Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Vive la procrastination!

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Auch Akademiker müssen mal abschalten. Zur Hilfe kommt ihnen das Web mit Seiten wie „Shit Academics Say“ oder „Lego Grad Student“. Doch wer denkt, hier gehe es nur um Zeitvertreib, liegt falsch.

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© picture-allianceWas tut ihr da? Gäbe es nichts Wichtigeres zu tun?

Heutzutage noch zu behaupten, dass das Internet unser Leben entscheidend beeinflusst hat, ist in etwa so spannend, wie die Feststellung, dass das Feuer bedeutend für die Menschheitsgeschichte war. Trotzdem: Die Aussage ist natürlich richtig. Und für keine Gruppe gilt sie mehr als für Akademiker und Wissenschaftler, nicht zuletzt war das Internet ihre Erfindung. Von wegen Atomkrieg und sicheres Kommunizieren, nachdem sich die Welt in die Steinzeit zurückgebombt hat, nein: Das Internet und später das Web sollten zuallererst einmal der Wissenschaft das Leben leichter machen.

Nun ist das mit Technologien immer so eine Sache. Entwickelt, um ein Problem zu lösen, kreieren sie andernorts flugs drei neue. In diesem Sinne wurde auch das Internet rasch zum zweischneidigen Schwert für die akademische Welt: Arbeits- und Forschungsmittel auf der einen und das beste Gegenmittel zum produktiven Arbeiten auf der anderen Seite – die Rede ist von der Prokrastination 2.0.

Zeit bei der Arbeit zu vertrödeln ist für viele Akademiker inzwischen so elementar wie die Tasse Kaffee am Morgen und nirgendwo lässt sich schöner Zeit totschlagen als online: „1000 Orte, die du sehen musst, bevor du stirbst“-Artikel, Katzenvideos, Kim Kardashians pompöse Rückansicht auf Instagram, der neueste kreative Einfall des Fünfjährigen im Präsidentensessel – die Angebotspalette ist endlos. Einmal geöffnet, macht die „Buchse der Pandora“ (Mark-Uwe Kling) ihrem Namen alle Ehre und auch die Gelehrten landauf landab sind nicht vor ihr gefeit.

„Shit Academics Say“ und der heißeste Held der Wissenschaft

Wohin verschlägt es die Akademiker, wenn sie sich eine „kreative Auszeit“ gönnen? Eine Sichtung der Twitter- oder Facebookprofile befreundeter Akademiker zeigt: die Interessen scheinen erst einmal nicht anders gelagert als beim Rest der Bevölkerung. Doch es gibt einige Seiten, die man so nur bei Akademikern oder solchen, die es werden wollen, findet. „Shit Academics Say“ ist eine davon. Der Mann hinter dem Account ist der kanadische Psychologe Nathan Hall, Associate Professor an der McGill University in Montreal. Begonnen aus Frustration über den akademischen Alltag und in der Hoffnung, online auf andere zu stoßen, denen es ähnlich geht, entwickelte sich „Shit Academics Say“ mit seinen kurzen, sarkastischen Posts schnell zum Geheimtipp – mittlerweile zählt der Account über 200.000 Follower.

Ihre Beliebtheit verdanken Halls Posts in erster Linie wohl den Themen, die er aufgreift. Ein Satz wie „Academic life is 10% what happens to you, and 99% making it count for multiple sections on your CV“, mag bei vielen nur Stirnrunzeln bewirken, für Akademiker handelt es sich dagegen um einen treffenden Kommentar zu Lebensläufen, die im erbarmungslosen Rennen um Gelder, Positionen und Aufmerksamkeit aufgeblasen werden, bis sie förmlich bersten. Nicht anders sieht es mit den restlichen Tweets aus, die Hall regelmäßig absetzt. Die Schreibblockaden von Forschenden auf der ganzen Welt werden kurzerhand mit Aussagen wie „Active voice: I will write. Passive voice: Writing will be done. Passive-aggressive voice: I love how you always say you’ll write but never do“, konterkariert, und zum Valentinstag gab es als Open-Access-Special die Verballhornung eines klassischen Liebesgedichts: „Roses are red. Violets are- [See below for full text purchase options].“ Selbst zum Meta-Thema „Prokrastination unter Akademikern“ hat Hall immer wieder etwas zu sagen, zum Beispiel aus der Perspektive der Ethnologen:

„It’s not Twitter procrastination. It’s a subversive digital autoethnographic commentary on insular intradisciplinary engagement in academia.“

Es gibt sogar noch eine erotischere Variante von „Shit Academics Say“, die ebenfalls aus dem Hause Hall stammt: das Vorgängerprojekt „Research Wahlberg“. Wer sich nun fragt, was der amerikanische Schauspieler Mark Wahlberg – besser bekannt für seine Auftritte in Filmen wie „Ted“, „Planet der Affen“ oder „Departed“ – und die wissenschaftliche Welt gemeinsam haben, die Antwort lautet: gar nichts. Gerade deswegen ist es für viele Akademiker(innen) umso amüsanter, durch die zahllosen Memes zu klicken, in denen sich Mark Wahlberg in die Kamera schmachtet und sich halb-flirtend zu Statistik, P-Werten oder dem Unterschied zwischen quantitativer und qualitativer Forschung „äußert“.

„Lego Grad Student“ und die Qualen des Mittelbaus

Während „Shit Academics Say“ und „Research Wahlberg“ eher den wissenschaftlichen Betrieb im Ganzen aufs Korn nehmen, konzentriert sich „Lego Grad Student“ ganz und gar auf das Leben und Leiden der Doktoranden. Die Besonderheit: der Erschaffer von „Lego Grad Student“, ein PhD-Student an der amerikanischen Westküste (der lieber anonym bleiben möchte), verarbeitet die Erfahrungen seiner Leidensgenossen – wer hätte bei dem Titel auch etwas anderes erwartet – in liebevoll gebauten Legosets, die er abfotografiert und mit Texten versehen online teilt. Der Fokus liegt dabei eher bei den sozialen und persönlichen Herausforderungen in der Zeit zwischen Anmeldung und Disputation: Selbstzweifel, Minderwertigkeitskomplexe, Probleme mit Mitstudenten und Betreuern, Finanzsorgen oder das spärliche Sozialleben. Lego dient dabei nicht nur als Baumaterial, sondern auch als zusätzliche Abstraktionsebene, dank der die stellenweise brutal ehrlichen Szenen aus dem akademischen Alltag amüsant und gewissermaßen erst erträglich werden. Mittlerweile hat „Lego Grad Student“ es zu ähnlicher Berühmtheit gebracht wie „PhD Comics“, eine Seite, die ähnliche Erfahrungen schon seit Längerem thematisiert.

Fragt sich zum Schluss, was alle diese Seiten gemeinsam haben. Geht es nur ums Prokrastinieren, um die schnelle Ablenkung durch Inhalte? Das Ganze scheint etwas komplexer zu sein. Alle erwähnten Seiten zeigen Wissenschaftler vor allem als ironische Beobachter der Absurditäten ihres eigenen Lebens. Witze über Studenten, die keine Lust auf die Lektüre haben, lustige Sprüche über die Qualen der Peer Review, oder Cartoons über die Frage, ob man lieber an den Weihnachtsmann oder Forschungsgelder glauben sollte, dienen nicht nur zum Zeitvertreib, sondern helfen auch, über Dinge zu lachen, die für viele an den Universitäten zur oft bitteren Realität gehören, dort aber viel zu selten angesprochen werden. Seiten wie „Shit Academics Say“ dienen damit auch als Frustventil, wenn der akademische Alltag wieder einmal krachend über einem hereinbricht.

Nicht zuletzt entsteht durch die Parodie-Seiten auch das, was der Politikwissenschaftler Benedict Anderson als „imagined community“ bezeichnet hat – eine Gemeinschaft, die sich dadurch auszeichnet, dass sich ihre Mitglieder nicht persönlich kennen, aber gemeinsame Werte, Vorstellungen oder Interessen teilen. Ermöglicht wird der Zusammenhalt durch Medien, die diese Ideen transportieren: in Form von Bildern, Texten oder eben auch Tweets, Posts und Memes.

Wer also als Wissenschaftler oder Student „Shit Academics Say“ mit einem „Gefällt mir“ versieht, oder den neuesten Post von „Lego Grad Student“ über Facebook teilt, sorgt nicht nur für die Weiterverbreitung und Stärkung dieser Gedanken, er signalisiert damit auch sich und anderen die Zugehörigkeit zu dieser imaginierten Gruppe. Genauso, wie der FC Bayern-Fan seinen Schal in der Luft schwenkt, um jeden wissen zu lassen, welche Mannschaft er unterstützt, sagt auch der Akademiker hier nichts anderes als „Seht her, ich bin ein Teil dieser Welt!“

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1 Lesermeinung

  1. Guter Beitrag
    Ph.D. comics hat mich auch oft zum Schmunzeln gebracht. Am Ende geht es doch darum, dass man damit auch obskure Situationen mit sehr einfachen Mitteln aus anderen Blickwinkeln betrachten kann. Man lernt schnell, dass nicht zu sehr auf sein Gemüt zu schlagen.
    Eine andere hochamüsante Seite, welche viele Situationen in animierten gifs zusammenfasst, findet sich, wenn man bekannte Suchmaschine nach phd funny mit Einschraenkung auf grieschichte Seiten bemüht. Man hat sicher eine Stunde was zu lachen.

    Was ich aus anderer Perspektive zur Prokrastination sagen kann. Aus eigenen Beobachtungen scheinen mir vor allem zwei Gruppen stark zu prokrastinieren. 1) Doktoranden, die eigentlich gar kein Interesse an wissenschaftlicher Arbeit haben, 2) Wissenschaftler die keine Work-Life-Balance haben. Damit meine ich, dass diese Gruppe noch nicht herausgefunden hat wie man seine Freizeit gestaltet um am nächsten Morgen wieder voll motiviert auf der Matte zu stehen. Da im Wissenschaftsbetrieb Arbeit von 9 bis 23 Uhr voll akzeptiert ist, und Arbeitsschutzgesetze auch nie greifen können, finden sich hier leicht Opfer.

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