Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Um 20 Uhr sind die Unis komplett geschlossen

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Ein Erasmus-Semester heißt in der Regel Feiern und Abhängen. Im geruhsamen Südtirol ist das nicht so leicht. Dafür kann man in einer Berghütte wohnen. Ein Gespräch mit Linda Koch über die Vorteile das Studierens in Brixen und Bozen.

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© Linda KochLinda Koch

Wie kam es zu der Entscheidung, dein Auslandssemester in Südtirol zu verbringen?

Das war ein bisschen zufällig (lacht). Meine Uni in Koblenz hat verschiedene Partneruniversitäten und da ich bereits ein wenig Italienisch sprechen konnte, wollte ich nach Italien. Allerdings gab es nur eine Partneruni in Bozen. Zuerst dachte ich mir, dass das fast so wie in Deutschland sein würde. Aber dann habe ich mich mit der Idee angefreundet, weil es meinem Italienisch trotzdem helfen würde und ich gerne durch Italien reisen wollte. Gleichzeitig hatte ich dort auch die Möglichkeit, auf Deutsch und Englisch zu studieren, das hat mir gefallen.

Gewohnt hast Du aber in Brixen?

Ja, denn zur Freien Universität Bozen gehören der Campus in Bozen, Brixen und Bruneck. Ich habe in Brixen gewohnt, allerdings war ich zweimal pro Woche in Bozen, da ich dort einen Italienischkurs für fortgeschrittene Anfänger gemacht habe und eines meiner Seminare dort stattfand.

Es war also keine bewusste Entscheidung gegen den Mainstream typischer Studentenstädte?

Nein, nicht unbedingt. Aber im Endeffekt fand ich es gut, in keiner typischen Studentenstadt zu wohnen. Ich kannte außerdem bereits viele Leute, die in Italien wohnen, weiter südlich, mit denen ich mich regelmäßig getroffen habe.

Was ist trotz der sprachlichen Nähe ganz anders als in Deutschland?

Man merkt den italienischen Einfluss. Alleine, was die Administration betrifft! Im Gegensatz zu Deutschland war das alles ein bisschen verwirrter. Aber wenn ich direkt auf Mitarbeiter der Universität zugegangen bin und versucht habe, etwas auszudiskutieren, hat das immer funktioniert. Und das sagt man den Italienern auch nach, dass man über alles erfolgreich diskutieren kann (lacht). Außerdem ist der Dialekt ganz anders. Ich komme aus Süddeutschland, daher war es für mich einigermaßen verständlich. Für andere deutsche Erasmusstudenten aus dem Norden war es aber teilweise wie eine Fremdsprache. Außerdem werden italienische Begriffe einfach im deutschen Sprachgebrauch verwendet. Etwa magari, was „vielleicht“ bedeutet, wird einfach in deutsche Sätze eingebaut. Auch Gemüsesorten benennen sie italienisch, wie etwa peperone statt „Paprika“ und melanzana statt „Aubergine.“

Waren Italienischkenntnisse erforderlich, um in Brixen zu studieren?

© dpaDreisprachiger Wegweiser in St. Kassian, ladinisch: San ƒÜiascian, italienisch: San Cassiano

Nein, denn die Uni ist dreisprachig aufgebaut: Deutsch, Englisch und Italienisch. Ich hatte nur eine Veranstaltung auf Italienisch belegt, hier aber keine Prüfung abgelegt, also nur zugehört. Mit Deutsch und Englisch kann man problemlos ein Semester in Südtirol studieren. Reguläre Studenten müssen allerdings einen Sprachnachweis in Italienisch erbringen. Mein Italienisch hat sich trotzdem auf alle Fälle verbessert. Ich habe immer versucht, mit Muttersprachlern auf Italienisch zu sprechen.

Bist du mit dem romanischen Dialekt „Ladinisch“ in Berührung gekommen?

Ein wenig, denn in der Uni ist alles auf Deutsch, Italienisch und Ladinisch ausgeschrieben, wie etwa Seminarräume oder auch das Logo der Freien Universität Bozen. Es gibt am Sprachenzentrum auch einen Ladinischkurs. Aber ich habe niemanden kennen gelernt, der den Dialekt aktiv spricht.

Wie unterscheiden sich die Gepflogenheiten an der Uni?

Mein Studiengang in Koblenz ist ja schon relativ klein, aber die Uni in Brixen ist wirklich viel kleiner. In den meisten Seminaren bestand unsere Gruppe nur aus 10 bis 15 Studierenden. Dadurch hat man engeren Kontakt zu den Dozenten, konnte sich mit Fragen direkt im Anschluss an sie wenden und musste nicht eigens einen Termin in der Sprechstunde vereinbaren. Außerdem ist das Studium in Brixen praxisorientierter. Wir haben Exkursionen gemacht und hatten Künstlergespräche. Obwohl die Uni kleiner ist als in Koblenz, ist sie besser ausgestattet. In der Bibliothek gibt es zum Beispiel sehr viele Bücher. Problematisch sind allerdings die Öffnungszeiten (lacht): Um 20 Uhr ist die Uni komplett geschlossen. Samstags ist sie halbtags geöffnet und sonntags gar nicht.

Wie hat dein Uni-Alltag ausgesehen?

Ich habe ungefähr einen Kilometer vom Campus entfernt auf einer Berghütte gewohnt, bin daher immer zur Uni gelaufen und hatte dann meist ein bis zwei Seminare. Mittags habe ich in der Mensa gegessen und bin am Campus geblieben, wenn ich Aufgaben zu erledigen hatte, da ich zu Hause keine besonders gute Internetverbindung hatte.

Hattest du viele gleichaltrige Leute um dich?

Es gab außer mir zwar nur eine weitere Erasmusstudentin, die in Brixen gewohnt hat, aber in meinem Studiengang waren etliche Studierende, auch mehrere aus Deutschland, die regulär in Südtirol studiert haben. Mit meinen Mitbewohnern und Leuten aus dem Kurs habe ich oft etwas unternommen und abends gekocht.

© dpaDie Altstadt von Brixen

Weißt du, was deine deutschen Kommilitonen dazu bewegt hat, ihr komplettes Studium in Südtirol zu verbringen?

Das waren drei deutsche Mädchen, die alle aus der Nähe von München stammen. Für sie war die Dreisprachigkeit ausschlaggebend. Eines der Mädchen hatte während eines Freiwilligendienstes ein Jahr lang in Mailand gelebt. Auch die Landschaft hat ihnen gefallen, denn sie fahren alle gerne Ski und sind gerne draußen. Im Sommer sind sie zusammen durch Italien gereist.

Wie steht es um das Kulturangebot in Brixen?

Von der Uni wurde dafür, dass der Campus so klein ist, einiges angeboten, Vorträge und andere Veranstaltungen. Auch in der Stadt selbst gab es eigentlich ein gutes Angebot an Konzerten oder Theaterstücken.

Wie steht es um die Gastfreundschaft der Südtiroler?

Obwohl ich vorher gehört habe, dass Südtiroler im Vergleich zum „wirklichen“ Süden eher verschlossen sind, fand ich die Leute dort sehr freundlich und offen.

Zu welcher Jahreszeit warst Du in Brixen?

Von Ende Februar bis Juni habe ich in Brixen studiert. Anschließend bin ich einen Monat lang durch Italien gereist. Ich habe also Südtiroler Schnee mitbekommen (lacht). Aber nur einmal.

© Linda KochLinda Koch im Schnee

Wie hast du den Brixener Winter wahrgenommen?

Brixen liegt im Tal, weswegen es sehr selten schneit. In Bozen schneit es noch seltener. Die einzigen Komplikationen waren Zugverspätungen, wenn es auf dem Brenner geschneit hat. Überraschenderweise war es nicht kälter als in Deutschland. Das meiste vom Winter habe ich eigentlich verpasst! Im März war es sogar ein paar Tage über wärmer als 20 Grad. Das ist aber wohl eher ungewöhnlich. Die Uni in Brixen beschreibt das Klima generell mit „mediterran-alpin“. Ich glaube, das trifft es ganz gut.

Es soll ziemlich schwierig sein, eine Bleibe in Brixen zu finden.

Ich hatte großes Glück, da ich erst die zweite Studentin meiner Uni war, die ihr Auslandssemester in Südtirol verbracht hat. Also habe ich einfach das Zimmer meiner Vorgängerin übernommen. Ich habe in einer Hütte auf dem Berg gewohnt – wobei, genau genommen, ist das ein wenig übertrieben. Es war schon ein normales Haus. Allerdings war es sehr schlecht geheizt, das war ein bisschen ein Problem. Meine Mitbewohner waren eine Studentin aus Bozen und ein italienischer Muttersprachler aus Trento.

Wie hoch waren deine monatlichen Ausgaben?

Höher als erwartet. Die Lebensmittel sind relativ teuer verglichen mit Koblenz. Der Nahverkehr ist sehr günstig, denn man kann für 100 Euro jährlich alle öffentlichen Verkehrsmittel in Südtirol nutzen. Bedauerlicherweise habe ich aber die Frist für dieses Abo verpasst und bin daher auf eine Reduktionskarte für die Bahn und sonstiges ausgewichen. Oft habe ich den Flixbus genommen. Auch die Miete war meiner Ansicht nach mit 400 Euro sehr hoch. Mir war das allerdings lieber, als im Wohnheim zu wohnen. Das ist zwar billiger und sehr schön, aber mit strengen Regeln verbunden, beispielsweise einem Besuchsverbot. Nachdem ich monatlich aber 280 Euro Fördergeld bekommen habe, bin ich gut über die Runden gekommen.

Welche Unterschiede hast Du den Lehrplan betreffend festgestellt?

Interessanterweise ähneln die Veranstaltungen denen in meiner Uni in Koblenz. Manche Texte hatte ich bereits zu Hause im Unterricht durchgenommen. Allerdings lag in Südtirol der inhaltliche Fokus oft auf der Thematik der Mehrsprachigkeit.

© dpaDas Villnößtal in der Nähe von Brixen

Hat sich das Bild, dass du vor deinem Auslandssemester von Südtirol hattest, bestätigt?

Ich war ja zuvor noch nie in Südtirol und habe es mir daher ein bisschen wie Österreich vorgestellt. Landschaftlich war es auch so. Überrascht war ich aber darüber, dass man den italienischen Einschlag viel stärker spürt als gedacht.

Umfragen ergeben oft, dass viele Studierende nicht nur die Verbesserung ihrer Fremdsprachenkenntnisse als Beweggrund für ihr Auslandssemester nennen, sondern auch ihrer „social skills“. Viele wollen ihr Selbstbewusstsein stärken. War das für dich auch ein Aspekt?

Dem stimme ich zu, wobei ich bereits zuvor ein Jahr im Ausland verbracht habe. Im Rahmen eines europäischen Freiwilligendienstes habe ich nach der Schule in Brüssel gelebt, und ich denke, die allererste Erfahrung, die man im Ausland sammelt, prägt einen am meisten. Ich halte es einfach für wichtig, mal aus dem eigenen Umfeld rauszukommen und natürlich ist auch die Verbesserung der Sprachkenntnisse relevant. Und obwohl man von Erasmus relativ gut betreut wird, fördert es die eigene Selbstständigkeit, da man sich um vieles alleine kümmern muss. Die Erfahrung in einem anderen Studiensystem bringt einem extrem viel und auch der Kontakt zu internationalen Studierenden, den man vielleicht sogar nach dem Aufenthalt hält.

Das Erasmus-Semester steht im Ruf des ständigen Feierns und Partymachens. Zu Recht, findest du?

Nur zum Teil, denke ich. Klar gibt es Studierende, die ausschließlich feiern. Aber man darf nicht vergessen, dass das Fördergeld an Leistungen gekoppelt ist, die man erbringen muss. Viele wollen auch einfach reisen und sich das Land ansehen, anstatt nur Party zu machen.

Wo haben deine Kommilitonen ihr Auslandssemester verbracht?

Hätte ich Spanisch gelernt, wäre ich bestimmt auch, so wie viele, nach Cádiz gegangen, denn dort haben wir eine Partneruni und das ist ein wirklich toller Ort am Meer. Einige sind nach Antwerpen gegangen, eine ebenfalls schöne Studentenstadt, die nicht allzu weit weg ist. Die Uni Koblenz hat aber auch eine Partnerschaft mit Seoul und Kapstadt.

Das eigentliche Ziel des Erasmus-Programms ist es ja, europäische Länder einander näher zu bringen. Mit Südtirol hast du dich für eine autonome Region entschieden. Ist dir diese Autonomie aufgefallen?

Es wird auf jeden Fall darüber geredet. Ich habe zwar keine gleichaltrigen Leute getroffen, die sagen, sie seien Südtiroler und das Land müsse unbedingt unabhängig bleiben. Wenn man Einheimische aber nach ihrer Heimat fragt, antworten sie mit „Südtirol“. Niemand sagt, er komme aus Italien. Studierende können außerdem immer beide Sprachen sprechen. Allerdings wünschen sich die Bewohner mehr Durchmischung und kritisieren oft, dass Italienischsprachige zu sehr unter sich bleiben. Problematisch finde ich, dass man sich in Südtirol, je nach Arbeit, die man ausüben möchte, einer Sprache zuordnen muss – beispielsweise in der Verwaltung. Auch die Leute, die komplett zweisprachig aufgewachsen sind, müssen sich entscheiden. In Südtirol wird eine Art Einteilung anstatt einer Vermischung gefördert.

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Linda Koch ist 23 Jahre alt und kommt aus Albershausen, in der Nähe von Stuttgart. Derzeit macht sie ein Zusatzzertifikat in Deutsch als Fremdsprache an der Uni Trier. Zuvor studierte sie Kulturwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau.

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3 Lesermeinungen

  1. Bekomme fast Lust wieder zu studieren...
    Wunderschönde Landschaft. Danke für die Aussicht!

    Noch eine Frage zum italienischen Einschlag. Ist das vor allem die Sprache oder gibt es noch andere Unterschiede?
    Wie ist eigentlich die Mentalität der Leute dort (also im Vergleich zu Deutschen, Österreichern und Italienern)?

  2. Titel eingeben
    Ladinisch ist kein Dialekt, sondern eine Sprache,Äste capi!!

  3. Dr. phil. habil.
    Sehr geehrte Frau Koch,
    das war sehr beindruckend und interessant, was Sie hier berichtet haben! Ich wünsche Ihnen viel Erfolg jetzt an der Universität Trier; solche Studenten wie Sie sind doch ein Aushängeschild unseres akademischen Nachwuchses. Viel Glück und herzliche Grüße
    Frank-B. Müller

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