Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wem gehört die deutsche Sprache?

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Was war diesmal wirklich neu beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt? Die hitzigste Jury-Diskussion gab einen Hinweis: Es war der Text Tomer Gardis, der sich um eine korrekte deutsche Schriftsprache nicht mehr scherte. Eine bemerkenswerte Zumutung.

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Auf die Frage, was in diesem Jahr im und am Bachmannwettbewerb, den „Tagen der deutschsprachigen Literatur“, wirklich neu war, müsste man wohl antworten: vor allem die Verwirrung, die der Auftritt von Tomer Gardi bei der Jury auslöste. Eingeladen worden war der Autor  von dem Grazer Germanisten und Jurymitglied Klaus Kastberger, dem seine Kollegin Hildegard Keller nach Gardis Lesung bescheinigte, eine ästhetische „Tellermine“ in den Wettbewerb eingeschmuggelt zu haben. Von einer „kuratorische Meisterleistung“ hingegen sprach Jurychef Hubert Winkels, der auf  diese Weise die kollektive Verunsicherung ausdrückte, welche die Jury bei der Analyse von Gardis Text befallen hatte. Vorangegangen waren Grundsatzdiskussionen über literarische Bewertungsmaßstäbe, das Verhältnis von Innen und Außen eines Textes und über Literaturkritik als Sprachpflege.

Gardis Lesung und die anschließende Diskussion seines unbetitelten Textes sorgten für die aufschlussreichste Stunde des im Vergleich zum letzten Jahr eher durchwachsenen Bachmannpreises 2016. Was genau war vorgefallen?

"40. Tage der deutschsprachigen Literatur", "Tag 2." 40. Tage der deutschsprachigen Literatur - Ingeborg Bachmannpreis 2016 Lesung und Diskussion der Jury: Tomer Gardi Foto Johannes Puch - http://www.johannespuch.at SENDUNG: 3sat - FR - 01.07.2016 - 10:00 UHR. - Veroeffentlichung fuer Pressezwecke honorarfrei ausschliesslich im Zusammenhang mit oben genannter Sendung oder Veranstaltung des ORF bei Urhebernennung. Foto: ORF/Puch Johannes. Anderweitige Verwendung honorarpflichtig und nur nach schriftlicher Genehmigung der ORF-Fotoredaktion. Copyright: ORF, Wuerzburggasse 30, A-1136 Wien, Tel. +43-(0)1-87878-13606© ORF/Puch JohannesTomer Gardi bei seiner Lesung in Klagenfurt

Deutsch ist nicht Tomer Gardis erste Sprache. Soweit nichts Ungewöhnliches: In der Geschichte des Bachmannpreises sind schon viele AutorInnen eingeladen worden, die keine MuttersprachlerInnen sind. Die aus der Türkei stammende Emine Sevgi Özdamar etwa gewann 1991 den Hauptpreis, 2014 nahm mit Zé do Rock ein in Brasilien geborener Autor teil und in diesem Jahr kamen vier der vierzehn Teilnehmenden aus nicht-deutschsprachigen Ländern. Die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ tragen ihren präzisen Namen also keinesfalls zu Unrecht, auch wenn man vermuten darf, dass bei der Gründung wohl eher an Deutschland, Österreich und die Schweiz gedacht war als an die Türkei, Großbritannien und Frankreich. Wie auch immer: Was sich an Gardis Auftritt als wirklich ungewöhnlich erwies, war die Tatsache, dass er sich der Erwartung entzog, einen möglichst fehlerfreien deutschsprachigen Text zu präsentieren. Er kümmerte sich nicht um falsche Artikel, Deklinationsfehler oder schiefe Syntax und dürfte damit der erste Autor im Bachmannwettbewerb gewesen sein, der die Gepflogenheiten der hochdeutschen (Schrift)-Sprache missachtete.

„Wir sind babylonisch“

Die Kennzeichnung der verwendeten Sprache als „falsch“ wird vom Text dabei selbst thematisiert und unterlaufen, geht es in ihm doch um nicht weniger als den Zusammenhang von Identität und Sprache. Ein Ich-Erzähler berichtet in Gardis Text, wie er mit seiner Mutter in Deutschland ankommt, wie die beiden am Flughafen die falschen Koffer mitnehmen, sie öffnen und in einem Hotel die fremde Kleidung anprobieren: „Am Ende diese Flug verlieren ich und meine Mutter unseren Koffern. Bei der rollenden Gummiband stehen wir, da mit den Anderen. Schlafentzugt, nikotinhungrig, erschöpft, als die Koffern vorbei langsam uns rollen“.

Die zweite Hälfte des Textes ist dann von Reflexionen über Zeit, Sprache und Genealogien geprägt. „Wir sind babylonisch“ lautet ein zentraler Satz in Gardis Text. Hildegard Keller brachte Gardis offensiven Umgang mit der deutschen Sprache auf eine gleichsam einprägsame Formel: „Deutsch gehört auch mir. Ich kann Bachmannpreis.“

Für die Jury aber ging es mit der Einladung Tomer Gardis um noch mehr. Vor allem die anfangs zitierte martialische Metapher der „Tellermine“ verwies darauf, dass nicht nur die eingeladenen Autorinnen und Autoren um Preise ringen, sondern dass natürlich auch die Praktiken des Einladens und Diskutierens seitens der KritikerInnen als Auseinandersetzungen um den vorherrschenden Literaturbegriff anzusehen sind. Was darf als Literatur gelten? Im Falle Gardis entzündete sich die Diskussion vor allem an der von Meike Feßmann aufgeworfenen Frage, wie echt falsche Sprache sein dürfe. Muss die avantgardistische Zerstörung grammatischer Regeln die korrekte Beherrschung der Sprache als Voraussetzung haben?

Ausführlich wurde in Anwesenheit des Autors, der bei der Kritikerrunde in Klagenfurt traditionell still zu sein hat, darüber diskutiert, wie es um seine Deutschkenntnisse bestellt sei. Doch als er zweimal zu einer Äußerung ansetzte, konnte man zumindest als Livestream-Zuschauer nichts verstehen: Gardis Mikrofon war schon ausgeschaltet – Wasser auf die Mühlen derer, die in der selbstbezüglichen Klagenfurter Kritikerrunde einen Anachronismus sehen.

Uneinholbare Reinheits-Fiktion

Immerhin betrachtete die Jury Gardis Text als das, was er ist: eine Zumutung – in sämtlichen Bedeutungen des Wortes. Meike Feßmann sprach davon, dass gewohnte Kategorien für einen Text wie den von Gardi nicht mehr griffen und warnte vor einem „Authentizitätsfetischismus“, Juri Steiner bezeichnete den Text als „charmante Boshaftigkeit“. Mit derlei Fragen beschäftigt, verlor die Jury die ästhetischen Verfahrensweisen des Textes jedoch zunehmend aus dem Blick, wie Kastberger kurz vor Ende der Diskussion richtig anmerkte. Nicht nur blieb offen, ob und inwiefern sich auch in der „falsch“ verwendeten Sprache ein erkennbarer Gestaltungswille zeigt (Stefan Gmünder kritisierte leichte Inkonsistenzen), sondern auch die drängende Frage nach dem Zusammenhang von Politik und Ästhetik wurde nicht weiterverfolgt.

Die häufig zu hörende Forderung, die Klagenfurter Juroren hätten sich in ihrem Urteil ausschließlich auf die eingereichten Texte und nur auf sie zu beziehen, erwies sich bei alldem als uneinholbare Reinheits-Fiktion.

„Kannst du das aber wirklich nicht hören? Die Wörter. Die Sprache. Durch die Jahren der Ton. Das Gedicht hat keinen Grund.“

Ungeachtet der literarischen Qualität, die man Gardis Text zusprechen mag, könnte er katalysatorisch wirken im Hinblick auf die Frage, wie sich Literaturkritik zu Phänomenen verhalten will, die außerhalb des etablierten Kunstbetriebs stehen. Für August ist Gardis Roman „Broken German“ angekündigt, an dem sich die von Winkels konstatierte Kontextgebundenheit jeder Form von Kunstausübung weiter verfolgen lassen wird. Bis dahin kann man sich auch noch einmal Gardis Porträtvideo anschauen, das vor seiner Lesung abgespielt wurde und im Zusammenhang mit der Diskussion um seinen Text neue Nuancen gewinnt: Darin sieht man drei Minuten lang nichts anderes als Tomer Gardi, aus verschiedenen Kameraperspektiven aufgenommen, meist in extremer Nahaufnahme. Er schaut uns an und schweigt. Einen Reim auf seinen Text müssen wir uns schon selbst machen.

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12 Lesermeinungen

  1. Nur Migrantendeutsch? Der verdrängte Untergrund von Tomer Gardis "Broken German"
    Nach der blamablen Verweigerung der Jury, sich mit Tomer Gardis aus dem Rahmen fallenden Beitrag ernsthaft zu beschäftigen, mehrt sich zunehmend Kritik an der Jury (Deutschlandradio: „Für so einen Text braucht man keine Kriterien, sondern eine Haltung. Und die fehlt der Jury“; SZ: „’Was ist das für 1 Jury?‘ schrieb jemand nach der Lesung des israelischen Autors Tomer Gardi dem ORF ins Gästebuch“). Schon Jurysprecher Winkels antwortete (deswegen?) nach der Preisverleihung auf die Frage, was es wirklich Neues gegeben habe, dass es vielleicht der Text von Tomer Gardi gewesen sei. Eine der Begründungen der Jury war, dass der Text politisch sei (!), eine „Tellermine“ wurde er gar genannt. Dem Argument, man wisse ja gar nicht, ob der Autor überhaupt der deutschen Sprache mächtig sei, folgten offenbar viele sich als Hüter der deutschen Sprachkultur Fühlende, sogar wenn sie (wie hier altdorf62) den Beitrag weder gehört noch gelesen hatten – und das, obwohl es in Gardis Kurzvorstellung hieß, er habe Literatur- und Erziehungswissenschaft in Jerusalem, Berlin und Be’er Sheva studiert, und obwohl Gardi während der Jury-Diskussion einwarf, er könne ziemlich gut Deutsch und verstehe was sie sagen. Auch dass er bereits als Jugendlicher mit seinen Eltern 3 Jahre in Wien gelebt hat, hätten diejenigen, die an seiner Sprachkompetenz zweifelten, googeln können, da auf YouTube ein ausführliches Video (in 9 Teilen) über seine Teilnahme am Festival für israelische Literatur (Hohenems/Zürich 28./29.9.2013) veröffentlicht ist, in dem größere Passagen aus der deutschen Übersetzung seines nicht nur politisch, sondern auch sprachlich hochsensiblen ersten Romans „Steine, Papier“ gelesen und diskutiert werden; am Ende (Teil 9) erläutert Gardi auf Deutsch, warum er für seinen nächsten Roman nicht (wie ursprünglich vorgesehen) eine perfekte deutsche Sprache, sondern „Broken German“ gewählt habe (https://www.youtube.com/watch?v=5T9o6QHCevg).
    In Zeiten der permanenten Veränderung unserer Gesellschaft durch vielfältigste Arten von Immigration ist es in einem aufklärerischen Sinne sicher sinnvoll zu fragen „Wem gehört die deutsche Sprache?“ Als Emine Segvi Özdamar 1991 den Bachmannpreis erhielt, war man offensichtlich schon weiter. Dass jetzt ein Jury-Mitglied glaubte, Gardis Teilnahme auf eine Primitiv-Provokation „[Deutsch gehört] auch mir. Ich kann Bachmannpreis“ reduzieren zu können, ist die eigentliche Provokation. Sie hat Gott sei Dank eine Reihe von Würdigungen dieses Textes provoziert, von gut gemeinten, aber harmlosen, wie in der SZ („Sehr warmherzig war dieser Text und komisch, voller Motive, die man hätte analysieren können“) oder der NZZ („Leider nahm die zaudernde Jury seinen wunderbar skurrilen Text über die Persiflage und Camouflage der Migration noch nicht einmal in die Shortlist für die Preisermittlung auf“), bis zu der schon wesentlich subtileren in Zeit-Online vom 3.7., wo nicht nur – wie auch hier – darauf hingewiesen wird, dass der Text „auf formaler Ebene nachvollzieht, was [er] inhaltlich verhandelt: Das Ankommen in einem fremden Land und die Frage des Anlegens einer neuen, fremden Identität. […] Gerade weil die grammatischen Verschiebungen und Verdrehungen irritierten, setzen sie beim Zuhörer wie von selbst etwas in Gang, rissen neue Bedeutungsmöglichkeiten auf“.
    Und dennoch: keine der wohlmeinenden Rezensionen ist auf seine unmissverständlich in den Text eingeschriebene Besonderheit, die ihn von anderen Migrationstexten abhebt, eingegangen. Kempke zitiert zwar „Kannst du das aber wirklich nicht hören? Die Wörter. Die Sprache. Durch die Jahren der Ton. Das Gedicht hat keinen Grund“ – nicht aber die Fortsetzung: „Aber einen Untergrund schon“. Einige Rezensenten haben zwar auf die Bezeichnung „Strohmenschen“ für Mutter und Sohn hingewiesen [hebr. Bezeichnung für ‚Vogelscheuchen‘] – aber mit der Weiterführung „Stroh ich und Stroh du, Ima [hebr. ‚Mutter]“ offenbar darüber hinausweisend. Auch der dazu gehörende Satz „Wir verscheuchen deutsche Krähen“ wurde isoliert aufgegriffen, aber nicht mehr Sätze wie „Wir benützen Wörter nicht zum Vergeben. Verstecken. Verheken. Jeder Tat hat eine Tätter“ „So sieht das Sterben aus im Zeit der Zeitzeugnisse“ oder „Die durch Wörter nicht mehr zu versteckende Wahrheit ist so. Ist so“ oder „Lassen wir Sohn uns eine Leise Minute halten. Leise Minute. Zum Gedänken […] eine Monat. Ein Jahr. Lass uns ein Lebenlang. An. An Errinerung“. Diese Worte sind zwar eingebettet in die allgemeine babylonische Sprach- und Identitätsverwirrung anderer Emigrantenschicksale, aber sie haben eben doch einen anderen Untergrund. Wer aus Israel nach Deutschland kommt, ist ein anderer Immigrant als der Libanese oder die Eritreerin, in die sich die Protagonisten „hinein-versetzen“. Selbst wenn Israelis nicht Nachfahren ehemaliger jüdischer Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland sind, so sind sie doch in einem Land voller Überlebender des Holocaust aufgewachsen, in dem die deutsche Sprache, die von den Emigranten der 1. Generation noch über Jahrzehnte so bewundernswert wie die Thomas Manns gesprochen (und oft verzweifelt geliebt) wurde, lange tabu war. Wenn die 3. und 4. Generation heute teilweise wieder, zumindest probeweise, auf Zeit, in dieses Land zurückkehrt, so nicht von ungefähr in „gebrochenem Deutsch“, das dem der anderen Migranten ähnelt, die Sprache aber doch noch nach ganz anderen Inhalten befragt: Er schreibe in einer Sprache, in der er sich unheimlich fühle, nicht zu Hause, sagt Tomer Gardi (im Video-Gespräch, s.o.), und: Wortschatz und Grammatik einer Sprache seien doch auch ein Archiv (von einem anderen Archiv im israelischen Kontext handelt sein 1. Roman). Wenn die Nachkommen der Vertriebenen mit vorsichtigen, aber nachdrücklichen Fragen (und Erinnerungen) zu uns und in die deutsche Sprache zurückkommen, so bedeutet dies auch eine Chance zu neuer Gemeinsamkeit im babylonischen Zeitalter – ein Angebot, dem zumindest diese Jury sich aus welchen Gründen auch immer verschlossen hat.

  2. Tomer Gardi schreibt "falsches Deutsch".
    So what?

    Das falsche Deutsch Gardis ist ein Stilmittel. Das falsche Deutsch gibt seinem Text sein Alleinstellungsmerkmal. Es ist, um ein Wort aus dem Marketing zu gebrauchen, der „Markenkern“ des Textes. Zusammen mit der Biografie Gardis ist das „falsche Deutsch“ das, was den Text interessant macht und ihn mitsamt seinem Verfasser in den Wettbewerb gebracht und dem Verfasser einen Vertrag mit einem Verlag eingebracht hat.

    Das gab es doch früher schon, dass Autoren/Schriftsteller/Künstler kein „richtiges Deutsch“ verwendet haben. Man denke nur an DADA. Oder man schaue sich nur an, was an Gastarbeiterliteratur entstand. Oder man denke nur an das, was unter dem Label „Kanak-Deutsch“ verkauft wurde/wird.

    Ich verstehe von daher nicht, warum die Jury um den Text einen solchen Eiertanz veranstaltet hat. Wie oben gesagt: „Falsches Deutsch“ in literarischen Texten ist als Stilmittel ein alter Hut.

    Aber wer weiß? Vielleicht wollte die Jury nur das alte Klischee bedienen, im Elfenbeintum zu sitzen und verstaubte Ideale hochzuhalten, als wüsste sie nicht, dass man draußen im ‚wahren Leben‘ schon viel weiter ist. Oder die Jury wollte eine Inszenierung, um Aufmerksamkeit zu erlangen.

    • Falsches Deutsch als Stilmittel
      Das kapieren halt nur Literaten, Literaturwissenschaftler und Linguisten. Der stumpfsinige und alleswissende Teil der Bevölkerung hat damit halt ein Problem, obwohl die meisten keinen fehlerfreien deutschen Satz herausbringen.

  3. Feedback
    Im persönlichen Gespräch können wie nachfragen, wenn wir etwas nicht verstanden haben. Ebenso kann der Sprecher sich durch „Nachhaken“ davon überzeugen, ob seine Ausführungen so angekommen sind, wie er sie verstanden haben wollte. Bei schriftlichen Ausführungen geht das in der Regel nicht unmittelbar (ausser bei WhatsApp etc, aber da ist die Sprache ja oft schon in den Graben gerutscht). Genau deshalb sollte das Schriftdeutsch exakter, verständlicher sein als das gesprochene Deutsch. Auf die Claqueure, die auf Deutschschmarrn noch applaudieren, kann ich gerne verzichten.

  4. "Stummeldeutsch"
    1) „Das Haus meines Vaters“
    2) „Das Haus von meinem Vater“
    1) u. 2) haben in diesem Fall den gleichen Sinn.

    Anders bei
    3) „Die Erzählung meines Vaters“
    4) „Die Erzählung von meinem Vater“

    zu 3) Sinn eindeutig: Der Vater (hat) erzählt…
    zu 4) Sinn uneindeutig;
    Was ist gemeint?
    – Der Vater hat erzählt … oder
    – das, was über meinen Vater erzählt wird/wurde…

    Das Ausmerzen des Genetivs führt zu einer Verarmung der Sprache und einer Minderung der Verständlichkeit – was die Kommunikation beeinträchtigt und unter Umständen zu krassen Missverständnissen führt.

    „Er sagen in mein Ohr…“
    „Er zischelte in mein Ohr…“
    Der zweite Satz teilt erheblich mehr mit als der erste, in „Stummeldeutsch“ verfasste.

    „sie sollen sich auseinandersetzen“
    „sie sollen sich auseinander setzen“
    Eindeutige Grammatik, eindeutiger Sinn.

    Wenn Sprache, vor allem auch die geschriebene, der Vermittlung von Sinn, Gefühl, inneren und äußeren „Zuständen“ etc. taugen soll, dann kann ein Schriftsteller in einer bestimmten Sprache nur der sein, der sich einer klaren Grammatik bedient und über einen großen Sprach- und Wortreichtum verfügt….

    Ein Schriftsteller – sei er noch so intelligent, der „Stummeldeutsch“ schreibt, ist keiner! Ich verstehe nicht, wie man darüber streiten kann.

    „Ich habe fertig.“

  5. Mein Deutschlehrer meinte mal.
    Mein Deutschlehrer meinte mal, als Autoren sollten wir uns nicht versuchen, denn man würde uns mit Goethe und Schiller vergleichen, und das wäre es dann mit unserer Literaturkarriere gewesen. Bei jemandem, der mit Deutsch gross geworden ist, ist es also einfach, einen Massstab zu finden. Anders bei Tomer Gardi. Mit wem sollte man ihn vergleichen? Wenn er spricht, versteht man nichts – so kann man es hier zumindest lesen. Aber wenn er schreibt, weiss man, was er sagen will. Also sollten wir ihn ermutigen zu schreiben, damit wir ihn verstehen und uns an ihm erfreuen können. Um zu beantworten, wem die deutsche Sprache gehört ? Selbstverständlich mir, ich erhebe hiermit den Anspruch auf sie.

  6. später ist man immer schlauer
    Halten wir uns nicht mehr mit Banalitäten auf. Der Zug ist abgefahren und ob er in die richtige Richtung fährt wird sich erst zeigen, wenn er am Horizont verblasst. Literatur der heutigen Form wird vergehen, so oder so. Der Standard ist nicht mehr haltbar, andere Aspekte rücken in den Vordergrund. Botschaften scharf, verständlich vermitteln ist nicht mehr modern, es lebe die Selbstdarstellung im Gestammel naiver Inkompetenz. Nach dem geschriebenen Wort kommt das Bild, meist als Selfi.

  7. Sprache dient der Kommunikation
    Ich bin in mir zerrissen. Einerseits kenne ich Gardis Text nicht, aber wenn ich den Bericht verallgemeinere, dann schält sich eine Interessante Frage heraus „wie weit darf Sprache sich von grundlegenden grammatikalischen Regeln entfernen?“. Wie leidenschaftlich wurde über die letzte Rechtschreibreform gerungen, man konnte meinen der Untergang unserer Zivilisation stünde an, dabei bildet die geschriebene Sprache nur einen Bruchteil der täglichen Kommunikation ab. Korrigieren wir unseren Gegenüber auch, wenn wir den Eindruck haben, er würdige die stilgerechte Schriftsprache auch im alltäglichen nicht hinreichend? Wie sieht es mit regionalen Eingenheiten aus? So nutzt der Schwabe praktisch nie die einfache Vergangenheit, sondern weicht hartnäckig auf den Perfekt aus, selbst wenn er sonst kaum „schwäbelt“; nie „war“ er irgendwo, sondern ist immer „gewesen“ … . Ja Sprache kann weh tun, aber warum werden wir pedantisch wenn sie niedergeschrieben wird, wenn wir doch ohne uns zu verbiegen nahezu beliebig viele Fehler gegenüber den Sprachregeln hinnehmen, so lange sie nur gesprochen und nicht schriftlich fixiert werden? Wir akzeptieren ja auch, dass sich Sprache weiterentwickelt – wenn auch manchmal nur widerwillig. Es war für mich ein a-ha Erlebnis, als ich als Jugendlicher nach einem mehrjährigen Auslandsaufenthalt aus Südamerika zurückkam. Meine Deutschlehrerin war angetan, da die vielen spanischen Worte die ich ins Deutsche übernommen hatte mich anscheinend gebildet klingen ließen. Meine Schulkameraden verdrehten die Augen und ich starb fast an dem Lachanfall, den ich bekam als ich Götz von Berlichingen las und dort der Bischof spricht, der Götz molestiere ihn unsäglich. Molestieren, ich dachte ich spräche schlechtes Deutsch, dabei bediente ich mich Goethes Vokabulars! Aber das machte meine Aufsätze nicht zu großer Literatur wie ich lernen mußte. Und ja, es quält mich wenn meine Kinder dem Genitiv den Garaus machen, aber deren Kinder werden sich vermutlich bereits über ihres Opas seltsame Ausdrucksweise wundern. Warum also schmerzt Gardi? Weil er uns den Spiegel der gelebten Realität vorhält? Weil unser Miteinander sich so gar nicht an Regeln halten will, weder in der Sprache, noch im Handeln? Warum wird dieser Spiegel der Realität zur Tellermine? Und ist dies nicht eine Überhöhung, die ihm eine Bedeutung einräumt, die er möglicherweise gar nicht verdient hat?
    Ja, es schmerzt mich auch, wenn ich Texte lese, die oftmals kaum verständlich sind (und ich meine nicht wegen Rechtschreibfehler) sondern vor Banalitäten strotzen. Vermutlich muss ich mir selbst an die Nase fassen … wenn ich auf Reisen bin, dann geniese ich es in anderen Ländern die Werke von Straßenkünstlern zu sichten oder auch in die eine oder andere Gallerie zu spikeln. Meist kann ich mit den Werken persönlich herzlich wenig anfangen, aber das eine oder andere weckt meine Aufmerksamkeit. Oftmals bleibt mir die „Sprache“ des Künstlers unverständlich, aber das kann uns sollte nicht der Maßstab sein, es zu bewerten. Picassos Werke werden heute teuer gehandelt, aber ich erinnere mich, dass ich, als ich das erste mal Guernica sah, zutiefst verwirrt war. Und auch heute, Jahrzehnte später fehlt mir immer noch der Zugang zu seinem Werk. Was also macht Kunst, was macht Literatur aus? Darf, muss sie weh tun? Darf, muss sie neues Terrain beschreiten? Darf, muss sie gegen den Strich gebürstet daher kommen? Muss sie gefallen, um jeden Preis? Um welchen Preis? Wer ist berufen ihr ihre Kunst abzusprechen? Vielleicht gilt ja einfach „wem’s gefällt“ …

  8. Fehlender Gestaltungswille?
    Wenn die kurzen zitierten Passagen charakteristisch sind, muss ein Kritiker doch ziemlich borniert sein, der hier keinen Gestaltungswillen erkennt. Die Sprache des Autors hat doch eindeutig Kraft. Hier kann jemand sehr gut schreiben, und dass er es formell falsch tut, zeigt eigentlich nur, wie gut er es kann. Das ist sogar unabhängig davon, ob er es fehlerfrei könnte.

  9. Neo-Grammatizismen
    Man hat ja die Jury manchesmal nicht verstanden, so auch hier, denn die Tellermiene ist ja gar keine, sobald man merkt, dass der Autor nicht so schreibt, weil er es nicht anders könnte, sondern um Reflexion anzustoßen. Denn beim Lesen merkt man doch recht schnell, dass der Autor es besser könnte, wenn er wollte. Er kriegt sogar problemlos Gerundiva hin.
    Der Text kann daher als Vedienst seiner Form eine Fülle von Fragen aufwerfen, die nicht nur die vordergründigen Themen bestreffen („Einwanderung“, „Heimatlosigkeit“, „Kulturverschmelzung“ etc.), sondern auch Sprache, Sprechen, Verständigen und Verstehen. Z.B. wird die Frage angerissen, ob Verstehen primär Sprachregeln benötigt? Wie weit andererseits Grammatik Denkwege so vorformt, dass Neo-Grammatizismen die Denkmöglichkeiten einer Sprache erwietern?
    Als Provokation der Jury lässt sich der Kunst-Text nur verstehen, wenn man animmt, der Autor wisse selbst nicht, was er schreibt, bzw. er habe gar nicht zu Papier bringen können, was er im Kopf hatte. Er wäre dann schlicht nicht anders als irgendein Amateur an der Sprache gescheitert. Das wäre dann die Geschichte von des Kaiser’s neuen Romanen, Gedichten, Gemälden und Musiken, die es in der Moderne, seit der Banalisierung des Klassisch-Virtuosen, immer wieder gibt.
    Wie gesagt, der Text gibt diesen Verdacht mEn nicht her. Vielleicht sind das dickste Hinweisschild überhaupt die Rechtschreibfehler – die kann ja jeder heute einfach mit Word tilgen. Als reflexionsangebot darf und muss man den text also ernst nehmen.

    • Einwanderung und Radebrech
      Zementiert ein solches Radebrech nicht das Klischee vom kulturfernen Migranten? Wenn ich in einem fremden Land übermüdet am Kofferband des Flughafens stehe, dann denke ich (mehr oder weniger fließend) in meiner Muttersprache und nicht gebrochen in Landessprache. Wenn ich zufällg meine Muter bei mir habe, spreche ich mit der auch (fließend) in meiner Muttersprache. Zeigt deshalb die Haltung „Migranten – hey, endlich mal richtig autentisch- die sprechen (und denken) halt so gebrochen“ nicht einfach eine fehlende Transformationsfähigkeit des Gelesenen zu annektotisch Erlebten (beim Leser)? Die Seismographen der strukturellen Unterdrückung müssten im vorliegenden Fall eigentlich anschlagen und die einschlägige Gruppe skandieren: Alter, check mal deine Privilegien!

      Wenn ich die Transformationsfähigkeit des Lesenden unterstelle, dann muss ich ihm nicht zumuten, sich durch diese Geröllhalde zu kämpfen.

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