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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Als Trainee bei der ESA

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Es gibt sie noch, die Traumjobs, die einen nach dem Uniabschluss zum Schwärmen bringen. Aybike ist Trainee bei der Europäischen Raumfahrtagentur ESA – und darf jetzt Satelliten steuern. Ein Besuch in Darmstadt. 

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© Henirke WiemkerAybike im großen Kontrollraum der ESA in Darmstadt – von hier aus werden etwa die Raketenstarts der bedeutenden Missionen begleitet.

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Wenn Aybike morgens zur Arbeit geht, verlässt sie das deutsche Staatsgebiet. Trotzdem braucht sie von ihrer Wohnung  mitten in Darmstadt keine fünf Minuten dorthin – zu Fuß. Hier, im Zentrum von Darmstadt, hat das Kontrollzentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA ihren Sitz und das steht genau genommen auf europäischem Boden, offiziell gelten nicht einmal die deutschen Verkehrsregeln. Wenn Aybike Demirsan – wie sie mit vollem Namen heißt – von ihrer Arbeit erzählt, ist ihr Redefluss kaum zu stoppen und sie kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. Im Sommer 2016 hat sie eine von rund hundert Stellen als Young Graduate Trainee (YGT) bei der ESA angetreten und wird jetzt im Laufe eines Jahres dort zum Spacecraft Operations Engineer ausgebildet, als der sie Satelliten steuern und an Raumfahrmissionen mitarbeiten kann.

Aybike ist Informatikerin und seit wenigen Monaten Teil jenes ESA-Teams, das die sogenannte Cluster-Mission betreut: vier Satelliten, die inzwischen seit mehr als 16 Jahren um die Erde kreisen und Daten über die Magnetosphäre unseres Planeten sammeln. Das ESA-Team stellt sicher, dass die Satelliten funktionieren und die richtigen Daten gesammelt und übertragen werden. „Im Grunde sind wir ein bisschen wie Babysitter“, sagt Aybike lachend. „Wir schauen, dass es den Satelliten gut geht, dass sie alles haben, was sie brauchen und lassen sie nicht aus den Augen.“ Die Arbeit, die Aybike dafür erledigt, ist vor allem die Re-Implementierung eines Planungs- und Analysetools namens ClusterWeb. Die Programmierungen, die sie dabei vornimmt, unterscheiden sich kaum von denen, die sie in ihrem ersten Job bei einer IT-Firma vornehmen musste. Und trotzdem ist hier alles anders. „Die Atmosphäre ist eine völlig andere. Ich bin so gern hier!“, sagt sie.

Da wollte sie hin

Ein Grund dafür sei das internationale Team. Am Standort der ESA in Darmstadt arbeiten insgesamt rund 860 Männer und Frauen. „Die Leute hier kommen aus allen Ländern, die der ESA angehören oder mit ihr zusammenarbeiten, also vor allem aus europäischen Ländern, aber zum Beispiel auch aus Kanada“, erzählt Aybike. „Deshalb wird eigentlich immer Englisch gesprochen, oft sogar noch, wenn nur Deutsche im Raum sind, weil wir es gar nicht merken“, sagt sie. Dieses Internationale sei allgegenwärtig, und nicht nur theoretisch, sagt sie, wohl weil es keine vorherrschende Länder-Kultur mehr gebe. Für Aybike ist das eine große Bereicherung. Die Kollegen arbeiten nicht nur zusammen, manche gehen mittags zusammen laufen oder schwimmen, es gibt Bands, Chöre und Gruppen für alle möglichen Hobbys. Aybike selbst ist im Theaterclub. Sie kennt solche Zusammenschlüsse zwar auch aus anderen Firmen, bei der ESA sei das Engagement aber stärker, und das hat einen einfachen Grund, meint Aybike: „Die meisten, die hier arbeiten, sind aus dem Ausland hergezogen. Sie haben Freunde und Familie zurückgelassen, weil sie unbedingt diesen Job wollten. Da ist es ganz logisch, dass sich viele zusammenfinden und sich ein neues Sozialleben aufbauen.“

© Henrike WiemkerAybike in einem der Kontrollräume am ESA-Standort in Darmstadt. Von hier aus kommuniziert zum Beispiel das Team der Cluster-Mission mit seinen Satelliten und lädt die im Weltraum gesammelten Daten auf die Erde herunter.

Auch Aybike wollte den Job bei der ESA unbedingt haben, seit sie 2012 während ihres Studiums an der Goethe-Universität in Frankfurt von dem YGT-Programm erfuhr. „Ich war damals Teil eines Mentorinnen-Projekts für Frauen in den MINT-Fächern, das vom ‚MentorinnenNetzwerk‘ organisiert wurde“, erzählt sie. „Bei einer Veranstaltung hat jemand erzählt, dass man auch als Informatikerin bei der ESA arbeiten kann. Das hatte ich vorher überhaupt nicht auf dem Schirm“, sagt sie. Dabei fand sie Raumfahrt schon immer faszinierend. „Da steckt noch diese kindliche Neugier dahinter“, sagt sie, „dieses Erforschen, einfach nur, weil man etwas wissen will.“

Weil sie zunächst mehr über die ESA wissen wollte, schrieb Aybike einen Informatiker der ESA per Mail an, der auch als YGT angefangen hatte. Er lud sie ein, führte sie drei Stunden auf dem Gelände herum und erzählte von seiner Arbeit. „Das war so nett“, sagt Aybike, immer noch begeistert, „einfach nur, weil da mal irgendeine Studentin eine Mail schreibt und nachfragt.“  Von da an war klar: Hier wollte sie hin.

Das Verfahren dauert

Doch bevor sie sich überhaupt bewerben konnte, gab es für Aybike eine erste bürokratische Hürde: Um bei der ESA angestellt zu sein, muss man Mitbürger eines der Mitgliedsländer sein. Aybike ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, wegen ihrer türkischstämmigen Eltern hatte sie aber immer die türkische Staatsbürgerschaft. „Das war nie ein Problem“, sagt sie. „Mit dem deutschen Abitur gilt man auch im Bildungssystem als deutsch und das ergibt ja auch Sinn. Wenn ich seit meiner Kindheit deutsche Schulen besuche, ist klar, dass ich keinen Einbürgerungstest mehr ablegen muss.“ Zwar gibt es auch für Menschen mit anderer Staatsbürgerschaft die Möglichkeit, über Vertragspartnerfirmen für die ESA zu arbeiten, doch Aybike wollte den, wie sie es nennt,  „ursprünglichen“ Weg gehen. Sie wollte es so sehr, dass sie die türkische Staatsbürgerschaft ablegte und die deutsche annahm. Für ihre Identität sei die Profession wichtiger als der Pass, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Jetzt bin ich die einzige Deutsche in meiner Familie.“

Aybike bereitete sich intensiv auf ihre Bewerbung bei der ESA vor, sie las sich Wissen an, im Mentorinnen-Projekt bestand sie auf einer Mentorin, die bereits in der Raumfahrt arbeitete, auch wenn sie dafür einmal im Monat von Frankfurt nach Berlin reisen musste. Die Bewerbung selbst war dann nicht zuletzt auch eine Gelegenheit, sich in Geduld zu üben. Denn das Verfahren dauert, die ESA ist eine Organisation mit vielen offiziellen Abläufen, die eingehalten werden wollen. Jeweils im November eines Jahres ist es einen Monat lang möglich, sich auf eine der rund hundert YGT-Stellen an den sechs Hauptstandorten der ESA zu bewerben, bei Aybike war das im Jahr 2015. Es folgte ein Telefoninterview, dann im besten Fall eine Einladung zum Assessment am jeweiligen Standort, bei dem zehn „Finalisten“ zusammenkommen, die sich auf fünf Stellen bewerben. Bevor eine Entscheidung fällt, durchläuft die Bewerbung mehrere ESA-Hierarchien, geht zum Hauptstandort nach Paris und wieder zurück, es werden alle Uninoten und Angaben mit den jeweiligen Prüfungsämtern abgeglichen. Dann fällt die Entscheidung, in Aybikes Fall war das im April 2016. Im Juli desselben Jahres trat sie ihre Stelle an.

© Henrike WiemkerInternationales Gebiet mitten in Deutschland: ESA-Gebäude in Darmstadt

Das Gelände der ESA in Darmstadt ist groß und unübersichtlich: Viele einzelne Gebäude sind mit der Zeit zusammengekommen, überall scheint es Hinter- und Seiteneingänge zu geben. Außerdem ist es gut gesichert: Wer hineinwill, muss sich ausweisen, denn offiziell verlässt man ja das deutsche Staatsgebiet. Taschen dürfen erst nach einer Kontrolle mit hineingenommen werden. Fast ist es das beklemmende Flughafen-Gefühl.

Das schönste Gefühl

Wenn Aybike von der ESA spricht, klingt es, als hätte die Organisation ihr komplettes Leben eingenommen. Doch dieser Eindruck täuscht. Aybike hat eine gewöhnliche 40-Stunden-Woche, es gibt Gleitzeit, Kernarbeitszeiten und elektronische Arbeitszeiterfassung. Dazu kommt eine Atmosphäre, die eine Überbelastung bewusst verhindern soll. Aybike erzählt: „Sowohl Kollegen als auch die Chefs auf allen Ebenen ermahnen mich und die anderen YGTs immer wieder: Arbeitet nicht zu viel. Bleibt auf einem Level, das ihr dauerhaft halten könnt.“ Dafür gibt es einen ganz nachvollziehbaren Grund, wie Aybike vermutet: „Was wir hier lernen, ist so speziell, das kann man nirgendwo anders lernen. Die ESA kann es sich gar nicht leisten, Leute zu verschleißen. Denn je länger man da ist, desto mehr kann und weiß man und desto wertvoller wird man.“

Bei dem, was Aybike und ihre Kollegen tun, geht es viel um Erfahrung. An sich sei es nicht schwer, einen Satelliten zu steuern, gerade bei einer Mission wie der Cluster-Mission, bei der sich in 16 Jahren Betriebszeit alles gut eingespielt hat. Doch die Kunst ist, mit Unvorhergesehenem umgehen zu können. Innerhalb der ESA gibt es deswegen ein Team, dessen einzige Aufgabe darin besteht, Problemsimulationen zu programmieren, mit denen die Kontrollteams der verschiedenen Missionen sich vorbereiten können. Trotzdem: „Alles kann man nicht vorhersehen“, sagt Aybike. Rund um die Uhr gibt es für jede Mission einen Bereitschafts-Ingenieur, der alarmiert wird, sobald etwas nicht stimmt. Insgesamt ist immer das Wichtigste, dass die Mission weiterläuft. Wie groß der persönliche Bezug der ESA-Mitarbeiter zu ihren „Babys“ ist, ist auch in ihren Büros zu sehen. Auf nicht wenigen Schreibtischen stehen kleine Satelliten-Modelle, detailgetreu aus Lego oder Pappe nachgebaut. An Computerbildschirmen hängen Zettelchen mit den Namen der einzelnen Satelliten: Rumba, Salsa, Samba, Tango.

© ESA/ATGDiese Computeranimation der ESA zeigt den Landevorgang der Raumsonde Philae, die sich gerade von Rosetta abgekoppelt hat.

Natürlich ist auch der Job bei der ESA kein pausenloses Abenteuer. Manchmal ist das, was Aybike programmiert, sehr abstrakt und hat nicht mehr fühlbar etwas mit Raumfahrt zu tun. Trotzdem bleibe der Kontakt immer da, sagt sie, weil das, was sie programmiert, letztendlich ein Werkzeug ist, um mit den Satelliten ihrer Mission zu arbeiten. Aybike betrachtet es aus einer größeren Perspektive: „Hier arbeitet man in einer Gruppe von Menschen auf ein längeres, größeres Ziel hin“, sagt sie, „gerade im Gegensatz zu unserer Wegwerfgesellschaft momentan, die immer so schnell Ergebnisse erzielen möchte und gute Technologie durch neueste Technologie ersetzt. Das ist hier ganz anders, hier werden Missionen über Jahrzehnte geplant.“ Eine der bekanntesten ESA-Missionen der letzten Jahre, die Raumsonde Rosetta, die den Lander Philae auf einem Kometen absetzte, ist ein Beispiel dafür. Die Planungen dafür begannen im Jahr 1992; am Kometen angekommen ist Rosetta 2014. Es gibt Ingenieure, die die Raumsonde geplant haben, aber das Ende der Mission nicht miterlebten. „Das hat für mich aber sogar eher etwas Hoffnungsvolles“, sagt Aybike. „Denn man arbeitet gemeinsam auf etwas hin, von dem man möchte, dass es funktioniert, aber es geht nicht darum, dass man selbst dadurch einen Vorteil hat, sondern einfach darum, dass man es weiterträgt. Dieses Gefühl, das ist das Schönste, was ich mir an Arbeit vorstellen kann!“

Da bei Aybike alles so gut zusammenzupassen scheint, wundert man sich, was sie aus ihrer Schulzeit erzählt. Denn die Entscheidung, Informatik zu studieren, fiel erst kurz vor dem Abitur. „Eigentlich war ich eher der Sprachentyp“, erinnert sie sich. „Deutsch- und Englisch-Leistungskurs, Französisch als Prüfungsfach. Auch Religion fand ich immer interessant und eine Zeitlang habe ich überlegt, Musik zu studieren.“ Dann stellte sie sich die Frage, wer sie einmal sein wolle und wie in dieser Vision ihr Alltag aussehen würde. „Da dachte ich, es wäre cool, wenn ich Technik so richtig verstehen würde“, erzählt sie. Sprachen, Musik und Religion könne sie auch gut in ihren Alltag einfließen lassen, Mathematik dagegen nicht, überlegte sie dann. „Und Mathe hätte mir gefehlt!“, ist sie sich heute sicher. „Mathe ist so schön. Wenn man einen Beweis hat, egal wie kurz, dann ist er wahr. Und wenn man mehr darüber weiß, wird man irgendwie Teil dieser Wahrheit“, sagt sie schwärmerisch.

So entschied sich die Schülerin aus dem Deutsch- und Englisch-Leistungskurs für ein Informatikstudium: „Ich dachte: Das wird hart, aber egal. Go for it!“ Mit der YGT-Stelle hat sie jetzt den ersten Schritt in die Raumfahrt und ins ESA-Universum geschafft. Der Großteil der YGTs arbeitet auch nach dem ersten Jahr weiterhin für die ESA. Manche jedoch gehen in die Industrie, manche zu anderen Raumfahrtorganisationen, manche kommen später einmal zurück. Es hängt auch davon ab, welche Stellen zu besetzen sind. Für eine Informatikerin wie Aybike sind die Chancen am Standort in Darmstadt nicht schlecht, auch wenn sie für einen ESA-Job natürlich auch ins Ausland gehen würde. Denn bleiben will sie, unbedingt. Wer sie drei Stunden lang schwärmen gehört hat, kann nichts anderes erwarten.

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2 Lesermeinungen

  1. Das ist meine Nichte!
    Aybike ist meine Nichte. Ich bin stolz auf sie. Teu teu teu

  2. Buergermeister, emeritus
    Sehr gute Information über die Möglichkeiten vielfältige Arbeit zu machen.

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