Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Traut euch, mehr Akademiker zu sein

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Nach der Computerisierung und Digitalisierung kommt die Automatisierung auf den Arbeitsmarkt zu. Wie wird sie die Ausbildung an den Hochschulen verändern? Ein Gespräch mit dem Ökonomen Enzo Weber.

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© dpaVollautomatisierte Modellfabrik an der Universität Kassel

F.A.Z.: Herr Professor Weber, Digitalisierung war im Wahlkampf der Allgemeinplatz schlechthin. Als Ökonom forschen Sie unter anderem über den technologischen Wandel am Arbeitsmarkt. Wie viel Wandel gab es schon, wie viel steht uns noch bevor?

Enzo Weber: Mit der Computerisierung und dem Internet gibt es zwei Digitalisierungswellen seit den 1980er Jahren. Das ist aber nicht dieselbe Welle, die uns jetzt mit Industrie 4.0 noch bevorsteht: eine intelligent vernetzte, teilweise auch selbststeuernde Produktion.

Veränderung hat es immer gegeben. Aber jemals so schnell und tiefgreifend wie derzeit?

Was den technologischen Fortschritt anbelangt, fällt die derzeitige Entwicklung nicht völlig aus dem Rahmen. Es war immer so, dass jede neue Welle schneller ist als die vorherige, und Entwicklungen nie stetig ansteigen, sondern exponentiell verlaufen – auf jeden Schritt folgt ein noch größerer. Deshalb haben wir es auch jetzt mit einer Entwicklung zu tun, die uns zwar enorm herausfordert, aber in diesem Sinne keine neue Dimension in der Geschichte des technologischen Wandels darstellt.

Man könnte meinen, das Hochschulstudium sei Spiegelbild dieses Wandels: Aus dem antiken Bildungskanon der „Sieben Freien Künste“ (Grammatik, Rhetorik, Logik, Geometrie, Arithmetik, Musik und Astronomie) sind heute über 18.000 Studiengänge geworden. Ist das ein notwendiger Spezialisierungstrend angesichts einer immer kleinteiligeren Arbeitsweise?

Zu einem gewissen Grade ja, aber mit Einschränkungen. Denn Akademiker haben in ihrer Ausbildung die Chance, generelle, übergreifende Kompetenzen zu erlernen. Heißt: Abstraktionsvermögen, das Denken in Prozessen statt nur in konkreten Gegenständen sowie eine funktionsübergreifende Kommunikationsfähigkeit. Digitalisierung heißt am Ende, dass in einem Betrieb viele Funktionen digital integriert werden – vom Einkauf über die Produktion bis zum Absatz. Für ein umfassendes Management reicht keine spezielle Ausbildung.

Sind also mehr Generalisierung und weniger Spezialisierung vonnöten?

© privatProf. Enzo Weber

Im Studium sollte man eigentlich eine umfassende Ausbildung erhalten. Doch in der Tat hat man mitunter den gegenteiligen Eindruck, dass also immer mehr ausdifferenziert wird. Vor allem muss ein Praktikum das nächste jagen – getreu dem Motto: Praxis, Praxis, Praxis. Dabei hat man sein Leben lang noch genug Praxis. Stattdessen sollte man die generellen Kompetenzen erlernen, denn eben das ist ein wertvolles Differenzierungsmerkmal. Man muss sich deshalb auch mehr trauen, Akademiker zu sein und nicht schon im zweiten Studienjahr in die Wirtschaft eintreten wollen.

Werden Praktika überbewertet?

Sie sind nicht generell unsinnig, denn auch für Akademiker ist der Einstieg in den Arbeitsmarkt enorm wichtig. Sie dürfen allerdings nur Mittel zum Zweck sein. Praktika müssen einen kleinen, aber keinen wesentlichen Teil der Studienzeit ausmachen.

Gilt das für Geisteswissenschaften gleichermaßen wie für kaufmännische und technisch-naturwissenschaftliche Richtungen?

Bei der Digitalisierung sind die Möglichkeiten und Gefahren erst einmal für alle gleich. In jeder Branche wird zukünftig immer funktionsübergreifender gedacht, auch wenn die Entwicklung etwa im IT-Ingenieurwesen natürlich von ganz besonderer Bedeutung ist. Aber die Rückschlüsse auf die Ausbildung gelten querbeet für alle Fachrichtungen: Das Studium sollte generelle Kompetenzen vermitteln, Praktika sollten dem unmittelbaren Einstieg in den entsprechenden Bereich dienen.

Eine frühe Ausrichtung auf Controlling im BWL-Studium zum Beispiel ist unvorteilhaft?

Controlling oder Buchhaltung sind Bereiche, die in Zukunft datenbasiert einer ganz anderen Steuerung unterliegen. Deshalb gilt auch hier: Spezialisieren kann man sich im Laufe eines langen Berufslebens ohne Ende. Da spielt die berufliche Weiterbildung eine Rolle, von der Akademiker ohnehin am stärksten Gebrauch machen, genauso ein betriebsspezifisches „learning on the job“. Den Schritt hin zu einem Controlling-Profi kann man später immer noch gehen; den Schritt in die breitere Richtung, der einem mehr Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten gibt, geht man später nicht mehr. Heißt: Generalisieren kann man in der Regel nur einmal im Leben, in der Erstausbildung. Deshalb sollte man diese Chance wahrnehmen.

Die Hochschulen vermitteln ein anderes Bild. Hier hat der Spezialisierungstrend kräftig Fahrt aufgenommen: Seit 2007 stieg die Anzahl der Studienangebote um über 60 Prozent. Michael Hartmer vom Deutschen Hochschulverband sagte im Interview: „Was einmal ein Hauptseminar war oder in zwei Semestern abgehandelt wurde, ist zum ganzen Studiengang erstarkt“. Auch der Wissenschaftsrat warnt vor Überspezialisierung im Bachelor.

Man muss bei dieser „Ausdifferenzierung“ auch ein bisschen genauer hinschauen und darf nicht nur jeden neuen Studiengang zählen –  und vor allem nicht alles verteufeln, was jetzt einen englischen Titel trägt. Denn manchmal ist es bei der Bachelor-Master-Reform passiert, dass nicht fach-, sondern themenfokussiert umgestellt wurde. So entstanden zum Beispiel mit „VWL“ und „International Economics“ zwei fast deckungsgleiche, grundständige Studiengänge, die sich nur hinsichtlich der Wahlmöglichkeiten in den letzten Semestern unterscheiden. Das ist dann keine Überdifferenzierung, sondern wunderbar, wenn die essentielle Ausbildung im Kern gewährleistet ist. Man sollte aber nicht von vorneherein mit Wahlmöglichkeiten anfangen und die wesentlichen, generellen Dinge über Bord werfen.

Das Centrum für Hochschulentwicklung, die Denkfabrik der Hochschulrektorenkonferenz, sieht es ähnlich und verweist unter anderem auf den Trend hin zu mehr Interdisziplinarität.

Zunächst: Interdisziplinarität ist kein Trend, der erst seit gestern gefordert wurde, sondern zum Beispiel bei der Vergabe von Forschungsgeldern längst den wissenschaftlichen Bereich durchdringt. Bei den Studiengängen klingt Interdisziplinarität ja zunächst nach Öffnung. Wie gesagt: Ich würde mich nicht an der Gesamtzahl aufhängen, sondern den Blick auf die generellen Kompetenzen richten. Solange die vermittelt werden und man nur am Ende seinen Schwerpunkt setzt, können meinetwegen aus einem Studiengang 20 werden. Nur eine frühe Verengung – und sei sie interdisziplinär – halte ich für problematisch.

Auch für Masterprogramme? Deren Zahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren sogar verdreifacht. Und viele satteln gezielt auf drei Jahre generalistisches Grundstudium eine Spezialisierung drauf.

Wenn der Bachelor als berufsvorbereitende Ausbildung gedacht ist, gibt es für mich keinen besonderen Grund dafür, dass dort das allgemeine Wissen vermittelt werden müsste, der Master hingegen der Spezialisierung dient. Beide sollten als akademische Ausbildung hinreichend generalistisch sein. Den Unterschied macht dann am Ende das Niveau.

Angenommen ich hätte einen VWL-Bachelor hinter mir. Bekanntlich kann ich danach VWL oder Economics im Master studieren, bei einem Faible für Statistik und Ökonometrie böte sich aber auch „Data Science“ in München oder Mannheim an. Für welche Ausrichtung empfiehlt sich was?

„Data Science“ ist keine Spezialisierung von VWL, deshalb liegt der Unterschied hier woanders: „Data Science“ ist kein inhaltliches, sondern ein methodisches Studium. Natürlich gibt es in der VWL einen empirisch-ökonometrischen Zweig, dessen Bedeutung zunimmt und den deshalb kein angehender Volkswirt außer Acht lassen sollte. Weil man im „Data Science“-Master aber weit über die ökonometrische Datenanalyse hinausgeht, ist er ratsam für denjenigen, den alle neuen Entwicklungen von „Big Data“ reizen, nicht nur ökonomische.

© dpaRoutinetätigkeiten werden verstärkt der zunehmenden Digitalisierung zum Opfer fallen.

Wie ist das eigentlich aus Sicht von Unternehmen? Wünschen nicht gerade sie sich überwiegend Fachspezialisten?

Nein, das kann man so nicht sagen. Nicht erst durch die Digitalisierung steigt der Bedarf an Akademikern ganz offensichtlich, wie ihre extrem niedrige Arbeitslosenquote und hohen Löhne zeigen. Aber natürlich braucht ein Unternehmen in der Produktion Leute, die exakt wissen was zu tun ist. Nur kommt dafür die berufliche und speziell die duale Ausbildung ins Spiel: Sie gilt zu recht als mustergültige deutsche Besonderheit, wie die Arbeitsmarktentwicklung während der letzten Wirtschaftskrise gezeigt hat, deshalb darf man sie auf keinen Fall kaputtmachen. Ihr unbestechlicher Vorteil ist die Verbindung von Theorie und Praxis. Man erhält einen praktischen Einstieg in einen Betrieb und dadurch auch gute Jobchancen nach der Ausbildung. Eine unserer Studien hat gezeigt, dass die wenigsten danach in die Arbeitslosigkeit gehen.

Das heißt schlechter Qualifizierte verlieren gar nicht überdurchschnittlich stark durch den technologischen Fortschritt, wie oft befürchtet?

Für schlechter Qualifizierte wird es auch in Zukunft schwierig bleiben, keine Frage. Doch die größte Umwälzung sehen wir im Bereich der mittleren Qualifikation, etwa bei den typischen Facharbeitern – nun wahrlich keine Berufe mit schlechter Ausbildung. Diese Jobs umfassen viele Routinetätigkeiten. Routine ist im Deutschen ja ein sehr positiv besetzter Begriff, nur ist sie eben logisch gut nachvollziehbar und somit programmierbar. Dagegen sind die Routineanteile in zumeist mit Akademikern besetzten Spezialisten- beziehungsweise Expertenjobs viel geringer. Da kommt es auf Konzeptionelles und Kreativität an, weniger auf eingespielte Abläufe. Daraus folgt ein Trend zur Höherqualifizierung.

Ausbildungsjobs bergen also wegen ihres hohen Routineanteils Risiken?

Richtig, das ist die Kehrseite der Medaille: Die Ausbildung ist relativ betriebs- und berufsspezifisch sowie praxisorientiert. Sie vermittelt damit weniger der generellen Kompetenzen, auf die es im weiteren Digitalisierungsprozess ankommen wird. Beides zusammen – Spezialisierung und Routine – macht potentiell anfällig, wenn es zu Umwälzungen am Arbeitsmarkt kommt. Wer die Ausbildung in Zukunft bewahren will, muss sie weiterentwickeln, selbst wenn nicht alle Jobs wegfallen.

Was heißt das genau, erleben wir gerade den letzten Jobboom in Deutschland? Düstere Szenarien wie eine Oxford-Studie von 2013 sehen die Hälfte aller Jobs in Gefahr.

Ja, den erleben wir – aber nicht wegen der Digitalisierung. Bisher konnte die Beschäftigung am deutschen Arbeitsmarkt noch steigen aufgrund der hohen Zuwanderung, aber mehr und mehr macht sich der demographische Abwärtstrend bemerkbar. In Zukunft werden wir einfach nicht mehr genug Leute haben, um die Beschäftigung weiter zu steigern – was aber nicht schlimm ist, denn Steigerung ist kein Wert an sich, solange es allen Menschen im Land gut geht.

Und wie macht sich die Digitalisierung bemerkbar?

Unsere Studien besagen, dass dadurch viele Jobs wegfallen werden – allein 1,5 Millionen durch die Wirtschaft 4.0-Entwicklung –, sich dadurch jedoch nichts am Beschäftigungsbestand ändert. Denn neue Jobs kommen hinzu. Und genau das ist es, was den technologischen Wandel ausmacht. Schauen Sie sich einmal an, welche Jobs in der Vergangenheit schon alle weggefallen sind, die heute auch keiner mehr haben möchte – wer will denn heute noch Mehlsäcke tragen? Kurzum: Es wird große Umwälzungen geben, aber nicht so sein, dass wir am Ende zu wenige Arbeitsplätze haben. Nur eben andere. Viele Jobs werden auch bestehen bleiben, allerdings mit stark veränderten Anforderungen.

Bleibt die Frage: Woher soll man zu Studienbeginn wissen, was in ein paar Jahre auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wird? Ist es überhaupt ratsam, sich danach zu richten?

Nein! Sehen Sie zu, das zu machen, was Ihren Stärken entgegenkommt und sie am entwicklungsfähigsten hält. Akademiker haben in fast allen Fächern einen deutlichen Arbeitsmarkterfolg, wenn auch natürlich nicht in jedem Fach gleichermaßen. Wie sich der Markt entwickelt, kann niemand genau sagen. Deshalb ist zum Beispiel davon abzuraten, im Studium die eine Programmiersprache zu lernen, die in der Wirtschaft momentan angesagt ist – denn das kann in ein paar Jahren schon wieder eine ganz andere sein. Stattdessen sollte man in formalen Logikprozessen denken lernen. Dann wird man zukünftige digitale Veränderungen gut meistern können – oder, noch besser, die Veränderungen selbst in die Hand nehmen. Wenn man da am richtigen Hebel sitzt, geht man mit der Entwicklung. Wer, wenn nicht Akademiker, kämen dafür in Frage?

Die Fragen stellte Niklas Záboji

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Enzo Weber leitet den Forschungsbereich „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Außerdem ist er Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Regensburg. Zu seinen Schwerpunkten zählen Industrie 4.0 und die Arbeit in der digitalisierten Welt.

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  1. Wir bereiten Studenten auf Jobs vor, die es noch gar nicht gibt.
    Der britische Bildungsforscher Sir Ken Robinson sagte dazu bereits vor Jahren: „Wir bereiten Studenten auf Jobs vor, die es noch gar nicht gibt.“ Und damit hat er Recht. App developer, Social Media manager, Uber driver, Driverless Car Engineer, Cloud Computing Specialist, Big data analyst/data scientist, … hat es vor 10 Jahren nicht gegeben, und dennoch sind sie heute für viele erfolgreiche Unternehmen unerlässlich.

    Übrigens, wenn wir schon bei Regensburg sind: Ab diesem Wintersemester startet dort der Masterstudiengang Digital Humanities – Zielgruppe: „Dabei wendet sich der DH Master an Geisteswissenschaftler, die ein Interesse daran haben ihr Profil im Bereich digitaler Methoden und algorithmisch-analytischer Verfahren zu stärken und ihre geisteswissenschaftliche Methodenkompetenz dadurch zu erweitern.“

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