Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Warum fehlen immer die wichtigsten Bücher im Regal?

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Das Problem ist altbekannt, eine Lösung fehlt seit Jahrhunderten. Wer überleiht und manipuliert in Bibliotheken eigentlich immer die Bücher, die andere so nötig brauchen? Eine Recherche in der Universitätsbibliothek Frankfurt.

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© dpaDer Grund des Übels: Die Materialität von Büchern

Jahr für Jahr nutzen Tausende Studierende das Angebot der Frankfurter Universitätsbibliotheken. Nach Angaben der Universität waren es im Jahr 2016 genau 59.705 aktive Nutzer, sprich: Entleiher, und über zwei Millionen Bibliotheksbesuche. Und Jahr für Jahr machen die Studierenden unabhängig vom Fachbereich die Erfahrung, dass wichtige Bücher unauffindbar oder bereits lange ausgeliehen sind. Eine ärgerliche Angelegenheit: Da möchte man sich auf eine Klausur vorbereiten oder Recherche für die Hausarbeit betreiben und die Literatur scheint unerreichbar zu sein. Entliehen bis zum Sankt-Nimmerleinstag. Einfach verschwunden. Oder noch Schlimmeres.

Das Problem mit dem ominösen Bücherverschwinden kennt Heiner Schnelling, Direktor der Frankfurter Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg, natürlich. „Da ist eine bunte Vielfalt an Maßnahmen zu beobachten“, beschreibt er die kreativen Ideen der Studierenden, Literatur für mögliche Konkurrenten unzugänglich zu machen und für sich zu beanspruchen. „Es setzen sich gewisse Strategien durch, die wir natürlich nicht billigen können, gegen die wir aber auch wenig machen können.“ Das Phänomen ist weit verbreitet und betrifft wohl fast alle Bibliotheken. „Sobald Sie Bücher frei zugänglich aufstellen, machen die Nutzer die unterschiedlichsten Dinge damit. Wir können nicht jedem Benutzer einen Mitarbeiter zur Seite stellen, der aufpasst.“ Und so kommen einige Nutzer schon mal auf die Idee, die Seiten eines Buches herauszureißen.

Jeder will der Erste sein

Wie manche Menschen mit Büchern umgehen, ist ein Thema, das älter ist als die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern. Schon 1344 klagte Richard de Bury, ein englischer Priester, in seinem Buch „Philobiblon – oder: über die Liebe zu den Büchern“ über die damals gängige Ausleihpraxis und machte Beobachtungen, die einem nur allzu bekannt vorkommen. In Kapitel sechs beispielsweise findet sich eine Klage der Bücher selbst, die den Mangel an Respekt und Wertschätzung der Kleriker ihnen gegenüber anprangern. Es heißt dort: „Wir leiden an Krankheiten vielerlei Art; der Rücken schmerzt und die Brust; gebrochen und gelähmt liegen wir da, und niemand legt uns ein Pflaster auf. Unsere Haut war einst schneeweiß und durchsichtig; nun ist sie dunkel geworden oder so gelb, dass jeder Arzt von Gelbsucht reden würde.“ Zugegeben, im Mittelalter hatte man weniger Mittel, um Bücher fachgerecht zu lagern, und so waren auch andere Umstände Schuld an deren Verfall. Doch im Folgenden beschreiben die Bücher vor allem, wie sie an Orte gelangen, an denen sie ihrer wissensvermittelnden Bestimmung nach nichts zu suchen haben, selbst von Wirts- und Schlachthäusern ist die Rede. Können wir in de Burys Text den Ursprung des Gerüchts beobachten, dass neben den Jura-Studenten die Theologie-Studenten ihre ausgeliehenen Bücher am schlechtesten behandeln?

© dpaAuch so kann man mit Büchern umgehen: Handschrift Martin Luthers in der Staats- und Universitätsbibliothek Dresden

Die Machtlosigkeit der Bibliothekare und Bücherfreunde ist also ein alter Hut. Denn eine Kontrolle der Bücher bei Abgabe ist in großen Bibliotheken aus Zeitgründen nicht möglich, ebenso wenig wie eine tägliche oder wöchentliche Platzkontrolle – man stelle sich nur den Aufwand in einer durchschnittlichen Universitätsbibliothek in Deutschland vor. Und so müssen die Bibliotheksmitarbeiter still vor sich hin leiden angesichts des Erfindungsreichtums so manches Bibliotheksbenutzers, der sich von einem frei zugänglichen Buch einfach nicht trennen will. Da werden Bücher, die zuvor in Zeitungspapier verpackt wurden, hinter Heizungen versteckt oder im falschen Regal, Raum oder Stockwerk eingeordnet.

Schlimmer noch sind die Geschichten von geschwärzten oder herausgerissenen Seiten. Am wenigsten zimperlich sollen die Jura-Studenten sein, sagen die befragten Bibliotheksmitarbeiter. Bei ihnen nämlich werden, anders als bei den Geisteswissenschaftlern, zum Vorlesungsende feste Themen für Seminararbeiten verteilt, so dass immer mehrere Studierende am gleichen Sachverhalt arbeiten – wodurch wiederum ein Konkurrenzkampf entsteht, denn jeder will der Erste und Einzige sein, der eine bestimmte Information oder Quelle gefunden hat.

Magazin oder Semesterapparat?

Aus dem Fachbereich Rechtswissenschaften kommt auch diese sonderbare Kunde: Eine Studentin erzählt, dass dort einmal Studierende Käsescheiben in die Bücher gelegt haben, ganz offensichtlich, damit die Seiten verrotten und der Inhalt unlesbar wird. Der entstandene Schimmel war auch noch gesundheitsschädlich.

Aber kann man wirklich gar nichts gegen die Buchverstecker und -Verrotter tun? Kameras vielleicht? – Abgesehen vom Persönlichkeits- und Datenschutz bräuchte man zu viele. Und wäre nicht die Mehrfachanschaffung von Werken mit hoher Nachfrage, die auf sogenannten Rennerlisten zu finden sind, eine gute Idee? In gewissem Umfang geschieht das schon, bei weiteren Exemplaren kommt für Heiner Schnelling aber das Budget ins Spiel: „Ich wäre der glücklichste Mensch unter der Sonne, wenn das Bibliotheksbudget von 22 Millionen Euro nur für Literaturbeschaffung wäre.“

© dpaNachdenklich in der Bibliothek: Wie bekomme ich mein Buch?

Sollten die Bibliotheken zur Tradition des Büchermagazins zurückkehren? „Büchermagazin heißt ja, Sie bestellen ein Buch, Sie bekommen ein Buch und man weiß genau, Sie haben es, und nur sie haben es in der Zeit benutzt“, erklärt Schnelling. Diese Praxis favorisierte schon Richard de Bury. Er schlug vor, man solle Bücher grundsätzlich nur zur Einsichtnahme herausgeben; ein Ausleihen solle nur dann möglich sein, wenn das Buch doppelt vorhanden ist und nur streng gegen eine Kaution erfolgen, die höher ist als der Wert des Buches. „Aber das ist nicht das Bibliotheksbild und nicht die Art, wie heute in Bibliotheken gearbeitet wird“, sagt Heiner Schnelling, „ich fürchte, man ist da machtlos.“

Es gibt aber noch eine Alternative zum Büchermagazin: Semesterapparate. Dort könnte die temporär für viele Studenten wichtige Fachliteratur gesammelt werden, was zumindest verhindern würde, dass bei einer Anzahl von 30 oder 40 Studierenden, die am gleichen oder einem sehr ähnlichen Thema arbeiten, gerade Standardwerke schnell und lange vergriffen sind. Die Semesterapparate lägen aber nicht in der Verantwortung der Bibliothek, sagt Schnelling, sondern in der der Dozenten.

Es ist nicht der heilige Gral

Niemand hindert Dozenten daran, die Standard-Fachliteratur in den Bereichsbibliotheken für die Dauer eines Semesters in das dafür vorgesehene Regal zu stellen – den sogenannten Semesterapparat. Allein: Es geschieht kaum. Und das Verstecken oder Schwärzen wäre auch noch nicht ausgeschlossen.

Wer darauf verweist, dass heutzutage doch vieles digital verfügbar sei, unversteckbar, unschwärzbar, dem widerspricht Schnelling: Besonders die Geisteswissenschaften hätten im Gegensatz zur Medizin oder den Wirtschaftswissenschaften noch Nachholbedarf bei der digitalisierten Forschungsliteratur. Von den Kosten für die Lizenzen ganz zu schweigen.

© dpaHier gebietet „Herr Senckenberg“: Universitätsbibliothek der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt

Ganz so schlimm scheint es um die Bibliotheken insgesamt dann aber doch nicht zu stehen. Viele Mitarbeiter erklären, dass nur ein sehr kleiner Teil der Studenten die Bücher nicht ordnungsgemäß behandele oder sich nicht an die Benutzungsregeln der Bibliothek halte. Die häufigste „Todesursache“ eines Buchs sei immer noch die ständige Benutzung oder Altersschwäche. „Ein Buch ist ein Gebrauchsgegenstand, es ist nicht der heilige Gral“, sagt Schnelling.

Und neben den weniger lustigen Erlebnissen, von denen Bibliotheksmitarbeiter zu erzählen wissen, gibt es auch einige wirklich witzige Anekdoten. Da gibt es zum Beispiel die Briefe an Direktor Schnelling, die an „Herrn Senckenberg“ adressiert sind. Oder kleine Plastikfiguren, arrangiert auf Regalen oder Tischen – eine wirklich rätselhafte Geschichte. Ob die Arrangements die Nutzer der Bibliothek erheitern sollten? Als besonders pfiffig muss wohl die Idee gelten, dass Bibliotheksnutzer private Bücher in die Bibliotheksregale einordnen, um sie loszuwerden – oder ihnen eine bessere Heimstadt zu gewähren? Während die Bibliothek für Recht und Wirtschaft „Catwalk“ genannt wird (gemeint ist eine Galerie, die diese Assoziation hervorruft), wird der zweistöckige Lesesaal in der Bibliothek für Geisteswissenschaften als „Harry-Potter-Lesesaal“ bezeichnet.

Und wenn das dringend gebrauchte Buch dann doch – wie immer! – nicht da ist? Schnelling bemerkt dazu nur: „Wenn die Stulle runterfällt, dann immer mit der gebutterten Seite nach unten.“ Murphy’s Law eben. Hauptsache, die Käsestulle fällt nicht ins Buch.

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13 Lesermeinungen

  1. Fernleihe
    Es besteht ja auch noch die Möglichkeit, sich ein am Bibliotheksstandort nicht vorhandenes Buch über Fernleihe von einer anderen Bibliothek zu beschaffen – wo es vielleicht nicht so stark nachgefragt ist, weil dort für die Seminararbeiten andere Themen gestellt werden.

    • Re.Fernleihe
      Eine Bestellung aus einer anderen Bibliothek setzt jedoch voraus, dass es am eigene Standort, streng genommen in der eigenen Stadt, nicht vorhanden ist (§1 Leihverkehrsordnung (LVO)).
      Meist hilft hier nur der Vorschlag, weitere Exemplare über die Bibliothek anzuschaffen.

  2. 3. Revolution wird das Problem beenden
    Die 2. grosse Revolution im Buchdruck nach der Erfindung der beweglichen Lettern – die uebrigens lange vor Gutenberg in China stattfand! – war die Xerox-Machine. Spaetestens seit den 80er Jahren ist es einfach und guenstig – wenn auch nicht immer rechtlich einwandfrei – sich wichtige Stellen und Artikel oder sogar ganze Buecher zu kopieren und damit das Buch fuer Andere „freizugeben.“ Die 3. grosse Revolution ist die Digitalisierung. Dann gibt es keinen Streit mehr ueber vielverlangte Buecher. In gewisser Weise ist dieser Artikel wie ein Nachruf auf die Probleme einer Zeit, die bald vergangen sein wird.

  3. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen...
    …dass der, der sich an die Regeln in einer Uni-Bib. hält, immer der Dumme ist. Und zwar so lange, bis er ebenfalls anfängt sich nicht mehr an die offiziellen Regeln zu halten. MfG C. B. Haas

  4. Wo liegen die wichtigsten Bücher der Bibliothek?
    In den Büros der Professoren und wissenschaftlichen Mitarbeiter.

    • Das ist leider
      tatsächlich hin und wieder der Fall und ein echtes Ärgernis. Diese „Handapparate“ sollten viel stärker beschränkt werden, gerade ein Professor sollte sich auch das eine oder das andere Buch kaufen können…

    • Titel eingeben
      Wobei meine Erfahrung war, dass die Bib-Mitarbeiter einem auch gesagt haben, welcher Prof/Mitarbeiter das Buch hat. Wenn man dort gefragt hat, hat man es oft unproblematisch bekommen oder es wurde eine andere Lösung gefunden

  5. Gratismentalität
    Gerade klausurrelevante Bücher sind Standardwerke, die ein Student eigentlich selbst haben sollte. Das Jammern ist ein Auswuchs der Gratismentalität. Der Staat muss alles bereitstellen und jedes Problem lösen.

  6. Titel eingeben
    An der Universität Enschede konnte ich an einem fixen Computer von jedem Buch eine digitale Kopie einsehen. Es war nicht möglich es herunter zu laden aber ich konnte es immerhin lesen und gegen eine Gebühr Seiten ausdrucken.

    Läuft doch?! Oder?

  7. Alte Kamellen
    Das Problem gäbe es nicht, wenn die Digitalisierung fortschreiten würde und das Urheberrecht entsprechend angepasst wird.

  8. Titel eingeben
    Das einzig traurige daran ist, das wir im digitalen Zeitalter leben und dieser jahrhundertalten Praxis eigentlich eine einzige Loesung entgegensetzen koennten…

  9. Hübsche Story!
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