Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Warum ist denn noch keiner da?

| 10 Lesermeinungen

Heutzutage kommt fast jeder zu spät. Jetzt zahlt sich aus, dass Universitäten schon vor 400 Jahren das akademische Viertel eingeführt haben – eine bahnbrechende Regelung, findet unsere Autorin.

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Pünktlichkeit ist eine Tugend, der scheinbar ein ähnliches Schicksal wie den Dinosauriern beschert ist. In den südlichen Ländern als typisch deutsche Eigenart deklariert, existieren dort weder genaue Abfahrtspläne für Verkehrsmittel, noch strikte Einhaltungen für Öffnungszeiten. Heute behaupten viele, wer pünktlich ist, sei pedantisch, verbohrt und könne grundsätzlich nicht locker bleiben. So, als sei Pünktlichkeit etwas Antiquiertes, komme einer Unterwerfung und Einschränken der eigenen Freiheit gleich, zu spießig, um wirklich cool zu sein.

Jenseits der Alpen wird man oft belächelt, will man eine bestimmte Zeit einhalten oder sich mit Leuten um 13:40 Uhr verabreden. In Lateinamerika gilt immer noch als pünktlich, wer mit einer Stunde Versäumnis zu einer Verabredung erscheint. Gerade Studenten, die nach ihrem Erasmusjahr aus Südamerika, Spanien oder Italien zurückkehren, kommen mit Anekdoten und Weisheiten à la „in Sevilla waren alle viel entspannter, da wurde nicht so’n Stress gemacht, wenn man mal zehn Minuten später kam“ oder „in Rom ist niemand pünktlich, reg dich nicht so auf!“ daher.

Schön für die Römer, ich rege mich aber auf. Und ich war auch in Italien und kam mit der zeitlichen Unverbindlichkeit überhaupt nicht zurecht. Ich verstehe nämlich nicht, warum man dann nicht von Vornherein einen Zeitpunkt ausmachen kann, der später liegt und den jeder problemlos schaffen kann, ohne sich zu stressen.

Im Übrigen bin ich gerne pünktlich, bin immer lieber fünf Minuten eher da, als gehetzt oder zu spät zu kommen. Ich schaue mir die Fahrpläne der öffentlichen Verkehrsmittel an oder die Wege im Navi, bevor ich Zeitangaben oder Termine mache. Damit bin ich in meinem Freundeskreis ziemlich allein, wahrscheinlich habe ich deshalb auch mit dem Rauchen angefangen – irgendwie muss man ja die Wartezeiten überbrücken bis die anderen gemächlich eintrudeln.

Die magische Viertelstunde

Immerhin habe ich durch jahrelange Erfahrung gelernt, wie viel Zeit ich bei den jeweiligen Freunden zum Treffpunkt addieren muss. Spitzenreiterin ist Freundin N. aus Berlin, dicht gefolgt von J. aus Hamburg. Da kann selbst ich erst eine Viertelstunde später losfahren als vorher berechnet, denn diese Freundinnen kommen grundsätzlich mindestens 25 Minuten später. Einige der Dresdner Freunde brauchen lediglich zehn Minuten länger, das ist ja schon fast normal. Mir helfen meine empirischen Daten, um mich auf die Wartezeit einzustellen. Weiß ich, wie lange ich ausharren muss oder wie viel später ich selbst losfahren kann, ist die Zeit bis zum Erscheinen der Person eigentlich ganz angenehm – vorausgesetzt es sind nicht Stunden. Man kann sich vorher je nach Anlass sammeln und Argumente zurechtlegen oder sich auf das Treffen freuen und die besten Geschichten parat haben. Weiß ich allerdings nicht, wie lange ich warten muss, macht mich die Ungewissheit ganz kirre. Dann könnten es ja wirklich Stunden sein.

Die Uni hat mein Problem erkannt und bereits vor mehr als 400 Jahren das akademische Viertel eingeführt – eine bahnbrechende Regelung, wie ich finde. Wem das nichts sagt, das ist die Viertelstunde, die üblicherweise bei universitären Veranstaltungen später begonnen und früher aufgehört wird, wenn hinter der Uhrzeit ein c.t. steht. Da ist Latein, steht für „cum tempore“ und bedeutet wörtlich übersetzt „mit Zeit“. Stehen hinter der Uhrzeit die Buchstaben s.t. („sine tempore“, also „ohne Zeit“) beginnt die Sitzung zur angegebenen Zeit. Dank des akademischen Viertels findet man in den Veranstaltungen Studenten, abgestuft nach persönlichen Pünktlichkeitsvorlieben. Bereits Punkt 11 Uhr im Hörsaal sitzen vorzugsweise Rentner, Gasthörer, ausländische Studenten, die nicht aus Spanien oder Italien kommen und die c.t./s.t.-Regelung nicht kennen, und ich. Meine Freunde und der Großteil der anderen Teilnehmer trudeln erst kurz vorm Ende der Viertelstunde ein. Freundin J. kommt natürlich erst fünf Minuten später dazu.

Früher diente das akademische Viertel als Zeit zur Rekapitulation des vorangegangenen Lehrstoffes und zum Raum- und Ortswechsel, heute wird es zum Suchen des optimalen Platzes zwischen den Freunden, zum Beenden des Mittagsschlafs oder zum aktuellen Tratsch-Austausch genutzt. Ich nutzte es oft, um vereinzelt Menschen wie mich zu entdecken. Studenten, die geduldig eine Viertelstunde lang Sitzplätze für ihre Kommilitonen freihalten, sie tapfer gegen Gasthörer verteidigen und trotzdem nicht unglücklich werden, weil sie wissen, länger als eine Viertelstunde müssen sie nicht warten. Ein schönes Bonmot lautet „Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“. (Die Zeiten, in denen man noch in den Seminarräumen rauchen durfte, müssen ein Traum für Wartende wie mich gewesen sein.)

Leider halten sich nicht alle Universitäten an diese Regelung. An der TU Dresden beispielsweise gibt es kein akademisches Viertel. Dort beginnen die DS (Doppelstunden) zu Zeiten, die ebenso willkürlich scheinen wie die heutigen Stundenbeginne in den Schulen. Vorbei die Zeiten, wo die erste Stunde für alle 8 Uhr begann, heute ist von 7:10 bis 8:20 alles möglich. Ähnlich ist es auch an der TUD. Die erste DS beginnt dort um 7:30 und geht bis 9 Uhr, die dritte startet 11:10 und die fünfte gar 14:50 Uhr. In ihrer Gesamtheit ergeben die Zahlen durchaus Sinn, nach jeder DS gibt es zwanzig Minuten Pause. Doch wie bitte merkt man sich als Anfangszeit 16:40 Uhr? Ich habe es am eigenen Leib erfahren, auch nach vier Jahren Studium dort musste ich die Anfangszeiten immer neu nachschauen. Und zu mehr Pünktlichkeit bei den Studenten haben die festen Zeiten leider auch nicht geführt, viel eher zu mehr Verwirrung. Ganz zu schweigen von meinem persönlichen Dilemma, dass ich wieder nicht wusste, wie lange ich auf meine neuen Freunde warten musste.


10 Lesermeinungen

  1. Piefkinesisches Gedöns
    Dieses überflüssige ewige Gedöns von der deutschen Pünktlichkeit kann einem schon auf die Nerven gehen. Meine Liebe, wenn die Leute nicht zusammenkommen, kann die Welt nicht funktionieren.
    Könnte es sein, dass manche denken, dieses Pünktlichsein wäre etwas Besonderes? Ist es nämlich meiner Meinung nach nicht, nur die Deutschen halten es für etwas Besonderes, etwas, was sie besser macht und ihre Überlegenheit beweist. Aber in allen Industrieländern ist man pünktlich, und wo anders ist es selbstverständlich. Aber gern fallen einem ja die Ausnahmen ein, und nicht die Fälle, in welchen Termine eingehalten wurden.

  2. Es geht nichts über Pünktlichkeit
    Ich versuche selbst immer pünktlich zu sein und ärgere mich tierisch, wenn ich es nicht schaffe, weil ich im Stau stehe oder der Gleichen, obwohl ich immer mehr Zeit dafür einrechne und meist 10 min bis eine halbe Stunde eher da bin, als verabredet.
    Ich habe auch nichts dagegen, wenn man später kommt, aber dann bitte vorher Bescheid geben, dass man es nicht pünktlich schafft. Ein kurzer Anruf genügt da schon und man weiß ungefähr wie lange man noch warten muss. Aber warten ohne zu wissen wie lange man warten muss… das ist für mich sehr kräf­te­rau­bend und ermüdend um es freundlich auszudrücken. Außerdem stört es Beispielsweise bei einer Vorlesung in der Uni wenn immer wieder „Zu-Spät-Kommer“ nach und nach eintrudeln und der Prof jedes Mal unterbrechen muss (wenn es nicht gerade ein großer Hörsaal ist)

  3. In Amerika hat das Viertel nur zehn Minuten
    Aber 10 Minuten reichen oft nicht aus. Auf dem weitläufigen Campus der University of Toronto brauchen die Studenten bei Eis und Schnee oft mehr als 10 Minuten von einer Vorlesung zur anderen.

  4. Die Höflichkeit der Könige
    Wem bereits die südeuropäische Form der „Unpünktlichkeit“ große Worte zu entlocken vermag, der sollte sich unbedingt mal eine Reise auf die Philippinen gönnen.
    Dort wird man zur zeitlichen Toleranz erzogen, und zwar im ganzen Land oder vielmehr Inselstaat.
    Dort bekommt das im Deutschen humorig verstandene Sprichwort: „Komm‘ ich heut‘ nicht, komm ich morgen“ plötzlich einen ungeahnten Realitäts- und Wahrheitsgehalt. Da sind 20 bis 60 südeuropäische Mußeminütchen noch nicht einmal ein Tröpfelein auf den heißen Wartestein.

    Der Versuch, schnell eine Briefmarke in einer Hauptpost einer größeren Stadt auf den Philippinen zu kaufen, wird schnell zum halbtagesfüllenden Programm.
    Der Mensch hinter dem Schalter macht keinerlei Anstalten, sich um die in der Schlange stehenden Menschen vor ihm zu kümmern. Er redet mit anderen Angestellten, isst etwas oder liest gerne, aber um die Menschen vor sich kümmert er sich eher selten. Das hat etwas mit Arbeit zu tun, und schließlich wurde man geboren, um zu leben!
    Dadurch, dass alle Menschen dort ähnlich denken und empfinden und es wie selbstverständlich gewohnt sind, nimmt man es sehr gelassen und entwickelt entsprechende Lebensfreude und Humor.
    Man lernt beim Briefmarkenkauf ungeahnt viele Menschen kennen, kann problemlos seinen Platz in der Schlange verlassen, Essen gehen und dann wiederkommen, man erhält den gleichen Platz zurück oder wird anderweitig getröstet. Warten kann auch ungeahnt schön sein.

    Wenn sie zu einer Einladung auf den Philippinen selbst in vornehmsten Häusern pünktlich erscheinen, brüskieren Sie ihren Gastgeber. Man ist noch nicht so weit, wird man ihnen zu verstehen geben, der Koch kommt wahrscheinlich heute noch. Dann muss man eben warten. Vielleicht geht man aber auch mit Ihnen in ein Restaurant oder besucht dann doch lieber erst ein Museum. Erwarten Sie besser keine genaue Planung, diese wird stets neue Ideen hervorrufen, sodass alles Geplante wieder neu geplant werden muss.

    Ich bin übrigens Dank preußischer Erziehung stets pünktlich, wenn es irgendwie geht. Aber manchmal ist das Leben für Benutzer des ÖPNV nicht immer leicht, auch wenn man bereits den berühmten Zug vorher nimmt.

    Nach einem Urlaub auf den Philippinen ist man tiefenentspannt und wundert sich über die vielen hektischen und gestressten Deutschen. Glauben Sie mir, Südeuropa ist da gar nichts!

    Dennoch ist das akademische Viertel eine schöne Erfindung und lädt höflich zur Pünktlichkeit ein.

  5. Welchen Nachteil hat Pünklichkeit?
    Sind Südländer wirklich genau deshalb so viel lockerer und cooler drauf, WEIL sie unpünktlich sind? Nach der Melodie „cum hoc, ergo propter hoc“? Erscheint mir eher wie der Ausgleichsversuch der kognitiven Dissonanz permanent unpünktlicher/unzuverlässiger Leute: „Ich bin zwar notorisch unpünktlich, was schon ziemlich an meinem Gewissen nagt, denn irgendwie unhöflich ist es ja schon. Aber meine Unpünklichkeit macht mich dafür ja auch um Längen lockerer und cooler.“ Eine nach meiner Einschätzung eher fragwürdige Einstellung. Vielleicht hat mich ja auch der „normale“ Stundenplan der TU Braunschweig der späten 80er Jahre (ohne c.t und s.t.) entsprechend geprägt. Aber weshalb sollte ein c.t.-Beginn auf einmal alle Teilnehmer zur Pünktlichkeit um Viertel nach erziehen? Entbehrt nicht einer gewissen Unlogik. Anyway, der Autorin wünsche ich herzlichst, daß sie ihre Nikotinsucht trotz gelegentlicher Wartezeiten irgendwann überwinden möge.

  6. Enfache Loesung
    Ein Seminar wird fuer 3 Uhr angekuendigt, los geht’s um viertel nach 3. Das heisst aber auch, dass der Professor um 3 Uhr da ist, seine Arbeitsblaetter aussortiert, seine Powerpoint Presentation installiert, ein paar Worte mit Assistenten und Studenten wechselt, sich noch schnell einen Kaffee holt, und dann um 3:15 „puenktlich“anfaengt.
    Ich kuendige meine Lehrerseminare in New York fuer 8:10 an (der offizielle Schulbeginn der meisten public schools,) und beginne gegen 8:25 (mit dem obligatorischen Kaffee-Pappbecher. Late-comer spueren dann schon, dass da jemand nicht zuverlaessig war… (Jaja, deutscher Lehrer in New York…)

  7. Unpünktlichkeit
    Ich kann mutwillige Unpünktlichkeit auch nicht verstehen und auch nicht, was daran so lässig sein soll. Nicht tagsüber. Wenn jemand auf einer abendlichen Party erst nach Mitternacht erscheinen möchte – bitte sehr. Ich finde es respektlos, wenn man jemand anderen irgendwo warten lässt, man trifft sich ja selten zu Hause. Komisch, dass etwas Negatives zu etwas Positivem umgemünzt wird. Man ist doch kein Prinzipienreiter, nur, weil man seinen Mitmenschen nicht die Zeit stiehlt. Es ist auch nicht entspannter. Sind die Römer und Südamerikaner entspannter, wenn sie irgendwo 50 Minuten auf jemanden warten? Etwas zu spät kommen, finde ich ok. Oder, man verabredet sich ungefähr und telefoniert sich dann zusammen. Das finde ich aber letztlich fast stressiger, so auf Abruf zu sein.

  8. Bei uns gab es nichts...
    da unsere Professoren für die erste Stunde (Chemie uns im nächsten Jahr Anatomie) um sieben die Tür verschlossen. Wer nicht da war hatte Pech gehabt, verbunden mit Abzügen an den Noten. Allerdings war das am Anfange the Sechziger Jahre als noch nicht jeder „alles“ werden konnte.

  9. Morgens gibt's sogar die akademische halbe ...
    Stunde, weil weder Prof. noch Studenten Lust haben so früh aufzustehen, dass sie um 8 Uhr im Hörsaal sind. Kommt man allerdings mit dem Auto, nützt es auch nichts. Wegen des Berufsverkehrs muss man Puffer einkalkulieren (zumal wenn man VOR der Vorlesung die Übungsaufgaben abgeben muss – der elektronischen Datenverkehr hat an der Uni anscheinend wenige Freunde und noch weniger Organisatoren) und ist dann meistens trotzdem vor 8 Uhr da. Gut, dass wenigstens die Cafeteria um 8 Uhr öffnet.

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