Blogseminar

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Diskutiert werden das Leben der Studierenden, aktuelle Fragen der Hochschulpolitik sowie die Zweiheit von Forschung und Lehre.

Lindau: Wissenschafts-Götter und lässige Typen

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Vergangene Woche trafen sich in Lindau 28 Nobelpreisträger mit 423 Nachwuchsforschern. Die Chemiestudentin Clara Eisebraun war dabei. Sind die Stars der Wissenschaft tatsächlich etwas so Besonderes?

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© C. EisebraunClara Eisebraun trifft ihren Lieblings-Nobelpreisträger, Stefan Hell.

F.A.Z.: Das Treffen in Lindau, das in diesem Jahr zum 67. Mal stattgefunden hat und das Thema „Chemie“ hatte, ist eine Veranstaltung, zu der nicht viele junge Wissenschaftler eingeladen werden. Wie kam es, dass Sie an der Nobelpreisträgertagung teilgenommen haben?

Clara Eisebraun: Ich werde seit drei Semestern vom Max-Weber-Programm des Elitenetzwerkes Bayern gefördert. Darüber konnte man sich über ein mehrstufiges Bewerbungsverfahren bewerben.

Was war Ihre Motivation dabei?

Die Nobelpreisträger sind die Stars der Chemie. Ich weiß nicht ob man jemals wieder im Leben die Chance hat, so viele Nobelpreisträger zu treffen und von ihnen zu lernen. Im Rückblick hat mir die Woche die gezeigt, in welchen Bereichen es wissenschaftlich noch Potential und interessante Themen gibt. Genau das hatte ich mir erhofft, ganz neuen Input und neue Anregungen zu bekommen.

Gab es Nobelpreisträger, auf die Sie sich besonders gefreut haben?

Ich habe mich am meisten mit Stefan Hell und seiner Arbeit beschäftigt. Seine Forschung geht eher in Richtung der Physik. Aber mich interessiert sein Thema, die Mikroskopie und Spektroskopie, sehr, und deswegen habe ich vorher auch ein bisschen über seine Arbeit recherchiert. Seinen Vortrag fand ich auch deshalb total super, weil er nicht nur über seinen Nobelpreis referiert hat, sondern über seine aktuelle Forschung berichtet hat.

Hatten Sie auch die Chance, auf der Tagung mit ihm persönlich zu sprechen?

Ja. Am Montag Abend beim mexikanischen Dinner kam er einfach an unseren Tisch. Er ist ein sehr lässiger Typ. Bei der Gelegenheit hatten wir eine halbe Stunde, in der wir zu dritt mit ihm reden konnte. Am Donnerstag haben wir ihn in Lindau dann sogar noch einmal in der Innenstadt getroffen und konnten noch einmal ein persönliches Gespräch mit ihm führen. Das war total beeindruckend, schließlich denkt man, das sind die Wissenschafts-Götter. Aber die sind völlig normal und entspannt.

Haben Sie von ihm eine besondere inhaltliche Anregung bekommen? Oder gibt es allgemein etwas, das er Ihnen mit auf den Weg gegeben hat?

Ja, absolut, in Bezug auf meine weitere Karriere. Er hat erzählt worauf er achtet, wenn er einen Bewerber einstellt. Dass für ihn zum Beispiel Bachelor- und Masternoten nicht ganz so wichtig sind. Er schaut eher auf die Abiturnote. Wichtig ist für ihn auch, ob man sich engagiert, dass man selbstständig arbeiten kann und begeistert ist von seinem Thema. Das war übrigens die Resonanz vieler Nobelpreisträger: Ob die Augen leuchten sobald man über sein Thema spricht, ist die ausschlaggebende Komponente, um jemanden einzustellen.

Stefan Hell hat ja selbst einen spannenden Werdegang. Er hat mit seinen Ideen lange sehr viel Gegenwind erfahren und trotzdem weiterhin an sich geglaubt. War das auch motivierend?

Auf jeden Fall. Jean-Pierre Sauvage hat uns in der Vorlesung gesagt: „Don’t ask yourself whether you’re good enough to tackle a new problem: just do it!“ Das habe ich mir tatsächlich aufgeschrieben, weil es sehr motivierend ist. Sauvage hatte selbst an einem völlig anderen Gebiet geforscht als sein späteres Nobelpreisthema. Dann hat er eine Entdeckung gemacht und realisiert, dass es die Idee für eine aus seiner damaligen Sicht völlig fachfremde Sache sein könnte. Er hat einfach sein Thema gewechselt und gesagt: „Das mache ich jetzt einfach“. Selbst ist man oft vorsichtig und denkt: „Das ist etwas Neues, kann ich das überhaupt?“ Dass man dann einfach sagt „Ja, versuch es einfach“, das war eine große Motivation.

© C. EisebraunDiskutierende Nobelpreisträger

Gab es denn für Sie auch besondere „Entdeckungen“ unter den Nobelpreisträgern? Beeindruckende Persönlichkeiten, die Sie ursprünglich gar nicht unbedingt im Blick hatten?

Das war auf jeden Fall Ben Feringa, das war der Superstar des ganzen Treffens. Er hat 2016 den Nobelpreis bekommen und sich mit molekularen Maschinen beschäftigt. Im Studium lernt man normalerweise, irgendein Molekül zu synthetisieren, ein statisches System. Das besondere an Feringas Entdeckung ist die Entwicklung von dynamischen Systemen: Dinge die sich bewegen, beispielsweise einen durch Licht angetriebenen Rotor. Diesen Fall hatte ich vorher überhaupt nicht auf dem Radar. Das war sehr inspirierend, auch weil Ben Feringa ein sehr offener und motivierender Mensch ist, der die Leute begeistern kann. Außerdem war er auch Teilnehmer einer Diskussion beim „Science Breakfast“ mit dem Thema CO2-Recycling. Das war für mich sehr interessant, da viele katalytische Aspekte angesprochen wurden, so dass ich dort ganz viel mitnehmen konnte.

Schon bei der Eröffnung der Tagung ging es ja um Klimawandel. Steven Chu, Nobelpreisträger der Physik 1997 und Energieminister unter Barack Obama, hatte zu diesem Thema eine aufrüttelnde Rede geschrieben, die von allen sehr emotional aufgenommen wurde.

Das war ein guter Einstieg für die gesamte Tagung. Die ganze Veranstaltung war sehr emotional und ein Appell an junge Wissenschaftler, dass die Zukunft in unserer Hand liegt. Je nachdem wie wir sie gestalten, geht es mit der Welt weiter. Das war für mich sehr motivierend.

Hatten Sie diese Perspektive auch schon vor der Tagung, dass es diese Verantwortung für die nachwachsenden Wissenschaftler gibt, die Welt zu gestalten?

Vielleicht nicht in diesem Ausmaß, aber zu einem gewissen Grad schon. Eine ähnliche Sichtweise gab es ja auch schon beim „March for Science“.

Beim „March for Science“ spielte aber ja auch noch ein anderes Problem eine Rolle: Da ging es auch um die aktuelle Wissenschaftsskepsis in der Gesellschaft und die Frage, wie man damit umgeht.

Ja, das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, man muss in der Gesellschaft mehr Akzeptanz für wissenschaftliches Arbeiten erzeugen. Das wurde in Lindau auch in einigen Diskussionen angesprochen. Die Grundlagenforschung ist beispielsweise sehr wichtig, den Sinn und den Zweck dahinter verstehen viele Menschen aber nicht, da der Nutzen nicht vorhersehbar ist. Das zu vermitteln ist wichtig, in den Medien aber auch durch uns selbst. Ich halte es für am Wichtigsten den Leuten in seinem persönlichen Umfeld zu erklären: Was tue ich in meinem Labor, wie sieht meine Arbeit aus? Zu erklären, wie mühsam der Weg zu den Ergebnissen ist, wie weit der Weg ist, bis wir überhaupt eine Behauptung aufstellen können.

© C. EisebraunDer Bodensee als idyllische Diskussionsumgebung

Kommunikation ist also ein Schlüsselthema. Sehen das junge Wissenschaftler auch immer mehr so?

Ich glaube, dass die jungen Wissenschaftler jetzt insbesondere durch Donald Trump aufgeweckt worden sind. Es ist eigentlich nicht so, dass wir an die Öffentlichkeit gehen. Es wurde in Lindau auch angesprochen, dass die wissenschaftlichen Veröffentlichungen selbst meist nicht öffentlich zugänglich sind. Das ist ein schwieriger Punkt. Ein anderes großes Problem ist, dass viele junge Wissenschaftler aus meinem Umkreis gar nicht mehr auf Facebook oder Twitter gehen, weil sie sich das nicht mehr mit ansehen wollen, was Leute dort alles an alternativen Fakten twittern. Aber ich persönlich denke, dass es sehr wichtig ist, sich zu informieren, was die Bevölkerung über die Wissenschaft denkt. Dass man auf fehlerhafte Fakten hinweist. Dass man sie mit Fakten aus der Wissenschaft füttert, so dass sie eine zweite Meinung sehen. Das passiert ja oft kaum noch.

Was waren denn zusammengenommen die wichtigsten Impulse, die Sie aus Lindau mitgenommen haben?

Als erstes eine riesige Motivation, an mich zu glauben und nicht aufzugeben. Außerdem auch, bei einem ungewöhnlichen Ergebnis vielleicht zweimal hinzuschauen, ob es nicht vielleicht ein Durchbruch sein könnte, statt zu verzweifeln, weil es wieder einmal nicht funktioniert hat. Als drittes, dass man mit den anderen Wissenschaftlern mehr in Kontakt bleibt und sich besser vernetzt. Ich fand die Idee der frei zugänglichen Online-Datenbank für wissenschaftliche Veröffentlichungen gut, in der man seine Forschungsarbeiten vor der eigentlichen Veröffentlichung ins Netz stellt, so dass sich die Wissenschaftler gegenseitig Feedback geben und helfen können. Die Veranstaltung hat auch das Bewusstsein verstärkt, dass es auch unsere Aufgabe ist, aus der Welt etwas Gutes zu machen. Das war mir zwar schon vorher bewusst, aber die Tagung hat dieses Bewusstsein noch gestärkt.

Sie waren jetzt eine Woche mit Nobelpreisträgern zusammen. Sind Nobelpreisträger wirklich etwas Besonderes?

Sie haben eine besondere Ausstrahlung als Wissenschaftler aber auch als Mensch. Man hat gemerkt, dass die Nobelpreisträger besonders eloquent sind und besondere Erfahrungen gemacht haben. Besonders interessant fand ich, dass die Nobelpreisträger nicht nur in ihrem Bereich und nicht nur in der Wissenschaft aktiv sind, sondern auch gesellschaftlich Verantwortung übernehmen. Alle sind unglaublich beeindruckende Persönlichkeiten, und ich habe mich geehrt gefühlt, dass sie sich die Mühe gemacht haben, den langen Weg hierher zu kommen. Ei-Ichi Negishis Frau sitzt beispielsweise im Rollstuhl, und Thomas Lindahl, Nobelpreisträger 2015, hatte große Mühe, die Treppen zur Bühne hoch zu steigen. Es war sehr berührend zu sehen, dass sie diesen Aufwand auf sich nehmen, damit sie uns etwas mit auf den Weg geben können. Ich glaube, das war letztendlich das Motivierendste.

 

Das Gespräch führte Sibylle Anderl 

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Clara C. Eisebraun, 24, studiert Chemie im 10. Semester an der TU München. Ihre Spezialgebiete sind anorganische Chemie und Katalyse. Im Bereich heterogener Katalyse hat sie vor Kurzem ihre Masterarbeit angefangen.

 

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1 Lesermeinung

  1. zu "Phoenix"...
    und „Pfingsten“ läßt plausibel grüßen…oder?:=)

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