Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wir wollen keine Bittsteller mehr sein

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Nur sechs Prozent der Studierenden in Deutschland sind Eltern. Empfinden sie ihre Hochschule als familienfreundlich, was müsste verbessert werden? Ein Gespräch mit Miriam und Andrea in Frankfurt.

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Nur eine Hand frei: Studieren mit Kind

Ein trister Wintersemestermorgen. Alles schläft noch ein bisschen, auch nach Seminarbeginn. Ein Kind tapst zwischen den Tischen umher, geht ans Fenster, zieht den Vorhang zurück, setzt sich vor die winterliche Kulisse und seufzt: „Hach …“.

Alle müssen lachen oder zumindest schmunzeln, die Stimmung hellt sich schlagartig auf. Es ließe sich sagen, dass dieses kleine Intermezzo der Veranstaltung eher auf die Sprünge geholfen als geschadet hat.

Im Sommersemester 2016 hatten sechs Prozent aller in Deutschland Studierenden mindestens ein Kind – das ist ein ganzer Prozentpunkt mehr als bei der letzten Erhebung 2012. Doch wie ist es eigentlich, Elternteil zu sein und Student*in?

Und wie sieht eine familienfreundliche Hochschule aus?

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Andrea Weygandt (26, auf dem Foto rechts) und Miriam Elsäßer (27) eint, dass sie gleichzeitig für ihr Studium und ihre Kinder verantwortlich sind. Da die beiden eng befreundet sind – sie besuchten längere Zeit die gleiche Gruppe zur Vernetzung junger Mütter – treffen wir sie gemeinsam auf dem Westend-Campus der Uni Frankfurt. Die jeweiligen Väter sind an der Erziehung beteiligt.

Miriam wurde im vierten Semester ihres Magisterstudiums (Ethnologie und Geschichte) schwanger, inzwischen hat sie zwei Kinder. Als Andrea ihr Studium (Grundschullehramt) 2012 begann, hatte sie bereits einen vierjährigen Sohn, und war gerade im sechsten Monat.

Sofort fällt auf, über wie viele Themen sich die beiden im Laufe der Zeit informiert haben. Zu Anfang des Gesprächs unterhalten sie sich zunächst über die Möglichkeit, dass auch Großeltern in Elternzeit gehen können, später über den Anspruch auf Mehrbedarf von BaföG-Empfängerinnen in der Schwangerschaft, samt eines Pauschalbetrags für die Erstausstattung. Zum Elternsein gehört offenbar, sich viel von solchem Wissen anzueignen.

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Einer, der Studierenden mit Kind(ern) dabei hilft, ist Benjamin Kirst. Er ist Koordinator des Familien-Services im Gleichstellungsbüro der Universität Frankfurt. Dort können Studierende, die ein Kind erwarten oder Eltern, die ein Studium in Erwägung ziehen, eine Überblicksberatung erhalten und an weitere Beratungsangebote verwiesen werden. Ihn haben wir nach den drei häufigsten Themen gefragt.

„Top-Thema Nummer 1 ist immer noch die Kinderbetreuung“,

sagt Benjamin Kirst. Das werde auch eine Weile so bleiben, was nicht heiße, dass diesbezüglich nicht schon viele Fortschritte gemacht worden wären. „Wir bemerken in der Beratung, dass die Betreuungsangebote in Frankfurt in den letzten zehn Jahren stark ausgebaut wurden, aber auch die Nachfrage ist gestiegen.“ Problematisch für Studierende mit Kindern seien insbesondere die stark gestiegenen Mieten in Frankfurt. Das motiviere viele Studierende in Anrainer-Kommunen zu ziehen, wodurch ihnen aber der Platz in einer Kita in Uni-Nähe im Stadtgebiet verwehrt bleibt, selbst wenn der für sie wünschenswert wäre.

© Samuel KramerAndrea Weygandt

Generell stimmen die beiden Mütter dieser Einschätzung zu, Miriam präzisiert noch, dass die allgemeine Arbeitsorganisation mehr umfasse als die üblichen Kita-Zeiten. Diese seien eher an Arbeits- als an Uni-Zeiten angepasst. Wenn ein Kind nur einen Halbtags-Platz bekomme (der den Anspruch auf einen Betreuungsplatz schon erfüllt) und vielleicht noch zwischen Wohnort, Kita und Uni gependelt wird, blieben schnell nur noch Veranstaltungen zwischen 10 und 14 Uhr als wählbare Optionen übrig. Obligatorische Seminare oder Vorlesungen, die nur am Abend angeboten werden, seien eine große Hürde. „Das bedeutet dann, dass du jede Woche jemanden finden musst, der auf dein Kind aufpasst.“, sagt Andrea.

Damit, Kinder in die Uni mitzubringen (wenn das altersmäßig funktioniert), haben beide gute und schlechte Erfahrungen gemacht. Allgemein sind die meisten Räume voller Steckdosen, oft beengt und nicht für Kinder eingerichtet – für beide ist das Mitbringen dabei nur eine Notlösung, für Fälle, wenn sonst nichts mehr geht. Andrea wurde in einer Pädagogik-Veranstaltung schon gebeten, doch bitte zu gehen und nächstes Mal ohne Kind wiederzukommen. Aber auch schöne Erlebnisse wie die Anekdote vom Anfang kommen zur Sprache.

Top-Thema Nummer 2: Finanzierung

Andrea und Miriam sind sich sicher: Geld wird plötzlich wichtiger, wenn Kinder da sind. Schwierig sei vor allem, langfristiger zu planen, wenn Gelder wie BAföG nur für einen bestimmten Zeitraum bewilligt werden. Wenn dann mal etwas mit drei Monaten Verspätung auf dem Konto landet, sind Reserven gefragt oder jemand, der für die Zeit etwas leihen kann. Auch wenn es dann irgendwie klappt, bliebe ein Gefühl der Unsicherheit.

 

Immer wieder beschreiben Andrea und Miriam Situationen, in denen sie sich in der Rolle der „Bittstellerin“ sehen, sei es nun vor dem BAföG- oder dem Prüfungsamt. Miriam beschreibt es als „zermürbend“, wieder und wieder um Dinge wie einen Nachteilsausgleich (zum Beispiel eine längere Abgabefrist) bitten zu müssen, die ihr per Gesetz oder Richtlinie eigentlich zustehen. Auch wenn es schwierig ist, sich Alternativen vorzustellen, wären die beiden froh, weniger bürokratische Verfahren durchlaufen zu müssen und durch einheitlichere Regelungen (zum Beispiel an verschiedenen Instituten) besser planen zu können.

Top-Thema Nummer 3: Studienorganisation

© Samuel KramerMiriam Elsäßer

Andrea, die von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert wird, sagt, sie habe oft „so ein schlechtes Gewissen in Klausuren-Phasen“, schon „wenn man nur nach Hause geht statt auf den Spielplatz, weil man da nicht arbeiten kann.“ Auch Andrea studiert dank einiger Urlaubssemester für die Kinder mittlerweile deutlich länger als die meisten, mit denen sie das Studium begonnen hat, beide haben nur noch wenig Kontakt zu den Kommiliton*innen von damals.

Als sehr wichtig beschreiben Miriam und Andrea den Kontakt zu anderen Müttern und Vätern. Dabei sei natürlich allein der Austausch hilfreich, vor allem aber zögen sie aus engeren, tragenden Beziehungen, die sich dadurch entwickelt hätten, viel Kraft.

Gefragt, was sie verändern würden, um die Uni und das Studium im Allgemeinen familienfreundlicher zu gestalten, fallen Andrea und Miriam spontan mehrere Punkte ein. Sie wünschen sich mehr Wahlfreiheit bei Veranstaltungen, mehr alternative Termine vor allem für große verpflichtende Seminare und Vorlesungen. Sie sind klar für die Abschaffung des Windhund-Verfahrens. Andrea schlägt alternativ auch eine Sonderregelung wie auf Flohmärkten vor: „Da dürfen Schwangere ja auch eine halbe Stunde früher rein.“

Einen Spielplatz auf dem Campus würden sie begrüßen, sowie die Möglichkeit, das Semesterticket gegen Gebühr auf eigene Kinder auszuweiten.

Es gibt keine verlässlichen Zahlen

Der tatsächlichen Umsetzung familienfreundlicher Verbesserungen stehen allerdings ein paar Hürden im Weg, die fast schon in der Natur der Sache zu liegen scheinen. Sich als Elternteil mal eben noch hochschulpolitisch zu engagieren, um auch den eigenen, speziellen Bedürfnissen und Wünschen Gehör zu verschaffen, ist nämlich gar nicht so leicht. Das fängt schon damit an, dass die Veranstaltungen oft zu „Unzeiten“ stattfinden, meint Andrea. Während Studierendenparlamente über die Gestaltung von Lehre und Forschung diskutieren, gilt es anderswo, eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Tobias Poensgen (27), engagiert sich im autonomen Elternreferat der Uni Frankfurt, ist Vater eines dreijährigen Kindes und arbeitet neben dem Masterstudium. Zusammen mit einem Kollegen will er die Situation von Studierenden mit Kind(ern) verbessern, aber es ist schwierig, der Verantwortung gerecht zu werden. „Wir haben das Gefühl, noch mehr Unterstützung zu brauchen.“, sagt er. „Das Kind ist eigentlich schon ein Vollzeit-Job.“

Auch, reguläre Veranstaltungen im Rahmen der gewährten Fehlzeiten sausen zu lassen, um politische Aktivitäten zu unterstützen, können sich Eltern oft nicht leisten. „Zwei Fehlzeiten musst du immer einkalkulieren“, sagt Andrea – falls mal ein Kind krank wird.

Natürlich gibt es auch von Seiten der Hochschulen Schwierigkeiten, den Bedürfnissen der Studierenden gerecht zu werden. Benjamin Kirst sagt, dass es standortspezifisch „keine verlässlichen Zahlen“ zum Familienstand der Studierenden gibt, derart sensible Daten könnten nicht einfach generell erfasst werden.

„Informationsmanagement ist das A und O.“,

sagt Kirst. Das gelte zwischen den Studierenden und der Institution in beide Richtungen: Oft mache für Einzelpersonen die Versorgung mit den richtigen Informationen schon einen riesigen Unterschied. Je nach Größe der Universität und dem verbundenen Strom an Hinweisen und Angeboten sei es allerdings extrem schwierig, die entsprechenden Studierenden auch zu erreichen oder überhaupt publik zu machen, welche Anlaufstellen existieren.

Als Andrea sich an ihre Einschreibung zurückerinnert, sieht sie auch an dieser Stelle noch Potenzial. „Nachträglich würde man eigentlich erwarten, dass, wenn man sich als sichtbar schwangere Frau immatrikulieren lässt, man direkt auf Informationen hingewiesen wird.“ Auch Informationen in der Willkommensbroschüre hätte sie begrüßt. „Wenn du nicht davon ausgehst, dass es mobile Wickeltische und Spielkoffer gibt“ (die man ausleihen kann) „dann googelst du das ja nicht.“ Oder wer weiß noch, dass BAföG-Empfängerinnen* einen Anspruch auf Mehrbedarf in der Schwangerschaft haben – oder auf einen Pauschalbetrag für die Erstausstattung?

Menschen, die sich neu in der Situation mit Kind und Studium befinden, empfehlen alle Befragten das Gleiche: Sich mit anderen Eltern auszutauschen, zum Beispiel in einer lokalen Eltern-Kind-Gruppe, und bei Bedarf bei einer zentralen Beratungsstelle einen Überblick zu gewinnen.

Miriam und Andrea sind Beispiele, wie Eltern den Studienalltag mit Kindern erfolgreich meistern können. Dennoch: Obwohl beide jahrelange Erfahrung, unermüdliche Selbstdisziplin, einen Partner und verlässliche Vertrauenspersonen auf ihrer Seite wissen, hat das Gespräch mit ihnen gezeigt, dass noch viel Bedarf besteht, Studierenden mit Kind(ern) den Alltag zu erleichtern. Ein wichtiger erster Schritt ist dabei, die Interessen und Probleme von studierenden Eltern bekannt zu machen. Vielleicht unterstützt dann ja jemand das Elternreferat, der oder die gerade kein Kind betreut. Familienfreundlichkeit kann schon damit anfangen, dass alle im Seminar wissen:

Wer ein Kind mit in die Sitzung bringt, hat vermutlich schon alle anderen Optionen und ein paar Dutzend weitere bedacht.

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Miriam und Andrea waren die Ersten, die sich für ein Interview bereit erklärt haben – sie wurden nicht wegen ihres Geschlechts ausgewählt. Allerdings heißt es in der Sozialerhebung des deutschen Studentenwerks:

„Im Falle einer Elternschaft kommen auch bei Studierenden überwiegend traditionelle Rollenmuster zum Tragen, d. h. Studenten gehen vermehrt einer Erwerbstätigkeit nach, um den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen, während die Studentinnen eher die Familienarbeit übernehmen.“

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2 Lesermeinungen

  1. Studieren mit Kind-nicht empfehlenswert
    Ich habe mein Vollzeit-Studium mit zwei Kindern gemacht und kann dem Artikel nur zustimmen. Ohne strikte Selbstdiziplin hat man keine Chance, dass Studium zu schaffen. Pro Klausurenphasen sechs Klausuren, der reinste Wahnsinn. Mancher könnte evtl. sagen, dass die Möglichkeit bestünde Klausuren in das nächste Semester zu schieben. Allerdings ist das nur begrenzt möglich, da bedacht werden muss, dass ein Leistungsnachweis beim BAföG-Amt am Ende des dritten, spätestens nach dem vierten Semester vorgelegt werden muss, aus welchem eine bestimmte Anzahl an CP hervorgehen müssen, da sonst die Geldleistungen gestrichen werden. Zudem gilt eine max. Höchstförderungsdauer auch für Eltern. Weiterer negativ Punkt ist der Kitaplatz. Obwohl sie Kindergärten des “Studentenwerks“ heißen, haben nicht-studierende Eltern einen vorrangigen Anspruch auf einen Kitaplatz gegenüber einem Studenten von außerhalb. Nicht zu vergessen die mitternächtlichen Anmeldungen für bestimmte Module die online freigeschaltet werden u. aufgrund der sehr begrenzten Plätze ein Aufstehen um kurz vor null Uhr unumgänglich machen. Das sind nur ein paar wenige meiner Erfahrungen als studierende mit Kind an einer Uni, die dafür wirbt “mit Kindern zu studieren“

  2. Kinderunfreundlich
    Die Struktur von Deutschland ist absolut nicht kinderfreundlich oder familienfreundlich. Damit meine ich nicht die Menschen, sondern das Wirtschaftssystem und die Organisierung der Gesellschaft. Es gibt Fortschritte, aber manchmal lässt einen verzweifeln, welch hinterwäldlerische Entscheidungen in der Politik getroffen oder eben nicht getroffen werden, einfach weil der Unterschied Stadt-Land und alt-jung doch sehr groß ist.

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