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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Warum teure Sprachzertifikate an Unis?

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Zu den größten Nutznießern der Bachelor-Master-Umstellung gehören Sprachtestanbieter wie Toefl. Dabei könnten die teuren Zertifikate vermieden werden – wenn die Hochschulen mitspielten. Aber wollen sie das überhaupt?

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0132376b© F.A.Z., Wolfgang EilmesBüffeln für Toefl und Co.

Do you speak English? Beim Run auf die knappen Masterplätze sind elaborierte Fremdsprachenkenntnisse längst nicht mehr belangloser Lebenslaufdekor, sondern obligatorische Studienvoraussetzung. Weil im global vernetzten Wissenschaftsdorf Sprachbarrieren stören, wird dem akademischen Nachwuchs heute so viel Völkerverständigungs-Kompetenz abverlangt wie nie zuvor. Soweit, so plausibel. Doch die Master-Vergabestellen zahlreicher Hochschulen begnügen sich nicht mit der Fremdsprachenexpertise aus acht oder neun Jahren Gymnasium, mehrmonatigen Auslandsaufenthalten oder Sprachkursen im Bachelorstudium. Sie fordern darüber hinaus den Nachweis von Zertifikaten, deren umständliche Namen auch gut ins Schraubensortiment eines Baumarkts passen würden: Toeic, Alte, Ielts und, allen voran, Toefl.

Das mutet ganz schön grotesk an: Sogar wer nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in Neuseeland drei Jahre lang ein deutsch-englisches Bachelorfach studiert hat, in das er ein irisches Erasmus-Semester oder ein Auslandspraktikum bei einer Londoner Bank integriert hat, muss womöglich für ein Englischzertifikat ins Testzentrum nach Paderborn oder Frankfurt-Eschborn. Drängt im Bewerbungsfenster die Zeit und ist für die Prüfung am Wohnort kein Platz mehr frei, kann sogar noch eine kleine Odyssee durch die Republik hinzukommen. Der studentische Geldbeutel beim Marktführer Toefl wird dabei allein schon bei der Anmeldung zum Test um stolze 245 Dollar (umgerechnet etwa 220 Euro) erleichtert. Keine Summe, die ein normaler Student mal eben locker machen kann. Und jene Bewerber, die knapp an der Zielmarke vorbeigeschrammt sind, werden nach der Wiederholungsprüfung am Ende gar mehr als 400 Euro in ein zwei Jahre gültiges Sprachzertifikat investiert haben, bei dem schon die Testsoftware im antiquierten Windows-95-Modus die Frage aufwirft, was ein Unternehmen wie Toefl eigentlich mit dem ganzen Geld anstellt.

Warum prüfen die Hochschulen nicht selbst?

Dabei ist den Zertifikatagenturen, so viel Groll sie bei Studenten auch hervorrufen, eigentlich nur begrenzt ein Vorwurf zu machen. Nutzen sie nicht in klassischer Monopolistenmanier einfach nur jene Spielräume, die ihnen deutsche Hochschulen, welche gute Fremdsprachenkenntnisse von ihren Masterbewerbern fordern, gewähren?

Die Häufigkeit, mit der Universitäten inzwischen Sprachzertifikate fordern, ist frappierend. Zwar betrifft die Pflicht zum Zertifikat zahlenmäßig nicht allzu viele der 270 Masterprogramme an den drei studentenstärksten deutschen Volluniversitäten – in Köln und Frankfurt sind es zwölf, in München vierzehn Prozent der Masterstudiengänge, die nur Ausnahmefälle wie Muttersprachler oder Absolventen englischsprachiger Bachelorprogramme vom Sprachtest befreien. Legt man jedoch die Bewerberzahl an, ändert sich das Bild, und das liegt nicht nur an dem großen Zustrom bei den wirtschaftswissenschaftlichen Fächern, bei denen man einen Hang zum Zertifizieren am ehesten unterstellen würde. Den Sprachtest als Zulassungsvoraussetzung findet man auch in  naturwissenschaftlichen Disziplinen wie Physik (Köln) oder Paläobiologie (München), und selbst bei der Linguistik (Frankfurt) oder in der Philosophie der Wissenschaft (München). Gäbe es hier wirklich keine Alternative zu Toefl & Co.?

Die Fakultät für Betriebswirtschaftslehre an der Münchner LMU jedenfalls sieht keine. Die Zertifikatagenturen seien „gute Indikatoren für das Sprachniveau“ und gälten „gemeinhin als zuverlässig“, teilt man dort auf Nachfrage mit. Sie „gewährleisten internationale Vergleichbarkeit“, die angesichts der unterschiedlichen Herkunftsländer der Bewerber für den BWL-Master wichtig sei. Die Fakultät selbst hingegen verfüge „weder über die Kapazität, noch die Kompetenz, Sprachtests durchzuführen“. Sogenannte C-Tests hingegen, die von einigen Hochschulen zur Einstufung bei uni-internen Sprachkursen angeboten werden, seien hinsichtlich „Reliabilität und Validität nicht unumstritten“. Warum aber genügen dann in den nicht minder international ausgerichteten, fachlich identischen Masterstudiengängen Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt und Business Administration in Köln englischsprachige Bachelorveranstaltungen bzw. englischer Oberstufenunterricht – und es bedarf keines Zertifikats? Entledigen sich die Fachbereiche mancher Hochschulen nicht etwas zu leichtfertig der Herausforderung, selbst die Überprüfung der Zulassungsanforderungen in die Hand zu nehmen?

Die Kosten werden vollständig auf die Studenten abgewälzt

Unsicherheit wird am Institut für Zellbiologie und Neurowissenschaft der Universität Frankfurt deutlich, das von Bewerbern für den Masterstudiengang Physical Biology of Cells and Cell Interactions ebenfalls ein Sprachzertifikat verlangt. Man wolle sich, da die Erfahrungswerte stark variierten, was die Qualität neunjährigen Englischunterrichts anbelangt, eine eigene Beurteilung von Sprachkenntnissen nicht anmaßen, heißt es. Mit Toefl hingegen ließe sich auf Nummer sicher gehen. Kurzum: Die Forderung nach zertifizierten Fremdsprachkenntnissen wäre weniger der Bequemlichkeit der Master-Vergabestellen geschuldet als vielmehr einem Mangel an allgemeingültiger Verlässlichkeit.

Englischunterricht in den Schulen - was zählt er noch?© dpaEnglischunterricht in den Schulen – was zählt er noch?

Gleich, welcher Grund nun überwiegt und nur am Rande erwähnt, dass man in neun Jahren weiterführendem Schulunterricht offenbar nur noch eine Qualifikation erwirbt, die zu nichts mehr qualifiziert – für viele Studenten, die sich auf Masterplätze bewerben, stellt sich die derzeitige Situation als überaus unbefriedigend dar. Die Hochschulen stellen bei den Fremdsprachenkenntnissen Anforderungen, deren Überprüfung sie an private Firmen auslagern und deren dabei entstehende Kosten – und nichts spräche gegen eine Kostenbeteiligung von Seiten der Bewerber im zweistelligen Bereich – vollständig auf die Studenten abgewälzt werden. Dabei kann niemand behaupten, zu Toefl & Co. gäbe es keine Alternativen. Hat sich in der Welt der Sprachtests doch zum Beispiel mit Unicert ein Programm etabliert, das an den daran teilnehmenden deutschen Hochschulen Sprachkurs und Zertifikaterwerb auf sinnvolle Weise verbindet. Dafür fallen in der Regel nur Verwaltungsgebühren an. Im letzten Erhebungszeitraum wurden schon 6000 Zertifikate erworben, 2500 davon in Englisch, und Hochschulen wie die Universitäten Passau oder Darmstadt akzeptieren sie zunehmend auch bei den Master-Bewerbungen als Nachweis. Ließe sich auf Modellen wie diesen nicht deutschlandweit aufbauen?

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14 Lesermeinungen

  1. Tests beurteilen
    Wer über Sprachtest redet, muss sich folgende Fragen stellen bzw. Folgendes wissen:
    1.) Wozu und für wen brauche ich den sog. Nachweis meines „Sprachstandes“ in der Sprache X? (z.B. für das Studium an einer amerikanischen oder französischen Universität? Oder „nur“ für einen Nachweis gegenüber der deutschen Uni zu meinen Englisch- oder Französischkenntnissen?
    2.) Wenn Tests über die Möglichkeit entscheiden, ein Studium aufzunehmen oder weiterzuführen, müssen sie „fair“ und in jedem Falle „valide“ sein. Benötigt werden also getestete Tests (.d.h. solche, die in Frankfurt oder Köln für dasselbe Testergebnis innerhalb einer hinreichend großen Population dieselben Bewertungen erbringen). Die Herstellung solcher Tests ist langwierig und kostspielig. Soweit ich weiß, verfügen die Unis noch nicht über einen sog. (getesteten) „Ankertest“, auf dessen Grundlage weitere valide Tests leicht und kostengünstig erstellt werden können.
    3.) Tests sollten genau und nur das Testen, was sie zu testen vorgeben. So kann man nicht Hörverstehen einfach über das Schreiben (Nacherzählen) in der Fremdsprache prüfen. Benötigt wird also geschultes Personal.
    4.) UNIcert ist ein gangbarer Weg zu fairem Testen. Nur: In den USA zählt er nicht. Wichtig ist: Welche testende Institution ist kreditiert, einen Test durchzuführen, nach welchen Maßstäben, mit welcher Zertifikat, durch wen, wo wird das Zertifikat anerkannt?
    In den letzten Jahren ist das Wissen um Tests in der Sprachlehrerschaft gewachsen. Aber es bleibt noch viel zu tun. Unterm Strich ist „faires und kompetentes Testen“, und zwar nach internationalen Maßstäben, gefragt.

    Prof. Dr. F.-J. Meißner
    Mitglied des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen
    an der Humboldt-Universität zu Berlin
    (2007-2015)

  2. Scheinstudium
    Ich schließe mich meinen Vorkommentatoren an – eine Ausweitung der Studienanforderungen durch Bescheinigungen und Zertifikate schafft zwar Arbeit (nicht nur für die Testanbieter, sondern auch für Bürokraten und Papierhersteller), aber geht am (bisherigen?) Verständnis von Studium vorbei. Der Verdacht liegt tatsächlich nahe, daß man auf diese Weise lediglich ein neues Siebkriterium einführen möchte, möglichst ohne eigenen Aufwand. Teilweise mag es auch am Prokrustesbett der aktuellen Studienordnungen liegen – früher bekam man halt für ein Seminarthema z.B.ausschließlich englische Fachliteratur als Quelle und mußte mit oder ohne Sprachtest sehen, wie man damit zurechtkam. Wenn man dabei festgestellt hätte, daß man nichts verstand, mußte man halt entweder die Sprachkenntnisse vertiefen (wieder ohne Test!) oder eventuell umsatteln.
    Laut Wikipedia hat übrigens die Uni Hamburg den TOEFL als Zugangsvoraussetzung im Jahr 2012 abgeschafft – für das Studium der Anglistik (!) – und die Erfahrungen damit seien „durchweg positiv“.

  3. UNICERT muss allgemein anerkannt werden
    Dieser Artikel spricht mir aus dem Herzen! Ich bin nämlich momentan genau in der vom Autor geschilderten Situation: Bestnoten in Englisch und Spanisch im Abiturzeugnis, mehrere Auslandsaufenthalte in den USA, Spanien und Südamerika (mit Studium in der Landessprache), ein UNICERT III Zertifikat…. trotzdem benötige ich private Zertifikate für beide Sprachen, um mich für einen Masterplatz im Tourismusbereich bewerben zu können. Insgesamt kommen dafür über 500€(!) auf mich zu. Wenn wenigstens alle Unis UNICERT anerkennen würden, wäre schon vielen Studenten geholfen. Aber bei der Studienberatung hieß es schon zu Beginn meines Bacherlorstudiums, UNICERT sei ein „wertloses Zertifikat“, dass gewissermaßen nur uniintern zu Sprachkursen höheren Levels qualifiziere.

  4. Der Wahnsinn nimmt kein Ende
    Als ehemaliger Student der Rechtswissenschaften in Bayern kann ich berichten, dass die Zulassung zur 1. Juristischen Staatsprüfung (früher 1. Staatsexamen) einen Sprachschein voraussetzt, den man aber an der Universität erwerben kann. Einige Dozenten dieses Bereiches waren zwar leicht abgedreht und nahmen sich zu wichtig, sodass es im Sprachbereich teils höhere Durchfallquoten gab als bei fachlichen Prüfungen, aber gut. Aber die Universitäten sind überwiegend selbst in der Lage ihre Sprachkurse anzubieten, ein Rückgriff auf private Anbieter ist nicht notwendig. Die Notwendigkeit des Sprachnachweises erschließt sich aber nicht, andere Qualifikationen wären wichtiger.

    Viel interessanter ist da schon Erasmus. Unsere Studenten mussten mehrere Sprachscheine machen, um einen Erasmusaufenthalt genehmigt zu bekommen. Wenn man dann mit Erasmusstudenten aus anderen Ländern zutun hatte, stellt man fest, dass die keinerlei Sprachanforderungen hatten, weder an die Sprache des Landes für den Aufenthalt noch an Englisch. Bedenkt man, dass es ein einheitliches System in Europa sein sollte, erscheint dies doch leicht merkwürdig.
    Deutschland schießt vielfach über das Ziel hinaus.

    Das man in die Sprachvermittlung an den Schulen kein Vertrauen hat, ist verständlich, an den Universität werden immerhin die dafür vorgesehenen Lehrer ausgebildet. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Mehrheit meiner Englischlehrer fehl am Platz war. Und es zeigt sich auch vermehrt, dass die Schulen bei der Vermittlung der deutschen Sprache kläglich scheiteren.

    Im Endeffekt sind die Universitäten selbst Schuld, sie bilden ihre Lehramtsstudenten zu schlecht aus und die Schulen sind in der Sprachausbildung nicht auf einem guten Stand. Würde man die schulische Ausbildung und die Lehrerausbildung reformieren, könnte man auf die privaten Nachweise mehr als nur verzichten.

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