Home
Blogseminar

Blogseminar

Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wie wird man „Student des Jahres“?

Christoph Lüdemann ist der erste deutsche „Student des Jahres“. Er beeindruckte die Jury mit seinem Engagement in der Entwicklungshilfe. Welchen Preis zahlt er für seinen Einsatz? Hilft ihm die Auszeichnung?

***

XXX© L’appel Deutschland e.V.Christoph Lüdemann

Vor einigen Wochen haben der Deutsche Hochschulverband (DHV) und das Deutsche Studentenwerk (DSW) zum ersten Mal die Auszeichnung „Student des Jahres“ verliehen. Preisträger ist Christoph Lüdemann, 29, Student der Medizin und Wirtschaftswissenschaften an der Universität Witten/Herdecke. Er wurde unter 106 Kandidaten ausgewählt, da er „ein über die Leistungen im Studium hinausgehendes, herausragendes Engagement zeigt“, wie es in der Begründung der Jury heißt.

Der von Lüdemann 2013 mitbegründete Verein „L’appel Deutschland“ initiiert Entwicklungsprojekte in Ruanda und Sierra Leone, darunter, als derzeit größtes Projekt, den Bau einer Ganztagsschule in Sierra Leone. Auch werden mit dem jährlichen Spendenaufkommen von etwa 250.000 Euro Stipendien an Medizinstudenten in beiden Ländern vergeben. Im Verein engagieren sich ehrenamtlich knapp dreißig Studenten aus Köln und Witten/Herdecke.

Gut drei Monate nach der Auszeichnung haben wir mit Lüdemann über sein Leben als „Student des Jahres“ gesprochen und darüber, wie der Preis ihn und die Arbeit seines Vereins verändert hat.

***

F.A.Z.: Christoph, müsste die Auszeichnung nicht eigentlich heißen: „Engagiertester Student des Jahres“?

Christoph Lüdemann: Ja, womöglich schon. Das war jetzt das erste Mal, dass der Preis verliehen wurde und vielleicht ist der Titel „Student des Jahres“ wirklich ein wenig missverständlich. Weil es ja tatsächlich nicht darum geht, die besten Noten zu haben oder möglichst akademisch durchzustarten, sondern eher darum, dass das Engagement neben dem Studium noch möglich ist. Da es ganz viele andere gibt, die das ebenso großartig machen, wäre es vielleicht eine Idee, den Preis in Zukunft in Kategorien (Engagement, Studienleistung, usw.) eingeteilt zu vergeben.

Die anderen knapp dreißig Vereinsmitglieder gingen leer aus. Ist das gerecht?

Die gehen insofern leer aus, als sie nicht auf der Bühne stehen, ja – aber mir ist immer wichtig, klarzustellen, dass ich nicht alleine für den Erfolg von „L’appel“ verantwortlich bin. Das wäre überhaupt nicht möglich. Andererseits gehen die Anderen insofern wiederum nicht leer aus, als der Verein durch den Preis mehr Aufmerksamkeit bekommen hat; es sind viele neue Köpfe dazu gekommen, die ganz wunderbar dazu passen und sich in das eingefügt haben, was bei uns an Kompetenzen bislang gefehlt hat. So gesehen profitieren wir alle davon.

Betrachtest Du die Arbeit bei „L’appel“ mehr als private Freizeitbeschäftigung oder mehr als Arbeit?

Ganz klar als Letzteres. Speziell der Vorstand, aber auch viele andere aus dem Team haben durchaus Schwierigkeiten, das Studium auf die Kette zu kriegen, weil so viel zu tun ist.

Lernst Du denn dabei Dinge, die Hochschule oder der Beruf später Dir nicht bieten?

Bezogen auf das Studium: ja. Denn die Herangehensweise daran, selbst etwas zu gründen und dann daran zu arbeiten, ist etwas, was einen theoretische Kurse in der Uni nicht lehren können.Weil man mit so einer Arbeit direkt im kalten Wasser startet und man sofort loslegen, einfach machen muss – getreu dem Motto „learning by doing“. Fest steht für uns alle, die wir vorher nie Entwicklungshilfe betrieben haben und keine Vorerfahrung mit Fundraising oder Organisationsentwicklung hatten, dass wir bei der Vereinsarbeit wahnsinnig viel lernen. Ob uns „L’appel“ mehr lehrt als spätere Berufe, kann ich noch nicht sagen, weil ich selber noch nie voll berufstätig war.

4© L’appel Deutschland e.V.Christoph Lüdemann (Dritter von rechts): „Ich glaube fest daran, dass wir als in Deutschland Geborene ein bisschen von dem zurückgeben sollten, was uns einfach so zugefallen ist.“

Und ein klassischer Nebenjob, würde der Dir nicht Ähnliches bieten?

Bestimmt gibt es Nebenjobs, die einen viel lehren in Sachen Zusammenarbeit im Team, mit dem Vorgesetzten oder Selbststrukturierung. Ich glaube aber, dass der Mut, etwas eigenes zu gründen und dann aufzubauen, schwerer wiegt: Man ist selbst verantwortlich, man gewinnt den vollständigen Überblick darüber, was für ein Team und eine Organisation wichtig ist. Es ist einfach ein anderes Gefühl, Erfolg mit einer Arbeit zu haben, bei der man alles selber gemacht hat.

Würdest Du Dich als Idealisten bezeichnen?

Wenn das bedeutet, zu glauben, etwas verändern zu können, dann ganz klar ja. Ich glaube fest daran, dass wir als in Deutschland Geborene ein bisschen von dem zurückgeben sollten, was uns einfach so zugefallen ist. Mir ist wichtig, daran zu erinnern, welch großes Privileg es ist, studieren gehen zu können und größtenteils keine finanziellen Probleme haben zu müssen. Meinem Ideal entspricht es dann, dort anzupacken, wo das nicht der Fall ist.

Nun gilt das Medizinstudium ja nicht gerade als anspruchslos. Stehen Prüfungsdruck und Engagement bei Dir nicht in einem permanenten Konflikt?

Ja, insofern, als einfach die Zeit fehlt, beides zu hundert Prozent leisten zu können. Tatsächlich hat sich mein Unialltag bis zum April dadurch ausgezeichnet, Überschneidungen von Medizinstudium, Masterabschluss und Arbeit für „L’appel“ ein bisschen zu reduzieren. Das bedeutete: viel mit Dozenten sprechen, wenn möglich Prüfungstermine auf unterschiedliche Tage legen, Sonderregelungen für Hausarbeiten erfragen. Das ist ein großer Teil des Aufwandes, der hinter dieser Vereinbarkeit steht. Und ganz klar ist der Preis für die Gründung einer Organisation parallel zum Studium, dass die Noten in einzelnen Klausuren schlechter sind als man vor dem Studium erwartet hat. Das ist mir aber recht wurscht und für die Schritte nach dem Studium relativ egal.

Geld verdienen steht hinten an?

Ja, schon. Mein Vorstandskollege und ich hatten vorher Nebenjobs, die wir durch die Arbeit aber irgendwann aufgeben mussten, was natürlich dazu geführt hat, dass kein Geld mehr reinkommt. Daraus entbrannte bei „L’appel“ eine längere Diskussion über die Frage, ob man bei einer gemeinnützigen Organisation nicht auch Geld verdienen kann – kein leichtes Thema, weil es naturgemäß die Ausrichtung verändert. Mittlerweile verdienen wir vom Vorstand ein bisschen was für unsere Tätigkeit, und das entlastet sehr.

XXX© L’appel Deutschland e.V.„Mein Ziel und mein Wunsch ist, dass bei ‚L’appel‘ jeder entlohnt werden kann, der es braucht.“

Ehrliches Engagement ohne Bezahlung nimmt bei hohem Einsatz leicht ausbeuterische Züge an. Wo ziehst Du bei Dir die Grenze zwischen dem, was freizeitliches Engagement ist und dem, was als Arbeit vergütet werden müsste?

Mein Ziel und mein Wunsch ist, dass jeder entlohnt werden kann, der es braucht. Heißt: Für diejenigen, die bei uns Zeit investieren, sich langfristig engagieren, hätte ich gerne eine Organisation, die das auch vergütet. Die Grenze ist da schwimmend. Bei Leuten, die hin und wieder mal auf dem Flohmarkt mithelfen oder auf dem Sommerfest ein Bier zapfen, hält sich das noch in einem Rahmen, der ohne Bezahlung auskommen kann. Wenn aber jemand wirklich jeden Tag im Büro ist und einen Bereich wie zum Beispiel Verwaltung oder Buchhaltung verantwortet, finde ich es völlig in Ordnung, für ehrenamtliches Engagement bezahlt zu werden – schließlich habe ich selbst gesehen, dass es schwierig und irgendwann unmöglich ist, unbezahlt dreißig, vierzig Stunden in der Woche zu arbeiten. Zudem befürchte ich, nur so auch in Zukunft Vereinsmitglieder gewinnen zu können.

… was unweigerlich die Frage aufwirft, über welche Höhe der Vergütung wir dann sprechen. Acht Euro, zehn Euro, zwölf Euro die Stunde?

Bei „L’appel“ verdienen wir als Vorstand mittlerweile jeweils zwischen 300 und 400 Euro pro Monat. Das halten wir für ein vertretbares Maß, mit dem man sich weder persönlich bereichern, noch einen Nebenjob vollständig substituieren kann. Und zugleich für eine wichtige Symbolik hinsichtlich der eben genannten zukünftigen Generation. Orientiert haben wir uns an Größen wie dem Mindestlohn und dem Verdienst aus geringfügiger Beschäftigung, wobei auch das Finanzamt immer noch ein mächtiges Wort mitspricht.

Welche Rolle spielt das Umfeld in Witten/Herdecke? Begünstigt eine Privatuniversität ein Engagement wie Deines?

Ich glaube, dass die Uni Witten ein Umfeld bietet, das etwas wie „L’appel“, ja generell die Möglichkeit, sich einzubringen, erleichtert. Weil man mit vielen anderen jungen Menschen in Kontakt kommt, die ähnlich viel Bock haben, sich zu engagieren. Weil man hier leicht ein Gruppe findet, die mitmachen, Dinge anpacken will. Und die Uni selbst bietet viele Kurse, die in diese Richtung gehen: Der Fokus der wirtschaftlichen Ausbildung kann zum Beispiel auf dem – wenn man es so nennen möchte – „sozialen Entrepreneurship“ liegen. Es gibt viele Institutionen rund um die Uni, die ein solches Engagement bestärken wollen und das macht es ganz klar einfacher.

XXX© L’appel Deutschland e.V.Die Idee für „L’appel“ kam Christoph Lüdemann, nachdem er vor knapp fünf Jahren in Ruanda unterwegs war.

Wenn Du als Wirtschaftswissenschaftler die Lust verspürt hast, etwas zu gründen – warum dann ein Hilfsprojekt, keinen Startup?

Das heutige „L’appel“ kam mir erstmal nur als Idee, nachdem ich 2011 in Ruanda unterwegs gewesen war. Die Organisation ist dann organisch zu dem geworden, was sie heute ist. Dass zwei Vorstände in dieser Organisation arbeiten würden, war ebenso wenig abzusehen wie das, was sich nach Gründung in den letzten drei Jahren entwickelt hat. Erst neuerdings überlege ich, wie es mit einer Startup-Gründung anders gelaufen wäre; mit der Entwicklung, die unser Verein genommen hat, wären wir mit einem Startup im klassischen Sinne – also gewinnorientiert – wahrscheinlich jetzt an einem wahnsinnig guten Punkt. In diesem Konjunktiv zu denken, hilft aber recht wenig. Zumal sich auch so viel um „L’appel“ herum gebildet hat, so zum Beispiel eine Fairtrade-Organisation oder wir die Vision eines Forschungsinstituts an der Uni verfolgen, das sich mit der Messung von Projekten wie den unsrigen beschäftigt. Im Grunde genommen ist es gar nicht eine Entweder-Oder-Frage, die sich stellt, denn Elemente von Hilfsorganisation und Startup lassen sich wunderbar vereinbaren.

Entwicklungshilfe ist kein unumstrittenes Feld. Betrachtest Du Dein Engagement als mehr als einen Tropfen auf den heißen Stein?

Das kommt immer darauf an, womit man es vergleicht. Gemessen an den vielen hundert Milliarden, die etwa von der EU oder anderen internationalen Gemeinschaften überwiesen werden, sind unsere 200.000 Euro in diesem Jahr natürlich wenig. Aber wenn man die Gegenden in Ruanda und Sierra Leone heute damit vergleicht, wie wir sie ursprünglich vorfanden, steht doch fest: Eine neu entstandene Krankenstation kann jetzt Menschen versorgen, die vorher oft an Bagatellen gestorben sind. Wo wir zusammen mit der Bevölkerung etwas aufgebaut haben, was es vorher schlichtweg nicht gab, sehe ich weit mehr als nur einen Tropfen auf den heißen Stein – eher, um im Bild zu bleiben, einen Wasserfall.

Bekanntlich hat sich in den vergangenen Jahr ein regelrechter Engagement-Tourismus gebildet: Wie beim Reiseveranstalter lässt sich soziale Projektmitarbeit in Entwicklungsländern buchen. Kommt ihr in Berührung mit derlei Veranstaltern?

Nein, wir als Organisation nicht. Doch vielmehr müssen wir darauf achten, nicht selber zu einem zu werden. Wir haben seit jeher ein kritisches Auge darauf, wer mitkommt auf die Reise von unserem Team. Unsere Maßgabe lautet: Jeder muss eine Aufgabe übernehmen, die über eine solche Projektreise hinaus mehrere Jahre lang „L’appel“ hilft. Niemand kann also mitkommen, um einfach mal zu gucken, wie es ist, um ein paar Fotos mit Kinder zu machen, die man online stellen kann, um sein soziales Engagement zu plakatieren. Und überhaupt soll sich unsere Arbeit nicht in Bildern erschöpfen, indem wir uns einfach nur vor Ort mit Kindern im Arm zeigen– so wie hierzulande auch niemand Fotos mit fremden deutschen Kindern im Arm auf Facebook hochladen würde.

XXX© L’appel Deutschland e.V.Nicht als Retter, sondern als Vermittler zwischen den Partnern in Deutschland und den Menschen in Afrika wollen die Studenten von „L’appel“ wahrgenommen werden.

Wie begegnest Du Vorwürfen, das ähnele unweigerlich einer Form von Kolonialismus? Im Sinne von: „Da kommt der weiße Mediziner nach Afrika und zeigt den armen Schwarzen, wie’s geht“?

Das halte ich für einen absolut berechtigten Vorwurf. So ist es ja tatsächlich, das ist zunächst einmal nur eine Tatsachenbeschreibung: Wir kommen als Weiße in ein Dorf voller Schwarzer. Entscheidend ist aber, wie man dorthin kommt: Auch wenn es ein wenig abgedroschen klingt, wollen wir den Menschen respektvoll und auf Augenhöhe begegnen. Wir wollen nicht mit einer festen Idee dorthin kommen, weil wir es bei uns zuhause besser gelernt haben. Sondern vor allem wollen wir umsetzen helfen, was an eigenen Ideen in der Bevölkerung entsteht. Und trotzdem löst sich dieses Vorurteil nicht von selbst in Luft auf, denn auch die Bevölkerung denkt mitunter, wir könnten die Probleme im Nu mit unserer Expertise und unserem Geld lösen. Deshalb ist es an uns, deutlich zu machen, dass wir nicht Retter sind – erst recht nicht wir jungen Studenten –, sondern eher Vermittler zwischen Menschen und Partnern.

Auch vergebt ihr Stipendien analog zum „umgekehrten Generationenvertrag“, wie es ihn in Witten/Herdecke gibt: Umsonst studieren, Rückzahlung später bei regelmäßigem Einkommen. Wie funktioniert das genau?

Das Grundkonzept ist, dass aus einer Spende aus Deutschland ein Stipendium zum Beispiel in Höhe von 300 Euro im Jahr entsteht. Damit soll sich der Stipendiat in Ruanda oder Sierra Leone ein Studium oder eine Ausbildung leisten können, was vorher nicht für ihn möglich war. So weit, so klassisch. Das Besondere liegt bei uns nun darin, dass der Stipendiat das Geld später nicht an den deutschen Spender, sondern an einen zukünftigen Schulabgänger zurückzahlt. In Sierra Leone haben wir momentan sieben Stipendiaten, die eine Pflegeausbildung machen; in Ruanda momentan drei, die an der Uni studieren. Derzeit überlegen wir, wie diese Zahlungsströme am besten zu verwalten sind.

Lassen sich mit dem Stipendium alle Ausgaben decken, die ein Student in Ruanda hat?

Nein, denn wir haben das Stipendium explizit nur für die Studiengebühren entwickelt, nicht für die Lebenshaltungskosten. Die Stipendiaten sollen weiterhin zuhause oder in ihrer vorherigen Wohnung bleiben, nicht vom Dorf in die Stadt ziehen, wodurch die Lebenshaltungskosten steigen würden.

Und wie geht ihr mit dem Risiko um, dass das Geld nicht zurückkommt? Zum Beispiel, weil die Absolventen keinen Job mit regelmäßigem Einkommen finden?

Das ist die zentrale Frage des ganzen Konzepts. Denn während es in Deutschland Behörden und einen verlässlichen Einkommensbescheid gibt, ist die Situation in Ruanda und Sierra Leone natürlich ganz anders. In Ruanda gibt es so etwas ähnliches wie eine Einkommenssteuererklärung, in Sierra Leone nicht. Wir müssen also vor allem auf Vertrauen bauen, arbeiten aber daran, das System zu verbessern. Doch erleben wir gerade in Ruanda einen solchen Idealismus in der Gesellschaft, dass es bislang nie vorkam und undenkbar erschien, dass jemand plötzlich nicht mehr auffindbar ist.

Was hat die Auszeichnung „Student des Jahres“ für euren Verein bewirkt?

Wir haben viele neue, junge Leute dazubekommen, das ist ein großes Plus. Doch erstaunlicherweise geht große mediale Aufmerksamkeit nicht mit einem höheren Spendenvolumen einher – was nicht schlimm, aber spannend zu beobachten ist. Wir hören nun häufiger bei Spendenaufrufen Dinge wie: „Aber ihr seid doch jetzt schon groß und bekannt!“ Da antworte ich meistens, dass nur, weil wir bekannt sind, wir nicht automatisch wesentlich mehr Spendengelder haben.

3