Blogseminar

Nerdalarm: Was verraten die Trommeln der Schamanen?

Der Ethnologe Michael Oppitz kann jede Schamanentrommel Asiens und Europas bis auf 15 Kilometer genau ihrem Herkunftsort zuordnen. Ein Gespräch über lebende Trommeln, die Wiederkehr der Toten und heilsames Entertainment. Auftakt der Interview-Serie „Nerdalarm“.

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© Michael OppitzMichael Oppitz im Gespräch mit dem Schamanen Bal Bahadur – das Foto von 1984 schoss ein Dorfbewohner

F.A.Z.: Sie haben sieben Jahre lang in Nepal gelebt – sind Sie jemals von einem Schamanen behandelt oder geheilt worden?

Michael Oppitz: Ja, ich bin einmal behandelt worden, mir fehlte aber nicht viel. Im Grunde wollte ich nur einen Gesang hören, den ich vorher noch nicht auf Tonband hatte aufnehmen können. Ich wusste, dass dieser Gesang eventuell kommen würde, wenn ich sagte: Ich habe die und die Bauchschmerzen. Und tatsächlich kam er dann auch.

Wie kamen Sie zu den Magar in West-Nepal, woher wussten Sie, dass Sie ausgerechnet dorthin wollten?

Ich wollte eine ethnographische Untersuchung im Himalaya machen, nicht bei den Sherpa, bei denen ich schon 1965 gewesen war, und auch nicht bei einer tibetischen Gruppe, sondern bei einem der alten Völker des Himalaya. Ich bin dann einfach zu Fuß rumgereist, bis ich von einem Linguisten, der bei den Magar gewesen war, ein Geschichte hörte, die mich sofort faszinierte. Er erzählte mir von Heilern, die nachts im Ritual und in Trance gelegentlich das glühende Dreibein auf dem Feuer mit den Händen packten und in den engen Raum, gefüllt mit Menschen, schleuderten. Das fand ich eine irre Geschichte, das wollte ich sehen. Man musste acht oder neun Tage gehen, um dahin zu kommen, es ist weit abgelegen, es gab keine Straße, keine Piste, nichts. Das habe ich auch gerne gemacht. Dieses langsame Herangehen ist eine besondere Art der Vorbereitung, man übt sich total physisch und stimmungsmäßig ein. Man bekommt die Pflanzenwelt mit, die Tierwelt, man lernt verschiedene Völker kennen, man weiß, wie es da riecht. Man spürt den ungeheuren lokalen Reichtum. Ich bin dann bei den Magar angekommen und merkte sofort: Das ist der richtige Ort.

© Michael OppitzDer Schamane Bedh Bahadur mit herzförmiger, Lata mit runder Trommel

In welchen Fällen riefen die Magar nach ihren Schamanen? Hätte es eigentlich auch Krankenhäuser als Alternative gegeben?

Krankenhäuser gab es nicht in der Gegend. Die westliche Medizin war den Magar bekannt, besonders in Form von Medikamenten, weniger von Operationen. Die Menschen dort sehen die westliche Medizin aber nicht als Konkurrenz an, auch die Schamanen übrigens nicht. Einer sagte mir mal: Wir sind froh, wenn die westliche Medizin kommt, aber wir machen natürlich weiter. Im Grunde überschneiden sich diese beiden Arten des Umgangs mit Krankheit nicht. Bei den Schamanen geht es auch um Unheil, Depression, alles, was dazu führt, dass die Menschen nicht glücklich sind, weil sie Angst haben. Die aufgeklärte westliche Medizin auf der anderen Seite ist stark gegen die  Glaubensheilung angetreten, besonders in Sibirien und in Südamerika. Da hieß es: Das ist Quacksalberei.

Schamanen, männliche wie weibliche, sprechen über ihr Selbstbild – Ausschnitt aus Michael Opitz‘ Film „Schamanen im Blinden Land“

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Welche Heilungen haben Sie persönlich miterlebt?

Die unterschiedlichsten. Sehr oft ging es um Depression. Bei allen Fällen, bei denen es um psychische Ursachen von physischem Leid ging, verzeichnet diese Praxis aus meiner Sicht große Erfolge. Das Gemeinschaftserlebnis „Ritual“ spielt hierbei eine große Rolle. Auch die Tatsache, dass sich Schamanen teilweise zwei bis drei Tage ganz einem Menschen widmen und dass die Patientenfamilie tief in die Tasche greifen muss, trägt zur Heilung bei. Häufig wurden auch Schwergeburten behandelt. Für Frauen, die keine Kinder bekommen, gibt es spezielle Rituale. Und auch alles, was mit dem Tod zu tun hat, ist eine Domäne der Schamanen. Menschen, die vorzeitig gestorben sind, durch einen Unfall etwa, werden als gefährlich betrachtet. Die Magar denken, dass sich diese Menschen in böse Geister verwandeln, die andere ebenfalls in den vorzeitigen Tod reißen wollen. Das produziert Angst. In solchen Fällen sind die Rituale der Schamanen sehr wirksam.

Wobei es hierbei um die Glaubensheilung von Ängsten ginge, die ohne den entsprechenden Glauben nicht oder nicht in diesem Maß entstanden wären.

Ja, hier wird Glauben mit Glauben geheilt.

© Casper MillerDer Schamane Rite Kami hat mit der Trommel zunächst sich selbst in Trance gespielt, jetzt folgt ihm die Patientin.

Welche körperlichen Gebrechen werden von Schamanen behandelt? Auch so etwas wie Rückenschmerzen?

Unterschiedliche Gebrechen fordern unterschiedliche Rituale. Bei Rückenschmerzen zum Beispiel sind sogar die Utensilien andere: Statt der Trommel, die in fast allen Ritualen zum Einsatz kommt, benutzt man Pfeil und Bogen – den Pfeil als Schlegel und die Saite als Membran. Die Krümmung des Bogens erinnert an den gekrümmten Rücken.

Wie lebendig ist der Schamanismus heute noch in Nepal?

Er ist nach wie vor stark verbreitet, in erster Linie in den abgelegenen Gebieten. Neu ist, dass auch viele Menschen in den Städten sich für Schamanismus interessieren, die wollen das auch mal ausprobieren. Ein wenig so wie in Korea, wo es viele Schamaninnen gibt, die ihre Rituale über das Telefon, sogar übers Handy vollziehen.

Eine irre Geschichte habe ich gerade von einem meiner Studenten gehört, der im vorigen Jahr in Nepal war, mitten im Epizentrum des großen Erdbebens, in einem Dorf mit zweihundert Häusern, die alle zerstört wurden. Er hat nur durch einen Zufall überlebt. Kürzlich war er wieder da, und die Dorfbewohner haben ihm erzählt, dass die Häuser alle zerstört worden seien, nur die Schamanentrommeln seien unversehrt geblieben, ja sie hätten aufrecht in den Trümmern gestanden. Das hätten die Überlebenden als ein Zeichen gelesen. Mein Gewährsmann hat die Trommeln freilich nicht gesehen, es wurde ihm nur davon erzählt, und er hat es mir erzählt. Man muss nicht glauben, dass das stimmt, das ist auch nicht der Punkt. In der Ethnologie ist allein entscheidend, was die Menschen unter bestimmten Bedingungen glauben. Mein Glaube spielt dabei keine Rolle.

© Doreen Fiedler/dpaMänner reißen im März die Reste eines zerstörten Hauses in Nepal ein. Bei dem Erdbeben im April 2015 wurden mehr als 600.000 Häuser zerstört.

Was hat das Erdbeben des vergangen Jahres verändert?

Vor allem politisch hat sich etwas verändert. Die Nepalesen können nicht glauben, dass die ganze Welt ihnen Gelder geschickt hat, und den Repräsentanten des Staates gelingt es nicht, diese Gelder vernünftig einzusetzen. Das ist eine Katastrophe zweiter Ordnung. Der Glaube an die Staatsmacht ist ein weiteres  Mal gesunken. Doch die Religiosität ist weiterhin tief ausgeprägt, bei den Buddhisten, bei den Hindus und bei den alten Völkern mit einer namenlosen Religion, die wir jetzt mal Schamanismus nennen wollen.

Was ist Schamanismus?

Das ist natürlich eine gigantische Frage. Schamanismus ist erstmal ein Etikett, ein Etikett, unter das man alles Mögliche fassen kann, sodass manche Forscher sogar sagen: Es ist ein nutzloses Etikett. Alternative Begriffe für den Schamanen wären „Glaubensheiler“ oder „ritueller Spezialist“. Das sind aber auch wieder Etiketten. Entscheidend ist meiner Ansicht nach, dass die Leute, die man als Schamanen bezeichnet, zumindest in Eurasien und auch in Nordamerika und Südamerika eine Sache gemeinsam haben, nämlich, dass sie zum Wohle ihrer Gemeinschaft ein Wissen besitzen, von dem sie glauben, damit den Menschen nützen zu können. Die entsprechende Aktivität verändert sich von Ort zu Ort, weil die Gesellschaften sich an verschiedenen Orten unterschiedlich begreifen. Es gibt Gegenden, da lebt in jedem Dorf eine andere Ethnie. Und bei den Bergvölkern ist es manchmal so: Sie gehen über einen Hügel und befinden sich plötzlich in einer anderen Sprache, gar Sprachfamilie. Von Deutschland aus müssen sie weit über Persien hinaus reisen, um das zu erleben – es sei denn, Sie gehen zu den Basken. Ich sage: Es gibt ebenso viele Schamanismen, wie es Gruppen gibt, wie es Praktikanten gibt. Das ist die Minimaldefinition.

© Michael OppitzMeister Bel Bahadur mit erhobener Erzählhand beim mythischen Vortrag

Ist Schriftlosigkeit eigentlich ein durchgängiges Merkmal von schamanischen Gesellschaften?

Ja, das würde ich sagen. Obwohl es Ausnahmen gibt: In der Mandschurei leben die Schamanen in einer Schriftkultur, haben auch eigene, schriftlich niedergelegte Texte. In Korea und Nordjapan ist es ähnlich. Im Himalaya gibt es auch einige wenige schamanische Praktiker, die lesen können. Sie verwenden die Schrift aber niemals im Zusammenhang ihrer Praxis. Diese wird nach wie vor mündlich weitergegeben. Für diese Völker ist die Trommel das Buch, das kann man in dieser Überspitzung sagen. Mit ihr wird das Wissen sozusagen animiert, im Gedächtnis in Bewegung gesetzt. Aber es ist ein komplett orales Wissen. Erst durch Leute wie mich, die diese Texte aufzeichnen und transkribieren, wird die orale Tradition zu einer schriftlichen.

Es gibt auch keine Exegese bei den Schamanen, schreiben Sie. Die Glaubensheiler denken über ihre eigene Praxis erst nach, wenn sie dazu befragt werden.

Sie haben ein sehr mobiles Wissen, das sich durch die Persönlichkeit des Praktizierenden verändert. Das ist ein Fluidum des Wissens, ein Fluidum der Praxis.

Jeder Novize hat immer zwei Lehrer, auch dadurch kommt Bewegung in die Geschichte.

So ist es. In manchen Gegenden kann es sogar mehr als zwei Lehrer geben. Aber das ist ein wichtiger Punkt: Der Jung-Schamane internalisiert die beiden Variationen eines bestimmten Wissens und macht eine eigene Fassung daraus. Und wenn er älter wird, wird er dann zum Lehrer. Allein durch den einfachen Mechanismus der Weitergabe gibt es eine ständige minimale Veränderung des Grundwissens, eine permanente Transformation.

Wie lautet eigentlich die Erklärung, wenn eine Heilung nicht stattgefunden hat?

Bleibt bei einem Heilungsversuch der Erfolg aus – was wie in der westlichen Medizin, vorkommt – dann wird nicht der Heiler beschuldigt, vielmehr bescheinigt man dem Krankheitsverursacher, also einem Geistwesen, ein ausgeprägtes Täuschungsvermögen. Und es liegt am Schamanen, nun mit noch mehr Raffinesse vorzugehen.

© Michael OppitzSchamanen tanzen um die sogenannte Weltenmatte und suchen nach der verlorengegangenen Patientenseele.

Wie wird man Schamane?

Man wird es nicht. Man wird berufen durch ein Erlebnis, das sich irgendwann im Leben eines Menschen ereignen kann. Der jüngste initiierte Schamane, den ich erlebt habe, war elf Jahre alt, der älteste war über 50. Der damals Elfjährige, Dilman, ist übrigens vor wenigen Tagen gestorben, wie ich soeben durch ein E-Mail erfuhr.

Was sind das für Erlebnisse?

Das sind Irritationen des Körpers oder der Person, oft mit merkwürdigen Traumvisionen verknüpft.  Diese Personen fangen zum Beispiel in bestimmten Situationen an zu zittern.

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Anfangsszene der Dokumentation „Schamanen im Blinden Land“ von Michael Oppitz

In Kürze soll bei Arthaus Musik eine DVD-Edition mit der englischen und deutschen Fassung von „Schamanen im Blinden Land“, neueren Kurzfilmen sowie einer CD mit drei vollständigen Ursprungsmythen, gesungen von den Schamanen Bal Bahadur und Bedh Bahadur erscheinen – mit Transkription und Übersetzung.

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Das sieht man auch in Ihrem berühmten Dokumentarfilm „Schamanen im Blinden Land“ von 1980.

Ja, da fängt ein ebenfalls Elfjähriger während einer Zeremonie zu zittern an und die anwesenden Schamanen sagen: auf den müssen wir aufpassen, das könnte einer sein, der berufen wird – man wird berufen von jemandem, der tot ist, wir haben es hier mit einem Reinkarnationssystem zu tun. Das ist übrigens eine meiner Thesen, die ich noch nicht schriftlich festgehalten habe: dass der tibetische Buddhismus die Reinkarnationsvorstellung von den schamanischen Religionen übernommen hat.  Die Tibeter haben auch ein ähnliches System der Probe. Wer in der schamanischen Gesellschaft durch Zittern, merkwürdige Traumbegegnungen oder willentliche Isolation von den Anderen Anzeichen einer Berufung zeigt – von dem nimmt man an, dass ihm das durch einen verstorbenen Schamanen widerfährt, und in einer ausgedehnten Serie von Tests muss herausgefunden werden, ob das zutrifft und wer der Vorgänger war. Das kann ein kurz zuvor, aber auch ein vor mehreren Generationen verstorbener Heiler sein. Einer der Tests besteht darin, dem Prüfling eine Anzahl von Gegenständen vorzulegen, von denen einer dem verstorbenen Vorgänger gehörte. Dieses Objekt muss der Anwärter als das Seine identifizieren, genau wie im buddhistischen Findungsritual.

Wobei viele die Reinkarnation gar nicht wollen, denn Schamane sein ist ein harter Job, den man annehmen muss. Wenn sich herausstellt, dass Du eine Wiedergeburt bist, kannst Du nicht „nein“ sagen. Ich kenne eine Reihe von Schamanen, die mir erzählt haben: „Lieber wäre ich keiner geworden, aber was soll ich machen?“ Man muss sich das vorstellen, die haben alle eine andere Tätigkeit nebenher. Viele sind Bauern und müssen, wenn sie gerufen werden, Nächte lang als Schamane durcharbeiten, manchmal vier Nächte hintereinander. Das zehrt. Wir haben das auch beim Drehen gemerkt – nach zwei, drei Nächten kommt man in so eine Unterwasser-Wahrnehmungssituation, dann wird übrigens die Kamera erst richtig gut, das ist dann wie Traumfilmen.

Wie geht es nach der Findung weiter mit dem angehenden Schamanen?

© Michael OppitzRituelle Geburt auf dem Lebensbaum

Als nächstes kommt die Initiation in einem großen, dreitägigen Fest zu seinen Ehren, in Anwesenheit vieler Schamanen, das sind riesige Volksfeste. Der Initiand muss auf einen Nadelbaum klettern, mit verbundenen Augen, und dort etwa vier Stunden ausharren. Wenn er das hinter sich gebracht hat, geht er in die praktische Lehre, er geht mit einem Meister zu einer ersten Séance. Schamanen gehen niemals von sich aus irgendwohin, sie werden gerufen. Als erstes machen sie eine Diagnose, der oft eine Art Psychoanalyse vorausgeht. Sie sagen anschließend aber nicht: „Du hast eine Leberzirrhose“, sondern etwas wie: „Du hast einem Geist etwas angetan, also tut er Dir etwas an“. Jetzt geht es darum, mit dem Geist, der beleidigt ist, ins Geschäft zu kommen. Der Geist hat dem Kranken eine oder mehrere Seelen geraubt, die müssen jetzt zurückgewonnen werden. Bevor der Schamane sie suchen kann, muss er wissen, wer sie geraubt hat und warum das so ist. Er geht also auf die Suche, aber nicht physisch, er unternimmt vielmehr eine Gedankenreise, eine Suche, die in Form eines Gesanges zahlreiche geographische Orte passiert, bis das Versteck der Seele gefunden ist. Bei der viel zitierten Schamanenreise bleibt der Heiler fest auf dem Boden des Patientenhauses sitzen.

11.000 Verse müssen Schamanen beherrschen, schreiben Sie, sieben bis zehn Jahre dauert die Ausbildung. In dieser Zeit kann man ja Mediziner werden.

Ja, das kann man miteinander vergleichen. Nur die Schamanen pauken nicht Stoff für später, die praktizieren von Anfang an. Das Lernen der Versmassen läuft nach einem einfachen Prinzip ab: Der Schamane singt eine Zeile vor, und der Schüler muss sie nachsingen. Am Anfang kann er das noch nicht, dann summt er nur mit. Er lernt jedoch Schritt um Schritt vom Meister, aus der Werkstatt des Singens. Und irgendwann geht er dann mit dem anderen Meister mit. Gelernt wird durch Machen, es gibt keine Trockenübungen.

Wie oft ist ein Schamane im Einsatz?

Ich würde sagen: hundert Nächte im Jahr.

Und die Séancen finden immer im Haus statt und immer nachts?

Das Hauptgeschäft muss in der Dunkelheit passieren. Es gibt aber auch Aktionen außerhalb des Hauses, auch bei Tag. Wenn böse Kräfte verjagt werden müssen, werden sie etwa in einen Fluss geworfen oder an der Dorfgrenze werden Tiere geopfert. Mein Film zeigt ja einige Blutopfer. Denn das musste ich den Schamanen vorher versprechen, dass der Film im Grunde auch ein Ritual ist – und zur Vollständigkeit eines Rituals gehört ein Blutopfer, das mit gezeigt werden muss. Das habe ich gemacht – und habe sehr viel Ärger mit dem Tierschutz bekommen.

In entscheidenden Situationen wird, wie es im Film heißt, von den Schamanen fiktives Tibetisch gesprochen. Was hat es damit auf sich?

Das ist eine Art rituelle Prestigesprache, die sie im losen Kontakt mit tibetischen Lamas aufgeschnappt haben, aber nicht wirklich beherrschen, so wie Kinder mit breitem Mund Amerikanisch nachahmen. Da wird den Klienten eine Kenntnis vorgespielt, die sie streng genommen nicht haben. Es sei denn, sie murmeln mantras, die sich ebenfalls wie Tibetisch oder Sanskrit anhören und es in verballhornter Weise auch sind.

© Michael OppitzBedh Bahadur und Man Bahadur beim Vortrag eines Schöpfungsmythos‘

Hat der Schamanismus nicht eine Menge mit Entertainment zu tun? Die Frage stellt man sich beim Anschauen des Films: Wie die Schamanen da zuweilen sitzen, eine Zigarette im Mund, den Kopf wiegend und einen Wechselgesang vollführen – das erinnert an eine Jamsession mit John Lee Hooker.

Auf jeden Fall. Die Schamanen haben einen ungeheuren Humor, und gerade Künstler waren von meinem Film immer besonders beeindruckt. Sigmar Polke hat sich krank gelacht. Warum? Weil die Rituale so eine irdische Qualität haben. Die Religionspraxis ist sehr theaterhaft, sehr unterhaltsam. Die Menschen dort haben ja sonst auch nicht viel dergleichen. Mitten im Ritual hat man manchmal das Gefühl, als säßen da Leute zusammen und würden sich Witze erzählen. Dort ist es auch nie leise, es ist meist laut, sogar sehr laut. Das ist nicht wie in der Kirche.

Welche Rolle spielt Alkohol? Die Schamanen in ihrem Film sehen schon manchmal etwas benebelt aus.

Eine große. Die saufen gewaltig, einmal so eine Art Bier, aber auch scharfe Schnäpse, beides wird durcheinander getrunken. Das müssen sie auch tun. Nicht, weil sie es angeboten bekommen, sondern weil die Luft so schlecht ist. Auf kleinstem Raum sitzen mehr als dreißig Leute, die ausdünsten, es gibt ungeheuer viel Rauch, dann sind da noch Tiere, die Luft kannst Du schneiden. Da muss man einfach trinken. Aber ich habe es eigentlich nie erlebt, dass ein Schamane während eines Rituals nicht mehr konnte. Alkohol ist Gesellschaftskitt und auch das Schmieröl der Arbeit. Drogen hingegen gibt es nicht, außer gelegentlich Haschisch.

Joseph Beuys sagte, nachdem er Ihren Film 1980 gesehen hatte: „Diese Schamanen haben praktisch alles bei mir geklaut, wirklich alles.“ Ein toller Satz.

Es ist im Grunde eine Umkehrung der Verhältnisse. Denn der Einfluss des Schamanismus auf Beuys war beträchtlich: Er zeigt sich in seinen frühen Zeichnungen ebenso wie in seinen Aktionen und Auftritten. Ich habe das sehr genau dokumentiert. Der Einfluss manifestierte sich auch in seiner Lektüre, wir haben uns intensiv über die einschlägigen Schriften zum Thema unterhalten. Mein Film war eigentlich die Illustration dessen, was er sich zuvor gedacht und angelesen hatte. Das hat ihn gewaltig bewegt – und er hat die Verhältnisse in einem humoristischen Spruch gedreht. So etwas konnte er gut.

Mit großer Leichtigkeit und einem Lächeln trägt der Schamane Bal Bahadur die „Begrüßung der neun Hexen“ vor (Ausschnitt aus „Schamanen im Blinden Land“).

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Den Film haben Sie mit 500.000 D-Mark für den WDR gedreht. Die Fassung, die Beuys gesehen hat, war mehr als 34 Stunden lang, die im Fernsehen und 2014 auf der Berlinale gezeigte fast vier Stunden. Beim Anschauen fällt auf, dass darin viel gelacht wird. In Abwandlung eines Buchtitels von Paul Veyne könnte man fragen: Glaubten die Schamanen an ihre eigenen Mythen? Sieht man in dem Film nicht eine erstaunlich große Distanz zum eigenen Ritual?

Ich könnte dazu nicht viel sagen, wenn ich nur zum Filmen bei den Magar gewesen wäre. Aber ich war ja ein Jahr zuvor auch schon ohne Kamera dort gewesen. Da gab es auch schon diese Distanz zum eigenen Tun, ohne dass dadurch die eigene Ernsthaftigkeit in Frage gestellt worden wäre. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Da der Ernst einer Situation im Ritual nie ernst ist, war der Unterschied zwischen ernst und unernst, zwischen sakral und profan sozusagen aufgehoben. Wenn wir mit der Kamera dabei waren, gab es sicherlich Situationen, in denen sie sich wie auf der Bühne, auf dem Tablett empfanden und diese Empfindung noch verstärkten. Das verschwand dann aber bald wieder, da Kameramann, Tonfrau und ich komplett integriert waren.

In Ihrem Buch „Morphologie der Schamanentrommel“ gibt es eine weitere bemerkenswerte Stelle. Sie lassen sich von einem Schamanen seinen Reinkarnationsglauben erklären, er tut es ernsthaft, sagt dann aber „Ob das nun stimmt oder nicht, das weiß ich nicht“ und lacht.

Ja, so war das. Ich bin übrigens fest davon überzeugt, dass diese Einstellung ein sehr gutes Kriterium für die Festigkeit des Glaubens ist: dass man ihn auch in Frage stellen kann. Aber eine Gefährdung der Praxis ist das keinesfalls. Die Gefährdung kommt daher, dass immer mehr Leute das Dorf dauerhaft oder für mehrere Jahre verlassen. Das verringert den Zusammenhalt in der lokalen Gesellschaft und es löst unmerklich die Traditionen auf. Die einen gehen als Migranten, als ausgebeutete Hilfskräfte in die Golfstaaten, die anderen erliegen den Verheißungen der Stadt, etwa Kathmandu, Pokhara oder den wachsenden Städten in der Ebene. In der Ferne lässt sich die Tradition nicht pflegen, sie braucht eine vertraute landschaftliche Aura. Ja, diese Bewegungen und die modernen Kommunikationsmittel bringen die Traditionen ins Wanken.

Humor wird für etwas sehr Kultiviertes gehalten. In Ihrem Film aber zeigen die vermeintlich Unkultivierten, die Menschen ohne Schrift, einen ungemein ausgeprägten Humor.

Ja, und ich würde an die Decke gehen, wenn man ernsthaft sagte, dass die Magar unkultiviert seien. Die sind hochkultiviert, nur ganz anders. Die sind nicht mit Nivea-Creme und Seife kultiviert, die haben keinen Kulturbeutel. Sie haben aber sehr ausgeprägte Umgangsformen, allerdings andere als unsere. Sie kennen zum Beispiel das Wort „Danke“ nicht. Sie sagen auch nicht „Bitte, gib mir!“ Sie sagen „Gib mir!“ und dann bekommen sie es. Manchmal ist das schon eine harte Kultur, an die man sich erst gewöhnen muss.

Der kosmologische Mythos, der am Anfang des Films rezitiert wird, wirkt überaus komplex, dagegen sind, provokativ gesprochen, die griechischen Mythen fast unterkomplex.

Sagen wir es so: Die Mythologie der Magar kann sich neben der griechischen durchaus sehen lassen, sowohl, was ihren Umfang, als auch, was ihren poetischen Reichtum anlangt.

Geschichte der Göttertochter Somarani (Ausschnitt aus dem Film „Schamanen im Blinden Land“)

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Besonders beeindruckend fand ich die Geschichte von dem Himmelsmädchen, das auf die Erde kommt, einen Irdischen heiratet, später zwei verbotene Schachteln öffnet – und plötzlich sind, aus diesen Schachteln heraus, neun Sonnen und Monde in der Welt.

Ja, das ist phantastisch. Das sind Schöpfungsmythen, von denen in jeder Nacht eine bestimmte Anzahl in einer bestimmten Kombination gesungen werden. Beides wird festgelegt durch die Diagnose, die der Schamane stellt. Das Ritual setzt sich dabei zusammen aus Sprache und Aktionen. Es gibt auch keinen festen Altar, Altäre entstehen aus der Situation heraus, mit Schnüren und Schnitzwerk, und werden anschließend auch wieder vernichtet. Aus der Kombination der unterschiedlichen Modulteile kann man auf die Krankheit rückschließen, an der der Patient leidet, gesagt wird es aber nicht. Das hat bei mir endlos lange gedauert, bis ich das kapiert hatte. Es hat auch sehr lange gedauert, bis ich die Gesänge nicht nur aufgezeichnet, sondern auch verstanden habe.

Wie lange haben Sie gebraucht, um die Sprache der Magar zu lernen?

Das kann ich nicht sagen, das war ein Prozess. Ich beherrsche übrigens die Sprache der Texte besser als die Umgangssprache. Und für die Übersetzung habe ich immer Hilfe in Anspruch genommen. Es gibt einen Magar aus dem Dorf, mit dem ich seit vierzig Jahren zusammenarbeite. Es gab ja keine Wörterbücher und keine festgehaltene Grammatik. Inzwischen hat sich ein Linguist dessen angenommen, aber zu meiner Zeit gab es beides noch nicht.

Wie lange waren Sie bei den Magar?

Zwei Jahre durchgehend, dann drei mal drei Monate mit der Kamera.

© Margaret RiglingDie neue und die alte Trommel

Wie hat sich Ihr Interesse auf die Schamanentrommel verlegt?

Die Trommel ist das interessanteste Instrument, das die schamanische Praxis zu bieten hat, weil sich in diesem Gegenstand die gesamte Religion spiegelt. Jede Schamanentrommel ist ein Unikat, das spezifisch für eine Person hergestellt wird. Wenn ein Schamane stirbt, wird die Trommel zerstört, es sei denn, er schenkt sie einem Ethnologen wie mir. Alle Schamanentrommeln, die im Umlauf sind, sind Rahmentrommeln. Der Holzrahmen stammt von einem Baum, der von dem Initianten gesehen wurde. Eine Latte aus diesem Baum wird gebogen, in die Erde gelegt, für drei Tage in die Unterwelt geschickt, bevor sie ans Tageslicht kommt. Und sie hat eine Membran, von einem wilden Tier, das auf spezielle Weise getötet werden muss. Um eine Trommel herzustellen, braucht man also zwei Lebewesen, die ihr Leben lassen müssen, damit die Trommel leben kann. Die Trommel wird als ein Lebewesen aufgefasst, nicht als rein materielles Objekt. Und zwar als ein Individuum, genau wie ihr Besitzer, für den sie speziell hergestellt wurde. Daraus leitet sich auch die Ansicht ab, dass sie als Lebensbegleiter ihres Besitzers verstanden wird. Die Trommel ist also auf der einen Seite ein unwiederbringliches Unikat, eine unaustauschbare Persönlichkeit und als solche in ihrer physischen Gestalt auch erkennbar, auf der anderen Seite sind alle Schamanentrommeln des gesamten euroasiatischen Kontinents, ja sogar bis nach Nordamerika hin, Varianten eines einzigen Grundtypus‘. Diese Spannung war es, die mich fasziniert und zu meinen Forschungen angetrieben hat. Jedes Exemplar ist einmalig und zugleich Glied einer endlosen Kette.

Kompakteinführung in die Morphologie der Schamanentrommel

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Was kann die Schamanentrommel alles?

Die Trommel begleitet den Gesang oder sie begleitet den Tanz (hier einige Hörbeispiele). Sie ist Rhythmusgeber für das Metrum des gesungenen Verses oder sie ist Rhythmusgeber für die Tanzschritte. Das ist eine uralte Form der religiösen Praxis, die nachvollziehbar in 3500 Jahre alten sibirischen Felszeichnungen zu sehen ist. Auch im Himalaya ist die Praxis sehr alt, älter als die monotheistischen Religionen. Und mein Versuch war es, zu zeigen, dass es eine Regelmäßigkeit in der Veränderung dieses Instrumentes über große Areale hinweg gibt. Jedes Stück ist individuell und gleichzeitig festlegbar durch seine Form. Ich kann den Herkunftsort von jeder Schamanentrommel bis auf 15 Kilometer genau bestimmen.

Was wiederum Rückschlüsse auf den Schamanismus zulässt: die Tatsache, dass er diese Mannigfaltigkeit zulässt.

Ja.

Wie erklären Sie sich den wiedererkennbaren Grundtypus der Trommel?

Zunächst muss man sich die Trommel als Gegenstand einmal anschauen. Es ist eine geniale Erfindung und es ist eine genial einfache Erfindung. Sie brauchen etwas, das man überall findet: Holz und Tiere. Was nicht überall vorhanden ist, ist Eisen, das aber wurde durch Handel erworben. Die Trommeln sind entweder rund oder oval, je nach lokalem Stil und den Möglichkeiten, die das geschnittene Holz bietet. Der Griff ist entweder nach innen verlegt oder sitzt, bei der zweiseitig bespannten Variante, außen. In Sibirien gibt es nur die einseitig bespannte Trommel, mit einer kleinen Ausnahme, ganz im Nordosten gibt es eine einseitig bespannte mit einem Außengriff, bei den Tschuktschen. Von den Tschuktschen führt der Weg zu den Eskimos, wo sie überall die einseitig bespannte mit Außengriff finden, im gesamten Eisgebiet Nordamerikas, bis nach Grönland, bis fast nach Europa. Die einseitig bespannte Rahmentrommel führt aber auch nach Europa und zwar nach Lappland. Dort ist die schamanische Praxis im 17. Jahrhundert vernichtet worden durch die christliche Religion. Aber es gibt historische Stücke.

Es muss also einen Austausch gegeben haben.

Ja, das ist meine These: Ohne Austausch kann man sich nicht vorstellen, dass die Schamanentrommel an so vielen Orten und über solch gigantische Areale hinweg immer wieder neu und mit identischem Grundtyp erfunden wurde. Viel wahrscheinlicher ist, dass sie mehrmals in ähnlicher Weise konzipiert und gebaut wurde und dann von diesen Ausgangspunkten aus sich zu anderen Orten hin ausgebreitet hat. Mit den Wanderungen haben die Veränderungen stattgefunden. Die Transformationstheorie dahinter hat also mit stafettenartigen, räumlichen Bewegungen zu tun. So verhält es sich auch mit den Mythen, übrigens über sprachfamiliäre Grenzen hinweg.

Wie geht der Austausch zwischen Sprachfamilien vor sich?

Ganz einfach, durch Menschen, die mehrere Sprachen beherrschen, auch solche aus mehreren Sprachfamilien. Das finden sie heute noch im Himalaya. Die Gegenthese wäre: es muss eine archetypische Idee geben. Davon halte ich gar nichts. Natürlich denken Menschen überall gleich gut oder gleich schlecht. Für mich hat die Archetypenlehre aber mit Denkfaulheit zu tun. Mir reicht es ja, wenn ich auf einem riesigen räumlichen Feld sehe, dass eine Stetigkeit der Veränderung vorliegt, letztere ist für mich ein besseres Erklärungsmodell. Dieses Modell erlaubt es mir, auf dem Boden der sichtbaren Welt zu bleiben, im Bereich der Evidenz.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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Michael Oppitz führt einen schamanischen Begrüßungsgesang  vor:

Michael Oppitz war bis zu seiner Emeritierung Professor an der Universität Zürich und Leiter des Zürcher Völkerkundemuseums.

Er schrieb Bücher über die Sozialordnung der Sherpa, die Dreierallianz bei den Magar („Frau für Fron“) und das Heiratssystem einer Lokalkultur des Himalaya („Onkels Tochter, keine sonst“). Außerdem verfasste er ein Standardwerk über den Strukturalismus („Notwendige Beziehungen“) und das mehr als 1200 Seiten umfassende, zweibändige Werk „Morphologie der Schamanentrommel“ (2013).

Als er hörte, dass er die Interview-Serie „Nerdalarm“ eröffnen soll, sagte er: „Find‘ ich gut“.