Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Diskutieren Nobelpreisträger anders?

| 3 Lesermeinungen

Jedes Jahr treffen sich Wissenschaftler aus aller Welt in Lindau zur Nobelpreisträgertagung. Mit dabei war diesmal die 31 Jahre alte Astrophysikerin Kathrin Göbel. Wie erlebte sie die Forscheridylle?

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F.A.Z.: Frau Göbel, wie kommt man als Nachwuchswissenschaftlerin nach Lindau?

0270a49d© F.A.Z./Frank RöthKathrin Göbel in Lindau

Kathrin Göbel: In meinem Fall war es so, dass die Uni Frankfurt zwei Physiker nominieren durfte. Als mich unser Dekan fragte, wusste ich noch gar nicht, was das überhaupt ist, Lindau. Nachdem ich mir das angeguckt hatte, wusste ich aber sofort: Ja, da willst du hin!

Wie bewirbt man sich?

Der erste Bewerbungsschritt besteht darin, sich bei seiner Universität zu bewerben. Dafür reicht man zwei Gutachten ein. Wird man, wie in meinem Fall, von der Universität selbst ausgewählt, muss man sich bei den Tagungsveranstaltern bewerben: Man muss beschreiben, wer man ist, was man schon publiziert hat und was einen fasziniert an der Wissenschaft. Und dann wartet man ein paar Monate. Insgesamt wurden 400 junge Wissenschaftler ausgewählt.

Und die Voraussetzungen? Ein Bachelorabschluss reicht wahrscheinlich nicht aus, oder?

Also im Prinzip bezieht sich „Jungwissenschaftler“ auf ein Alter zwischen 25 und 35 Jahren. Deshalb sind auch einige Masterstudenten dabei, allerdings vorwiegend aus den Vereinigten Staaten, und da ist das System ja ein bisschen ein anderes. Die meisten, die hier sind, sind Doktoranten oder Postdocs wie ich. „Undergraduates“ können sich aber auch bewerben.

027115fcWarum haben Sie sich beworben und welche Erwartungen haben Sie mit der Bewerbung verbunden?

Nobelpreisträger treffen zu dürfen, ist natürlich unglaublich spannend, denn das sind Menschen, die in der Forschung Großes erreicht haben. Allein das unterscheidet diese Veranstaltung von Tagungen und Kongressen, die man aus dem Forscheralltag kennt. Außerdem sind Jungwissenschaftler aus geschätzt achtzig Ländern hier. Und das aus allen möglichen Fachbereichen: Theoretische Physik, Astrophysik, Quantenphysik. Von meinem Feld, der Nuklearen Astrophysik, ist aber zum Beispiel sonst gar keiner da – und auch das macht es interessant und besonders, hier zu sein.

Wie ist es denn, mit Nobelpreisträgern zusammenzukommen?

Das ist sehr unterschiedlich und kommt auf den Typ Forscher an. Es gibt die, die auch mit Nobelpreis die meiste Zeit im Labor stehen, weiter viel im Team arbeiten und davon unverändert begeistert sind. Dazu gehört zum Beispiel William Phillips, der gleich klargestellt hat, dass egal ob Doktorand, Postdoc oder Nobelpreisträger, alle sollten in seine Gruppe kommen. Der am Ende seines Vortrags gesagt hat: „Ich bin jetzt eine Woche hier, hab auch nichts anderes zu tun, und deshalb lasst uns einfach über Physik und alles Mögliche diskutieren.“ Und der auch einer der wenigen Nobelpreisträger ist, den man abends noch im Cateringzelt sieht. Andere wiederum sind ein bisschen weggekommen von ihrer früheren Forschertätigkeit, sind in Bereiche gekommen, in denen Politik gemacht wird, in denen man häufig eingeladen wird, zu allem gefragt wird. Die gelegentlich der Erwartung entsprechen, als Nobelpreisträger müsste man plötzlich alles wissen.

02711595© F.A.Z./Frank RöthWilliam Phillips im Gespräch

Wenn Sie sagen „über alles Mögliche“: Worüber diskutiert man?

In der Regel ist das schon mit der Forscherlaufbahn verknüpft. Als Jungwissenschaftler interessiert einen natürlich, wie man da hin kommt, wo ein Nobelpreisträger steht. Mal spricht man über Publikationen, mal über den Weg ins Ausland. Da auch bei mir noch vieles offen ist, finde ich solche Gespräche sehr spannend.

Gibt es eine besondere Aura bei den Nobelpreisträgern?

Da ist schon eine gewisse Spannung in der Luft, auf jeden Fall, insgesamt auf dieser Veranstaltung. Da kommt es schon mal eben vor, neben jemandem zu sitzen, der bei der Nasa arbeitet. Das ist schon anders als bei normalen Tagungen. Auch, dass sich Leute hin und wieder Autogramme holen, Fotos schießen.

Wie läuft die Woche ab, wie muss man sich den Tagesablauf vorstellen?

Der Tag beginnt immer mit Vorträgen im Stadttheater, sechs an der Zahl. Dann Mittagspause und an zwei der Nachmittage Panelrunden mit Moderator. An den anderen Nachmittagen gibt es Masterclasses, bei der jeweils drei Jungwissenschaftler Vorträge halten, für die sie sich bewerben mussten. Ansonsten gibt es noch weitere Diskussionen mit Nobelpreisträgen, zu denen man frei hingehen und alle erdenklichen Fragen stellen kann.

0271159b© F.A.Z./Frank RöthAm Vormittag: Voträge im Stadttheater

Wie fachlich tiefgehend muss man sich die Veranstaltungen vorstellen, wenn alle aus unterschiedlichen Bereichen kommen?

Das ist unterschiedlich. Manche Veranstaltungen gehen durchaus in die Tiefe, was für diejenigen, die nicht vom entsprechenden Fach sind, schwierig sein kann. Umgekehrt hatten wir heute einen bemerkenswerten Vortrag von Brian Schmidt, der verständlich und ausführlich zugleich alles rund um das Universum erklärt hat. Interessant fand ich auch Theodor Hänsch, der den Frequenzkamm wirklich brillant erklärt hat. Ansonsten gibt es auch so manche Ausflüge nach dem Motto „Ich hab einfach mal Lust zu erzählen“, wie das zum Beispiel bei einem Vortrag zu Gravitationswellen der Fall war.

Wie stehen sie zu der Kritik, der Nobelpreis wäre zu individuenzentriert und würde nicht angemessen die Kollektivleistung der Forschungsinstitute berücksichtigen?

Die Kritik ist mit Sicherheit berechtigt. Andererseits ist die Forschungslandschaft heute ständig in Bewegung: Zeitverträge gelten oft nur für zwei oder drei Jahre, die Zusammensetzung von Forschergruppen an Instituten ändert sich ständig. Daraus lässt sich schon eine gewisse Rechtfertigung dafür ableiten, die Köpfen des Ganzen zu ehren. Eine andere Frage ist, ob man das überhaupt will.

Wie meinen Sie das?

Anschließend bekommt man einfach viel Aufmerksamkeit, viele Verpflichtungen und viele Einladungen zu Vorträgen. Das Leben verändert sich natürlich durch eine solche Auszeichnung. Ich glaube, so wie William Phillips es macht, ist es gut, und das sagte auch jemand wie Stefan Hell.

Was bietet die Veranstaltung abseits von Vorträgen und Panelrunden? Wie sieht das Rahmenprogramm aus?

Kurz gefasst: Wow! Es gibt großartige Abendessen, und bis hin zu Segelsport wird hier alles geboten. Lindau ist natürlich ein medienwirksames Ereignis und man steht unter Beobachtung, was aber nichts daran ändert, dass es einfach nur sehr schön hier ist.

027115fa© F.A.Z./Frank RöthNobelpreisträger wissen, wo es schön ist.

In welchen Bereichen muss sich die Physik mehr Gehör verschaffen?

Ich denke, die Wissenschaft im Allgemeinen und in allen Bereichen der Gesellschaft muss sich mehr Gehör verschaffen. Es mag vielleicht abgedroschen klingen, aber eine größere Verbreitung von Grundlagenforschung und Astrophysik kann junge Leute begeistern, später tolle Dinge zu leisten. Dann wird die Gesellschaft nicht ganz, aber ein wenig ähnlicher dieser Veranstaltung hier, auf der man als Astrophysiker ganz normal ist.

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3 Lesermeinungen

  1. Jungwissenschaftler
    „Jungwissenschaftler“ bezieht sich nach den offiziellen Auswahlregeln auf alle Menschen unter 35. Es gibt kein Mindestalter. Bachelor- und Master-Studenten sind explizit eingeladen sich zu bewerben. Sie bilden auch einen signifikanten Anteil der Teilnehmer.
    Eine persönliche Meinung: Der Kern der Tagung ist der Kontakt zu den anderen Teilnehmern. Bei der 66. Tagung gab es 29 Nobelpreisträger auf 400 Teilnehmer – es gibt also ein rechnerisches Limit wie viel und mit wie vielen Laureaten man redet. Und längst nicht alle Nobelpreisträger sind so offen und zugänglich wie William Phillips (es spricht Bände, wenn auf vielen Pressefotos gerade er im angeregten Gespräch mit jungen Leuten zu sehen ist).

  2. Dr. rer.nat.
    Ich hatte das Vergnuegen und die Ehre, an der Lindauer Tagung 1958 teilnehmen zu dürfen. Eine wertvolle Erinnerung ist mir geblieben: Eine Photographie von Otto Hahn und Werner Heisenberg mit den Autogrammen der beiden Wissenschaftler, die heute noch meinen Schreibtisch ziert.
    Mit freundlichen Grüßen,
    Gerd Ruemmler, Drosselweg 4, 65812 Bad Soden am Taunus, z.Zt. in USA

  3. Seltsames Interview
    Das Thema ist spannend, das Interview Frage für Frage durchaus interessant zu lesen, nur wo ist die Kohärenz? Wo wird z.B. die interessante Titelfrage beantwortet? Diskutieren Nobelpreisträger nun anders? Die Formalien, wie man nach Lindau kommt, sind ja sicher auch nett, aber doch für die meisten nicht so von Belang. Und das, was an Lindau speziell ist, kommt viel zu kurz, oder wird nur pauschal beschrieben, also daß es unterschiedlich zu normalen Tagungen ist. Nur, der normale Leser kennt den Vergleich doch gar nicht, wie soll sich ihm also dieser nicht explizit benannte Unterschied erklären? So bleibt der begeisterte Jungwissenschaftlerblick, ein wenig naiv auch, alles ist toll (was es sicher persönlich sein kann), aber es geht nicht in die Tiefe und dann ist es auch zu schnell vorbei. Es ist alles zu oberflächlich, selbst wenn man nur einen kurzen Eindruck vermitteln wollte, bleibt es das. Schade.

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