abiturienten, deren Eltern und der Politik, die das Ganze steuern soll.
    Jedem (jungen) Menschen sollte klar sein, dass er seine Zukunft auch durch eigenes Handeln maßgeblich mitbestimmt. Also weniger jammern und mehr machen :-)

    • Das stimmt so nun auch nicht
      Sehr geehrter Herr Bach,
      ich bin selbst erst vor wenigen Wochen mit meinem Bachelorabschluss fertig geworden und kann die Situation der Autorin sehr gut nachvollziehen. Nach dem 3. Semester stand ich selbst vor der Entscheidung abzubrechen. Ich habe es nicht getan und bereue es heute an manchen Punkten in meinem Leben.

      Ihre Meinung, dass man nach der Schule einen Plan für die eigene Zukunft haben sollte kann ich zwar aus Ihrer Perspektive verstehen, aber leider sieht die Realität anders aus. Die jungen Leute machen heute oft mit 17 Jahren ihr Abitur. Mit 17 Jahren soll man wissen mit welchem Thema man sich den Rest seines Lebens beschäftigen soll? Die Möglichkeiten sind schier endlos und man verliert leicht den Überblick. Es geht ja beim Studium nicht mehr nur noch um die Entscheidung BWL, Medizin oder doch ein anderes Fach. Selbst wenn man die grobe Richtung weiß, dann ist die Entscheidung noch lange nicht gefallen, da die Studiengänge heute schon im Bachelor sehr spazialisiert sind und man sich eigentlich direkt für eine Branche entscheiden muss. Ist das in einem Alter von 17 bis 20 Jahren, in dem man sich vielleicht selbst noch nicht zu 100% gefunden hat, etwas viel verlangt?
      Natürlich gibt es die von Ihnen beschriebenen Chancen von Ferienjobs, Praktika etc. Aber haben Sie mal jemanden begleitet bei dem Versuch eine solche Stelle zu bekommen? Ferienjobs gibt es heute nur noch selten in Bereichen, welche für ein Studium relevant sind. Man hat die Wahl zwischen Bandarbeit, Gastronomie und Regale einräumen. Das hilft bei der Entscheidung, ob Kulturwirtschaft nun der richtige Studiengang ist wenig.
      Längere Praktika werden seit es den Mindestlohn gibt nur noch an Pflichtpraktikanten vergeben, da dies für das Unternehmen günstiger ist. Kürzere Praktika (weniger als 3 Monate) werden so gut wie nie vergeben, da dies einen großen Aufwand für Unternehmen bedeutet und viele nicht mehr bereit sind diesen auf sich zu nehmen. Abgesehen davon, dass man ohne persönliche Beziehungen zu dem Unternehmen eh keinen Platz bekommt, da es zu wenig Plätze für zu viele Interessierte gibt. Und wer sagt, dass ein Praktikum oder ein Ferienjob vor dem Studium dabei hilft die richtige Entscheidung zu treffen?
      Ich wollte zu Beginn meines Studiums unbedingt in den internationalen Vertrieb eines großen Unternehmens und habe daher Wirtschaftswissenschaften studiert. Ich hatte vor dem Studium zwei Praktika in diesem Bereich gemacht und war begeistert. Doch man verändert sich während des Studiums, wird erwachsener und selbstständiger. Irgendwann bemerkte ich, dass im Vertrieb doch nicht meine Zukunft liegt. Ich orierntiere mich inzwischen hin zum Non-Profit-Bereich. Meinen Bachelor habe ich erfolgreich abgeschlossen, aber einen Master im Non-Profit-Bereich zu finden gestaltet sich trotzdem als sehr schwer, da Wirtschaftswissenschaften als Bachelor oft nicht anerkannt werden. Nicht nur mir geht es so, auch viele Mitstudierede sagen, dass sie nun – durch das Studium – ganz andere Vorstellungen haben als vorher, andere Meinungen haben und Dinge anders sehen. Man entwickelt sich weiter während des Studiums manchmal passt es dann einfach nicht, egal wie gut man sich vorbereitet hat.

      Zum Schluss möchte ich noch auf den Punkt der Kosten eingehen. Das Studenten sich auf Kosten anderer einfach mal auspropieren, diese Meinung von Ihnen kann ich nun wirklich nicht nachvollziehen. Ein Studium gibt es nun wirklich nicht umsonst. Die wenigsten Studenten meiner Uni bekommen so viele Zuschüsse, dass sie sich das Studium ohne Kredit oder private Unterstützung der Familie leisten können. Uns Studenten ist bewusst, welches Privileg ein Studium ist und was das kostet. Die wenigsten Studenten können zu Hause wohnen bleiben, da die Studienorte meistens weiter weg liegen. Also müssen Möbel, eine Wohnung und Lebensmittel finanziert werden. Dazu kommen die Semesterbeiträge, welche oft mehrere hundert Euro betragen und die Lehrbücher, von denen jedes Semster mindestens 2-3 gekauft werden müssen und von denen eins gut und gerne mal 40€ aufwärts kostet.
      Studenten bzw. ihre Eltern zahlen den Großteil der Zeche für ihr Studium selbst und das ist ihnen bewusst. In meinem Studiengang hatte ich Studenten, die weiterstudiert haben, weil sie ihr ganzes Geld in das Studium investiert haben und ihren Abschluss gemacht haben, obwohl sie sich überhaupt nicht für das Fach begeistern konnten, einfach weil sie finanziell keine andere Möglichkeit hatten.
      Das Studenten sich also keine Gedanken um die Finanzierung des Studiums machen stimmt überhaupt nicht.

      In einem Punkt stimme ich Ihnen allerdings zu: die Abiturienten werden nicht gut auf die Zeit nach der Schule vorbereitet. Da liegt sowohl bei Schulen und der Politik, aber auch bei vielen Eltern noch dringender Handlungsbedarf!

Kommentare sind deaktiviert.