Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Wir brauchen mehr Vitamin A

Die Doktorandin Victoria Gowele versucht, die Ernährung in ihrer Heimat Tansania durch Sackgärten zu verbessern. In vielen Dörfern sind Frauen und Kinder mangelernährt. Wir haben sie begleitet.

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© Eliza PowellVictoria Gowele zeigt Schülern im Dorf Kitunduweta, wie sie den Chinakohl im Schulgarten am besten ernten.

Beim Griff in die Kekspackung muss Victoria Gowele laut über sich selbst lachen. Den ganzen Tag ist sie schon in der Region Kilosa im Osten Tansanias unterwegs, um Dorfbewohnern nahezubringen, mehr Gemüse zu essen – und hat selbst nur ungesunde Süßigkeiten in den Magen bekommen. „Es ist hier ein bisschen schwierig, eine richtige Mahlzeit zu bekommen“, sagt sie mit Blick auf die winzigen Ziegelhäuser, die typisch für weite Teile Tansanias sind. In ein, zwei oft fensterlosen Räumen leben ganze Familien, gekocht wird über dem Feuer draußen auf dem Boden, zwischen frei herumlaufenden Hühnern.

Die Ernährung und damit auch die Gesundheit der Einwohner zu verbessern, ist Ziel des Gemeinschaftsprojekts Scale-N des Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung, der Universität Hohenheim und der Sokoine University of Agriculture im tansanischen Morogoro (SUA). Victoria Gowele schreibt ihre Doktorarbeit darüber, ob und wie sich die Mikronährstoffversorgung von Schulkindern und ihren Müttern im Lauf des dreijährigen Projekts verändert. Sie hat zwei Betreuer in Morogoro und einen in Deutschland.

Die Fakultät für Gesellschaftswissenschaften der Sokoine University of Agriculture in Morogoro, Tansania.

„Die Chance ergab sich durch Scale-N“, sagt die 41-jährige, von langer Hand geplant war der Doktorgrad nicht. Auf dem Weg dahin hat Gowele ein paar Stationen mehr gesammelt, als es bei deutschen Studenten üblicherweise der Fall ist. Sie stammt aus Njombe im Süden des Landes und zog für das Studium ins zentraler gelegene Morogoro. Bevor sie sich dort an der Sokoine University für Ernährungswissenschaften einschrieb, hatte die kleine, energische Frau mit Pferdeschwanz schon mehrere Jahre lang als Lehrerin für Biologie und Chemie gearbeitet. „Da habe ich aber gemerkt, dass ich gern auf einer höheren Ebene unterrichten möchte als der Schule“, erklärt Victoria. Nach dem Bachelor waren an der SUA keine Dozentenstellen frei, weshalb sie einen Job in einer Bank annahm. Drei Jahre später erhielt sie ein Stipendium für das Masterstudium im belgischen Gent. Seit ihrer Rückkehr gibt sie Ernährungslehre-Vorlesungen und Computerkurse an der Sokoine-Universität, die rund 800 Studenten ausbildet. Victoria ist verheiratet und hat drei Kinder, die jetzt fünf, zehn und 14 Jahre alt sind.

Für Tansania ist so eine Karriere nicht ungewöhnlich, viele legen Zwischenstationen ein oder beginnen erst mit einigen Jahren Berufserfahrung und einem finanziellen Polster ein Studium. Je nach Fach und Abschluss liegen die Studiengebühren an der SUA umgerechnet zwischen 500 und 1500 Euro pro Jahr, es gibt Studienkredite und Stipendien zur Unterstützung. Auch dass Studenten bereits vor oder während des Studiums eine Familie gründen, gilt als normal.

© Eliza PowellVictoria, Schüler und ihre Lehrerin mit einem „Sackgarten“. Er nimmt kaum Platz in Anspruch und benötigt weniger Wasser als flache Gemüsebeete.

Nur weil es viele tun, ist das aber noch lange nicht einfach. Als Victoria ihr Masterstipendium erhielt, wollte sie es erst nicht annehmen, weil ihr erstes Kind gerade knapp zwei Jahre alt war. Ihr Mann überredete sie dazu. „Er hat gesagt: Was machst du denn für unsere Tochter, was ich nicht tun könnte? Ich kann ihr Essen kochen, ich kann mit ihr spielen, ich kann sie zum Arzt bringen, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Also flieg du nach Belgien“, erinnert sie sich. Beim zweiten und dritten Kind hatte sie als Angestellte der Universität das Recht auf drei Monate Elternzeit und drei weitere Monate mit 50 Prozent reduzierter Arbeitszeit.

Jetzt stehen Frauen mit Kindern im Zentrum ihrer Forschungsarbeit. In Dörfern, die zwei bis vier Stunden Fahrt auf teilweise ruppigen, unbefestigten Straßen von Morogoro entfernt liegen, hat das Projektteam 670 Schulkindern und ihren Müttern Blut abgenommen und analysiert. Starker Eisenmangel ist den Ergebnissen zufolge weit verbreitet, auch der Spiegel von Vitamin A und Zink liegt bei vielen Studienteilnehmern zu niedrig. Das sind Zeichen von Mangelernährung. „Die Diät der Dorfbewohner ist typischerweise sehr einseitig und besteht vorwiegend aus Ugali, das ist Maisbrei, und Reis. Dazu kommt ein wenig zerkochtes Gemüse, selten Fleisch“, sagt Victoria. Die Folge: Ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahre sind in Tansania zu klein für ihr Alter und zu leicht für ihre Körpergröße, in manchen Regionen sogar die Hälfte. Der Fachbegriff dafür lautet „Stunting“, neben der körperlichen ist oft auch die kognitive Entwicklung verzögert. Dazu kommt eine erhöhte Infektanfälligkeit. Häufige Krankheiten rauben dem Körper wiederum weitere Ressourcen.

© Eliza PowellViele Schulkinder in Tansania sind zu klein für ihr Alter und leiden an Mangelerscheinungen. Ein Mittagessen wie hier bieten nicht alle Schulen an.

Nachdem sie die Ergebnisse der Blutproben erfahren hatten, entschieden die Dorfältesten, das Angebot der Wissenschaftler für Ernährungsschulungen und die Anlage von Schul- und sogenannten Küchengärten für die Studienteilnehmer anzunehmen. Victorias Besuch an drei Studien-Standorten im August ist ihr erster, seit sie rund vier Wochen zuvor bei der Anlage der Gärten geholfen hat. An den Schulen wurden Beete und Komposthaufen eingerichtet. Die Küchengärten bestehen aus mit Erde und Dung gefüllten Säcken, in denen oben und in seitlichen Schlitzen Chinakohl, Spinat oder Mangold wachsen kann.

„Die meisten Kinder und Erwachsenen, manchmal sogar die Lehrer, hielten Gemüse für minderwertiges Nahrungsmittel. Der Status von Fleisch ist viel höher“, berichtet Victoria. „Aber sowohl bei Fleisch als auch bei Gemüse sind Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit ein Problem.“ Viele Schulkinder bekommen den ganzen Schultag hindurch bis zum Nachmittag nichts zu essen, gehen dabei teilweise sogar morgens ohne Frühstück aus dem Haus.

© Eliza PowellDie Schüler haben Chinakohl und Spinat gepflanzt. In ihren Pausen holen sie Wasser zum Gießen und jäten Unkraut.

Obwohl alle Schulen zu den gleichen Bedingungen starteten, unterscheiden sich die Ergebnisse schon bei dem Besuch vier Wochen später stark. Der erste Schulgarten, den Victoria sich anschaut, wirkt so perfekt wie in einer Gartencenter-Werbung. Im Dorf hat man ihn zum Anlass genommen, eine Elterninitiative zu gründen, um den Schulkindern Mittagessen zu kochen – mit dem selbst gezogenem Gemüse. In einer anderen Schule macht der kleine Acker dagegen einen trostlosen Eindruck. Auf die Frage, was man mit dem Gemüse vorhabe, antwortet der zuständige Lehrer, es solle verkauft werden – oder die Lehrer würden es mit nach Hause nehmen. „Ihr müsst einen Zaun bauen, sonst fressen die Hühner alles auf“, ermahnt ihn Victoria. „Und denkt mal darüber nach, ob ihr die Kohlblätter nicht auch den Kindern mitgeben könnt!“

Die Küchengärten im Sack finden alle faszinierend. Auf ihrem Rundgang wird Gowele immer wieder angesprochen, ob sie nicht noch mehr Säcke mitbringen könne. Aus den bereits aufgestellten sprießen überall grüne Blätter, die Dorfbewohner haben Zäune aus Ästen, Schilf oder ausrangierten Moskitonetzen um sie errichtet. Nicht alle Konstruktionen haben die allgegenwärtigen Hühner abhalten können, bemerkt Victoria. Doch insgesamt ist sie zufrieden. Die meisten Teilnehmer wirken sehr motiviert, auch wenn sie das Wasser für die Pflanzen täglich von bis zu zwei Kilometern entfernten Pumpen holen müssen. Die Schulungen und das Feedback zur Blutanalyse haben ihre Wirkung offenbar nicht verfehlt: „Wir brauchen mehr Vitamin A“, erklärt zum Beispiel der fast zahnlose Manyuka Kulangwa auf die Frage, warum er sich für den Gemüseanbau im Sack entschlossen hat. Auf seinem Grundstück leben in mehreren kleinen Häusern drei Generationen mit vier Ziegen und einigen Hühnern zusammen.  Zwischen die beiden ordentlich eingezäunten Sackgärten hat die Familie noch Tomatenpflanzen gesetzt.

© Eliza PowellDas Saatgut bekommen die Studienteilnehmer im Moment noch geschenkt. Später müssen sie es selbst kaufen.

Für den Anfang stellt Scale-N das Saatgut. Wenn diese Unterstützung wegfällt, wird sich zeigen, wie nachhaltig die Einrichtung der Gärten ist. Selbst eine Dose der billigsten Samen, die umgerechnet zwei Euro kostet, werden sich mehrere Familien teilen müssen, sagt Victoria. Wenn Ende des Jahres die Regenzeit kommt, wollen sie und ihre Kollegen auch noch Früchte wie zum Beispiel Mangos pflanzen. Im Sommer 2018 werden sie erneut Blutproben untersuchen, um zu sehen, ob die Maßnahmen eine Verbesserung gebracht haben.

Nach ihrer Doktorarbeit muss Victoria mindestens fünf Jahre auf ihrer Dozentenstelle in Morogoro bleiben. Mit solchen Verpflichtungen versucht die Universität, sich gegen den allgegenwärtige Brain-Drain gut qualifizierter Kräfte zu schützen. „Danach werde ich sehen, wie die Bedingungen hier sind“, sagt Victoria. „Ich könnte mir auch vorstellen, woanders hinzugehen.“ Zum Beispiel zur Welternährungsorganisation FAO in Rom. Sollte sich der Traum erfüllen, würde sie aber nicht noch einmal ganz allein ins Ausland  gehen. Die Familie muss dann eben mitkommen.

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